Stellungnahme beim Bundesfrauenkongreß
Als Antwort auf: Stellungnahme beim Bundesfrauenkongreß von Stefan G. am 23. November 2002 10:13:43:
Mist! Hab versehentlich zu früh auf abschicken gedrückt.
Also nochmal:
Schau Dir mal diese Stellungnahme des Bundesgesundheitsministeriums vor dem Bundesfrauenkongreß an:
Das Interessante daran ist ja der Umstand, daß am Anfang aufgeführt wird, wo Männer gefährdet sind und Frauen. Daraus geht hervor, daß Männer ebenso an Sucht gefährdet sind wie Frauen auch. Welche Konsequenzen zieht man daraus? Es müssen spezielle Behandlungsmethoden für Frauen geschaffen werden. Konsequenzen für intensivere Behandlungsmöglichkeiten für Männer werden hingegen nicht gezogen. D.h. Männer werden mal wieder vollkommen übersehen. Es gibt auch kein Paper, in dem sich das BGM mit speziellen Männertherapien in den Bereichen, in denen Männer besonders gefährdet sind, auseinandersetzen würde. Das Gesetz des Schweigens.
05.09.2002
BundesFrauenKongress Sucht
Rede der Drogenbeauftragten Marion Caspers-Merk im Bundesministerium für Gesundheit anlässlich des BundesFrauenKongresses Sucht am 5. September 2002 in Berlin
Anrede,
ich freue mich sehr, Sie hier in Berlin bei diesem Bundesweiten Frauensuchtkongress begrüßen zu dürfen.
Bedarf es eines Ausbaus frauenspezifischer Suchthilfe?
Um diese Frage beantworten zu können, möchte ich vorerst zusammenfassen, was wir über die spezifischen Besonderheiten weiblicher Sucht wissen.
Führen wir uns den Frauenanteil bei den jeweiligen Abhängigkeitserkrankungen vor Augen:
- bei Alkohol und illegalen Drogen liegt die Verteilung bei ca. 1/3 Frauen, 2/3 Männern
- bei der Medikamentenabhängigkeit verhält es sich genau umgekehrt mit 2/3 Frauen und 1/3 Männern
- bei den Ess-Störungen ist die Geschlechterrelation 90% Frauen im Vergleich zu 10% Männern
- bei der pathologischen Glücksspielsucht ist das Verhältnis wiederum genau umgekehrt mit 10% Frauen und 90% Männern
Was zeigen uns diese Zahlen?
Die Zahlen bestätigen, dass die Suchtmittelabhängigkeit geschlechtsspezifische Formen aufweist. Medikamentenabhängigkeit und Ess-Störungen sind typisch für frauenspezifisches Suchtverhalten, da sich diese Formen der Sucht leichter vor anderen Menschen verbergen lassen. Frauenspezifisches Suchtverhalten wird auch oft als Stille Sucht bezeichnet. Wir können also festhalten, dass die Abhängigkeit von bestimmten Suchtstoffen geschlechtsspezifisch ist.
Aus Beratung und Therapie wissen wir, dass auch Suchtverläufe frauenspezifische Besonderheiten aufweisen. Frauen gehen unauffälliger mit ihrem Suchtmittelmissbrauch bzw. ihrer Abhängigkeit um als Männer. Sie fallen in der Gesellschaft weniger auf. Abhängige Frauen verhalten sich angepasst und verantwortungsbewusst und versuchen über lange Zeit, den Aufgaben des Alltags in Beruf und Familie nachzukommen. Nach dem traditionellen Rollenverständnis obliegt es in den meisten Familien der Frau, für das emotionale Wohl der Familie zu sorgen. Exzessives Suchtverhalten würde der traditionellen Rolle der Frau widersprechen. Aus diesem Grunde wird weiblicher Drogenkonsum gesellschaftlich stärker stigmatisiert als männlicher. Entsprechend verstärkt treten bei Frauen Schuldgefühle und Versagensängste auf. Süchtige Frauen suchen die Schuld in erster Linie bei sich, süchtige Männer machen eher andere oder widrige Lebensumstände dafür verantwortlich.
Wir wissen, dass die Rolle der Frau in Schwangerschaft und Mutterschaft eine weitere Besonderheit darstellt. Eine Frau trägt in der Schwangerschaft die zusätzliche Verantwortung für ihr Kind. Jeglicher Konsum von Suchtstoffen kann das ungeborene Kind schädigen. Hier sind Frauen einer Spirale von immer wiederkehrenden Schuldgefühlen ausgesetzt. Ein Kind wird oft als der einzige Hoffnungsschimmer angesehen. Viele abhängige Frauen fühlen sich durch ihre Mutterschaft jedoch in der Realität überfordert, sie haben das Gefühl, an innere Grenzen zu stoßen und kapitulieren - manchmal vor der Sucht, den äußeren Anforderungen oder den eigene Idealen. Diesen Frauen wird oftmals schmerzlich klar oder durch Dritte klargemacht, dass ihr Lebensstil nicht mit der Erziehung und der Pflege eines Kindes zu vereinbaren ist. Gerade diese Frauen sind in der Ausübung ihrer Elternrolle zu unterstützen, damit sie und ihre Kinder frühzeitig Hilfe und Unterstützung bekommen.
Wir wissen aus Praxis und Frauenforschung, dass bei Frauen die Suchterkrankung sehr häufig mit Gewalterfahrung in Zusammenhang steht. Das bestätigen auch die Ergebnisse des Forschungsvorhabens von Frau Prof. Dr. Zenker, die ihre Forschungsarbeit später am Nachmittag im Detail vorstellen wird. Wir wissen, dass ein Großteil der suchtkranken Frauen aus einer Familie mit Suchtproblemen stammt. In der von Frau Prof. Dr. Zenker untersuchten Gruppe sind es sogar 64%. Und dies, obwohl die Frauen sehr unter der Familiensituation gelitten haben. Hinzu kommt, dass viele der betroffenen Frauen schon als Kind unter Ängsten, Depressionen und anderen psychischen Störungen litten.
Als weitere Ursache ist ein wenig ausgeprägtes Selbstwertgefühl bei Frauen zu nennen. Nach neuesten Forschungsergebnissen nennen 2/3 der abhängigen Frauen mangelnde Ich-Stärke und fehlende Durchsetzungsfähigkeit als Suchtursache.
Auch beim Thema Rauchen gibt es frauenspezifische Besonderheiten. In der Gruppe der Mädchen und jungen Frauen haben wir momentan die höchsten Zuwachsraten. Diese Entwicklung resultiert aus einer falsch verstandenen Emanzipation. Die Entwicklung ist umso besorgniserregender, als mittlerweile feststeht, dass Frauen ähnlich wie beim Alkohol weniger Zigaretten vertragen. Nach einer dänischen Langzeitstudie ist das Rauchen für Frauen weitaus gefährlicher als für Männer. Für Frauen birgt der Konsum von 3-5 Zigaretten pro Tag ein hohes Gesundheitsrisiko, welches sich bei Männern erst bei der doppelten Menge einstellt. Auch die durch Lungenkrebs verursachte Sterblichkeit ist bei den Frauen in Deutschland im Zeitraum von 1980 bis 1995 um 60% gestiegen, währenddessen sie bei Männern konstant blieb. Dies wird im Wesentlichen auf die Zunahme des Rauchens bei den Frauen zurückgeführt.
Wir können also festhalten, dass durchaus Besonderheiten weiblichen Suchtverhaltens in der Art der Sucht, dem Suchtverlauf und den Ursachen existieren, die mit den Lebensumständen und Erfahrungshintergründen von Frauen in Zusammenhang stehen und einer besonderen geschlechtsspezifischen Beratung und Behandlung bedürfen.
Die Bundesregierung ist sich bewusst, dass in dem übergeordneten Bereich Frauenspezifische Aspekte der Gesundheitspolitik Handlungsbedarf besteht. Erstmals hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im letzten Jahr einen Frauengesundheitsbericht erstellt. Er enthält Daten zur gesundheitlichen Situation von Frauen in der Bundesrepublik Deutschland und widmet sich in einem Artikel der Suchtmittelabhängigkeit. Der Bericht kommt u.a. zu dem Ergebnis, dass das Herzinfarktrisiko von Frauen bislang sehr unterschätzt wird, da Frauen andere Symptome als Männer zeigen, sowie dass die Krebsvorsorge z.T katastrophal ist. Um eine stärkere Verankerung frauenspezifischer Aspekte im Gesundheitssystem zu erreichen, hat die Gesundheitsministerin ein neues Referat Frauen und Gesundheit eingerichtet, das im Stabsbereich angesiedelt ist.
Eine weitere wichtige Maßnahme der Bundesregierung im Frauengesundheitsbereich stellt das dreijährige Projekt zum Aufbau einer Koordinierungsstelle Frauengesundheit dar, das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziell gefördert wird. Ziel des Projektes ist es, einerseits den Implementierungsprozess des Gender Mainstreaming im Gesundheitswesen anzustoßen und andererseits durch Vernetzung eine Förderung der autonomen Frauengesundheitsstrukturen zu bewirken. Dort sollen Informationsbroschüren erstellt, Fortbildungen für Ärzte und Ärztinnen organisiert und Lücken in der Forschung gesucht und dem Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung Vorschläge zu künftigen Forschungsbereichen unterbreitet werden.
Mir als Drogenbeauftragter der Bundesregierung liegt das Thema Frauen und Sucht sehr am Herzen. Zur Zeit erarbeiten wir eine übergreifende Gesamtstrategie in einem Aktionsplan Drogen und Sucht für den Umgang mit Suchtmitteln in unserer Gesellschaft. In dem Aktionsplan werden konkrete Zielsetzungen festgelegt, um das Gesundheitsbewusstsein zu verändern und den gesundheitsschädlichen Konsum und die damit verbundenen Folgen zu vermeiden oder zumindest zu reduzieren. Den Gedanken des Gender Mainstreamings habe ich als wichtiges Teilziel in die Eckpunkte des Aktionsplanes Drogen und Sucht aufgenommen.
Zum Themenbereich Frauen und Sucht wurden vom Bundesministerium für Gesundheit in den letzten Jahren vier Forschungsvorhaben finanziert. Die Forschungsvorhaben befassten sich mit den spezifischen Problemlagen abhängiger Frauen, mit weiblicher Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit, der Genese und Typologisierung von Abhängigkeitserkrankungen bei Frauen sowie mit dem Alkoholkonsum von Frauen in europäischen Ländern und haben uns wichtige Erkenntnisse gebracht.
Was benötigen wir für die Zukunft?
- Gerade im Bereich der Medikamentenabhängigkeit wissen wir noch viel zu wenig. Hier besteht Nachholbedarf seitens der Forschung. Dieses Thema liegt mir sehr am Herzen und ich werde mich nach wie vor dafür einsetzen, dass die Medikamentenabhängigkeit auch gesellschaftlich stärker thematisiert wird. Ärztinnen und Ärzte haben im Bereich der Medikamentenabhängigkeit eine große Verantwortung, handelt es sich nicht zuletzt meist um eine ärztlich verordnete Abhängigkeit. Hier sind Ärztinnen und Ärzte und auch Apothekerinnen und Apotheker beispielsweise durch Fortbildungen zu sensibilisieren.
- Bei den Drogenbeauftragten der Länder habe ich nachgefragt, welche Projekte in dem jeweiligen Bundesland gefördert werden, die speziell auf Frauen zugeschnitten sind. Ich musste feststellen, dass es einerseits sehr gute vom Land geförderte Frauensuchthilfeprojekte gibt, andererseits überraschte mich, dass frauenspezifische Projekte nicht in jedem Bundesland implementiert sind. Gerade in den neuen Bundesländern gibt es einen Nachholbedarf in diesem Bereich. Aus Thüringen wurde mir beispielsweise berichtet, dass ein Projekt aus finanziellen Gründen nicht fortgeführt werden konnte. Hier muss es darum gehen, die Ansätze und Impulse, die die Bedeutung der Geschlechtsspezifik berücksichtigen und den Bedürfnissen von suchtmittelabhängigen Frauen besser gerecht werden, weiter auszubauen.
- Ich habe bei den Drogenbeauftragten der Länder auch nachgefragt, ob spezielle Projekte für Kinder und Jugendliche aus Suchtfamilien gefördert werden. Leider gibt es solche Initiativen nur sehr vereinzelt. Positiv ist das Land Nordrhein-Westfalen mit 5 Projekten, die speziell auf Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Lebensgemeinschaften zugeschnitten sind, aufgefallen. Die Projekte widmen sich u.a. der Primärprävention bei 3- bis 6-jährigen Kindern aus suchtbelasteten Lebensgemeinschaften und der Früherkennung und Frühintervention bei Kindern drogenkranker Eltern. Die Projekte beinhalten beispielsweise Beratungen für Eltern, Multiplikatorenschulungen für Erzieher und Lehrer, Kooperationsangebote mit ortsansässigen Kinderärzten und Gruppenangebote für Kinder und Jugendliche. Die Evaluierung der Projekte erfolgt durch Herrn Prof. Dr. Klein, Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen, und wird im Rahmen eines Forschungsprojekts vom Bundesministerium für Gesundheit finanziert. Negativ fiel auf, dass der bayerischen Landesregierung Projekte, die speziell auf Kinder und Jugendliche aus suchtkranken Familien ausgerichtet sind, nicht bekannt sind, obwohl in Nürnberg mit Liliput Beratung für Mutter und Kind ein sehr gutes Projekt existiert. Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebenssituation und die Entwicklungschancen von Kindern drogenkonsumierender, ehemals drogenkonsumierender und substituierter Frauen zu verbessern. Ich halte es für dringend notwendig, ähnliche wie die bereits bestehenden wenigen Projekte in den übrigen Bundesländern ins Leben zu rufen. Denn hier kann ein bedeutender Anteil präventiver Arbeit geleistet werden.
- Es ist nicht zu akzeptieren, dass suchtkranke Mütter sich in keine adäquate Behandlung begeben können, weil sie ihre Kinder nicht untergebracht wissen. Das gilt nicht nur für längere Entwöhnungsbehandlungen sondern auch für Entgiftungen, für einzelne Therapiesitzungen, für den Besuch von Selbsthilfegruppen. Auch hier besteht ein großer Handlungsbedarf. Aus dem Wissen heraus, dass Kinder aus suchtbelasteten Familien eine Risikogruppe darstellen, könnte hier bereits über die bloße Betreuung hinausgehend therapeutisch angesetzt werden. Die Kinder sind bewusst in die Aufarbeitung der Problematik einzubeziehen. Man könnte dieses Ziel in Kinder- und Jugendgruppen oder durch Einzelbetreuungen umsetzen. Im stationären Bereich wird dies bereits in einigen wenigen Therapieeinrichtungen berücksichtigt. Mit Anerkennung nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz wird die begleitende Unterstützung der Kinder in den Regelsystemen wie Kindergärten und Schulen sichergestellt. Auch eine kinderpsychologische Betreuung erfolgt dort teilweise. Leider wurde mir aus der Praxis berichtet, dass es immer wieder Schwierigkeiten bei der Finanzierung des Aufenthaltes der Kinder gäbe.
- Die Selbsthilfe ist ein wesentlicher Bestandteil zur Stabilisierung einer zufriedenen Abstinenz. Der Selbsthilfe wird jedoch zu Recht vorgeworfen, sie wäre überaltert und hauptsächlich ein Angebot für Männer - insbesondere männliche Alkoholkranke - in der Altersstufe zwischen 40 und 50 Jahren. Deshalb muss meines Erachtens die Selbsthilfe so qualifiziert werden, dass sie durch spezielle Angebote auch für Frauen attraktiv wird, denn dies hilft zum dauerhaften Erfolg.
- Die in der Praxis tätigen Frauen haben meist weder Zeit noch Ressourcen, ihre Arbeit von sich aus bekannt zu machen. Ich begrüße Initiativen der Vernetzung, wie der bereits vorgestellte Qualitätszirkel FrauenSuchtArbeit des FDR, der sich den Bereich des Qualitätsmanagements gewidmet hat, und Arbeitskreise oder Arbeitszirkel zum Thema Frauen und Sucht, wo sich Mitarbeiterinnen der Sucht- und Drogenberatungsstellen sowie der Kliniken regelmäßig treffen. Ich wünsche mir für die Zukunft eine Vielzahl solcher Projekte auf Länder- und Kommunalebene, weil die Vernetzung von bestehenden Initiativen sehr wichtig ist.
Die Notwendigkeit von frauenspezifischen Angeboten in der Suchthilfe muss weiterhin - auch in Zeiten leerer Kassen - gesehen werden! Es bedarf durchaus eines Ausbaus der bestehenden Angebote!
Ich hoffe, dass der Kongress dazu beitragen kann, dass wichtige Impulse in die Praxis fließen und die Vernetzung bestehender Initiativen vorangetrieben wird.
Ich freue mich auf das vielfältige Programm des Kongresses und wünsche Ihnen viel Spaß!
Grüße
Stefan
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