Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Bettgeschichte

Hausmeister, Sunday, 17.10.2010, 23:39 (vor 5567 Tagen)

Ich bin gern hier. Schon, weil ich gern gut esse. Aber das Haus hat noch anderer Reize zu bieten. Es ist ein großes Theater, in dem jeder seine Rolle zu spielen versucht. Ab einer gewissen Kategorie von Restaurants kann sich niemand mehr wie zu Hause fühlen. Also gibt jeder sein Stück. Manch einer spielt den Mann von Welt oder die elegante Dame. Manch einer fällt aus der Rolle. Ich genieße jede Vorstellung. Heute haben die beiden am Nebentisch meine Aufmerksamkeit gefesselt.

Man sieht ihnen an, dass sie das erste Mal hier sind. Natürlich ist die Kleidung tadellos, er im Sakko, sie im Abendkleid. Auf die Garderobe achtet schon der Zerberus am Eingang. Ich tippe auf ein Lehrerehepaar. Nobles Essen zur Feier eines Hochzeitstages mit anschließendem Kulturerlebnis. Er gibt den Mann von Welt, dies wohl weniger, um zu protzen, sondern mehr um seiner Frau einen Gefallen zu tun. Doch bei der Bestellung offenbart sich der versierte Kenner hausgemachter Küche. Großes Bier, Steak mit Pommes. Steak schön durch. Kurz, knapp und reichlich zum satt werden.

Die schöne Lehrerin studiert die Karte genüsslich und spendiert dem Kellner eines ihrer reizendsten Lächeln. Frauen sollten das viel öfter tun. Das ist ihre Art der Weltverbesserung. Klebrig verstreichen die Minuten. Der Kellner verharrt wie festgeleimt am Tisch, während die Karte immer wieder von zarter Hand von vorn bis nach hinten geblättert wird.

„Ich bin etwas unentschlossen!", lässt sich die Schöne vernehmen. Frauen lieben es, das Offensichtliche auszusprechen, vermutlich, weil sie ihren Zuhörern die Anstrengungen des Mitdenkens ersparen möchten. Die Zeit rinnt, das tut sie immer, aber hier rinnt sich gänzlich ereignislos vor sich. Der Kellner harrt mit erwartungsfrohem Blick der Bestellung. Ausgezeichnetes Personal hier. An solchen Details merkt man das.

„Vielleicht probiere ich den Chefsalat?". Sofort erwacht der Gastro-Knecht aus seiner Erwartungsstarre und repetiert folgsam die Bestellung. Doch es folgen Regieanweisungen, die unbedingt zu befolgen sind. „Ohne die Gurken, bitte. Und den Rotkohl können Sie auch weglassen. Dafür hätte ich dann gerne Sellerie. Steht zwar nicht auf der Karte, aber das lässt sich doch sicher irgendwie machen? Die Tomaten machen Sie bitte auf einen Extrateller. Einen kleinen, bitte. Die Tomaten suppen immer so. Der ganze Salat schwimmt dann. Also auf einen Extrateller. Aber bitte ordentlich salzen und pfeffern. Pfeffer aber bitte nur den grünen. Schwarzer Pfeffer ist so ordinär. Ich sehe gerade, da ist noch Dressing dabei. Das können Sie weglassen. Oder bringen Sie es auch extra, ich überlege dann, ob ich es vielleicht doch nehme."

Der Kellner muss eine fantastische Ausbildung genossen haben, Steno war auf jeden Fall dabei. Die Zubereitungsnoten füllten seinen halben Block. Es dürfte damit klar sein, wie jedes einzelne Blättchen zu behandeln war.

Doch just in jenem Moment, als der Block zufrieden zusammengeklappt wurde, änderte ein Atom in Sibirien seine Lage. Oder ein Sack reis stürzte in China um. Was immer es auch für wichtige Gründe gewesen sein mochten, die Holde wechselte ihre Meinung ebenso jäh wie entschlossen.

„Nein! Ich nehme doch lieber Nizzasalat. Aber ohne Peperoni, die gehören da nicht hinein. Sagen Sie das Ihrem Koch. Und mit viel Schafskäse. Hören Sie? Viel Schafskäse. Ohne Zwiebeln, selbstverständlich. Wir gehen nachher noch unter Menschen. Zwiebeln sind einfach ekelhaft. So etwas von stinkig. Einfach widerlich! So etwas essen nur Primitive. Und Oliven müssen auch nicht sein. Jedenfalls im Salat. Die können Sie vorher bringen. Auf einem kleinen Teller. So als Snack. Käse dazu, Salzstangen, so das Übliche. Natürlich nur, wenn es keine Arbeit macht. Und zum den Salat unbedingt Mais und Sellerie hinzu. Ja, steht nicht auf der Karte. Aber ich mag nun mal Mais. Und Sellerie auch. Und kein fettes Dressing. Das kann ja keiner essen. Essig reicht. Und ein wenig Zucker dazu. Wegen des Essigs. Oder doch lieber Süßstoff, das hat weniger Kalorien. Das macht doch wohl hoffentlich keine sonderlichen Umstände?"

Wieder war der Stift über das Papier geflogen. Der Block war voll. Für solche Gäste war der Standardpapiervorrat nicht ausreichend. Doch der Kellner hatte sich vollkommen im Griff und fragte scheinbar unberührt nach dem gewünschten Hauptgericht. Nur ich schien zu sehen, dass einige Adern beträchtlich geschwollen waren.

Die Wahl des Hauptgerichtes schien enorme Schwierigkeiten zu bereiten. Möglicherweise gab es hier mehr zu bedenken, als der Uneingeweihte dies ahnt. Und möglicherweise hingen Dinge von allergrößter Wichtigkeit von der Richtigkeit dieser Entscheidung ab. Das wollte alles also gut überlegt sein. Und dazu war nun einmal Zeit notwendig. Viel Zeit. Sehr viel Zeit. Oder die ebenso ansehnliche wie kultivierte Dame musste einfach einmal allen zeigen, dass sie des Lesens mächtig war. Sie präsentierte diese Fähigkeit minutenlang, indem sie die Karte vor- und zurückblätterte.

„Halber Hummer in Butter gebraten und mit Käse gratiniert. Das klingt gut! Doch ich habe bei diesem Gericht Bedenken. Sie sollen den Hummer ja kopfüber und noch lebend in das kochend heiße Wasser werfen. Das ist doch grausam! Nein, so etwas möchte ich dann doch nicht unterstützen! Wir tragen schließlich die Verantwortung für die Tiere, die wir essen. Können sie das liebe Tierchen nicht irgendwie pfleglicher behandeln? Vielleicht vorneweg wenigstens betäuben?“

Hier hatte jemand ganz offensichtlich gerade die Bekanntschaft seinen Gewissens gemacht. Ich würde sagen, es war Liebe auf den ersten Blick. Ein Strohfeuer, kurz zwar, aber dafür ungeheuer heftig.

Dem Kellner entglitten die Gesichtszüge derart gründlich, dass sie etwas Zeit brauchten, um wieder in das Streckennetz der Bahn zurückzufinden. Er stammelte etwas von einer Abstimmung und verzog sich in die Küche. In den nächsten Minuten erscholl in den Werkstätten des kulinarischen Hochgenusses heftiges Gebrabbel.

Mit siegessicherer Stimme verkündete der Kellner, nachdem er wieder an den Tisch zurückgekehrt war, dass das Tierlein betäubt werde. Mit einem 43er Chateau du Pape aus dem Burgund. Eleganter ist wohl nie ein Hummer von dieser Welt gegangen. Und teurer auch nicht. Ich überschlug, dass die Tierliebe meinen Tischnachbarn eine dreistellige Eurosumme kosten würde. So rächte sich Küchenpersonal. Stilvollendet. Ich glaubte, einen schelmischen Ausdruck in der Stimme des Kellners zu vernehmen. Doch das mochte täuschen. Frauen haben ja bekanntlich ein hoch sensibles Organ für Zwischentöne. Wenn das weibliche Sonar an Nebentisch nicht anschlug, so musste ich mich wohl getäuscht haben.

„Gut, also den Hummer!“ Die Schöne hatte ihre Entscheidung getroffen. „Aber ohne Reis und dafür mit Spätzle. Reis ist so schrecklich ordinär. Und Butter und Käse will ich auch nicht. Könnten Sie nicht einmal in der Küche nachfragen, ob es nicht auch irgendwie ohne geht?“

So absolvierte der Kellner seinen zweiten Gang ins gastronomische Canossa. Diesmal wurde es sehr laut. Zerknirscht erschien der Kellner wieder am Tisch und bedauerte. Der Koch mochte aus prinzipiellen Gründen nicht auf die Butter verzichten. Als einzige Alternative stünde Buttersauce zur Verfügung.

Die Holde grübelte gramgebeugt über ihr schweres Schicksal. „Sie mache es einem aber schwer! Sie sind hier so schrecklich unflexibel! Wie enttäuschend. Butter macht doch so schrecklich dick. Wegen der Kalorien verstehen sie nicht? Ich würde ja den Hummer nehmen. Aber mit einer anderen Sauce. Ob die Champagner Sauce vom Nebentisch nicht auch zu mir passen würde? Was meinen Sie?"

Fragend blickte die speisende Eleganz zum Tellermeister empor. Der hatte offensichtlich den Schalk in Nacken. Oder ihm war das Butterfässchen übergelaufen. Ohne die Mine zu verziehen, borgte er sich von meinem Tisch das Saucenkrüglein aus und schüttete das Ganze mit sichtbarer Wonne und aller ihm zur Verfügung stehenden Grazie über die sichtlich Unschlüssige. Sauce tropfte über die Frisur ins Dekolleté und breitete sich langsam über das Abendkleid aus. Der Saucenwerfer trat einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk sichtlich zufrieden. Dann vernahm man seine fester Stimme: „Ich finde die Sauce passt hervorragend. Da gibt es keinen Zweifel!"

Nun ist es glasklar, was in solchen Fällen zu geschehen hat. Mit zwingender Logik hat sich der Beschützer der Beleidigten auf den Schänder ihrer Abendgarderobe zu werfen, diesen zu rütteln und zu schütteln, anschließend zu Ragout fin zu verarbeiten und die gesamte Familie des Übeltäters mitsamt Hauskatze und Wellensittich mit eigener Hand zu erwürgen. Dabei ist ein fürchterliches Gebrüll auszustoßen und gewaltig Rabatz zu veranstalten. Was jedoch am Nebentisch geschah, ließ mich das Schlimmste für den Fortbestand dieses Herzensbündnisses befürchten.

Scheinbar unberührt von ritterlichen Pflichten pulte der Galan etwas Sauce aus dem Ausschnitt seiner Liebste, um den Finger danach genüsslich abzuschlecken. Sich an den Kellner wendend lies auch er sich vernehmen. „Vorzüglich. Ich würde sie am liebsten immer so haben. Aber Salz fehlt. Meersalz. Auf einem Extrateller. Und Pfeffer, frischen, schwarzen, aus der Mühle, aber bitte die elektrische. Falls es nicht zu viel Arbeit macht!“

Beide sahen sich an und die Anspannung wich einem Grinsen. Für einen kurzen Moment fiel die Last des Schauspiels von ihnen und sie waren wieder die kleinen Schuljungen, die sich über einen gelungenen Streich freuten.

Ich war an diesem Abend gut unterhalten worden und nahm etwas mit nach Hause. Männer mögen nichts vom vornehmen Fressen verstehen, aber Humor, vom Humor, da verstehen sie wirklich was.

Bettgeschichte

phaidros52, Malta, Monday, 18.10.2010, 07:17 (vor 5567 Tagen) @ Hausmeister

Herrliche Geschichte.
Ist die frei verwendbar?

Ph.

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Belinda was mine 'til the time that I found her
Holdin' Jim
And lovin' him
Then Sue came along, loved me strong, that's what I thought
Me and Sue,
But that died, too.

I stay what I am
A solitary man

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