Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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GESUNDHEIT oder wie das Volk verarscht wird?

Joachim, Sunday, 21.12.2003, 14:21 (vor 8082 Tagen)

GESUNDHEIT

Alte Pillen, neue Preise

Pharmafirmen machen aus rezeptfreien Mittelchen verschreibungspflichtige Medikamente - und versuchen so, das Sparpaket der Regierung zu unterlaufen.


DPA

Verhandlungspartner Schmidt, Seehofer: Kreativität unterschätzt


Ulla Schmidt ahnte nichts Gutes. "Ich kenne keinen, der von unserer Gesundheitsreform begeistert ist", gestand die Sozialministerin Anfang des Monats. Trotz einer 3,4 Millionen Euro teuren Werbekampagne ("Damit Deutschland gesund bleibt") werde es wohl kaum gelingen, die Bürger von den Segnungen der ab Januar fälligen Zuzahlungen und Praxisgebühren zu überzeugen.
Der Ministerin zu Dank verpflichtet ist tatsächlich nur eine Gruppe von Nutznießern - die Pharmaindustrie. Eifrig studierten die Pillenkonzerne während der vergangenen Monate das 470 Seiten starke Gesetzeswerk, um Ausweichmöglichkeiten und Gewinn bringende Geschäftsideen aufzuspüren. Der erfolgsgewöhnten Branche könnte es wieder mal gelingen, jedweden Schaden von sich abzuwenden - zu Lasten von Versicherten und Krankenkassen.
DPA

Universitätsklinik Freiburg: Auch Krankenhäuser in Deutschland werfen der Pharmaindustrie vor, Einsparungen im Gesundheitssektor gezielt zu verhindern


Kaum hatte sich die von SPD-Frau Schmidt und CSU-Politiker Horst Seehofer geleitete Allparteienrunde im August auf die Eckpunkte ihrer Reform verständigt, da berichtete das für die Zulassung von Medikamenten zuständige Bundesinstitut von einem wundersamen Anstieg der Posteingänge. Seit Sommer haben die Pharmakonzerne über tausend Anträge auf Neuzulassung bekannter Arzneien eingereicht - mehr als doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum.

Echte Innovationen sind kaum darunter. Stattdessen drängt es die Unternehmen plötzlich, ihre Altpräparate und längst bekannten Wirkstoffe aufzuhübschen. Mal beantragen sie, die Konzentration des Wirkstoffs in ihren Pillen zu erhöhen. Mal behaupten sie, auf bislang unerkannte Heilungsmöglichkeiten oder neue Nebenwirkungen gestoßen zu sein.

Auslöser der Antragsflut ist eine kleine, aber womöglich folgenschwere Neuerung der Gesundheitsreform. Danach sollen die Krankenkassen künftig keine rezeptfreien Medikamente wie Hustensaft, Lutschpastillen oder Jodtabletten mehr bezahlen. Auf einen Schlag wollte Schmidt damit die gesetzlichen Krankenkassen um mehr als eine Milliarde Euro jährlich entlasten, damit diese die Versichertenbeiträge senken können.

Doch bei ihrer Rechnung hat die Ministerin die Kreativität vieler Pharmafirmen unterschätzt. Massenhaft planen die Unternehmen, ihre rezeptfreien Mittelchen zu verschreibungspflichtigen Arzneien umzumodeln - zu kräftig anziehenden Preisen. Das für die Zulassung zuständige Bundesinstitut kann nichts dagegen machen. Sobald ein Hersteller die Risiken und Nebenwirkungen eines Präparats durch veränderte Rezepturen erhöht, wird es von der Behörde sicherheitshalber heraufgestuft: von frei verkäuflich auf verschreibungspflichtig. Der durch die Reform beabsichtigte Spareffekt könnte sogar ins Gegenteil umschlagen, fürchtet etwa der unabhängige Branchendienst "arznei-telegramm": "Die Hersteller versuchen, die ab 1. Januar geltenden Regelungen zu unterlaufen."

Beispielhaft voran marschiert derzeit das Pharmaunternehmen Pohl-Boskamp, dessen Arzneimittel Gelomyrtol sich in der kalten Jahreszeit großer Beliebtheit erfreut. Manch Hustengeplagter kauft die vor allem aus Myrtenöl, Limonen und Süßstoff zusammengerührten Kapseln auf eigene Rechnung in der Apotheke. Doch auch Mediziner dürfen das Präparat derzeit noch verschreiben - zuletzt in einem Gesamtwert von knapp 18 Millionen Euro im Jahr.

Geht es nach dem Willen des Pharmaunternehmens, sollen die Ärzte ab 2004 auf ein rezeptpflichtiges Präparat umsteigen. Auf Anzeigen in Fachblättern wie "Medical Tribune" preist Pohl-Boskamp neuerdings sein Mittel Tetra-Gelomyrtol ("die erstattungsfähige Alternative") an, das neben Pflanzenölen auch ein Antibiotikum enthält. Für viele Patienten wäre der Umstieg laut Stiftung Warentest zwar "nicht sinnvoll". Umso schöner wäre ein Wechsel des Präparats jedoch für den Hersteller: Eine Tagesdosis Tetra-Gelomyrtol ist etwa viermal so teuer wie eine Ration Gelomyrtol ohne Antibiotikum.

Auch Pillengigant Ratiopharm ("Gute Preise. Gute Besserung") ist auf die Neuerungen der Gesundheitsreform vorbereitet. In einer internen "Substitutionsliste" machen Firmenvertreter die Ärzte auf Möglichkeiten aufmerksam, rezeptfreie Mittel durch verschreibungspflichtige zu ersetzen. So weisen sie darauf hin, dass man statt des gängigen Schmerzmittels Paracetamol das Präparat Novaminsulfon verordnen könne. Auch das ist für Patienten mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden - bringt aber deutlich mehr in die Firmenkasse.

Die knallharte Strategie der Unternehmen hat die Gesundheitsministerin inzwischen nervös gemacht. Eilig forderte Ulla Schmidt die Ärzte in den vergangenen Tagen dazu auf, den Patienten auch künftig zur Einnahme von rezeptfreien Medikamenten zu raten, selbst wenn diese von den Kassen nicht bezahlt werden.

Erfolg wird sie damit kaum haben. Die Branchenkenner vom "arznei-telegramm" urteilen: "Der Aufruf der Bundesgesundheitsministerin erscheint uns angesichts der Umschichtungen als hilfloser Appell."

ALEXANDER NEUBACHER

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