Gleichberechtigung Gleichstellung Bevorteilung
Sehr guter Kommentar zu einem grottenschlechten Artikel auf Telepolis:
Diskriminierung, Gleichberechtigung, Gleichstellung und Bevorteilung Der Abschied, der_abschied@web.de (297 Beiträge seit 23.02.10) Selten haben ich so einen schlechten Artikel gelesen. Im wesentlichen verwendet er die Begriffe Gleichberechtigung (von Frauen) mit Gleichstellung (von Frauen) synonym und meint, aus angeblich fehlender Gleichstellung (von Frauen) folgt ihre Diskriminierung. Gleichberechtigung und Gleichstellung sind jedoch grundverschiedene Dinge und der so getroffene Schluss auf Diskrmininierung hat schon gar nicht hin.
Um das zu verstehen, muss man die geschichtliche Entwicklung betrachten. Bis vor wenigen Jahrzehnten existierten viele geschlechterspezifischen Gesetze und Regelungen, die Frauen ihre Rechte als Menschen entzogen. Sie hatten nicht die gleichen Rechte wie Männer. Sie waren nicht gleich_berechtigt_.
Hauptgrund war eine christlich-konservative Kultur*, die wegen eines Buches, das vor etwas weniger als zweitausend Jahren von Menschen geschrieben wurde, meinte, Männer hätten laut göttlichem Auftrag (obwohl das Buch von Menschen geschrieben wurde, galt es als das Wort "Gottes") das Bestimmungsrecht über Frauen. Dabei hatten Frauen auch Privilegien, über die Männer auf Grund ihres Geschlechts nicht verfügen konnten (mehr dazu weiter unten).
Der Feminismus hat mit der Ungleichberechtigung gründlich aufgeräumt. Gesetze und Regelungen, die Frauen allein auf Grund ihres Geschlechts benachteiligen, sind nahezu allesamt ausgeräumt worden. Es herrscht also Gleichberechtigung.
Damit hatte der Feminismus sein Ziel erreicht und hätte sich feierlich unter Würdigung seiner beachtlichen Errungenschaften als Sieger zur Ruhe setzen können. Das wäre ein würdiger Abgang gewesen und man soll aufhören, wenn es am schönsten ist.
Doch eine auf Kampf gedrillte Armee kann nicht mehr zivil eingegliedert werden und muss allein um ihrer selbst Willen neue Schlachtfelder eröffnen. Im Postfeminismus kristallisierten sich zwei heraus. Gewalt gegen Frauen und die Sache mit der Gleichstellung.
Das Schlachtfeld der Gewalt unterteilte sich in zwei Kampffelder: (teils auch sexuelle) Gewalt gegen Frauen in partnerschaftlichen Beziehungen und in die Missbrauchshysterie. Beide Felder fanden übrigens regen Anklang ausgerechnet bei den christlich-Konservativen, die Gewalt gegen Frauen eigentlich als gottgegeben und Sex mit Kindern lediglich als "Unzucht" sehen. Eine sehr seltsame Allianz.
Dann bleibt noch das Schlachtfeld der Gleichstellung. Nachdem Frauen nun gleich_berechtigt_ sind, fordern die Postfeministinnen nun die _Gleichstellung_ der Frau. Der Begriff ist sehr intelligent gewählt. Wer wäre nicht gegen Gleich_berechtigung_ und Gleich_stellung_ ist im Postfeminismus für den notorisch uninformierten Bürger das Gleiche wie Gleichberechtigung.
Pars pro toto wird aufgeführt, dass Frauen in Vorstandsetagen und Parteispitzen deutlich unterrepräsentieert sind. Im gleichen Sinn (pars pro toto) wird aufgeführt, dass Frauen im Schnitt weniger verdienen als Männer. Manche gehen sogar so weit, dass sie behaupten, dass Frauen bei _gleicher_Qualifikation_ weniger verdienen als Männer.
All das klingt zunächst einleuchtend. Nur hat das mit Gelichberechtigung nichts zu tun. Es gibt kein Gesetz und keine privatwirtschaftliche Regelung, dass Frauen nicht in den Vorstand dürfen. Es gibt kein Gesetz und keine Regelung, dass Frauen weniger zu verdienen hätten. Gleichberechtigung ist heute (in westlichen Ländern) fast hergestellt, nur muss man sich Gedanken über Gleichstellung angesichts der Zahlen machen.
Wenn also ein Artikel wie dieser Gleichstellung und Gleichberechtigung mutwillig durcheinander würfelt, dann hat der Autor den Unterschied nicht im Geringsten verstanden und reagiert reflexhaft nur auf politische Kampfbegriffe, die er ohne Nachzudenken nahezu triebhaft repetiert.
Die Frage nach der Gleich_stellung_ der Frau ist außerordentlich komplex. zunächst steht da die Frage, warum es überhaupt erstrebenswert sein soll, in Aufsichtsräten zu sitzen. Nach meiner Ansicht ist jeder Aufsichtsrat und nahezu jeder Politiker ethisch gesehen Verbrecher. Nun gut, ein hoch bezahlter Verbrecher. Ist es das, wonach die Postfeministinnen streben? Sie wollen genauso hochbezahlt werden und vergessen, dass das Gehalt und die Boni eigentlich ein Schweigegeld darstellen?
Provokativ will ich einmal - gemäß Feminismus - behaupten, dass Frauen die besseren Menschen sind. Dann würden sie solche abscheulichen Stellungen wohlgerade meiden. Der Postfeminismus will sie per Quote gerade dort installieren. Nicht aus Überzeugung, dass Frauen angeblich die bessere Welt schaffen, sondern weil man am gleichen christlich-konservativen Honigtopf mitschlecken will.
Gegen die Gleichstellung beider Geschlechter, wenn sie den gleich sind (ein Axiom feministischer Theorie ist, dass beide Geschlechter gleich seien) ist sogar nicht einmal etwas einzuwenden. Aber dann machen wir einmal Gleichstellung ganz richtig. Wir brauchen eine Frauenquote in den Bergwerken, damit genauso viele Kumpelinnen wie Kumpels verschüttet werden. Der Postfeminismus hat dafür gekämpft, dass Frauen in die Bundeswehr _dürfen_ (als ob das erstrebenswert wäre). Er hat nicht dafür gekämpft, dass Frauen in die Wehrpflicht genommen werden _müssen_. Er hat nicht dafür gekämpft, dass Frauen auch an die Front _müssen_. An der Front sterben prozentual mehr Männer als Frauen in Aufsichträten sitzen. Wo ist da die Gleichstellung?
Die überwiegende Mehrheit der Gewaltopfer sind Männer. Wie wollen wir eine Gleichstellung erreichen? Sollen Raubüberfälle auf Frauen legalisiert werden, damit beide Geschlechter gleich gestellt sind?
Wie ist das mit dem christlich dominierten Familienrecht? Nach christlicher Auffassung gehört die Frau an Heim und Herd und die männliche Drohne hat das Geld herbeizuschaffen. Allein das Urteil, das _nicht_verheirateten_ Männern (die zur Zahlung verplfichtet sind) immerhin ein _eingeschränktes_ Umgangsrecht (in den Urteilen heißt es dann, dass dem Mann ein Umgangs"recht" typischerweise alle _zwei_Wochen_ ein Wochenende zugesprochen wird obwohl es eine Einschränkung ist) gewährleistet hat die sonst so auf Gleichstellung pochenden Postfeministinnen auf die Palme gebracht**. Der Postfeminismus schafft es sogar, dass die 90 Prozent der Frauen, die sich mittels erzkonservativer Rachtsprechung der Väter entledigt haben, als "bedauernswerte" Alleinerziehende darzustellen.
Hier schließt sich nun der Kreis. Frauen waren einst diskriminiert und nicht gleichberechtigt. Sie genossen aber auch in der biblisch verordneten Gesellschaft Privilegien. Nach der mittlerweile vollzogenen Gleichberechtigung der Frau konzentriert sich der Postfeminismus darauf, die genossenen erzkonservativen Privilegien der Frau unangetastet zu lassen aber gleichzeitig Frauen zu bevorteilen.
Frauen sollen sich die Rosinen aus dem faulen Brot picken, das faule Brot zu essen bleibt den Männern überlassen. Der Postfeminismus kümmert sich nicht darum, dass eine Gesellschaft gerecht wird, so dass niemand mehr das faule Brot essen muss. Das braucht er ja auch nicht.
Denn für das faule Brot hat der Postfeminismus ja die Männer, die das fressen sollen.
Ich bin von der ethischen Integrität des Postfeminismus völlig überzeugt [**triefender Sarkamus**].
* Heute beschwören viele konservative Politiker die christlichen Wurzeln unserer Kultur. An ihrer Stelle würde ich eher die Klappe halten, weil diese Kultur sich gerade durch Mord, Folter und Unterdrückung ausgezeichnet hat
** Das Thema ist außerordentlich komplex. Ich werde eines Tages noch etwas mehr darüber schreiben. Ich will schon jetzt versprechen, dass das ein vernichtender Beitrag wird. Noch vor meinem wirklichen Abschied
Ph