Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Kinderwahlrecht oder verbessertes Frauenwahlrecht?

Rotstift, Wednesday, 23.07.2003, 00:26 (vor 8233 Tagen) @ Odin

Als Antwort auf: Kinderwahlrecht oder verbessertes Frauenwahlrecht? von Odin am 22. Juli 2003 15:08:46:

Hi

Dieser Vorschlag erinnert mich sehr stark an den des österreichischen Katholischen Familienverbandes. Obwohl ich zwar durchaus nichts dagegen habe, dass jemand eine Wahlmöglichkeit eingeräumt bekommt, kann ich derartigen Vorschlägen nicht viel abgewinnen. Denn immerhin haben wir heutzutage ein allgemeines, gleiches und geheimes Wahlrecht. Und das heißt unter anderem, dass jeder selbst seine Stimme abzugeben hat, da das Wahlgeheimnis wohl kaum Bestand hat, wenn andere für einen abstimmen. Es wird ja wohl niemand glauben, dass Eltern, die für ihre Kinder abstimmen, sich zuerst wochenlang Gedanken darüber machen, was denn der 2-jährige Sohn eigentlich gerne wählen würde. Schmeckt ihm Gemüse, dann die Grünen, bei Interesse für die Modelleisenbahn oder Autos die Konservativen und bei einem Hang zum Altruismus vielleicht sozialistisch. Sie werden natürlich das wählen, das sie auch selbst gerne hätten, oder mit anderen Worten: Da bekommt jemand ein paar Stimmen zusätzlich, und damit sind wir in den seligen Zeiten des Zensuswahlrechtes.
Irgendwann vor relativ langer Zeit haben wir uns darauf geeinigt, dass jeder Mensch gleich viel wert ist, und schließlich konnte ein Wahlrecht erreicht werden, das jedem, egal ob alt oder jung, reich oder arm, gesund oder krank, angestellt oder arbeitslos, EINE Stimme sichert, soferne er ein gewisses Alter erreicht hat, bei dem man annehmen kann, dass ein Mindesmaß an Verständnis für politische Vorgänge vorhanden ist. Ideen wie die beschriebene gehen an die Substanz dessen, was unsere heutige Demokratie ausmacht.
Dabei finde ich grundsätzlich nichts dabei, dass jemand der Meinung ist, dass Reiche mehr Stimmen haben müssten, da sie ja auch mehr zum Staatshaushalt beitragen, oder dass eben Eltern wegen ihrer Sicherung der zukünftigen Pensionszahler mehr Rechte erhalten sollten. Genausogut könnte man aber auch Arbeitslosen oder Sozialhilfebeziehern mehr Stimmrechte einräumen, da es doch im Interesse Gesellschaft liegen müsste, den Armen und Unterversorgten eine starke Stimme zu geben. Letztendlich lässt sich wohl für jede Gruppe eine Begründung liefern, mit der ihr besonderer Stimmrechte zugestanden werden, und demokratisch wäre es noch immer. Doch sollten diejenigen hinter diesen Forderungen dann auch dazu stehen, dass sie eines der wesentlichsten Merkmale der modernen Demokratie und des Rechtsstaates, nämlich die Gleichheit vor dem Gesetz und das gleiche Stimmrecht, abschaffen wollen. Und dann sollten sie auch in Zukunft nicht mehr von Gleichberechtigung oder ähnlichem sprechen, denn das ist dann genauso hinfällig.

mfg

Rotstift


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