Wirtschaft - das unbekannte Wesen....
Als Antwort auf: Re: Männer gegen länger - Offener Brief von Jens am 30. Januar 2004 15:14:08:
Leb wohl, Wirtschaftsstandort Deutschland! Welche Firma aus dem Aus- und Innland will hier noch investieren, wenn Leute nicht gewillt sind, länger zu arbeiten? Über Firmenabwanderungen braucht man sich echt nicht mehr wundern.
Jens
Hallo Jens,
das ist ein häufig gebrauchtes Argument, aber es hat meiner Meinung nach nichts mit der Realität zu tun. Dazu folgende Fakten:
1) Wettbewerbfähigkeit: Gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist Deutschland die letzten 3 Jahre hintereinander EXPORTWELTMEISTER gewesen. Dies ist sicherlich kein Resultat mangelnder Wettbewerbsfähigkeit.
2) Pro Arbeitsstunde wird in Deutschland - auch wenn man es kaum glauben mag - deutlich produktiver gearbeitet als z.b. in USA oder Japan. Im Vergleich mit Japan liegt die Produktivität pro Zeiteinheit um 40% (!) höher
3) Das Problem liegt wie bei 1) gezeigt nicht im Export, sondern in der desolaten Binnennachfrage. Tatsächlich gibt es immer mehr Volkswirte, die vor deflationären Tendenzen in Deutschland warnen. Ein Verlängerung der Arbeitszeit, de facto also eine Lohnsenkung würde diese deflationären Tendenzen noch verstärken.
4) Tatsächlich wäre eine Lohnerhöhung sinnvoll. Dies wird allerdings nicht durchgesetzt werden koennen, und zwar aus 2 Gründen:
a) die einzelnen Unternehmen befinden sich in einer Art Gefangenendilemma (siehe hierzu google oder Literatur über Spieltheorie, sonst tippe ich mir die Finger wund), was die Lohnpolitik angeht. Durch den Wettbewerb untereinander ist für jedes einzelne Unternehmen die beste Strategie, die Löhne zu drücken, bzw. die Arbeitszeiten zu erhöhen, auch wenn dies für die Wirtschaft insgesamt extrem schädlich wirkt; Dies geschieht nicht, um das mal klarzustellen, weil da die "bösen" Wirtschaftsbosse ihre Angestellten ausbeuten wollen, sondern ist ein systemimmanentes Problem. Dieses spezielle Gefangendilemma in der Lohnpolitik ist übrigens ein interessantes Beispiel dafür, dass der freie Markt eben NICHT immer in der Lage ist, die für alle beste Situation durch eine evolutionäre Entwicklung zu finden. Neoliberalisten sollten sich das mal ganz genau anschauen 
b) Arbeitszeiterhöhungen sind "populärer", weil man sie dem Volk leichter verkaufen kann. Der Normalbürger macht nämlich den Fehler, von seinem eigenen Verhalten auf die Makroökonomie zu schliessen (also: wenn ich zuwenig Geld habe, muss ich mehr arbeiten --> wenn wir als Nation pleite sind, muessen wir auch mehr arbeiten. Und genau da liegt der Fehler).
5) Der "globale Wettbewerb" ist keinefalls so einfach gestrickt, wie uns das Neoliberalisten glauben lassen wollen. Siehe dazu auch einschlägige Literatur z.b. von Paul Krugman (nebenbei ein Anwärter auf den Wirtschaftsnobelpreis)
Das wars erstmal... ausserdem ist das hier ja eigentlich kein Wirtschaftsforum.
Viele Grüsse,
Paul
gesamter Thread:
- Männer gegen länger - Offener Brief -
Odin,
30.01.2004, 13:44
- Re: Männer gegen länger - Offener Brief -
Jens,
30.01.2004, 17:14
- Re: Männer gegen länger - Offener Brief -
Garfield,
30.01.2004, 18:47
- Re: Männer gegen länger - Offener Brief -
Jens,
30.01.2004, 19:01
- Re: Männer gegen länger - Offener Brief -
Garfield,
30.01.2004, 19:20
- Re: Männer gegen länger - Offener Brief -
Manfred,
30.01.2004, 21:48
- Re: Männer gegen länger - Offener Brief - Joseph S, 31.01.2004, 01:44
- Re: Männer gegen länger - Offener Brief -
Manfred,
30.01.2004, 21:48
- Re: Männer gegen länger - Offener Brief - Joachim, 30.01.2004, 19:29
- Re: Nachtrag! - joachim, 30.01.2004, 19:43
- Re: Männer gegen länger - Offener Brief -
Garfield,
30.01.2004, 19:20
- Re: Männer gegen länger - Offener Brief -
Jens,
30.01.2004, 19:01
- Re: Männer gegen länger - Offener Brief - Odin, 30.01.2004, 23:08
- Wirtschaft - das unbekannte Wesen.... -
Paul,
31.01.2004, 00:15
- Nachtrag - Paul, 31.01.2004, 00:44
- Re: Männer gegen länger - Offener Brief -
Garfield,
30.01.2004, 18:47
- Re: Männer gegen länger - Offener Brief -
Jens,
30.01.2004, 17:14