Re: Wolfsfrau
Als Antwort auf: Re: Initiation der Frau? von Arne Hoffmann am 20. November 2004 19:01:53:
Hi.
Das bekannteste und massengängigste dürfte wohl "Die Wolfsfrau" sein [...] Ich hab aber gar keine Ahnung, ob es gut ist. Selber gelesen hab ich´s nicht, kenne nur Martina Schäfers Kritik daran
Nein, ist es nicht. Martina Schäfer kritisiert ja bereits sehr gründlich einige Punkte, bezieht sich dabei aber - wie auch bei den anderen Autorinnen - primär auf die autoritären Strukturen. Das Buch hat aber noch in anderer Hinsicht Mängel.
Frau Estés ist Jungianerin und "Geschichten-Erzählerin", was für ihre Praxis bedeutet, dass sie Märchen so nacherzählt und modifiziert, wie es ihr gerade gefällt, das alles dann als uralte Überlieferungen ausgibt (Quelle unbekannt) und dann gleich selber deutet. Gerade das ständige Sich auf mündliche oder andere geheimnisvolle Quellen Berufen macht es sehr schwierig, ihre Schlussfolgerungen nachzuvollziehen.
Zwar hat ihr Buch ein umfangreiches Literaturverzeichnis, die vertretenen Bücher sind aber zumeist psychoanalytische oder esoterische Literatur. Gerade aber, wenn man heute über Initiationsrituale, indigene Kulturen und deren Bräuche schreiben will und nicht seinen eigenen Mythos kreieren, kann man es sich eigentlich nicht leisten, die bereits sehr umfangreiche ethnologische Literatur zu ignorieren und statt dessen ausschließlich auf Psychologie zu setzen. Gerade auch, was die Ritualforschung angeht. Aber unter ihren Büchern finden sich weder van Gennep, noch Turner, noch Douglas, noch Tyler, noch Geertz... Statt dessen aber viele Bücher, die in den Bereich religiöser Feminismus einzuordnen wären.
Zu guter Letzt gibt es auch noch bereits verschiedene Arbeiten, die darlegen, warum die psychoanalytische Methode nicht auf kulturwissenschaftliche Phänomene anwendbar ist (z.B. Zinser, H.: "'Kollektives Unbewußtes' und 'Freie Assoziation'": Zuallererst, weil es bei der Interpretation von Mythen und Volksmärchen kein assoziierendes Subjekt gibt, sondern die Deutung durch den Analytiker selbst vorgenommen wird. Das ist aber ein psychoanalytischer Kunstfehler, und die so gewonnene Deutung der Märchen und Mythen ist letztlich die Deutung des Autors selbst, was u.a. sehr gut dadurch bestätigt wird, dass Märcheninterpretationen von Deuter zu Deuter variieren. Den eigentlichen "Sinn" des Mythos entschlüsselt man dadurch aber nicht).
Ich weiss nicht, ob "Die Wolfsfrau" den Anspruch hat, wissenschaftliche Arbeit zu sein. Wenn dem der Fall ist, findet man mehr als reichlich Kritikwürdiges (eine interessante Analyse z.B. hier: http://www.skeptischeecke.de/Worterbuch/Wolfsfrau/wolfsfrau.html).
Das gleiche muss man übrigens über den nicht minder erfolgreichen Bestseller "Einsenhans" von Bly sagen, denn er arbeitet nach dem selben Rezept, wenn er auch nicht ganz so trivial rüberkommt.
Grüße, Andreas (d.a.)
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Freddy,
20.11.2004, 17:25
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Arne Hoffmann,
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Andreas (d.a.),
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