Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Märchenstunde

Joseph S, Thursday, 28.08.2003, 02:04 (vor 8197 Tagen)

Hallo,

ich hab in einem Radiomagazin vor nicht allzu langer Zeit einen Bericht über eine
Vorleseinitiative für Kinder gehört. Seit PISA weiß man ja, daß Kinder Vorgelesenes
nicht erfassen können, und man tut jetzt was dagegen, indem man ihnen was vorliest, damit
sie das Zuhören üben.

Meine Freude darüber, daß Menschen sich Zeit nehmen, Kindern Geschichten vorzulesen wurde
mit dem Hörbeispiel schon etwas getrübt. Da wurde ein Kind danach gefragt, wie eine "sie"
Feuer macht; nämlich durch Fingerschnipsen. Bei einer anderen Handbewegung passiert was
anderes. Auf meine Frage, warum man den Kindern keine Märchen sondern nur die für das
heutige Gesellschaftsbild so wertvollen modernen Hexengeschichten vorliest, bekam ich sogar
noch die hammerharte Antwort. Jemand hatte es nämlich gewagt, Rapunzel vorzulesen, und
dann das Kind nach dem Inhalt der Geschichte gefragt. (Das Abfragen scheint denen besonders
wichtig zu sein. Leistungskontrolle muß sein!) Darauf bekam er sinngemäß folgende Geschichte
zu hören.

"Ein Prinz drang zu einer Prinzessin in das Schloß ein, um sie zu vergewaltigen. Da nahm
die Prinzessein ein Schwert, und schnitt ihm den Pimmel an. Dann war er tot."

Das wurde mit lehrerhafter Fröhlichkeit vorgetragen und mit Gelächter abgeschlossen.

Aber was war passiert ?
Das Kind war halt weggeträumt, und erfand was, um die Frage beantworten zu können.

Wohl im Bewußtsein, daß eine derartige Antwort gegenüber anderen Personen einen Hexen -
bzw. Wildwasserprozess auslösen kann, wurde davor gewarnt Kinder mit Märchen aus der
Grimmschen Sammlung zu überfordern. Dabei ist nicht das erfassen Können das Problem -
das sollen die Kinder ja lernen, und sie lernen das auch, wenn man ihnen oft genug
vorliest - das Problem ist, daß das Kind schon zu viel von Perversitäten weiß. Das Kind
kannte also das Wort Vergewaltigung, bevor es in der Lage war, ein Märchen zu erfassen.
Dabei hat es das Wort wahrscheinlich nicht nur aufgeschnappt, denn es konnte
dazu noch eine logisch passende Fortsetzung der Geschichte liefern.

In welch einer Gedankenwelt und vor allem mit welch einem Männerbild wächst dieses Kind auf ?
Wie soll das Kind später ein gesundes Verhältnis zu männlicher Sexualität entwickeln können,
wenn es derartige Vorstellungen verinnerlicht hat, bevor es Sexualität überhaupt erfassen kann ?
Ich sehe hier wichtigere Probleme, als das, daß das Kind nicht in der Lage war, dem
Märchen zu folgen.

Übrigens werde ich weiterhin die leider seltenen Gelegenheiten wahrnehmen, und Kindern
Märchen vorlesen. Die Kinder, bei denen ich diese Gelegenheit bekam, waren allerdings
nicht Kinder von alleinerziehenden feministischen Müttern, so daß ich obiges Problem
nicht zu fürchten habe.

In Märchen lernen Kinder was fürs Leben. Z.B. werden in "Hänsel und Gretel" dunkle
Seiten der Mütterlichkeit geschildert. Das sollte man den Kindern nicht vorenthalten,
und sie stattdessen mit modernem Blabla abfertigen.

Gruß
Joseph


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