Habe mich beschwert wegen dem GirlsDay, hier die Antwort....
Sehr geehrter XXXX,
vielen Dank für Ihr Schreiben und Ihren Kommentar zum Aktionstag für
Mädchen.
Schade, dass Sie offensichtlich nicht die Zielsetzung und Absicht des
Mädchen-Zukunftstages verstanden haben. Jungen werden hier nicht
ausgegrenzt, sondern können an alternativen Programmen teilnehmen, um
unter sich in jungengemäßer Form Fragen und Themen rund um das Thema
Beruf- und Lebensplanung zu bearbeiten. Dies enthalten Sie Jungen vor,
wenn Sie "Gleichmacherei" betreiben und Jungen nicht eigene Bedürfnisse
zugestehen, die sich von denen der Mädchen unterscheiden.
Die Organisationsform der Schulen ist in der Regel koedukativ. Wo sind
Räume und entsprechende Ansprechpartner für die Jungen, an die sich mal
explizit wenden können und Aufmerksamkeit erfahren?
Durch das Benennen spezifischer Angebote für Mädchen, gerät oftmals in
Vergessenheit, dass allgemeine Angebote für Jugendliche mehrheitlich an
den Bedürfnissen von Jungen orientiert sind und wenig Mädchen erreichen
(Beispiel Sportförderung). Die seit Beginn der kritischen Reflexion
dieser Tatsache aufgestellte Forderung von Pädagoginnen, analog zu den
mädchenspezifischen Angeboten auch bewusst jungenorientierte Angebote in
den allgemeinen Kanon der Jugendarbeit aufzunehmen, wurde leider bislang
lediglich von einer Minderheit engagierter Pädagogen aufgegriffen. In
den letzten Jahren sind hier wichtige Konzepte entwickelt und erprobt
worden. In Tübingen wurde vom BMFSFJ ein dreijähriges bundesweites
Modellprojekt Jungenarbeit/Jungenpädagogik (1998-2000)
(www.iris-egris.de) durchgeführt. Auch sind Netzwerke für
Jungenprojekte aktiv (www.pfunzkerle.de in Tübingen und
www.jungs-ev.de in Stuttgart).
Vielfach beklagen Männer eine Feminisierung der Pädagogik. Um dies zu
ändern brauchen wir Männer als männliche Bezugspersonen und Vorbilder:
in der Familie als bewusste Väter, in Kindergarten, Schule und
außerschulischer Arbeit als engagierte professionelle Fachkräfte. Dort
können sie eine den Jungen gerecht werdende Gestaltung von Betreuung,
Bildung und Beratung entwickeln und gewährleisten. Hier ist ein
entsprechendes Engagement der Männer gefordert. Dies ist jedoch nicht
Aufgabe des Projektes Girls´Day Mädchen-Zukunftstag.
Die bundesweite Koordinierungsstelle des Projektes, das Kompetenzzentrum
Frauen in Informationsgesellschaft und Technologie beschäftigt sich wie
der Name schon sagt mit eben diesem Thema: Frauen in Naturwissenschaft,
Technik und Informationstechnologie.
Der Auftrag der Ministerien an unser Projekt lautet, Maßnahmen zu
ergreifen, die geeignet sind, die Zahl der Frauen in technischen und
naturwissenschaftlichen Berufsfeldern zu erhöhen. In diesem Bereich
sprechen die Zahlen dafür, dass es durchaus notwendig ist Mädchen und
junge Frauen zu unterstützen, sich diesen Bereich besser zu erschließen
im eigenen Interesse, aber insbesondere aus wirtschaftlichen
Interessen des Standortes Deutschland. Denn gerade vor dem Hintergrund
der demographischen Entwicklung fehlen in Naturwissenschaft und Technik
Fachkräfte. Dieser Mangel wird sich in den nächsten Jahren noch
drastisch verschärfen. Dies ist einer der Hauptgründe warum auch der
Bundesverband der Deutschen Industrie, der Deutsche Industrie- und
Handelskammertag, der Zentralverband des Deutschen Handwerks und die
Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände das Projekt
Girls´Day Mädchen-Zukunftstag unterstützen.
Besonders die Vertreter/innen der Wirtschaftsverbände und Kammern
betonen, dass nur eine zielgruppengerechte Ansprache von Mädchen dem
drohenden Fachkräftemangel gerade in den technischen und
naturwissenschaftlichen Berufsfeldern entgegenwirken kann. Qualifizierte
junge Frauen werden bei abnehmender Bevölkerung zusätzlich zu den jungen
Männern als qualifiziertes Erwerbspersonenpotenzial gebraucht.
Der Girls´Day als ein mädchen- und technikorientierter
Berufsorientierungstag ist nur ein (besonderes) Angebot unter den vielen
Initiativen und Projekten zur Berufswahlorientierung von Jugendlichen
insgesamt in und außerhalb der Schule, die ja weiterhin zu Verfügung
stehen und von Mädchen als auch Jungen genutzt werden. Dieser eine Tag
nimmt in der Palette der allen Jugendlichen zur Verfügung stehen
Möglichkeiten zur Berufserkundung und beratung den Jungen nichts weg,
sondern eröffnet Mädchen neue Wege zu einer Erweiterung ihres
Berufswahlspektrums im Interesse aller.
Nun noch einmal zu Ihrer Forderung nach Förderung der Jungen.
Der Girls´Day - Mädchen-Zukunftstag bietet Jungen die Möglichkeit
wertvolle Erfahrungen für ihre Berufs- und Lebensplanung zu sammeln. Das
Konzept dieses Aktionstages beinhaltet die Einbeziehung der Schulen. Im
Unterricht soll der Tag mit Schülerinnen und Schülern vor- und
nachbereitet werden. Um diese Aktivität zu fördern, schreibt die
Initiative D21 (ein Zusammenschluss von rund 300 Unternehmen der
Informations- und Kommunikationsbranche, die das Projekt ebenfalls
unterstützt) einen Preis für Schulen aus, die ein Konzept für Jungen am
Girls´Day Mädchen-Zukunftstag anbieten. Anregungen für Lehrkräfte für
die Gestaltung des Unterrichts mit den Jungen werden auf der
Internetseite des Projektes http://www.girls-day.de veröffentlicht.
Auch andere Institutionen wie Arbeitsämter und Kommunen boten am
Girls´Day der letzten zwei Jahre spezielle Veranstaltungen für Jungen
an. So organisierte z. B. die Stadt Eschwege in Kooperation mit der
örtlichen Gesamtschule für die Schüler Workshops zur Vereinbarkeit von
Familie und Beruf. Auch am diesjährigen Girls´Day gibt es viele
Aktionen, die für Jungen vorbereitet wurden. Dies hängt jedoch wie
bereits erwähnt am individuellen Engagement der Schulen und Lehrenden
so wie das Angebot an Aktivitäten für Mädchen vom Engagement der
Betriebe abhängt.
In Hamburg und Aachen gibt es erste Projekte, die es den Jungen
ermöglichen, sozialpflegerische Berufe zu erkunden. Für ein bundesweites
Projekt Boy´s Day wäre es notwendig, vorher die Sichtweisen und
Zielstellungen zu klären und vor allem auf Bundesebene Partner zu
finden, die eine bundesweite Organisation leisten wollen.
Es reicht nicht aus zu sagen, nur weil die Mädchen einen extra Tag
haben, wollen wir auch einen oder die Mädchen bekommen eben auch
keinen. Vielmehr geht es darum, Ziele zu formulieren, was mit einem
Berufsorientierungstag explizit für Jungen erreicht werden soll. Machte
man aus dem Girls´Day einen Girls und Boys Day, wäre die Gefahr sehr
groß, das aus dem Aktionstagtag ein ganz normaler
Berufsorientierungstag wird und die Zielstellung verwischt. Wer will
nachhalten, dass die Mädchen technische Berufe erkunden und die Jungen
soziale Berufe? Viel einfacher ist es doch, alle gemeinsam irgendwo
hinzuschicken...Damit wäre aber in keiner Weise der Notwendigkeit
Rechnung getragen, das Thema des spezifischen Rollenverhaltens, der
geschlechtsspezifischen Erwartungen, Bedürfnisse und Sichtweisen im
Prozess der Berufsorientierung zu berücksichtigen.
Natürlich zielt der Mädchen-Zukunftstag auch auf die Gleichstellung von
Frauen und Männern in technischen Berufen. Die Gleichstellung der
Geschlechter ist zwar ein Leitbild unserer Gesellschaft, aber noch lange
nicht Realität in allen Bereichen. So beträgt der Anteil der Frauen in
Führungspositionen nur 11 Prozent. Der Girls´Day ist ein wichtiger
Baustein auf dem Weg zur Gleichstellung. Korrespondierend dazu gibt es
eben auch spezielle Programme für Jungen und Männer. Das
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat mit
Unternehmen die Kampagne 'Mehr Spielraum für Väter', realisiert. Die
Kampagne hat zum Aufbrechen der traditionellen Rollenverteilung zwischen
Müttern und Vätern beigetragen. Mehr Informationen dazu:
http://www.mehr-spielraum-fuer-vaeter.de .
Vielleicht regen Sie in der Schule Ihrer Söhne an, am Girls´Day
Mädchen-Zukunftstag ein Programm für Jungen zum Thema Lebens- und
Berufsplanung zu gestalten. Viele Anregungen finden Sie wie schon
erwähnt auf der Internetseite des Girls´Day www.girls-day-de .
Das Konzept ist keinesfalls, dass "Töchter" einfach am Aktionstag ihre
Eltern zum Arbeitsplatz begleiten. Dies wäre in der Tag den Jungen nicht
zu verwehren. Aber für die oben beschriebene Zielsetzung bedarf es einer
gesonderten Ansprache der Mädchen (und einer adäquat anderen gegenüber
den Jungen). Dies sollte an einem halben Tag in Deutschland möglich
sein, ohne dass dies gleich als "Geschlechterkampf" - wie Sie schreiben,
tituliert wird.
Ich hoffe, meine Informationen haben Ihnen zusätzliche Aspekte aufzeigen
können.
Mit freundlichen Grüßen
XXXX
gesamter Thread:
- Habe mich beschwert wegen dem GirlsDay, hier die Antwort.... -
Christian,
01.05.2004, 16:29
- Re: Habe mich beschwert wegen dem GirlsDay, hier die Antwort.... - Manfred, 01.05.2004, 18:10
- GirlsDay ist eigentlich nur für die Jungen! Endlich kapiert ? - Sven, 01.05.2004, 20:30
- Re: Habe mich beschwert wegen dem GirlsDay, hier die Antwort.... -
Jeremin,
01.05.2004, 21:04
- Re: Habe mich beschwert wegen dem GirlsDay, hier die Antwort.... -
Odin,
01.05.2004, 23:10
- Re: Habe mich beschwert wegen dem GirlsDay, hier die Antwort.... - Jeremin, 02.05.2004, 13:36
- Re: Volle Zustimmung! n/t - Christian, 03.05.2004, 19:46
- Re: Habe mich beschwert wegen dem GirlsDay, hier die Antwort.... - Manfred, 02.05.2004, 01:11
- Re: Habe mich beschwert wegen dem GirlsDay, hier die Antwort.... -
Odin,
01.05.2004, 23:10
- Re: Habe mich beschwert ... - Frank, 02.05.2004, 12:13
- Frage... -
Garp,
03.05.2004, 14:18
- Re: Frage... - Christian, 03.05.2004, 18:29
- Re: Habe mich beschwert wegen dem GirlsDay, hier die Antwort.... - Bruno, 03.05.2004, 14:58