Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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"Politische Religionen"

Sam, Friday, 08.10.2004, 01:56 (vor 7790 Tagen) @ Magnus

Als Antwort auf: Re: "Männersteuer" - Scandinavian left raises the idea of taxing men for being men von Magnus am 06. Oktober 2004 23:50:15:

Ich denke, problematisch sind Vergleiche etwa mit dem Nationalsozialismus immer dann, wenn sie die bloße Absicht eines möglichst wirkungsvollen "Schock-Effektes" verfolgen. Rainer Paris schreibt:

"Diesem Muster folgen auch die ständigen Vergleiche mit den nationalsozialistischen Massenverbrechen. Es gibt heute kaum eine Opferagitation, in der sich höchst unterschiedliche Akteure – von der Deutschen Landjugend (»Brüssel – Auschwitz für Bauern!«) über diverse Verbandsfunktionäre, die Vertreter ethnischer oder religiöser Minderheiten bis zu den militanten Tierschützern – nicht dieser Rhetorik und des darin gesetzten Assoziationsrahmens bedienten. Daß darin das schlechthin Nicht-Vergleichbare miteinander verglichen, der Völkermord instrumentalisiert wird, schert sie nicht. Ihr Zweck heiligt die Mittel und damit basta." (hier)

Grundsätzlich halte ich es allerdings für sehr vielversprechend und aufschlussreich, verschiedene Ideologien miteinander zu vergleichen, und ich bin überzeugt, dass sich auch bei politisch konträr erscheinenden Denksystemen zumindest einige soziologische und psychologische Mechanismen stark ähneln. Ich hatte vor längerer Zeit hier mal auf ein Buch hingewiesen, das sich genau dieser Fragestellung widmet (muss allerdings gestehen, dass ich selbst noch nicht dazu gekommen bin, da mal rein zu schauen):

index.php?id=22029

Interessant dazu auch ein Beitrag im aktuellen Merkur (leider nicht online) mit dem Titel: "Text als Politik. Über Ressentiment im Poststrukturalismus".
Carsten Rohde schreibt dort:

"Tatsächlich ist der Poststrukturalismus in den Geisteswissenschaften in vielerlei Hinsicht die Fortsetzung des Neomarxismus mit subtileren Mitteln, gerade auch was die Thematisierung von politischen, sozialen und kulturellen Macht- und Herrschaftsbeziehungen angeht.
Während die politisierte Altlinke zum größten Teil mit klassischen neomarxistischen Kategorien hantierte [...], folgte die neue Linke mit Michel Foucault einem Politikbegriff der nicht so sehr die offensichtlichen materiellen oder auch ideologischen Verhältnise der Gesellschaft im Visier hat, sondern sehr viel radikaler alles und jedes zu einer politischen Sache erklärt, von den obersten staatlichen Machtapparaten bis hin zum intimen Verkehr zweier Menschen. [...]
Letztlich ist es der Geist des Politischen und damit der Macht, der Neomarxismus wie Poststrukturalismus antreibt. [...]
Noch mehr als der Neomarxismus profitierte der Poststrukturalismus in seiner Breitenwirkung von der Entstehung der Massenuniversität in den siebziger Jahren. Wie der Neomarxismus eignete sich der Poststrukturalismus insofern hervorragend zur populären studentischen Leitideologie, als hier wie dort dem Theoriegebäude in seiner Version ad usum Delphini letztlich recht einfache, ressentimentbehaftete Annahmen und klare Feindbilder zugrunde lagen (Bourgeoisie, Kapitalisten, Faschisten auf der einen, Weiße, Männer, Westen, Logozentrismus auf der anderen Seite)."

(Merkur, Nr. 665/666, Sept./Okt. 2004, S. 829 ff.)


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