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In Deutschland kritisiert – in Italien geehrt Teil 1 (Allgemein)

Pack, Tuesday, 12.05.2026, 16:19 (vor 3 Stunden, 50 Minuten)

"Nius"-Geldgeber mit Milliardenprojekt
In Deutschland kritisiert – in Italien geehrt

Ehrung im Dogenpalast statt Kritik in Deutschland: "Nius"-Finanzier Frank Gotthardt wird in Venedig für ein Projekt geehrt, das auch sein altes Unternehmen in die Zukunft führen soll.

Eigentlich sind es gute Nachrichten für Frank Gotthardt. Während es in Deutschland in der Öffentlichkeit vor allem Kritik gibt, ist er in Venedig geehrt worden und steht als Hoffnungsträger da. Der viele Hundert Millionen Euro schwere Unternehmer und das von ihm gegründete Unternehmen CompuGroup Medical Group (CGM) wollen aber nicht über Gotthardts Geschäfte in der Lagunenstadt reden. Es geht dort um einen dreistelligen Millionenbetrag für ein europäisches Kompetenzzentrum zu KI-Einsatz bei Gesundheitsdaten.

Die öffentliche Zurückhaltung liegt vielleicht auch daran, dass Gotthardt in Deutschland zuletzt weniger mit seinem Lebenswerk verbunden wird als mit seinem Engagement der jüngeren Zeit. Mit vielen Millionen hat er das Krawallportal "Nius" um den früheren "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt aus der Taufe gehoben und hält es am Leben.

Als es dann schlechte Nachrichten zu Praxissoftware von der CGM gab, titelte die "FAZ" etwa: "Die Ärzte laufen Nius-Finanzier Frank Gotthardt davon". Hunderte Praxen im Quartal waren nach Zahlen des Kassenärztlichen Bundesverbands gewechselt zu anderen Anbietern, weil das Produkt der Compugroup im Ruf stehe, rückständig zu sein. Und einzelne Ärzte teilten öffentlich mit, dass "Nius" Anlass sei, sich nach Alternativen umzusehen.

Gelände war Vorzeigeklinik
Gotthardt steht nicht mehr an vorderster Stelle bei dem Softwarekonzern, der Programme für Arztpraxen, Apotheken und Krankenhäuser bereitstellt und elektronische Gesundheitsakten anbietet. Ende 2020 hat er den CEO-Posten aufgegeben und ist seitdem Vorsitzender des Verwaltungsrats der CGM.

Die Familie hält aber auch nach dem Einstieg des Investors CVC im Jahr 2024 die Mehrheit. Gotthardts Sohn Daniel ist inzwischen CEO, der dritte an der Spitze seit dem Abgang von Frank Gotthardt. Der Gründer strickt zugleich im Hintergrund weiter an der Zukunft des Unternehmens – in Venedig auf seine Rechnung und gemeinsam mit dem Bürgermeister.

Ein "Lost Place" führt beide maßgeblich zusammen: ein verlassenes Klinikgelände auf der Insel Lido, das von der Bedeutung Venedigs kündete. Es ist ein sechs Hektar großes Areal, das zum identitätsprägenden Erbe der Stadt gehört: Das "Ospedale al Mare" mit Strandzugang galt lange als eines der innovativsten Gesundheitszentren weltweit. 2003 wurde es aufgegeben. Künftig soll es wieder für Innovation stehen.

Der geplante Mare Technopark auf dem Gelände steht für Hoffnung – bei der Compugroup und in Venedig. Und Gotthardt ist es, der das Projekt ersonnen hat und vorantreibt. Von einem europäischen "Silicon Valley" ist die Rede, einem der größten privat finanzierten Gesundheitsprojekte Europas – finanziert zunächst einmal von ihm selbst.

Zur Ehrung schnell eingeflogen
Er sei ein "visionärer Unternehmer, der zunächst den Lido und Venedig liebgewonnen und dann entschieden hat, hier zu investieren", sagte Venedigs Bürgermeister, als er Gotthardt ehrte. Sein Projekt, das Ospedale neu zu beleben, werde Arbeitsplätze und hohe Fachkompetenz bringen. "Eine wirklich verdiente Anerkennung" sei der "Premio speciale speciale", der Sonder-Ehrenpreis für Gotthardt.

Im größten Saal des Dogenpalastes begann die Ehrung am Tag des Stadtpatrons, des heiligen Markus, am 25. April, um 16 Uhr. Von Gotthardt (75) und dem Bürgermeister (64) gibt es diverse Fotos mit der Übergabe eines Löwen. Nur auf dem Gruppenbild aller Geehrten findet man Gotthardt nicht. Der Business-Jet Pilatus PC-24, mit dem der Deutsche reist, war um 17.52 Uhr, drei Stunden und drei Minuten nach der Ankunft in Venedig, wieder nach Deutschland gestartet.

Gotthardt gondelt häufiger zwischen Deutschland und Venedig. Die regionale Tageszeitung "Il Gazzettino" nannte den Deutschen 2022 "einen der treuesten Kunden des Flughafens Giovanni Nicelli", wo er durchschnittlich mindestens zweimal im Monat mit seinem Privatflugzeug lande. Manchmal lädt Gotthardt aber auch befreundete Unternehmer zu Fahrten in seinen Oldtimern nach Venedig.

Von einer prächtigen Villa auf dem Lido, in der Gotthardt laut der Zeitung in Venedig lebt, hat er unverbaubaren Blick auf den Markusturm und den Dogenpalast. Die Zeitung berichtete auch, dass sich Gotthardt ein hochklassiges Restaurant in Venedig gekauft habe – ganz wie in Koblenz, wo er sich in seinem mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichneten "Gotthardt's" bewirten lässt. Im Gespräch mit der Zeitung "Il Gazzetino" erzählte er von seiner Liebe für Venedig: "Der Lido von Venedig ist ein wunderbarer Ort, an dem ich selbst einen Großteil des Jahres verbringe. Deshalb sehe ich regelmäßig mit eigenen Augen die Schönheit, die Lebensqualität und auch das Potenzial der gesamten Insel."

Lobend hob Gotthardt in der Zeitung hervor: "Im Vergleich zu anderen Großprojekten, an denen ich mitgearbeitet habe, hat die Stadt Venedig eine äußerst kompetente, sorgfältige und termingerechte Vorgehensweise an den Tag gelegt." Dabei kann er den Bürgermeister von Venedig, Luigi Brugnaro, zu seinen Unterstützern zählen.

Brugnaro ist schwerreicher Unternehmer wie Gotthardt, beide engagierten sich in Wirtschaftsverbänden, beide besitzen sogar Sportteams: Gotthardt den Eishockeyclub Kölner Haie, Brugnaro das Basketball-Team Reyer Venezia Mestre. Während der parteilose Gotthardt die CDU unterstützte und sagt, dass "Nius" einen Gegenpol zu der "nach links gedrifteten" Mitte bilden soll, steht der Bürgermeister für Mitte-Rechts-Bündnisse und hat eine eigene Partei gegründet. "Berlusconi von Venedig" oder "Lagunen-Trump" wird er laut "NZZ" in Venedig genannt.

Und Brugnaro versucht seit seiner Wahl 2015, das verfallende ikonische Klinikgelände möglichst glanzvoll wiederzubeleben, beklagte dabei Bedenken und Widerstände von Denkmal- und Naturschützern. Im September scheidet er aus dem Amt aus, während er als einer von mehreren Verdächtigen in einem Korruptionsverfahren um Immobilien geführt wird.

Gelände für mehr als 24 Millionen Euro erworben
Auf das Thema wird er nicht gerne angesprochen: "Sie sind der Abschaum Italiens", sagte er im April 2023 einem Reporter der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt RAI. Es war bei einem Termin, bei dem Frank Gotthardt neben dem Bürgermeister saß: Die Idee des Mare Technoparks war gerade vorgestellt worden. Projektionen wurden an die Wand geworfen und es entstand ein Foto vom innigen Händeschütteln.

In Deutschland kritisiert – in Italien geehrt Teil 2

Pack, Tuesday, 12.05.2026, 16:21 (vor 3 Stunden, 48 Minuten) @ Pack

Im Jahr 2024 schlug Gotthardt zu: Er kaufte das Klinikgelände zu weiten Teilen. Verkäufer war die Cassa Depositi e Prestiti, ein Kreditinstitut überwiegend in staatlicher Hand, das hauptsächlich Vorhaben von öffentlichem Interesse finanziert. Käufer war die GT3 Lido Immobilare SRL, das Stammkapital von einer Million Euro bei der Gründung 2022 kam komplett von der Koblenzer GT3 Software und Beteiligung GmbH. Das ist ein Unternehmen, dessen einziger Gesellschafter Gotthardt ist. Die Schwestergesellschaft GT4 Software und Beteiligung GmbH finanziert die Gesellschaft Vius hinter "Nius".

In italienischen Medienberichten findet sich ein Kaufpreis von gut 24 Millionen Euro für das verlassene Klinikgelände mit seinen 29 Gebäuden. Dazu passen Zahlen im Jahresabschluss der GT3 Lido Immobilare SRL. Das Vermögen an Sachanlagen steigt von 3,1 auf 29,5 Millionen Euro. Es gibt keine Auskunft, ob auch Restaurant oder Villa in Venedig von der Gesellschaft gekauft wurden.

Ex-Minister leitet für Gotthardt das Projekt
Wenn es um das Projekt des KI-Zentrums für die Gesundheitsbranche in der früheren Vorzeigeklinik geht, tritt der Name der Lido-Immobilienfirma in den Hintergrund: Das Projekt tritt unter dem Namen Mare auf, im Impressum von mare.health steht die Lido-Immobilienfirma. "Managing Director" des "Mare Technologieparks" ist der Österreicher Gernot Blümel. Er war Finanzminister unter dem früheren österreichischen Kanzler und Reichelt Duz-Freund Sebastian Kurz – es ist nicht die einzige Verbindung zwischen dem Gotthardt-Imperium und dem Clan des Ex-Kanzlers.

Blümel ist Geschäftsführer einer weiteren Tochter der Koblenzer GT3, der GT3 Wien Management GmbH. Im Dezember 2025 hat ihn Gotthardt zum Vorsitzenden des Verwaltungsrats der GT3 Lido Immobilare SRL gemacht.

Wenige Tage vorher hatte das Projekt Mare eine entscheidende Hürde genommen: Mit der Zustimmung des örtlichen Gremiums zum städtebaulichen Durchführungsplan kann die Fläche nun statt "rein gesundheitlich" auch gemischt für Forschungs-, Wohn- und Dienstleistungszwecke genutzt werden. Konkrete Bauanträge können gestellt werden, der Baubeginn steht bevor. Eigentlich war der auch schon fürs erste Quartal angekündigt. Wann es nun losgehen soll: Die Pressestelle der Compugroup will nach Rücksprache mit Gotthardt und Blümel nicht antworten.

Damit bleibt auch unkommentiert, wie viel Gotthardt jetzt in den Umbau steckt: 110 Millionen Euro, heißt es in italienischen Medien. Dazu sollen ebenfalls mehr als 100 Millionen von den Nutzern kommen.

Compugroup bringt als Partner Gesundheitsdaten mit
Und da kommt der Konzern ins Spiel: Die Compugroup wird der Ankermieter in dem Areal. Von 900 Menschen, die hier am Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen forschen und entwickeln sollen, sollen 100 von der Compugroup kommen. Sie soll aber auch Magnet für Wissenschaft und Start-ups sein, weil sie einen großen Schatz hat: Gesundheitsdaten aus ihrem Geschäft, Trainingsdaten, auf die KI so angewiesen ist. Die Compugroup bringt sie in die Partnerschaft ein, heißt es bei Mare.

Bei der Compugroup läuft der Aufbau eines Data Lakes, eines Gesundheitsdatenraums. Daten müssen dabei so aufbereitet werden, dass sie aus verschiedensten Praxis- und Kliniksystemen verknüpft werden können – Laborwerte oder Diagnoseschlüssel genauso wie MRT-Scans oder Arztbriefe. Zugleich müssen sie so aufbereitet werden, dass Forscher damit arbeiten können und zugleich die Identität der Patienten geschützt bleibt. Forschen damit werden wohl auch Wissenschaftler von Venedigs Universität Ca’ Foscari, die neben der Stadt Venedig Partner des Projekts ist.

Mare-Projektleiter Blümel warnt davor, KI-Einsatz im Gesundheitsbereich vor allem als Risiko zu sehen: Aufwendige Schutzmechanismen würden zwar zu Recht aufgebaut. Die Kosten einer Nichtnutzung von KI würden aber gesellschaftlich zu wenig diskutiert. Kein Patient könne klagen, wenn Diagnosen durch Nichtnutzung von KI nicht erstellt würden. Man baue auch keinen Technikpark, um Ärzte durch KI zu ersetzen. Man baue einen, "der erforscht, wie KI Ärzte besser macht. Nicht KI statt Mensch. KI mit Mensch."


Compugroup wirbt bereits mit Mare
Die Compugroup hat nach Unternehmensangaben eine "Mare AI Engine" entwickelt, die als Trainings- und Validierungszentrum für KI-Modelle dient. Die Technik soll ermöglichen, Muster zwischen Symptomen, Behandlungen und Heilungsverläufen zu erkennen und Algorithmen zu entwickeln, die Krankheiten vorhersagen können, bevor sie ausbrechen.

Es ist auch das Credo, das Gotthardt verkündet: Wo früher in Venedig in der Klinik Tausenden Menschen geholfen wurde, soll künftig Hilfe für Millionen herkommen. Die Compugroup selbst ist Ende April bei der DMEA, Europas führender Veranstaltung für Digital Health, erstmals mit der Marke CGM Mare aufgetreten. Grundlagen dazu schafft bislang offenbar unter anderem die Compugroup-Tochter Docmetric in Berlin.

Die Compugroup-Pressestelle macht keine Angaben, ob für den Aufbau des Standorts in Venedig Mitarbeiter von anderen Standorten nach Venedig wechseln sollen. Gotthardts Mare hat in allen Plänen angekündigt, dass auf dem Gelände 900 Menschen arbeiten sollen und Wohnmöglichkeit für 600 Beschäftigte bestehen soll. Auch eine Kantine und eine Kita sind angedacht.

Und auch die Venezianer sollen von ihrem alten "Ospedale al Mare" noch etwas haben: Eine Kirche und ein Theater auf dem Gelände sollen erhalten bleiben und an einigen Tagen im Jahr auf dem ansonsten abgeriegelten Gelände öffentlich zugänglich sein.
https:/ /www.t-online.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/id_101246008/nius-geldgeber-frank-gotthardt-investiert-millionen-in-venedig.html

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