Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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@Jola - Re: "Asexuelle": Menschen, die "es" nicht brauchen

Ekki, Monday, 18.10.2004, 15:31 (vor 7780 Tagen) @ Jolanda

Als Antwort auf: Re: "Asexuelle": Menschen, die "es" nicht brauchen von Jolanda am 18. Oktober 2004 02:28:16:

Hallo Jola!

Danke für Deine Antwort, die ich äußerst bezeichnend finde:

Nicht nur, daß nur auf einen einzigen Punkt eingehst, nein, Du beschränkst Dich in Deiner Antwort darüber hinaus darauf, eine Lanze zu brechen für alles, was bisher als abnormal gebrandmarkt wurde.

Davon hatte ich, mit Verlaub, nicht geredet.

Zu den "Abnormalen" weiter unten mehr. Zunächst einmal ist mir etwas anderes viel wichtiger:

Wie steht's denn mit den "Normalos"?

Ich will hier einmal ganz deutlich machen, was ich unter Intimität verstehe und - vermisse.

Unter Intimität verstehe ich die Art von Erotik, bei der ein Blick, eine zarte Berührung mit der Hand elektrisierend wirken. Deren Spannungsbogen vom sanftesten Streicheln bis zur Ekstase alles umfaßt. Die den Körper des anderen begehrt, als etwas Schönes betrachtet.[/i]

Die nicht fragt nach "Treue" oder "Monogamie", sondern sich jedem gern schenkt, bei dem sie Begehren spürt.[/i]

Die sich selbst genügt, anstatt ständig die Erzeugung von Menschenleben in den Mittelpunkt zu stellen.[/i]

Die die Prostitution verachtet, weil sie sich nie für Geld hergeben würde, sondern sich ausschließlich hingibt.[/i]

Und vor allem verstehe ich darunter die Gelegenheit, mit den Menschen, mit denen ich diese Intimität leben möchte, dies zu tun, ohne auf alle möglichen Schwierigkeiten vom Klatsch der Leute bis hin zum Mangel an einem "Liebesnest" zu stoßen.[/i]

Soviel zu meinen Vorstellungen von Intimität.

Und nun zu den „Abnormalen“ und zur Love-Parade.

Unbestreitbar ist, dass es sexuelle Randgruppen immer gegeben hat. Und ich gehöre auch nicht zu den Unverbesserlichen, denen man nach ein paar Tausend Jahren Menschheitsgeschichte immer noch erklären muß, dass keinerlei Repressionen diese Randgruppen je ausrotten konnten.

Nur: Was hat die Love Parde mit dem zu tun, was ich oben als Intimität geschildert habe?

Nichts und wieder nichts!

Es ist etwas völlig anderes, ja Gegensätzliches, schier Unvereinbares, ob ich ...[/i]

a) ... meinen (halb-)nackten Körper grell bemalt zur Schau stelle, ob ich – Verzeihung, aber ich muß mich einfach drastisch ausdrücken – mit dem Arsch und den Titten wackele und mir dabei (womöglich noch unter Alkohol- und Drogeneinfluß) unheimlich „locker“ und „befreit“ vorkomme,

oder ob ich

b) ... mich mit allen Sinnen auf einen Sexualpartner einlasse, ihm in die Augen sehe, seinen Pulsschlag spüre und im umfassendsten Sinne des Wortes mit ihm verschmelze.

Auf Veranstaltungen wie der Love-Parade (oder auch z.B. in Diskotheken) hat man das befremdliche Gefühl von „ferner Nähe“[/i]: Man ist mit unheimlich vielen Menschen auf engstem Raum zusammen, ohne ihnen emotional nahezukommen.

Was meinst Du wohl, Jola, was passieren würde, wenn einer der Teilnehmer der Love-Parade oder einer Disko-Veranstaltung auf die Idee käme, mit einem anderen Teilnehmer wirkliche Intimität herzustellen, indem er ihn/sie zärtlich in die Arme nimmt, streichelt usw.?

Wenn er Pech hat, wird er z.B. aus der Disko vom Türsteher rausgeschmissen. In den meisten Fällen jedoch wird er ganz einfach erleben, dass die betreffene Person sich seiner Umarmung entwindet und ihn ganz befremdet anguckt.

Mit Recht:[/u][/i] Wie kann man nur so blöd sein, auf solchen Veranstaltungen emotionale Nähe zu suchen?

Hoppsa-hoppsassa, Körper schütteln und verrenken, nach allen Richtungen hin tanzen – aber immer nur alleine! – zwischendurch sich kräftig einen hinter die Binde gießen und begierig den Wohlgeruch von Alkohol, Nikotin und Schweiß inhalieren – das ist hier angesagt, und wer was anderes will, ist hier fehl am Platz!

Kurz und gut:

Die oben unter a) beschriebene Verhaltensweise wird heute nicht nur geduldet, ja, man muß sich sogar Intoleranz vorhalten lassen, wenn man sich dazu bekennt, sich von ihr abgestoßen zu fühlen.

Die Verhaltensweise dagegen, die ich unter b) und weiter oben bei meiner Definition von Intitmität beschrieben habe, die wird heute sowohl subtiler als auch effektiver unterdrückt als je zuvor.

Wenn man sich den öffentlichen Diskurs hierzu ansieht, fällt Folgendes auf:

Auch und gerade seitens der konservativsten Vertreter der christlich-abendländischen Moral gibt es heute nur vereinzelte, eher laue Proteste. Und der liberale Teil des Konservativismus ist sowieso längst auf der Love-Parade aktiv.

Gnade Gott aber den armen Menschen, die abseits solch schauerlicher Veranstaltungen wirkliche Intimität, wie ich sie beschrieben habe, leben wollen. Vernichten, verfolgen, knebeln mit allen Mitteln! Klatschen wie eh und je, Beziehungen unterbinden, Treue-Test-Agenturen und Privat-Detektive anheuern, schon die Kleinsten via Religionsunterricht mit dem Keuschheits-Wahn infizieren, verhindern, dass, wie in Japan, Stundenhotels eingerichtet werden, die keine Bordelle sind, damit so wenig wie möglich Gelegenheit zum Sex besteht. Onanie verteufeln und unterbinden. Die Töchter einsperren und die Söhne in die offenen Arme der Prostituierten laufen lassen, bei denen sie alles möglich lernen, nur nicht emotionale Hingabe. Auf daß wirkliche Liebesfähigkeit bei ihnen gar nicht erst aufkomme! Die Prostituierten selber sowohl instrumentalisieren als auch verteufeln. Doppelmoral züchten, wie es nur geht! Nur bloß keine wirkliche emotionale Nähe, es sei denn das kümmerliche Bißchen, das wir zwecks Zeugung von Nachkommen zulassen! Und sobald die Nachkommen gezeugt sind, den Ehepartner auf Schritt und Tritt überwachen, beim kleinsten Anzeichen von „Untreue“ ausrasten. Und die gerade gezeugten Kinder frühest möglich via Religionsunterricht .... (siehe oben). Niemand soll sich seiner Liebesfähigkeit freuen dürfen, niemand! Und da heiligt der Zweck allemal jedes Mittel.

Und die Zur-Schau-Stell-„Erotik“ auf der Love Parade und anderen derartigen Veranstaltungen?

Dient einerseits[/i][/u] als Feigeblatt, mit dem wir demonstrieren können, wie „locker“ und „tolerant“ wir sind.

Andererseits[/i][/u] aber – und das ist unendlich viel wichtiger! – ersticken solche Veranstaltungen sowohl bei ihren Teilnehmern als auch bei Außenstehenden jede Erotik:

Wer sich in diese grellen, jedes tiefen Gefühls baren Veranstaltungen hineinziehen läßt und darüber hinaus noch dem ohrenbetäubenden Lärm der Lautsprecher ausgesetzt ist, nimmt Schaden an Leib und Seele, und die guten Instinkte verkümmern in ihm.[/i][/u]

Die Öffentlichkeit[/i][/u] aber, die die Fernsehübertragungen von diesen Veranstaltungen sieht und ihre überwältigende Akzeptanz bei allen politischen Parteien und gesellschaftlich relevanten Gruppen wahrnimmt, muß auf den Gedanken kommen, eben dies sei die – endlich von allen moralischen Fesseln befreite – Erotik.[/i][/u]

Und die ganz, ganz wenigen Menschen,[/i][/u] die darauf kommen, dass sie bei den Love Parades dieser Welt ebenso – nur auf andere Weise - um wirkliche Intimität betrogen werden wie in der stickigen Welt der christlichen Moral, und die dies auch noch zu sagen wagen, die werden kosequent mundtot gemacht.[/i][/u]

Und zu diesem Mundtot-Machen gehörte auch Dein Posting, Jola!

Du hast einen der ältesten Demagogen-Tricks angewandt:

Wenn Du in eine Diskussion die schlechteren Argumente hast, dann antworte an der Sache vorbei.[/u]

Ich hatte sexuelle Randgruppen mit keinem Wort erwähnt;[/i][/u] insbesondere die Love Parade ist ja keineswegs[/i][/u] eine ausschließlich von diesen Randgruppen besuchte Veranstaltung, sondern es tummeln sich dort auch Hetero-Sexuelle – möglicherweise sind sie sogar in der Mehrheit.[/i][/u] Mir ging es nicht[/i][/u] um die sexuelle Orientierung der Teilnehmer, sondern darum[/i][/u], dass diese Veranstaltung, wie ich schrieb, „das schauerliche Beerdigungszeremoniell jeder Intimität“ ist – und diese Aussage unterstreiche ich nachdrücklich![/i][/u]

Nein, ich kenne mich mit Randgruppen nicht aus, erhebe diesen Anspruch auch gar nicht, stelle aber fest, dass das, was ich über Intimtität gesagt habe, für Personen aller sexuellen Orientierungen gilt.

Und deshalb mögen meine Worte denjenigen wehtun, denen sie wehtun. Ich meinerseits leide an dem Mangel an Intimität und der übelkeiterregenden Zur-Schau-Stellung von Pseudo-Emotionalität.

Und ich werde mir nicht den Mund verbieten lassen und jeden, der mir mit irgendwelchen Demagogen-Tricks kommt, entlarven und auf den Boden der Tatsachen zurückholen.[/u]

Gruß

Ekki


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