Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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@Uwe

Arne Hoffmann, Wednesday, 28.05.2003, 12:40 (vor 8288 Tagen) @ Uwe

Als Antwort auf: @Arne - hätte Dir gerne persönlich geschrieben von Uwe am 27. Mai 2003 23:41:53:

Hi Uwe,

meine Mailadresse ist Cagliostro3@hotmail.com. :-)

Habe jetzt Deinen Abschnitt über häusliche Gewalt gelesen. Eine Frage hätte ich da: woran liegt es, daß Männer die Gewalt in der Beziehung nicht als solche wahrnehmen?
Ich meine folgendes und ich schildere es, wie ich es erlebt habe: während der Beziehung mit meiner (H)Exe habe ich Türen zuschlagen, Treten, Schlagen etc erlebt. Ein Streit hat mich damals meinen Fingernagel gekostet. Ich durfte mir auf der einen Seite anhören, daß andere Väter so toll sind etc. Auf der anderen Seite hieß es - liebst Du mich, willst Du ein zweites Kind mit mir etc. Ich habe dies damals folgendermaßen empfunden - auf der einen Seite hab ich dies nicht direkt als Form häuslicher Gewalt gesehen. Ich flüchtete mich in Gedankengänge wie - die hat Temperament etc. Auf der anderen Seite war eine gewisse Angst da, mit der Frau ebenfalls das Kind zu verlieren. Alles in allem habe ich es, als ich in der Beziehung drin war, nicht direkt als Gewalt gesehen. Dies hat sich erst etwa ein jahr nach der Trennung ergeben. Ist dies ein typisches Phänomen?

Ich denke: ja. Unter anderem deshalb halte ich es durchaus für eine Art "kopernikanische Wende" in der Geschlechterdebatte, auch Männer als Opfer wahrzunehmen. (Um noch mal auf mein Posting weiter unten einzugehen.) Wir kennen etwas ähnliches ja auch aus der Forschung über sexuellen Missbrauch: Wenn man manche Männer in wissenschaftlichen Studien fragt "Sind Sie jemals von einer Frau missbraucht worden?" antworten sie aus Überzeugung mit Nein, aber wenn man sie fragt "Hat eine Frau jemals das und das mit Ihnen gemacht, als Sie noch ein Junge waren?" erhält man ganz andere Antworten. UND es gab im letzten Jahr eine deutsche Studie (bin jetzt zu faul, die genaue Quelle rauszusuchen), der zufolge ein und dasselbe Verhalten als Missbrauch bewertet wurde, wenn es von einem Mann begangen wurde, aber nicht, wenn eine Frau die Täterin war. Bei der häuslichen Gewalt scheint es ähnlich zu sein.

Offenbar sind wir kulturell so programmiert, Männer als Täter und Frauen als Opfer wahrzunehmen. Diese Programmierung scheint eine Art Grundraster zu bilden, in das wir sogar unsere eigenen Lebenserfahrungen einordnen. Wenn wir also Gewalt von Frauen erleben, wird diese oft trivialisiert. Gewalt von Männern hingegen wird noch einmal zusätzlich dämonisiert, und selbst Legenden werden leichtfertig für bare Münze genommen, weil sie zu dem passen, was wir ja ohnehin schon zu wissen glauben.

Die Medien tun ihren großen Teil dazu. Wenn du dich mit den älteren Bürgern einer dörflichen Landbevölkerung unterhältst, stellst du immer wieder fest, dass die sich wenig Illusionen machen: Frauen langen bei ehelichem Streit oft genauso hin wie Männer. Offenbar spielt da die eigene direkte Lebenserfahrung noch eine große Rolle. Unsereins erfährt vor allem indirekt über häusliche Gewalt: durch Presse und Fernsehen. Dort wird aber automatisch gleichgesetzt: "häusliche Gewalt = Männer schlagen Frauen". Selbst als die Süddeutsche Zeitung letztes Jahr über eine Studie des Bremer Instituts für Geschlechter- und Generationenforschung berichtete, die zu einem komplett gegenteiligen Zwischenergebnis kam, blieb dieser Zeitung nichts anderes übrig, als diesen Artikel mit einem Foto eines Mannes zu illustrieren, der auf eine Frau losging. Also völlig gegenteilig zum Inhalt des Artikels. WIR HABEN EBEN NOCH KEINE ANDEREN BILDER. Und genauso sieht es auch in unseren Köpfen aus.

Auch ansonsten ist die Geschichte, die du von dir erzählt hast, typisch: Viele Männer sind sich der Macht bewusst, die Frauen mittlerweile ausüben. Und weil sie Angst haben (zum Beispiel ihr Kind zu verlieren), schieben sie diese Angst erst mal weit von sich weg. "Ich bin doch der starke Mann, habe alles unter Kontrolle, sie hat halt ein bisschen Temperament, naja ..." Erst wenn es zu spät ist und das Kind in den Brunnen gefallen ist, dann checken sie, wie sehr die Karten in unserer Gesellschaft gegen sie gemischt sind. Oft haben sie dann allerdings so viele eigene Probleme an der Hacke, dass für politisch-soziales Engagement nicht mehr viel Zeit bleibt. Ich freue mich, dass du diese Energie noch aufbringen kannst - und wünsche dir privat natürlich das Allerbeste.

Herzlicher Gruß

Arne


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