Fragen an Creveld?
Hallo ihr, 
ich werde doch nächste Woche mal bei Professor van Creveld wegen einem Interview nachfragen, das dann in einer kleinen liberalen Zeitschrift erscheinen würde. Natürlich habe ich selbst schon einen kleinen Set an Fragen, aber vielleicht hat ja der eine oder andere von euch auch etwas auf dem Herzen, was er gerne wissen möchte?
Der Inhalt von Crevelds "Das bevorzugte Geschlecht" sollte durch den FOCUS-Artikel und die Rezension von Alex Bark einigermaßen bekannt sein. Falls nicht, poste ich hier noch mal meine eigene Rezension, die dann ebenfalls in dieser Zeitschrift erscheinen wird. (Es handelt sich um die Rohfassung; sie kann noch geglättet, gekürzt oder anderweitig überarbeitet werden.)
Herzlicher Gruß
Arne
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WIDER DIE DISKRIMINIERUNG DER MÄNNER
Professor Martin van Creveld zählt zu den bekanntesten und zugleich provozierendsten Historikern unserer Zeit. Mehr als einmal wischte er bereits mit entschiedenem Strich überkommene Vorstellungen beiseite, um sie durch neue zu ersetzen. Dass sein Wort bei zahlreichen Regierungen der Welt bis hin zum Pentagon großes Gewicht hat, liegt daran, wie gekonnt Creveld seine Thesen untermauert und wie oft sie sich als zukunftsweisend herausstellen. So sagte der Jerusalemer Geschichtswissenschaftler schon lange vor den Anschlägen des 11. September die neue Gefahr des Megaterrorismus voraus und benannte einige neue Konzepte, die zu ihrer Bekämpfung notwendig sind.
Nun hat sich Creveld der Geschlechterdebatte angenommen, und auch hier setzt er sich über gängige Denkmuster hinweg. Seine dem besprochenen Buch zugrunde liegende These lässt sich wie folgt zusammenfassen: Nicht Männer, sondern Frauen sind das eigentlich bevorzugte Geschlecht. Sie werden schon als Kinder sanfter behandelt, wenden sich im Studium den leichteren Fächern zu und stehen im Berufsleben weniger unter Leistungsdruck. Da auch heute noch weit überwiegend Männer Frauen ernähren und nicht umgekehrt, können sich die Angehörigen des weiblichen Geschlechts auf weniger schmutzige, gefährliche und belastende Berufe zurückziehen. Dies führt dazu, dass Männer sieben Jahre früher ins Gras beißen: durch tödliche Arbeitsunfälle, gesundheitliche Folgeschäden ihrer Jobs oder indem sie in weit höherem Ausmaß durch Selbstmord oder Gewaltkriminalität ums Leben kommen. Männer sterben im Krieg, um Frauen zu beschützen, und sie schufen im Lauf der Jahrhunderte mit ihrem Schweiß und ihren Blut einen zivilisatorischen Standard, dessen Annehmlichkeiten Experten zufolge vor allem Frauen zugute komme. Die höhere Lebenserwartung von Frauen, die es in früheren Jahrhunderten noch nicht gegeben hatte, ist nur eines der Anzeichen dafür. Gleichzeitig tue sich aber eine Kluft zwischen der realen Situation der Frauen auf und der Art wie diese sie wahrnehmen. Die Folge: Zahlreiche Frauen reagieren mit Undank und mit einer lang anhaltenden Klage, wie schlecht es ihnen immer noch gehe.
Creveld macht seine These von der Frauenbevorzugung an mehreren Bereichen fest: unter anderem der Arbeit, dem Krieg und der Justiz. In beiden Feldern zieht sich durch die Menschheitsgeschichte, dass Adam das härtere Los gezogen hat als Eva. Männer und nicht Frauen schufteten sich beim Bau der großen Pyramiden ebenso zu Tode wie bei der Errichtung der Chinesischen Mauer. Sie errichteten Forts, gruben Kanäle aus und starben dabei oft zu tausenden. Überall erwartete die Arbeitsteilung von ihnen den größeren Einsatz: Männer kletterten auf Bäume, um Früchte zu ernten, Frauen blieben sicher am Boden. Männer tauchten nach Perlen, Frauen warteten am Ufer. Auch nach dem Einsetzen der industriellen Revolution blieben Frauen in Bergbau sowie im Transport- und im Bauwesen eine Minderheit, ebenso in der Forstwirtschaft und der Schwerindustrie. Fast ausschließlich Männern konnte es zugemutet werden, an unwirtlichen Orten und unter großen Belastungen ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen. An dieser Aufteilung hat sich grundsätzlich wenig geändert, sie ist auch in unseren Tagen und auch in den höheren Schichten noch genau so vorhanden: Frauen wählen tendenziell leichtere Studienfächer und geben in der akademischen Laufbahn auf, sobald es schwieriger wird. Und selbst wenn Frauen heutzutage Führungspositionen im Management übernehmen, neigen sie Untersuchungen zufolge dazu, weniger komplexe, zeitraubende und verantwortungsvolle Aufgaben zu übernehmen als ihre männlichen Kollegen. Es ist der Mann, der seinen Wert durch Leistung immer wieder neue beweisen muss, während eine Frau auch attraktiv wirkt, wenn sie schwach, arm und hilflos erscheint.
Jene Ausstrahlung von Schwäche und Hilflosigkeit kann das weibliche Geschlecht Creveld zufolge auch auf anderen Gebieten zu seinem Vorteil nutzen. Dass Frauen im Gegensatz zu Männern kaum als Kanonenfutter verheizt werden, ist bekannt. Weniger bekannt dürfte manchem die immense Bevorzugung sein, die Frauen vor Gericht widerfährt. Creveld streicht anhand umfangreichen Belegen heraus, dass "die Justizsysteme der modernen Staaten systematisch und durchgängig auf jeder Stufe ihres Vorgehens Frauen Männern gegenüber begünstigen". Eben weil Frauen als verwundbarer und schützenswerter gelten, nehmen Polizisten sie ungern fest, Staatsanwälte möchten sie weniger gern verfolgen und Richter und Verschworene sie ungern schuldig sprechen. Wenn Frauen gemeinschaftlich mit Männern Verbrechen begehen, betrachtet man sie weniger als Täter denn als Komplizen und Gehilfen. Typische Frauenverbrechen wie Kindesmord haben eingebaute mildernde Umstände. (Die Täterin MUSS einfach geistesgestört gewesen sein und erscheint durch den Verlust ihres Kindes ohnehin schon genug gestraft.) Bestimmte sexuelle Neigungen werden praktisch nur bei Männern verfolgt (früher Homosexualität, heute noch z. B. Exhibitionismus). Wäre Simone de Beauvoir ein Mann gewesen, so Creveld, wäre sie für ihre lesbischen Spiele mit ihren Studentinnen ganz sicher bestraft worden. So wurde sie zu einer Ikone der Frauenbewegung. Am deutlichsten sähe man das Missverhältnis allerdings bei der Todesstrafe in den USA: Obwohl jeder achte wegen Mordes Verurteilte weiblich ist, wandern nur 1,5 Prozent dieser Frauen in die Todeszelle. Insgesamt, so fasst van Creveld zusammen, werden von unseren Rechtssystemen hunderttausende von Frauen privilegiert und hunderttausende von Männern benachteiligt. Und diese Ungleichheit zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Menschheit. Die Hexenverfolgung, so vermutet van Creveld, ist vor allem deshalb für Feministinnen so faszinierend, weil dies wohl die einzige historische Epoche war, in der wegen eines behaupteten Verbrechens mehr Frauen als Männer hingerichtet wurden.
Eben dass Frauen deutlich eher mit Samthandschuhen angefasst werden als Männer werde auch gezielt zu bestimmten Aktionen ausgenutzt: "Frauen (...) waren bei den Palästinenseraufständen in Israel auch deshalb so häufig in vorderster Front zu sehen, weil es sich im Fernsehen nicht gut macht, wenn Frauen mit Tränengas besprüht und mit Schlagstöcken zurückgetrieben werden." Ein männlicher Palästinenser, der versucht, einen israelischen Soldaten abzustechen, müsse mit 15 bis 17 Jahren Gefängnis rechnen, eine Palästinenserin erwarte bestenfalls ein Jahr wenn überhaupt eine Gefängnisstrafe. Eben jenen Vorteil der Frauen grundsätzlich zugeschriebenen Unschuldsvermutung nutzten viele Täterinnen auch bei Delikten häuslicher Gewalt. Sie können zuversichtlich sein, dass Männer, die sich zur Wehr setzen oder an Außenstehende um Hilfe wenden, als die eigentlich Schuldigen wahrgenommen werden. Creveld führt hier das Beispiel eines Mannes an, der nach Misshandlungen durch seine Frau zur Polizei ging, nur um dann selbst 14 Tage hinter Gittern zu verbringen. "Verständlicherweise zeigte er sie nicht mehr an, als sie ihn bei ihrem nächsten monatlichen Gewaltausbruch die Treppe hinunterstieß und ihm die Rippen brach."
Aber zurück zum Thema Beruf und Arbeit: Dass Männer sich ins Zeug warfen, um Frauen ein besseres Leben zu ermöglichen, dankten ihnen diese Creveld zufolge nicht. Stattdessen nutzen sie jene Domäne, in der sie Männern gegenüber einen starken Vorsprung besaßen: Jammern und Klagen. "Frauen, deren Männer so hart arbeiten, dass sie keine Zeit für die Familie haben, beschweren sich. Frauen, deren Männer den ganzen Tag zu Hause sind, beschweren sich auch. Frauen, die Anspruch auf Familienunterstützung haben, beklagen sich, dass eine von Männern gemachte Bürokratie in ihr Leben eindringt, und Frauen, deren Leben durch einen Kaiserschnitt gerettet wurde, beklagen sich, dass chauvinistische, imperialistische Ärzte über ihren Körper bestimmen." Wenn Männer sich durch einen größeren Ehrgeiz Frauen zuliebe aufopferten, wurde das noch hingenommen, wenn diese Männer aber aus demselben Grund auf der Karriereleiter nach oben stiegen, brach der blanke Neid aus. Da vielen Frauen es nicht gelang, diese Männer durch eigene Leistung zu schlagen, setzten sie als neue Taktik auf das Erzeugen von Schuldgefühlen. Männer hätten die Frauen nur deshalb in die zweite Reihe drängen können, indem sie sie unterdrückt hätten. Die Frage, wie die eine Hälfte der Menschheit die andere hätte unterdrücken können, wenn doch Frauen und Männer einander in jeder Hinsicht ebenbürtig waren, wurde nicht beantwortet. Interessanterweise schlossen sich jene Frauen, die sehr wohl in der Lage waren, Leistung zu erbringen, der Unterdrückungsthese nicht an: Die deutsche Nobelpreisträgerin Nusslein-Volhard etwa bekundet, viele ihrer Kolleginnen schadeten der Wissenschaft, indem sie über Feminismus plapperten, statt in ihrem Bereich zu arbeiten. Und Carli Fiorina, Chefin bei Hewlett Packard, konnte in ihrer Welt keine gläserne Decke erkennen, die Frauen am Aufstieg hinderte.
Viele andere Frauen, die im gleichberechtigten Arbeitsleben scheiterten, suchten lieber nach neuen Wegen, sich als Opfer zu fühlen. "In den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts", so van Creveld, "hatte der Chor der Klagen den Punkt erreicht, an dem die Freiheit selbst angegriffen wurde. Solange gesetzliche Hürden die Teilnahme von Frauen am öffentlichen Leben einschränkten, klagten die Feministinnen, dass die liberale Ideologie und Politik nicht gleichermaßen auf Frauen und Männer angewendet werde. Jetzt, da praktisch all diese Hindernisse aus dem Weg geräumt sind, beklagen sich die gleichen Autorinnen, der Liberalismus und die Marktwirtschaft seien männliche Fallen. Einige bringen vor, die Notwendigkeit zum Konkurrenzkampf sei Frauen gegenüber unfair, weil diese, wie sie sagen, im Durchschnitt weniger Durchsetzungsvermögen und Selbstsicherheit besäßen als Männer. Demgemäß verlangen sie im gleichen Atemzug, dass Frauen gleichgestellt werden und dass man ihnen Privilegien gewährt. Diese reichen von Frauenparkplätzen bis zur Diskriminierung der Männer in der Ausbildung, am Arbeitsplatz und vor Gericht. Andere Feministinnen kommen zum entgegengesetzten Schluss. Wenn sie könnten, würden sie ihren Schwestern zum Beispiel durch eine Änderung der Renten- und Unterhaltgesetze, die diese, ob sie wollen oder nicht, zur Erwerbstätigkeit zwingen würde ihre Version totalitärer Kontrolle oktroyieren."
Die Taktik des Klagens bringe Frauen ebenso Gewinne wie Nachteile. Die Gewinne liegen darin, dass jammernde Frauen von vielen Pflichten befreit werden und Hilfe erhalten. Jammernde Männer hingegen ernten nur Verachtung. Daher geben sie vor, dass es ihnen gut geht, verleugnen ihr Leiden und machen weiter wie gewohnt. Die Nachteile für die Frauen liegen in dem Verlust von Autonomie, Stolz und Selbstbewusstsein, das mit einer ständigen Opferrolle verbunden ist. Wer konnte damit rechnen, fragt sich van Creveld, dass aus den starken Frauen der siebziger Jahre, die nachweisen wollten, in allen Bereichen gleich gut zu sein wie Männer "diese weinerlichen, unglücklichen Opfer sexueller Belästigung der Neunzigerjahre und des 21. Jahrhunderts geboren werden würden?"
Martin van Creveld hat mit seinem Buch ein weiteres wichtiges Grundlagenwerk für die Männerbewegung geliefert. Es weist mit all seinen unzähligen Quellen nach, dass Männerdiskriminierung keine bloße Folge überbordenden Feminismus ist. Allzu oft hört man als Männerrechtler ja das Argument: "Wir Frauen wurden über Jahrtausende unterdrückt, jetzt gibt es einmal drei Jahrzehnte Frauenbewegung, und schon fangt ihr Kerle an zu flennen." Insbesondere den Schluss dieses Satzes würde Creveld als Beleg für seine Thesen werten: Eben weil ein Mann nicht klagen darf, hat er so auch keine Gelegenheit, gegen Benachteiligungen aufzubegehren, weil er sonst vor sich selbst und anderen als Schwächling gilt. Dies und die Liebe der Männer zu den Frauen führt Creveld zu der Vorhersage, dass sich an der Benachteiligung von Männern auch in Zukunft wenig ändern dürfte.
Stattdessen befürchtet er, ähnlich wie manche Postfeministin (etwa Rene Denfeld oder Kathie Ropie), eine Rückkehr des viktorianischen Zeitalters, in dem es oft als skandalös betrachtet wurde, wenn ein Mann mit einer Frau allein war. Auch heute werde männliche Sexualität bereits als ständige Bedrohung für Frauen betrachtet und es zeuge "von Mut, wenn ein Universitätsprofessor es wagt, mit einer Studentin bei geschlossener Bürotür ein Referat oder eine wissenschaftliche Arbeit zu besprechen." Als Abwehrmöglichkeiten dieser sexuellen Bedrohung werden wie im Viktorianismus unter anderem eine immer ausgeklügeltere Kommunikation sowie die Zuweisung getrennter Sphären für Männer und Frauen erwogen. Dies könnte langfristig dazu führen, dass Frauen aus der Sphäre des Erwerbslebens wieder zurück in die des sicheren Heimes gedrängt werden.
Für wahrscheinlicher hält Creveld es indes, dass der Feminismus sich früher oder später selbst ad absurdum führt. Die Forderung nach Gleichheit und Privilegien zugleich sollte sich irgendwann als fundamentaler Widerspruch entlarven. Sollten Frauen mit den Männern wahre Gleichheit erzielen, würden sie schnell feststellen, dass ihre Lebensqualität ebenso sinkt wie ihre Lebenserwartung. Sie dürften immer stärker begreifen, dass das Leben der Männer keineswegs eitel Sonnenschein ist. Auch das könnte dazu führen, dass sie lieber ihre Privilegien genießen und wieder nach Hause zurückkehren, statt wie ihre Ernährer jeden Tag einen neuen Kampf auszufechten. Männer hingegen werden sich, so glaubt Creveld, weiter schinden, um Macht, Ruhm und Reichtum zu ernten und Frauen die Ausbeute vor die Füße zu legen. "Währenddessen hören sie sich weiterhin die Klagen der Frauen über alles und jedes an und versuchen, sie zu ignorieren." Wobei diese Angelegenheit von einer besonderen Ironie geprägt ist, denn: "Ohne öffentliche Mittel, die überwiegend aus Beiträgen der Männer zusammenkommen, würden die meisten feministischen Organisationen pleite gehen."
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- Fragen an Creveld? -
Arne Hoffmann,
21.04.2003, 00:33
- Exzellente Rezension (n/t) - Jörg, 21.04.2003, 02:45
- Re: Fragen an Creveld? -
michail,
21.04.2003, 18:57
- Re: Fragen an Creveld? -
terVara,
22.04.2003, 03:35
- Re: Fragen an Creveld? -
michail,
22.04.2003, 12:33
- Re: Fragen an Creveld? -
terVara,
23.04.2003, 02:49
- Re: Fragen an Creveld? - michail, 23.04.2003, 13:06
- Re: Fragen an Creveld? -
terVara,
23.04.2003, 02:49
- Re: Fragen an Creveld? -
Odin,
22.04.2003, 15:58
- Re: Fragen an Creveld? - Jolanda, 22.04.2003, 16:26
- Re: Fragen an Creveld? - terVara, 23.04.2003, 02:43
- Re: Fragen an Creveld? -
michail,
22.04.2003, 12:33
- Re: Fragen an Creveld? -
terVara,
22.04.2003, 03:35