Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

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Jörg Rupp, Thursday, 23.12.2004, 10:04 (vor 7714 Tagen)

http://www.nzz.ch/2004/06/07/fe/page-article9IPS0.html

Zeitzeichen

Das Pendel schwingt zurück

Männer und Frauen - unverwüstliche Klischees

Vorbei die Zeiten, da die Geschlechtsidentität als soziokulturelles Konstrukt galt, nun schwingt das Pendel zurück: Die Biologie soll wieder dafür verantwortlich sein, dass Knaben mit Autos spielen und Mädchen mit Puppen.

«Der weibliche Charakter und das Ideal der Weiblichkeit, nach dem er modelliert ist, sind Produkte der männlichen Gesellschaft.» Vor einem halben Jahrhundert schrieb dies Theodor W. Adorno, und er hatte damit den Gedanken der «Gender»-Theorie vorweggenommen. Die Unterscheidung des angeborenen biologischen Geschlechts («sex») und der gesellschaftlich erlernten Geschlechtsidentität («gender») bestimmte die Geschlechterdebatten der letzten Jahrzehnte, und an den Universitäten sind die Gender Studies inzwischen weitgehend etabliert. Ausserhalb der akademischen Welt jedoch will man von der Veränderbarkeit der Geschlechtsidentität nichts mehr wissen. Nicht mehr die Gesellschaft modelliert den Charakter, sondern Hirnchemie, Hormone und Gene tun es. In diesem Fall jedoch liesse sich an den Geschlechterrollen weder durch Erziehung noch durch Gleichstellungspolitik etwas ändern.

S-Klasse, E-Klasse

Männer verfügen über ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen, während Frauen sprachbegabter sind und überhaupt mit einem feineren Sensorium für den anderen Menschen ausgestattet sind. Männer neigen zum Fremdgehen, weil sie ihre Gene möglichst breit streuen wollen, während Frauen einen monogamen Partner suchen, weil sie damit ihren Genen eine grössere Überlebenschance verschaffen. Männer haben ein Gehirn vom S-Typus (S wie Systematik), Frauen eins vom E-Typus (E wie Empathie). Diese «Weisheiten» hat man im Kopf, meist ohne sagen zu können, wie sie hineingekommen sind. So entsteht Zeitgeist: hier eine Meldung über ein Forschungsergebnis, dort eine Serie über «den grossen Unterschied» in einer Fachzeitschrift, bis sich allmählich ein Substrat von «Wahrheiten» verfestigt, die kaum je überprüfbar sind. Gern geglaubt werden sie trotzdem, und kommen sie als Buchtitel einher, werden sie auch gern gekauft - «Männer sind vom Mars», «Frauen sind von der Venus», «Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken».

«Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person, und hassen Sie lieber allein oder in einem Kollektiv?», fragte Max Frisch in einem seiner unbehaglichen Fragebögen. Aus der ohnmächtigen Klage «Du verstehst mich nicht!» wird das gesellschaftliche Ressentiment «typisch Mann!» und vice versa. «Nein, mein Guter!», klagte Flaubert in einem Brief an einen Freund, «ich bestreite, dass die Frauen etwas von Gefühlen verstehen. Sie nehmen sie stets nur persönlich und relativ wahr. Sie sind die härtesten und grausamsten aller Lebewesen.» Der Geschlechterkampf übt Sippenhaft für den privaten Ehekrach.

Endlich wird der zwischengeschlechtliche Tratsch und Klatsch durch die wissenschaftliche Forschung legitimiert. Dies allerdings ist kein Privileg unserer Zeit. Schon vor hundert Jahren, als die Hirnforschung noch im Wiegen und Sezieren der grauen Masse bestand, stellte der Leipziger Nervenarzt Paul Julius Moebius fest: «Demnach ist es also nachgewiesen, dass für das geistige Leben ausserordentlich wichtige Gehirnteile, die Windungen des Stirn- und des Schläfenlappens, beim Weibe schlechter entwickelt sind als beim Manne, und dass dieser Unterschied schon bei der Geburt besteht.» Sein Bestseller «Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes» (1903) war schon damals umstritten. Im gleichen Jahr erschien Otto Weiningers berüchtigte Abhandlung «Geschlecht und Charakter», eine Untersuchung der weiblichen und männlichen Anteile jedes Menschen. Auch der Philosoph Weininger beruft sich auf die Wissenschaft: «So ist denn ein ganz umfassender Nachweis geführt, dass W seelenlos ist, dass es kein Ich und keine Individualität, keine Persönlichkeit und keine Freiheit, keinen Charakter und keinen Willen hat.» (Genau wie Moebius besteht übrigens auch Weininger auf der demonstrativen Verwendung des damals schon abwertend gefärbten Begriffs «Weib».)

Heute kann die Forschung viel mehr als Wiegen und Sezieren. Durch den Magnetresonanz- Tomographen kann sie dem Gehirn beim Denken, Wahrnehmen, Fühlen zuschauen, während sich das Verhalten der Geschlechter mit Fragebögen und Videosequenzen empirisch untersuchen lässt. Einen bunten Strauss von Studien zitiert der britische Psychologe Simon Baron- Cohen (der sich die Sache mit dem E- und S-Gehirn hat einfallen lassen) in seinem Buch «Vom ersten Tag an anders» (Walter-Verlag, 2004). Vom ersten Lebenstag an halten männliche Babys den Blick länger auf ein Mobile fixiert («ein System mit vorhersagbaren Bewegungsgesetzen»), während weibliche Babys das menschliche Gesicht bevorzugen («ein Objekt, das fast unmöglich zu systematisieren ist»).

Die Idee vom S- und E-Gehirn jedoch ist kein Kind der neusten Hirnforschung. «Die Natur hat die Frauenzimmer so geschaffen, dass sie nicht nach Prinzipien, sondern nach Empfindungen handeln sollen», so hat es Georg Christoph Lichtenberg vor einem Vierteljahrtausend schon viel eleganter formuliert. Das Machwerk von Baron- Cohen ist überhaupt nur deswegen von Belang, weil es so grosszügigen Einblick in die Scharlatanerie des gegenwärtigen Geschlechterdiskurses gewährt. Da wären zum Beispiel die Fragenkataloge im Anhang, anhand deren man den eigenen S- oder E-Typ überprüfen kann - mit Fragen wie: «Ich versuche, mit der Mode zu gehen und mich über aktuelle Trends auf dem Laufenden zu halten» oder: «Ich versuche, der Hausarbeit möglichst aus dem Weg zu gehen». Mit anderen Worten: Die Einteilung der Gehirne in S- und E- Klasse riecht bedenklich nach dem Gegensatz von Intelligenz und Instinkt, daran ändert auch Baron-Cohens beflissenes Gesäusel der politischen Korrektheit nichts.

«Warum Frauen glauben, sie könnten nicht einparken - und Männer ihnen Recht geben»: Schon beim Titel des Buchs von Claudia Quaiser- Pohl und Kirsten Jordan (C. H. Beck, 2004) atmet man auf. Leider haben die Autorinnen sich für das gedankliche und sprachliche Kindergartenniveau jener Bücher entschieden, gegen die sie anschreiben - was allerdings an der Stichhaltigkeit ihrer Argumente nichts ändert: Die kognitiven Unterschiede innerhalb eines Geschlechts seien grösser als diejenigen zwischen dem Durchschnittstyp beider Geschlechter; und überdies spiele das Selbstvertrauen eine grosse Rolle, denn wer glaubt, keinen Stadtplan lesen zu können, findet sich tatsächlich nicht zurecht - ganz abgesehen davon, dass das Gehirn ein plastisches Organ ist, das sich durch die Erfahrungen auch biologisch verändert.

Einfühlungsvermögen

Aber der Geschlechterdiskurs neigt nun einmal zur Willkür. Man könnte zum Beispiel annehmen, dass Einfühlung und Menschenkenntnis bei Führungsqualitäten zumindest eine Rolle spielen. Ganz im Gegenteil, meint Simon Baron-Cohen: «Eine Führungsperson mit geringer Empathie wird nicht lange darüber nachgrübeln, mit welchen Gefühlen die einzelnen Teammitglieder an ihre jeweilige Aufgabe im Projekt herangehen.» Und deshalb bringen Männer für die gut bezahlten Chefposten nun einmal die besseren Voraussetzungen mit. Ganz ähnlich dachte auch Otto Weininger, allerdings ging es bei ihm um die Krankenpflege. Frauen sind die besseren Krankenschwestern, denn sie verfügen über keinerlei Mitgefühl. «Der Mann könnte die Schmerzen des Kranken nie mitansehen, er müsste unter ihnen so leiden, dass er völlig aufgerieben würde, und wartende Pflege des Patienten wäre ihm ganz unmöglich.» - So wandelbar die Charaktereigenschaften der Geschlechter, so konstant ist das Anliegen, für das sie ins Feld geführt werden.

Sieglinde Geisel


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