Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Essay über das Buch "Das bevorzugte Geschlecht"

Garfield, Thursday, 10.04.2003, 14:24 (vor 8336 Tagen) @ Odin

Als Antwort auf: Essay über das Buch "Das bevorzugte Geschlecht" von Odin am 09. April 2003 11:55:51:

Hallo Odin!

Das Buch von Martin van Creveld hab ich mir gestern bei Amazon bestellt. Bei diesem Essay fällt mir spontan mein letzter Ägypten-Urlaub ein. Da hatte ich nämlich Gelegenheit, von Einheimischen einiges über die reale Situation der Frauen dort zu hören. Und das war höchst interessant...

Ägypten ist ja ein islamisches Land. Es gibt zwar eine Minderheit von koptischen Christen, die in manchen Städten (z.B. in Luxor) sogar die Mehrheit der Bevölkerung bilden, aber die überwiegende Mehrheit der Ägypter sind Moslems, und entsprechend ist die Gesellschaft auch stark nach den Geboten des Korans ausgerichtet.

In westlichen Ländern malen nun Feministinnen regelmäßig ein Horrorbild von der Situation der Frauen in islamischen Staaten. Angeblich wären sie z.B. ihren Männern in der Ehe rechtlos ausgeliefert. Tatsächlich gibt es in Ägypten wie auch in anderen arabischen Ländern sehr wohl auch für Frauen das Recht auf Scheidung. Eine Frau kann sich nicht nur scheiden lassen, wenn sie von ihrem Mann geschlagen wird oder wenn er fremdgeht, sondern auch dann, wenn er sie vernachlässigt oder häufig beschimpft. Wurde eine Ehe durch Verschulden des Mannes geschieden, ist er verpflichtet, weiterhin für den Lebensunterhalt seiner Ex-Frau aufzukommen. Wurde die Ehe allerdings durch Verschulden der Frau geschieden, dann besteht diese Unterhaltspflicht nicht.

Aber auch in diesem Fall sind Frauen nicht etwa dazu verpflichtet, für ihren eigenen Lebensunterhalt aufzukommen. Wenn sie einen neuen Partner haben, ziehen sie zu ihm, und er darf sie dann ernähren. Wenn sie keinen neuen Partner haben, ziehen sie zurück in das Haus ihres Vaters, der dann für sie aufkommen darf. Stirbt der Vater, kann nicht nur seine Ehefrau, sondern auch eine unverheiratete Tochter seine Rente erben, und zwar in voller Höhe. Auch wenn sie dafür niemals einen Finger gerührt hat.

Selbstverständlich erben Männer die Rente ihrer Väter nicht. Sie sind also dazu verpflichtet, für ihren eigenen Lebensunterhalt aufzukommen. Das ist auch der Hauptgrund dafür, wieso man z.B. in Hotels so selten weibliches Personal sieht. Viele Touristen glauben deshalb, daß es Frauen in Ägypten verboten wäre, zu arbeiten. Das trifft allerdings lediglich auf Kreuzfahrschiffe zu, und das auch nur indirekt. Frauen (besonders, wenn sie unverheiratet sind) dürfen nur zu Hause übernachten und nirgendwo sonst. Da das Personal auf Kreuzfahrschiffen aber natürlich auch auf den Schiffen übernachtet, werden dort keine Frauen eingestellt. Ansonsten gibt es aber keinerlei berufliche Einschränkungen für Frauen.

Ganz im Gegenteil: Natürlich müssen auch in Ägypten nur die Männer Wehrdienst leisten. Es gibt dort keine einheitlich für alle gültige Wehrdienstzeit, sondern die Dienstzeit staffelt sich je nach Schulabschluß. Im öffentlichen Sektor (der in Ägypten eine hohe Bedeutung hat, da nicht nur Ämter und Behörden dazu gehören, sondern auch viele staatliche Unternehmen) sind in der Regel bestimmte Wehrdienstzeiten als Voraussetzung für Jobs vorgeschrieben. Männer, die diese Wehrdienstzeiten also nicht abgeleistet haben, bekommen dann eben den jeweiligen Job nicht. Für Frauen gilt dies selbstverständlich nicht.

Es gibt auch keine Unterschiede in der Bezahlung zwischen Frauen und Männern. Der Reiseführer erzählte mal, daß er sich mit seinem Bruder und seiner Schwester eine Wohnung teilt. (Das tun viele Ägypter, weil sie mit einem Einkommen die Miete nicht zahlen können.) Er erzählte auch, was er, sein Bruder und seine Schwester monatlich verdienen. Dabei stellte sich heraus, daß seine Schwester mehr verdient als er und sein Bruder zusammen.

Wenn also viele Frauen in Ägypten nicht arbeiten, dann liegt das nicht daran, daß sie es nicht dürfen, sondern schlicht und einfach daran, daß sie es nicht müssen. Und das ist der Grund, wieso man dort fast nur männliche Händler sieht und auch fast nur männliches Dienstpersonal in Hotels.

In vielen anderen islamischen Ländern ist das übrigens auch nicht anders. Vor kurzem habe ich eine Reportage über eine iranische Busfahrerin gesehen. Da wurde nebenbei auch erwähnt, daß im Iran an den Universitäten mittlerweile die Mehrzahl der Studenten weiblich sind.

Hierzulande weit verbreitet ist auch das Märchen, daß in islamischen Ländern die Männer grundsätzlich mehrere Frauen hätten. Erst einmal ist das schon deshalb völliger Unsinn, weil das ja andererseits bedeuten würde, daß viele Männer überhaupt keine Frauen abbekommen. Zwar erlaubt der Islam in der Theorie einem Mann, mit mehreren Frauen verheiratet zu sein, in der Praxis sieht das jedoch anders aus:

Zumindest in Ägypten braucht ein Mann die Zustimmung seiner Ehefrau, wenn er eine weitere Frau heiraten möchte. Ohne diese Zustimmung läuft da schon mal gar nichts. Selbst wenn er diese Zustimmung bekommt, gilt dann der Grundsatz, daß er jede seiner Frauen gleich behandeln muß. Wenn er einer z.B. eine wertvolle Kette schenkt, muß er eine gleich wertvolle Kette auch allen anderen seiner Frauen schenken. Sogar wenn er mit einer Frau schläft, muß er dann auch mit allen anderen Frauen schlafen... Sobald sich eine seiner Frauen vernachlässigt fühlt, kann das durchaus ein Scheidungsgrund sein. Da das nicht nur ziemlich stressig, sondern für die Mehrheit der Ägypter (und auch der Männer in den meisten anderen islamischen Staaten) schlichtweg nicht bezahlbar ist, kommt es tatsächlich eher selten vor, daß ein Mann mehr als eine Ehefrau hat.

Daß der Koran das erlaubt, hatte einst den Sinn, daß Frauen von Männern, die z.B. im Krieg gefallen waren, wieder einen neuen Ernährer finden konnten, und zwar auch dann, wenn es nur wenige Männer gab. Dann mußte zwangsläufig eben ein Mann auch mal für mehrere Frauen sorgen. Es ging also nicht darum, den Männern ein Privileg zu verschaffen (wie Feministinnen heute behaupten), sondern den Frauen ihr Privileg, nicht für ihren Lebensunterhalt arbeiten zu müssen, in jedem Fall zu erhalten.

Aber in Ägypten wie auch in vielen anderen islamischen Ländern spielt das heute de facto keine Rolle. Üblicherweise hat da jeder Mann nur eine Frau.

Wenn man sich die Gesellschaft in Ägypten näher ansieht, dann kommt man zu dem Schluß, daß sich auch dort alles darum dreht, Frauen in jeder Lebenssituation möglichst 100%ig abzusichern. Und das geht zwangsläufig nur auf Kosten der Männer. Sicher haben Männer oberflächlich gesehen auch das eine oder andere Privileg, aber wenn man sich das wirklich mal genau ansieht, kommt man doch zum selben Schluß wie van Creveld, nämlich daß auch im Islam die Frauen das wirklich bevorzugte Geschlecht sind.

So ist es dann auch kein Wunder, daß sich selbst islamische Frauen-Verbände regelmäßig gegen das Bild der unterdrückten Moslemin, das der Welt von westlichen Feministinnen immer wieder vorgegaukelt wird, verwahren.

Freundliche Grüße
von Garfield



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