Männer mit Abi machen keine Kinder
Männer mit Abi machen keine Kinder
http://www.taz.de/pt/2004/02/02/a0098.nf/text.ges,1
Studie stellt erstmals Zusammenhänge zwischen männlicher Kinderlosigkeit,
Ausbildung und Einkommen dar
BERLIN taz Der Trend geht zur Kinderlosigkeit beim Mann. Zu diesem Ergebnis
kommt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in
Berlin, die der taz vorliegt. Das DIW hat erstmals in Deutschland Daten über
kinderlose Männer im Alter von 20 Jahren an zusammengetragen.
Der Autor der Studie, in der die Angaben von 8.600 Männern ausgewertet
werden, kommt zu dem Schluss: "Für Gesamtdeutschland deuten mit 26 Prozent
Kinderlosen in der Altersgruppe der 45- bis unter 50-Jährigen erste
Anzeichen auf einen steigenden Anteil dauerhaft kinderloser Männer hin."
Kinderlose Männer über 45 würden auch kaum mehr Vater.
Zwei Gruppen von Männern sind nach der von Bundesfamilienministerin Renate
Schmidt (SPD) in Auftrag gegebenen Studie kinderlos: erstens Männer ohne
Schulabschluss und mit sehr niedrigem Einkommen und zweitens Männer mit
Abitur, aber ohne Studium. Der mit 29,6 Prozent besonders hohe Anteil an
Kinderlosen unter 45-Jährigen mit Abitur lässt laut der Studie die Vermutung
zu: "Möglicherweise spiegelt sich hier eine starke Berufsorientierung dieser
Gruppe wider." Am ehesten zeugen Durchschnittsverdiener Kinder. Ab einem
Nettojahresgehalt von 20.000 Euro steigt auch die Kinderlosigkeit an. "Etwa
ein Viertel der Männer wie der Frauen in der oberen Einkommensklasse (ab
30.000 Euro) bleibt dauerhaft kinderlos."
taz Nr. 7273 vom 2.2.2004, Seite 1, 50 Zeilen (TAZ-Bericht), UWI
Warum ist ER kinderlos?
http://www.taz.de/pt/2004/02/02/a0182.nf/text.ges,1
Der Mann ohne Kinder war der große Unbekannte der Gesellschaft. Jetzt wird
er entdeckt.
Aber was hat es zu bedeuten, dass er meistens zwar Abitur hat, aber keinen
Hochschulabschluss?
VON ULRIKE WINKELMANN
Kennen Sie den? Er hat Abi, aber kein Studium, ist Techniker oder
Bürokaufmann und lebt in einer Stadt in Schleswig-Holstein. Ist er jünger
als 45, wählt er FDP - ist er älter, eher grün.
Es ist der Mann ohne Kinder. Oder vielmehr: Es ist ein kinderloser Mann von
vielen. Es gibt noch einen. Der hat weder eine ordentliche Ausbildung noch
Geld und lebt vielleicht in Berlin: vier von fünf Männern bis 45, die
weniger als 5.000 Euro netto im Jahr verdienen, sind kinderlos. Und dann
gibt es noch einen, der hat viel Geld und wohnt wahrscheinlich in München:
Drei von vier Männern bis 45, die über 30.000 Euro netto im Jahr verdienen,
sind offenbar auch vor allem mit Geldverdienen beschäftigt.
Dem Berliner Wirtschaftsforschungsinstitut DIW ist es zu danken, dass der
kinderlose Mann zwar verschwommene, aber doch kenntliche Züge bekommen hat.
Im Auftrag von Renate Schmidts Familienministerium hat das DIW die Daten von
8.600 Männern aus dem Jahr 2001 zusammengetragen und ausgewertet. 20 Seiten
schlank ist die Studie, die erstmals Fragen nach Ausbildung, Einkommen,
Wohnort und politischen Präferenzen des kinderlosen Mannes beantwortet.
Bislang war der ein großer Unbekannter: Seit Jahrzehnten rennen Demografen
und Politiker der kinderlosen Frau hinterher und fragen sie, warum sie
verdammt noch mal keine Kinder kriegt - insbesondere dann, wenn sie eine
lange und teure Ausbildung genossen hat. Darauf, die Männer zu fragen, kam
verblüffenderweise nie jemand.
Vielleicht sollte man an dieser Stelle Jürgen Dorbritz vom Wiesbadener
Institut für Bevölkerungsforschung lobend ausnehmen. Er zählte Mitte der
90er immerhin schon einmal nach, dass es insgesamt viel mehr kinderlose
Männer als kinderlose Frauen gibt. Das DIW bestätigt ihn nun: Ein Viertel
der Männer von 45 bis 50 Jahren ist kinderlos, aber nur halb so viele Frauen
im selben Alter sind es.
Geht nicht, meinen Sie? Noch einmal scharf nachdenken: Wer sagt, dass
Kinderproduktion nur im Verhältnis 1:1 funktioniert? Manche Männer machen
mit mehreren Frauen Kinder. Das Wort Alphamännchen soll an dieser Stelle aus
Geschmacksgründen vermieden werden.
Allen Männern, die meinen, im Gegensatz zu ihren Freundinnen noch ewig Zeit
zu haben, sei gesagt, dass ihnen zwar die Biologie kaum Grenzen setzt, die
Statistik aber sehr wohl: Die erstmalige Vaterschaft ist "bereits ab Mitte
40 ein äußerst seltenes Ereignis", resümiert Studienautor Christian Schmitt.
Er vermutet außerdem, dass der Anteil dauerhaft kinderloser Männer ansteigt.
Schade, dass sich Schmitt ansonsten bei der Auswertung seiner Tabellen so
zurückhält. Aus all seinen wundervollen Daten zieht er vor allem den
Schluss, dass Männer beim ersten Kind älter sind als Frauen. Im Übrigen
dürfe man ruhig davon ausgehen, dass in Familien immer noch die Männer das
Geld verdienen. Ach nee.
Die Zahlen, die unruhig machen, sind doch aber ganz andere. Was etwa hat es
zu bedeuten, dass die meisten kinderlosen Männer zwar Abitur haben, aber
keinen Hochschulabschluss? Was qualifiziert den Mann mit Studium eher zum
Kindermachen als den Mann mit Abi? Offenbar nicht unbedingt die Fähigkeit,
Geld zu verdienen: Bei den Männern bis 45 scheinen die
unterdurchschnittlichen Naja-Einkommen von 10.000 bis 15.000 Euro netto im
Jahr das Kinderzeugen zu begünstigen. Bei den Älteren sind es vor allem die
Durchschnittsverdiener (15.000 bis 20.000 Euro), die Kinder haben: Hier sind
nur knapp über 10 Prozent kinderlos.
Viel Geld - oder gar keins
Der kinderlose Mann hat also entweder gar nichts, oder er hat richtig Geld
und Abi, aber kein Studium. Aber hat er auch eine Frau? Darüber verrät das
DIW nichts. Die Demografen haben auf der Suche nach den Gründen für
Kinderlosigkeit zwei Milieus gefunden, in denen wenige Kinder geboren
werden: das Karrieremilieu, in dem Frauen wie Männer optimale Ausbildung,
maximale Flexibilität und minimale Neigung zum Privat-, sprich Familienleben
aufweisen. Und ein Milieu prekärer oder jedenfalls von Abstiegsängsten
gebeutelter Existenzen, in dem Frauen wie Männer sich gegen Kinder
entscheiden, obwohl sie gar nicht so schlechte Startbedingungen haben. Sie
glauben bloß nicht, dass Beruf, Kinder und Urlaub zusammengehen.
Irgendwo hier muss er zu finden sein, der Mann mit Abi ohne Kinder.
Vielleicht ist er einsam. Vielleicht findet er Kinder gar nicht so
schrecklich, hat aber über seinen Job als kaufmännischer Angestellter
vergessen, wie das ging: Frauen kennen lernen. Vielleicht ist er verheiratet
und ganz froh, dass seine Frau auch findet, dass Kinder gar nicht nötig
sind. Wahrscheinlich aber möchte er eines gar nicht gefragt werden: Warum er
keine Kinder macht.
taz Nr. 7273 vom 2.2.2004, Seite 16, 192 Zeilen (TAZ-Bericht), ULRIKE
WINKELMANN
PS: Das, was man unseren 7-8 jährigen in der Schule beibringt, macht nun nach Jahrzehnten auch mal die Runde in der Bevölkerung, in den Medien und bei den Politikern: Daß zum kinder zeugen zwei gehören!
gesamter Thread:
- Männer mit Abi machen keine Kinder -
Odin,
03.02.2004, 12:44
- Re: Männer mit Abi machen keine Kinder -
Garfield,
03.02.2004, 13:18
- Re: Männer mit Abi machen keine Kinder -
Odin,
03.02.2004, 15:33
- Re: Männer mit Abi machen keine Kinder -
Tran,
03.02.2004, 16:19
- Re: Männer mit Abi machen keine Kinder - Odin, 04.02.2004, 20:23
- Re: Männer mit Abi machen keine Kinder -
Tran,
03.02.2004, 16:19
- Re: Männer mit Abi machen keine Kinder - Ekki, 04.02.2004, 23:24
- Re: Männer mit Abi machen keine Kinder - Mirko, 06.02.2004, 01:19
- Re: Männer mit Abi machen keine Kinder -
Odin,
03.02.2004, 15:33
- Das dreht sich noch leicht, soviel Spin hat das! - Texaco, 03.02.2004, 21:25
- Re: Männer mit Abi machen keine Kinder -
grumblepunk,
03.02.2004, 22:10
- Re: Männer mit Abi machen keine Kinder - XRay, 03.02.2004, 22:53
- Re: Männer mit Abi machen keine Kinder -
Odin,
04.02.2004, 20:29
- Re: Männer mit Abi machen keine Kinder - grumblepunk, 05.02.2004, 22:54
- Re: Männer mit Abi machen keine Kinder - Joseph S, 04.02.2004, 00:39
- Re: Männer mit Abi machen keine Kinder -
Garfield,
03.02.2004, 13:18