Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Feminismus und Neoliberalismus

Cardillac, Monday, 07.02.2011, 20:16 (vor 5457 Tagen)

Die Verbreitung des Feminismus über alle westlich orientierten, hoch entwickelten Gesellschaften ließ mich schon öfter die Frage nach der Beschreibung des Feminismus als historische Gestalt stellen. Im Hegelschen Sinne ist das Wirkliche stets vernünftig, weil es Durchgangsstadium der geschichtlichen Bewegung des Weltgeistes zu einer höheren Wahrheit ist. Den Gedanken dieses großen preußischen Staatsphilosophen folgend sollten wir fragen, inwiefern, trotz aller Widerwärtigkeiten staatsfeministischer Praxis, der Feminismus ein notwendiges (und nicht etwa zufälliges) Element moderner Gesellschaften ist.

Bei allem Hass auf den Feminismus kann es trotzdem nicht falsch sein, ihn rational zu erklären. Im folgenden setzt sich Frigga Haug mit den Thesen von Nancy Fraser über die Etappen des Feminismus auseinander. Lehrreich, wie ich meine, aber langer Text. Wer alles lesen will:

http://www.linksnet.de/de/artikel/24766

Hier ein für mich sehr interessanter Auszug:

Frasers nächste Etappe ist die Entwicklung des Feminismus im dramatisch veränderten gesellschaftlichen Kontext des aufkommenden Neoliberalismus. Die außergewöhnlichen Erfolge der Bewegung hatten hier ihre Grundlage ebenso wie die erstaunliche Konvergenz mit dem postfordistischen, desorganisierten, transnationalen >neuen Geist des Kapitalismus« (Boltanski/Chiapello). Im Ganzen erwies sich das bisherige feministische Projekt als Totgeburt. Was man damals nicht verstand, war, dass der Aufschwung des Feminismus mit der historischen Verschiebung vom Staatskapitalismus zum neoliberalen Projekt zusammenfiel. Politik sollte nicht mehr den Markt zähmen, sondern umgekehrt; an die Stelle von staatlichem Dirigismus trat Privatisierung und Deregulierung, gesellschaftliche Vorsorge musste persönlicher Verantwortung Platz machen, der Wohlfahrtsstaat dem schlanken bösen Wettbewerbsstaat weichen. Jetzt wurde Feminismus von einer gegenkulturellen Bewegung zu einem breiten Massenphänomen und drang in jede Pore des gesellschaftlichen Lebens ein. Mit der Erweiterung der Zahl der Aktivistinnen veränderte sich so das Bild von Familie, Arbeit und Menschenwürde.

Fraser hält fest: Feministische Ziele wurden umgedeutet, >resignifiziert«, wie Judith Butler dies ausdrückt. So konnte sich Staatskritik mit Marktbefürwortung unheilvoll verbinden. Auch die Kritiken am Ökonomismus, am Androzentrismus, an der Nation erhielten eine andere Valenz. Konkret: aus der Kritik am fehlenden Kulturellen wurde ein antiökonomischer Kulturalismus. In einem Moment, da sich die politische Ökonomie radikal veränderte, gingen Feministinnen mit ihrer Kulturkritik >eine gefährliche Liaison mit dem Neoliberalismus« ein, wie Hester Eisenstein (zit.n. Fraser, 109) gesagt hat. In ähnlicher Weise wurde der Anti-Androzentrismus zum Schmieröl für die Ziele des veränderten Kapitalismus. In dieser Weise vermischte sich auch die Kritik am Androzentrismus, an Bürokratie und Langeweile mit der >Romantik« von Teamwork, flacher Hierarchie, flexiblen Netzwerken, Kreativität. So wurden die Nachwachsenden mit der Akkumulation um ihrer selbst willen versöhnt. Der neue Geist des Kapitalismus betrat im Gewand der Kapitalismuskritik die Bühne mit den neuen Unternehmen vom Silicon Valley-Typ und dem Ethos von Google.

Fraser kritisiert die Geschlechtsblindheit im Konzept von Boltanksi und Chiapello und hält dagegen: Der neue Geist des Kapitalismus setzt auf das männlich freie Individuum, aber zum Neoliberalismus gehören auch Walmart, die Maquiladoras und der Kleinkredit, die weiblichen Bereiche. Der Einzug der Frauen in alle diese unteren Bereiche der Erwerbsarbeit hat den Familienlohn ein für allemal zersetzt und an seine Stelle die Doppel-Verdiener-Familie gesetzt. Die Folgen: Lohnsenkung, unsichere Arbeitsplätze, sinkendes Lebensniveau, verlängerte Arbeitszeiten, Zwei- bis Mehrschichten und weibliche Haushaltsvorstände werden als weiblicher Aufstieg und Geschlechtergerechtigkeit verkauft.

Zum neoliberalen Erfolg hat die feministische Kritik am Familienlohn beigetragen. Sie war attraktiv für beide: die Gewinnerinnen, die die gläserne Decke durchstoßen wollten und für die vielen Niedriglohn- und prekär Beschäftigten, die Teilzeitarbeitenden, Hausangestellten, Prostituierten – sie alle sahen ihre Vorstellungen von Verbesserung und Befreiung von traditionalen Autoritäten darin aufgehoben. >An beiden Enden ist der Traum von Frauenemanzipation an die Maschine kapitalistischer Akkumulation geschmiedet.« (110f) Ähnlich begleitete auch der feministische Anti-Etatismus den Abbau des Wohlfahrtstaates wie auch die NGOs den Abbau von öffentlichen Diensten. Deren Bauweise verbindet geschickt individuelle Selbsthilfe mit Netzwerkarbeit. Zusammen mit den Marktmechanismen trugen sie nicht zum Abbau weiblicher Armut und Unterwerfung bei, sondern zum sprunghaften Anstieg weiblicher Verschuldung durch Kleinkredite. Aus der Selbstermächtigung wurde eine Legitimierung allseitiger Vermarktung. Eine allgemeine Depolitisierung war die Folge.

Die Indienstnahme neuer Kommunikationstechnologie wurde Grundlage für einen transnationalen Protest. Aber in dieser Weise richtete er sich eher auf Skandale um sexuelle Gewalt weltweit und verließ die Schauplätze lokaler weiblicher Armut. Anerkennung ging vor Umverteilung. Englischsprachige Eliten übernahmen das feministische Ruder. Ähnliches galt für die EU in Abwesenheit lokaler Frauenbewegung. Der >neue Kapitalismus« errichtete sein Regime auf weiblicher Erwerbsarbeit und löste zugleich die Märkte aus der gesellschaftlichen Regulation, um global desto freier zu agieren.

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