Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Artikel aus der heutigen FAZ: Männer zerstören sich selbst

Andreas, Monday, 11.08.2003, 15:05 (vor 8213 Tagen)

Das Bild vom Y
Männer zerstören sich selbst / Von Steve Jones
Charles Darwin zufolge ist es "in der Tat ein glücklicher Umstand, daß das Gesetz der gleichmäßigen Weitergabe von Charakteristika an beide Geschlechter bei den Säugetieren obwaltet; ansonsten wäre wahrscheinlich der Mann an seinen geistigen Anlagen der Frau ebenso überlegen geworden wie der Pfau seinem Weibchen an Schmuckgefieder". Die meisten Ideen in seinem berühmten Werk "Die Abstammung des Menschen" von 1871 haben sich gut gehalten, diese jedoch - wie andere Artikel in dieser Zeitung zeigen - nicht.
Die Zahlen sind eindeutig. In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts verdienten die Frauen nur die Hälfte dessen, was ihre Männer bekamen, heute aber ist der Unterschied weit geringer. In weiten Teilen Europas gibt es für die Bevölkerung unter dreißig Jahren sogar kaum noch einen Unterschied. In den sechziger Jahren hatten Frauen weltweit nur eine halb so große Chance auf Schulbildung wie ihre Brüder. Nun aber verschwindet diese Lücke. In manchen Entwicklungsländern gehen mehr Mädchen zur Schule als Jungen. Auch im Westen ist das zweite Geschlecht nach vorne gerückt. In Amerika studieren zwei Millionen weniger Männer als Frauen und in vielen Ländern Europas machen mehr Frauen einen Studienabschluß als Männer. Hält diese Entwicklung an, ist in zehn Jahren der Anteil von Männern mit Hochschulbildung nur halb so groß wie der von Frauen, und sehr bald werden mehr Frauen einen Arbeitsplatz haben als Männer.
Sind die Männer im Niedergang begriffen? Testosteron ist ein Wegweiser ins Vergessen, nicht nur in die Ignoranz. Jede einzelne Todesursache - mit Ausnahme der Alzheimerschen Krankheit - schlägt bei Männern stärker zu Buche. Sie sind sogar durch den Blitzschlag stärker gefährdet: wegen ihrer Angewohnheit, bei Gewitter Golf zu spielen. Für Jungen mit vier Jahren besteht ein doppelt so hohes Risiko, an einem gewaltsamen Tod zu sterben wie für Mädchen. Ein simples Experiment demonstriert die negative Macht der Männlichkeit: In den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurden in Amerika viele junge Männer wegen einer leichten geistigen Behinderung oder wegen kleinkrimineller Delikte kastriert. Die meisten von ihnen sind mittlerweile gestorben - aber sie haben im Durchschnitt dreizehn Jahre länger gelebt als ihre unverstümmelten Altersgenossen.
Liegt der Grund dieses Ungleichgewichts vielleicht in den Genen? Männer können sich mit einer natürlichen Begabung trösten, der ihre Frauen nichts entgegenzusetzen haben. Das berühmte Y-Chromosom wurde (von einer Frau) vor etwas über einem Jahrhundert entdeckt. Vor einigen Wochen hat man nun seine komplette DNS-Sequenz veröffentlicht. Dadurch bekam die Hälfte der Bevölkerung eine neue Identität zugewiesen. Das Y-Chromosom enthält ein Gen, das SRY (die geschlechtsbestimmende Region, die "sex-determining region of the Y"), das seine Träger zu ihrem Schicksal lenkt.
Dieses Gen funktioniert etwa so wie eine Weiche vor einem Bahnhof. Eine winzige Umschaltung kann einen Zug statt nach Frankfurt nach München rollen lassen. SRY bringt den Embryo auf die Hauptstrecke zur Männlichkeit. Dieses Gen für den Tod durch Blitzschlag ist im Vergleich zu anderen Bauanleitungen für Proteine simpel. Es besteht aus weniger als tausend DNS-Buchstaben, was bedeutet, daß nur ein Fünfmillionstel seines Genoms einen Mann zu dem machen, was er ist.
Das Y-Chromosom als Ganzes ist ebenfalls winzig, ein blasser Schatten seines Partners, des X. Bisher galt, daß das Y nicht einmal in der Lage ist, genetische Schäden abzustreifen oder zu reparieren, wie es andere Chromosomen durch Austausch untereinander tun. Da es von den anderen Chromosomen in den Körperzellen jeweils zwei Kopien gibt, bei Frauen auch vom X-Chromosom, können diese sich gegenseitig aushelfen. Das Y aber ist allein, und infolgedessen hat es Schwierigkeiten, einmal aufgetretene Mutationen wieder loszuwerden. Man hat es deshalb lange als die mikroskopische Metapher seiner Träger betrachtet - das kränklichste, überflüssigste und parasitischste Chromosom von allen. Die Lehre daraus war eindeutig negativ: Männer sind langfristig zum Untergang verurteilt, da das für sie spezifische Chromosom sukzessive degeneriert.
Sicher ist, daß das Mannsein eine unsichere Angelegenheit darstellt. Die Gene, mein Herr, die Ihr Gehirn ausmachen, sind bemerkenswert ähnlich jenen Genen, auf denen die Hirne von Würmern oder Hühnern aufbauen. Die Evolution betrachtet das, was im Schädel steckt, mit sehr konservativem Blick. Aber was den Sexus betrifft, so ändert sich ihr Geschmack recht rasch. Es gibt Dutzende von Arten und Weisen, Geschlecht zu erzeugen. Die Schnecke Crepidula fornicata etwa tut es nach der Reihe: was zuerst den Meeresboden berührt, ist weiblich, das nächste männlich, das nächste weiblich und so fort. Hähnchen, männliche Würmer und die Männer selbst haben ihre eigenen speziellen Instruktionsprogramme, die sie von ihren Geschlechtspartnerinnen unterscheiden, im Fall des Menschen eben das fragile Y-Chromosom. Langfristig betrachtet erscheint es als eine ungewisse Angelegenheit, nicht weiblich zu sein.
Das Bild vom Y wird jedoch gerade ziemlich verändert. Vielleicht dürfen Männer daraus etwas Hoffnung schöpfen. Bis vor ein paar Wochen glaubte man, das Y enthielte fast nichts außer dem SRY-Gen. Dann aber haben die mit dem Knacken des Männlichkeitscodes betrauten Genetiker die Nachricht veröffentlicht, daß das Y dreißig weitere Gene besitze und einige elegante Tricks anwende, um auf der Höhe zu bleiben, um Schäden durch Mutation zu beheben. Etwa die Hälfte der Gene des Y sind allein in den Hoden an der Arbeit. Ein beträchtlicher Teil des Materials ist, so stellte es sich heraus, vom X-Chromosom eingewandert, seit sich vor sieben Millionen Jahren die Menschen von den Schimpansen evolutionär getrennt haben. Andere Teile sind verfallene Überbleibsel eines noch viel älteren mit jenem Chromosom gemeinsamen Ursprungs.
Das wahrhaft Erstaunliche am neuen Bild des Y aber sind sieben riesige Palindrome ("Madam, I'm Adam"), die sich rückwärts wie vorwärts identisch lesen. Eines davon ist drei Millionen DNS-Basen lang, und die beiden Spiegelhälften sind praktisch makellose Kopien voneinander. In diesen riesigen Spiegelsälen zeigt sich nichts von den Fehlern, die man auf Grund wiederholter Mutation erwarten würde. Mehr noch, viele der mit Männlichkeit verbundenen Gene finden sich in mehrfacher Kopie inmitten dieser geräumigen und makellosen Hallen. Wie bleiben sie komplett und unversehrt? Vielleicht, so hat man vermutet, verschaffen sie sich auf ungewöhnliche Form biologisch Erleichterung. Statt sich wie andere Chromosomen an ein Partnerchromosom zu wenden, bessern mutierte Gene im Y dagegen Fehler aus, indem sie sich in ihrem Spiegelbild im Palindrom betrachten. Werden Fehler bemerkt, treten Reparaturmechanismen in Aktion. So liegt die Rettung des Y offenbar in der zutiefst männlichen Gewohnheit, Sex mit sich selbst zu treiben.
Trotz dieser Virtuosität legt die Geschichte der Geschlechtsdifferenzierung aber dennoch den Gedanken nahe, daß das Y-Chromosom am Ertrinken ist, ein Narziß, der sich an einen Spiegel klammert. In weniger als zehn Millionen Jahren mag die männliche Genmaschinerie eine ganz neue Richtung einschlagen und das, was wir heute Mann nennen, sich grundlegend ändern.
Was bedeutet dies für den Mann von heute? Gewiß zahlt er einen hohen Preis für seine Hoden, doch vieles von dem, was ihn schneller tötet als die Frau - Alkohol, Tabak, Herzleiden -, ließe sich vermeiden, indem man Umweltbedingungen verändert, die nichts mit den Genen zu tun haben. Klassenunterschiede spielen bei der männlichen Lebenserwartung zum Beispiel eine viel größere Rolle als bei der weiblichen.
Großbritannien ist eine weniger egalitäre Gesellschaft als Deutschland, und Schottland ist es in noch geringerem Maße als England. Vom ärmsten Fünftel der männlichen Schotten, die 1978 fünfundfünfzig Jahre alt waren, haben drei Viertel ihr Ende bereits gefunden, aber etwa die Hälfte der reichsten Männer hat überlebt. Auch in London sind die Kontraste massiv: Sechs Stationen Entfernung auf der Jubilee Line, eine U-Bahnfahrt zwischen Westminster und dem East End, nehmen der Lebenserwartung eines Neugeborenen sechs Jahre weg. Ein Jahr pro Station! Bei Mädchen ist der Effekt aber sehr viel geringer als bei Jungen. Die Lebenserwartungslücke zwischen Reich und Arm schließt sich mit jedem vergehenden Jahr für die Frauen um einen Monat, doch bei den Männern tut sich nichts.
Die Männer könnten sich freilich von ihren Y-Chromosomen belehren lassen: Man schaue in den Spiegel, untersuche, was falsch gelaufen ist, und strenge sich an, es zu korrigieren. Ich glaube aber, wir werden uns nicht die Mühe machen.

"Steve Jones ist kein Gen-Determinist, obwohl er am Galton Laboratory des University College London einen traditionsreichen Lehrstuhl für Genetik innehat. Er steht soziobiologischen Erklärungsversuchen menschlichen Verhaltens kritisch gegenüber, bezeichnet sich als Linksliberalen, glaubt an die verändernde Kraft von Politik. Doch wenn er sich und seine männlichen Artgenossen mit dem professionellen Blick des Genetikers betrachtet, landet er flugs beim mannspezifischen Y-Chromosom als einem wichtigen Ursprung von Übeln für den Mann, vom Tod durch Alkohol und Risikosport bis zum absehbaren Zurückfallen hinter Frauen in der Bildung. Das Y-Chromosom, so lautet Jones' These in seinem im Herbst bei Rowohlt auf deutsch erscheinenden Buch "Y", läßt den Mann als defizitäre Form der Frau mit Neigung zur Selbstzerstörung erscheinen. Dies nur als kleinen strategischen Rat, sagt Jones: Der größte Feind des Mannes ist nicht die Frau, sondern er selbst. Das Leben in der Gesellschaft von morgen werde für Frauen wesentlich besser zu meistern sein als für Männer. Jones sieht die Menschheit schon am Beginn eines "weiblichen Zeitalters". F.A.Z."


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