Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Vergangenheit/Gegenwart

Arne Hoffmann, Saturday, 08.01.2005, 17:16 (vor 7697 Tagen) @ Magnus

Als Antwort auf: Re: Zustimmung! von Magnus am 07. Januar 2005 23:15:36:

Das wird jetzt langsam wirklich schwierig. Einerseits artet mir das Nebenthema "Judentum" auch langsam aus, aber andererseits mag ich das nicht völlig unkommentiert stehen lassen.

(...) Der Grund liegt darin - und auch das wurde mir offen ins Gesicht gesagt - dass die Schuld im jüdischen Glauben bzw. Laut Torah bis in das siebte Glied vererbt wird, was in meinen Augen trotz allem Hang zur Religionsfreiheit, nichts anderes ist als Rache. Nicht alle Juden bestehen auf diese Erbschuld, vielleicht sogar die wenigsten.

Eben. Das Alte Testament ist Teil des Christentums, und trotzdem steht da an manchen Stellen ein Zeugs darin, das zum Zeitpunkt der Niederschrift noch relevant war, aber heutzutage selbst dem frommsten Christen nur noch obskur erscheint.

Vor allem die direkten Überlebenden des Holocaust (also auch die Familienangehörigen von ermordeten) halten ja nicht aus religiösen Gründen am Holocaust fest, wenn sie ihn immer wieder thematisieren, sondern weil sie aus nachvollziehbaren Gründen bleibend traumatisiert sind. Ein Leitartikel in der "Jüdischen Allgemeinen" vor einigen Monaten hat das Spannungsverhältnis auf den Punkt gebracht: Für die nichtjüdischen Deutschen ist der Holocaust Vergangenheit (ein halbes Jahrhundert her, nicht mehr rückgängig zu machen), für die jüdischen Deutschen Gegenwart, weil er immer noch ihr Denken und Empfinden beherrscht: Vergangenheit, die nicht vergehen will.

Zur Illustration, was ich meine, zwei Zitate:

Jurek Becker: "Als würden sie von einer dummen Sache das Gras abfressen, das längst darüber gewachsen ist. Tut mir Leid, aber von meiner Familie sind an die 20 Personen vergast oder erschlagen worden oder verhungert, irgendwie spielt das für mich noch eine Rolle."
(Becker, Jurek: Gedächtnis verloren – Verstand verloren. Hier zitiert nach Behrens, Katja (Hg.): Ich bin geblieben – warum? Juden in Deutschland – heute. Bleicher-Verlag 2002, S. 65)

"Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber ich habe jeden Abend Angst davor einzuschlafen. Ich fürchte mich der Träume wegen. Es ist immer wieder dieselbe Szene. Menschen schreien und weinen, ich sehe die Henker, die Mörder in einem Pulk, sie rücken immer näher auf mich zu, und dann kommt der Augenblick, wo sie nach mir greifen. Ich wache auf, schweißgebadet, falle aus dem Bett, das eigene Geschrei noch in den Ohren. Zuletzt vor zwei Tagen."
Giordano, Ralph: Die Zeit heilt gar nichts. In: Stern, 12. Juni 2002

Arne


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