Buch "Das ganz normale Böse" (Achtung: lang!)
Kürzlich war ich einer Großbibliothek hier in Wien. Dort entdeckte ich ein Buch über Kriminalfälle, bei denen körperliche Gewalt im Spiel war. Anschließend nun ein von mir mit Kommentaren versehener Auszug aus einem Kapitel dieses Buches.
Atmet noch einmal ganz ruhig durch, bevor Ihr den Text zu lesen beginnen.
Kurz gesagt: In dem Kapitel wird begeistert der Messermord an einem Mann – ausgeführt von seiner Ehefrau, während er schlief – bejubelt. Der Grund: Er habe angeblich "zu wenig mit seiner Frau kommuniziert".
Ich meine das jetzt nicht als sarkastische Übertreibung, sondern ganz im Ernst: Atmet noch einmal in aller Ruhe durch! Denn ich selbst war mit den Nerven am Ende, nachdem ich dieses unvorstellbar bösartige Hass-Pamphlet zum ersten Mal gelesen hatte …
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"Das böse Schweigen
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'Es ist eine furchtbare Waffe. Es kann tödlich sein;
es verletzt oft mehr, als man glauben würde,
denn seine Schläge haben die Eigenschaft,
dass sie mit der Zeit an Wucht zunehmen.'
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Julien Green
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Herbert S. war vor laufendem Fernsehgerät eingeschlafen. Vor sich ein noch nicht geleertes Glas Bier stehend, lag er, aus halb geöffnetem Mund atmend, in seinem Polstersessel und würde wohl zu später Stunde von seiner Frau geweckt und von dieser gestützt zu seinem Bett geleitet werden. An diesem Abend, der sich durch nichts von vielen vorausgehenden unterschied, wurde seine Frau Ursula S. von Unruhe erfasst. Wiederholt war sie aus dem Zimmer gegangen, hatte sich in der Küche oder auf der Terrasse aufgehalten, hatte ein Glas Wasser getrunken und dreimal zum Telefon gegriffen, ohne dann eine Nummer zu wählen. Sie las in der Zeitung, starrte auf den Bildschirm, dann auf ihren schlafenden Mann, hielt inne und überlegte, wirkte plötzlich entschlossen, blieb aber gespannt sitzen und dachte nach.
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(Anm. Kurti: Mit Ausnahme der Täterin und des Mordopfers war keine dritte Person am Tatort anwesend. Diese Art von persönlicher Erzählweise ist daher bei der Schilderung eines Kriminalfalls vom Journalistischen her einfach nur unseriös. Und ein bisschen drängt sich auch der Verdacht auf, dass schon ab hier auf subtile Weise beim Leser Sympathien für die Täterin erzeugt werden sollen.)
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Unvermittelt stand sie auf, ging raschen Schrittes zur Küche, wo sie der Schublade ein Messer mit 17 Zentimeter Klingenlänge und 3,5 Zentimeter Breite – wie in der Anzeige später festgehalten werden sollte – entnahm, kehrte ebenso entschlossen ins Wohnzimmer zurück und stieß die Klinge mit großer Wucht in die linke Halsseite des Schlafenden. Als sie aus dem Mund des sterbenden Körpers ein gurgelndes Geräusch vernahm, zog sie das Messer aus der helles Blut auswerfenden Wunde, umfasste es mit beiden Händen und stieß es in rascher Folge sieben Mal in die Brust des Gatten. Anschließend stach sie, wie bei der gerichtsmedizinischen Obduktion festgestellt wurde, noch mindestens zehn Mal mit heftigen Bewegungen in den Bauch ihres verblutenden Mannes. In der Küche reinigte sie die blutverschmierte Waffe sorgsam, trocknete sie gründlich ab und legte sie zurück in die Schublade. Mit sicherer Hand griff sie zum Telefon, wählte die Nummer der Polizei und sagte: 'Holen Sie mich ab, ich habe meinen Mann getötet … die Rettung müssen Sie nicht mehr verständigen.'
Beim Eintreffen der Polizisten hatte sie den Leichnam zugedeckt, saß in der Küche, machte einen ruhigen und gefassten, nahezu abgeklärten Eindruck, ging bereitwillig auf die Fragen ein und erzählte ihre Geschichte:
Nein, es habe keinen Zwist und keine Auseinandersetzung gegeben, sie sei nicht erregt, höchstens etwas nervös gewesen. Nein, sie haben keinen Alkohol getrunken, keine Beruhigungsmedikamente genommen und fühle sich im Kopf klar. Sie sei nicht verwirrt, habe nie abnorme Stimmen gehört, werde in ihrem Denken von keinen übernatürlichen Kräften gelenkt und habe noch nie einen Nervenzusammenbruch erlitten, auch nicht in den vorausgehenden Stunden. Nein, sie sei noch nie bei einem Psychotherapeuten gewesen, schon gar nicht bei einem Psychiater. Drogen? Nicht einmal an einem Joint habe sie jemals gezogen, sie kenne dieses Zeug höchstens aus Erzählungen. Mit den bereits selbstständig lebenden Kindern gebe es keine Sorgen, die finanziellen Verhältnisse seien gut. Sie habe nie mit Eifersucht zu kämpfen gehabt, ihr Mann habe, so weit sie das wissen, nie andere Beziehungen gehabt, er sei kein Fremdgänger und kein Bordellbesucher gewesen.
Sie habe mit ihm seit Jahren nie mehr gestritten, weil man mit ihm nicht streiten könne.
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(Anm. Kurti: Um das Ganze mal zusammenzufassen: Wenn man keine Probleme hat, erschafft man sich künstlich welche.)
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Ihr Mann habe mit ihr überhaupt nicht geredet
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(Anm. Kurti: Verständlich bei einem solchen … – hier kann ein Ausdruck nach eigenem Geschmack eingesetzt werden.),
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habe ihr kaum etwas mitgeteilt, nur selten geantwortet, habe meistens nichts gesagt und sie mit ihrer Frage im Nichts hängen lassen.
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(Anm. Kurti: Ach, und deshalb begeht man einen kaltblütigen Mord?)
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Dies habe sie völlig hilflos gemacht. Sie habe eine ungeheure in sich gespürt, hätte brüllen und schreien und ihren Mann schütteln wollen, habe sich erniedrigt und wie ein Nichts gefühlt. Nicht einmal eine Antwort sei sie ihm wert gewesen. Sie habe nur eisige Kälte und Ablehnung wahrgenommen, hätte alles für einziges Wort, ein bisschen Resonanz gegeben. 'Er war kalt wie ein Stein, ein Egoist, ein mitleidloser Tyrann.'
Sie habe ihn angefleht und um Antwort gebeten, aber er habe einfach nichts gesagt. Wenn er einmal mit ihr gesprochen habe, habe sie Hoffnung geschöpft, habe geglaubt, dass jetzt alles anders werde und sie wieder echte Gespräche führen könnten, so wie früher, aber sie sei jedes Mal enttäuscht worden, ohne Streit und ohne Grund habe er nicht mehr geredet. Sie habe argumentiert, geschmeichelt, gestammelt und immer mehr die Nutzlosigkeit ihres verbalen Kampfes erfahren müssen. Ihr Mann sei so unerreichbar, so weit entfernt gewesen: 'Er war so mächtig und ich ein absolutes Nichts.' Sein kontrolliertes, kaltes Schweigen habe sie als Vorwurf erlebt, sie habe sich ohne erkennbaren Grund schuldig und ohne Begründung verurteilt gefühlt: 'Über all die Jahre wurde ich schweigend angeklagt, ohne ein Wort verurteilt und durch ewiges Schweigen bestraft.' Sein gnadenloses Schweigen habe sie und ihre Beziehung völlig kaputt gemacht. Jetzt sei sein Schweigen zu seinem Todesurteil geworden. An dieser Stelle wurde die Frau laut Polizeiprotokoll von einem Weinanfall geschüttelt, schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen und stammelte: 'Er hat sich zu Tode geschwiegen!'
Ursula S. wurde sofort vom Polizeiarzt untersucht. Dieser stellte einen normalen psychischen Befund fest
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(Anm. Kurti: Dann sind wohl gewisse Fragen nach der fachlichen Kompetenz dieses Arztes gestattet!),
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fand keinen Hinweis auf Beeinträchtigungen durch Alkohol oder Medikamente, sprach nicht einmal von einem emotionalen Ausnahmezustand, wollte aber eine 'mögliche Suizidgefahr' nicht ausschließen. Er empfahl psychologische Betreuung und genaue Überwachung.
Wie kann Schweigen, gemeinhin als Tugend gegenüber dem Silber der Rede als sprichwörtliches Gold geltend, im wahrsten Sinne des Wortes tödlich sein?
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(Anm. Kurti: Und wieder: Das Mordopfer ist schuld.)
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Da wir in einer Welt der Worte leben
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(Anm. Kurti: Oder des massenhaften sinnfreien Gequassels.),
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hat das Schweigen eine besondere Bedeutung. Durch Schweigen kann man auch antworten. Schweigen ist, wenn man so will, eine spezielle Form des Miteinander-Redens und hat eine besondere kommunikative Qualität. Im Schweigen kann man tiefe Gefühlszustände erleben und ohne Worte viel sagen, schweigendes Kommunizieren kann Ausdruck höchster Vertrautheit sein. Schweigen kann aber auch zur tödlichen Waffe werden. Aggressives Schweigen heißt, den anderen zu ignorieren, ihn auszublenden, ja seine Existenz zu verleugnen.
(…)
Verhängnisvoll wird das Schweigen dann, wenn es zur Verweigerung des Dialogs eingesetzt wird. Die Tugend des Schweigens mutiert somit zu einer wichtigen Wurzel des Bösen. Schweigen bedeutet, den anderen nicht zu beachten und nicht ernst zu nehmen, sich für seine Gedanken nicht zu interessieren und ihm den Wert des Wortes vorzuenthalten. Wenn man dem anderen kein Wort mehr gönnt, drückt dies aus, dass er keinen Wert hat oder gar nicht existiert. Während er sich bei der offenen Konfrontation ernst genommen sieht, fühlt er sich durch Verweigerung des Dialogs gelähmt und hilflos. Er kann seine Ansichten nicht kundtun, keine Lösungsvorschläge unterbreiten und keine Rechtfertigungen geben. Selbst das jedem Angeklagten zugestandene Recht, angehört zu werden, wird verweigert. Dies löst beim Opfer
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(Anm. Kurti: Und wieder! Die brutale Mörderin ist das Opfer!)
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generelle Verunsicherung, in der Anfangsphase auch Schuldgefühle aus, später dann den Wunsch, sich zur Wehr setzen zu wollen.
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(Anm. Kurti: Jetzt wird also schon im Voraus auf Notwehr plädiert. Stellen wird Männermord doch gleich generell straffrei!)
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Jeder Konflikt wird durch Schweigen verschärft, bewirkt das Aufkommen negativer Gedanken und fördert die Ausgestaltung destruktiver Fantasien. Das Opfer
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(Anm. Kurti: Und schon wieder Opfer. Ich frage mich, wie lange es dauert, bis dieser Begriff frauenspezifisch international als Trademark geschützt wird.)
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setzt sich gegen die Ablehnungen und Kränkungen zur Wehr, es will seinen Standpunkt hinausschreien und den Schweigenden zum Zuhören zwingen. Der Mensch als sprechendes Wesen will Worte der Erklärung, Worte des Verständnisses oder solche der Entschuldigung.
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(Anm. Kurti: Und vermutlich soll sich in diesem speziellen Fall noch das Mordopfer posthum bei seiner Mörderin entschuldigen.)
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Für das Opfer
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(Anm. Kurti: Opfer, Opfer, Opfer.)
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wäre es leichter auszuhalten, wenn es vom anderen kritisiert, beschimpft oder beleidigt werden würde. Selbst kränkende Zuwendungen sind nicht so verletzend wie der Stachel des Schweigens, sogar Schimpfen und Streiten sind erträglicher als die eisige Missachtung.
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(Anm. Kurti: Aber nur für Leute, die in Sado-Maso-Studios gehen.)
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Schweigen bedeutet Schuldzuweisung, Anklage und Verurteilung in einem
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(Anm. Kurti: Was in diesem Text mit dem männlichen Mordopfer gemacht wird.),
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dies ohne Möglichkeit der Rechtfertigung oder der Wiedergutmachung. Das Opfer des Schweigens hat keine Chance.
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(Anm. Kurti: So wie manches Mordopfer.)
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Werden äußere und viel mehr noch innere Konflikte nicht zu Wort gebracht, entwickelt sich eine ungeheure Dynamik mit der Entfachung aggressiver Emotionen und der Anstachelung negativer Phantasien.
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(Anm. Kurti: Es hat auch schon Tote gegeben, weil in Streitgesprächen die falschen Worte gefallen sind. Soviel zum Thema Darüber-Reden als Allheilmittel.)
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Diese beziehen sich zunächst auf das Verhalten des Schweigenden, auf seine vermuteten Motive und Beweggründe, entfernen sich immer weiter vom Boden der Realität und nehmen nahezu paranoiden Charakter an.
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(Anm. Kurti: Aha. Hier werden also gewisse psychologische Defizite der 'Angeschwiegenen' eingeräumt. Auf einmal.)
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Die Gnadenlosigkeit des Schweigens verhindert jegliche Korrektur und sämtliche Relativierungen. Später schlagen die durch die Sprachlosigkeit angestachelten Vorstellungen in Zorn und Aggression um. Der Schweiger wird zum verständnislosen Tyrannen, zum herzlosen Gegner, zum grausamen Feind hochstilisiert. In hilfloser Ohnmacht braut sich ein explosives Gemisch aus negativen Emotionen und überkochenden Affekten der Enttäuschung, der Wut und des Hasses zusammen. (…) Sofern sich der Druck nicht gegen die eigene Person wendet und zu psychosomatischen Störungen, Depressionen und Suizidalität führt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es zur Katastrophe kommt.
Die Verweigerung des Dialogs ist eine besondere Form der seelischen Gewalt, ein hochgradig perverser Kommunikationsstil oder – um es mit der bekannten Analytikerin und Familientherapeutin Marie-France Hirigoyen auszudrücken – eine der vielen Masken der Niedertracht. Das permanente Schweigen bedeutet, die Außenhaut eines Dampfkessels zu verstärken und gleichzeitig den Druck im Inneren zu steigern. Wenn es dann tatsächlich zur Explosion kommt, bersten alle Kräfte, es gibt keine Sicherung und keine Kontrolle mehr, der Vulkan der angestauten Aggression macht vor nichts mehr halt. Die Wucht der bösen Emotion setzt sich über alles hinweg: über Mitleid, über die Tötungshemmung, selbst über den Moralinstinkt.
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(Anm. Kurti: Die letzten zwei Sätze waren eigentlich eine perfekte Beschreibung für das, was passieren kann, wenn die falschen Worte in den Mund genommen werden.)
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Der Mensch ist ein sprechendes Wesen. Nichts unterscheidet ihn so sehr von anderen Lebewesen, wie seine Fähigkeit, das Denken und Fühlen in Worte zu kleiden und Konflikte zur Sprache zu bringen. Werden psychotherapeutische Techniken miteinander verglichen, ergibt sich eine durchgehende Gemeinsamkeit: verschattete Anteile des Unbewussten zu beleuchten, verdrängte Gedanken und Ideen zuzulassen, tabuisierte Probleme zu erörtern – und Unausgesprochenes zur Sprache zu bringen.
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(Anm. Kurti: Mit dem Ergebnis, dass man danach ein psychisch durch und durch gebrochener Mensch ist.)
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Sprechen bedeutet Abbau von Aggressionen
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(Anm. Kurti: Geht 's noch etwas naiver und weltfremder?),
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die Verwendung des Wortes hemmt das Ausufern der Fantasie. Der Dialog entzieht dem Bösen eine seiner giftigsten Wurzeln.
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(Anm. Kurti: Vom 'Hochschaukeln', vom 'ein Wort ergab das andere' und dem anschließenden Polizeieinsatz wohl noch nie was gehört?)
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Schweigen ist somit in vielen Fällen tatsächlich ein Akt von unbarmherziger, zermürbender Gewalt.
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(Anm. Kurti: Was das Gegenteil, das pausenlose rhetorische Belästigt-Werden mit einem unangenehmen Thema natürlich überhaupt nicht ist …)
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Ursula S. berichtete in der Einvernahme, wie sich ihr Partner dem Gespräch immer mehr entzogen habe. Während er ihr anfangs ständig Interesse entgegengebracht und über alles mit ihr gesprochen habe, habe er allmählich ihre Äußerungen überhört, habe darauf nicht reagiert, sei über ihre Argumente hinweggegangen und habe bei jedem heiklen Thema geschwiegen.
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(Anm. Kurti: Aber was das für heikle Themen waren, davon steht nichts in dem Buch. Es könnte wohl das 'Opfer' in ein schiefes Licht rücken!)
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Ihren immer inständiger vorgebrachten Bitten um Aussprache sei er ebenso wenig entgegenkommen wie den Wünschen nach Diskussionen. Er habe weder auf Emotionen noch auf Appelle oder Drohungen reagiert, selbst Tränen und bettelnde Appelle hätten ihn unberührt gelassen. Als sie begonnen habe, ihm Briefe zu schreiben, sei er darauf ebenso wenig eingegangen wie auf ihre Versuche, über gemeinsame Bekannte das Gespräch in Bewegung zu setzen. Anfangs habe er im Konfliktfall geschwiegen
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(Anm. Kurti: Hier muss man besonders gut zwischen den Zeilen lesen!!!!! Das ist meiner Ansicht nach die Schlüsselstelle des ganzen Textes!!!!!),
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später habe er das Schweigen ohne Anlass immer häufiger und für immer längere Zeitabschnitte eingesetzt.
In dieser hilflosen Situation sei in ihr eine ohnmächtige Wut emporgestiegen. Sie habe sich Gehör, Interesse und Zuwendung verschaffen wollen, habe beschlossen, die Missachtung nicht länger hinzunehmen und sich der schweigenden Anklage zu widersetzen.
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(Anm. Kurti: Hier wird eine kaltblütige Mörderin zur Powerfrau empor stilisiert!)
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Nachdem alle Versuche gescheitert seien, habe sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als die unerträgliche Spannungssituation zu beenden: 'Das Schweigen eines toten Partners ist viel leichter zu ertragen als jenes eines lebendigen', sagt sie laut aufschluchzend nach der Tat.
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(Anm. Kurti: Und jemand, der so etwas äußert, wird in diesem Text als psychisch gesund 'verkauft'?)
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Das erzwungene Schweigen in einer Gefängniszelle sei bei Weitem nicht so belastend wie der verweigerte Dialog von freien Menschen. Sie könne die Tat nicht wirklich bereuen, sondern sei zutiefst verzweifelt, dass sich die ganze Situation so entwickelt habe.
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(Anm. Kurti: Wahrscheinlich will sie noch Schmerzensgeld haben!)
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Die psychiatrische Untersuchung erbrachte keine Besonderheiten.
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(Anm. Kurti: Was der Psychiatrie ein entsprechendes Zeugnis ausstellt!)
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Die Frau wies eine gute Intelligenz auf, war in keiner Weise behindert, hatte nie unter einer psychischen Erkrankung gelitten und zeigte keine Abnormitäten in ihrer Persönlichkeitsstruktur.
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(Anm. Kurti: Wenn das bei Frauen der Normalzustand ist, sollte man allen Männern davon abraten, zu heiraten.)
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Sie hatte einen vergeblichen Kampf gegen eine der schärfsten menschlichen Waffen, die Verweigerung des Sprechens, geführt.
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(Anm. Kurti: Sie ist also eine Märtyrerin, eine Volksheldin? Ist im Flächenwidmungsplan ihrer Gemeinde schon eine Stelle für ein Denkmal für sie gefunden worden?)
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Zuletzt sah sie keinen anderen Ausweg, als das böse Schweigen mit einer bösen Aggression zu beenden, als dem Schweigenden seine aggressive Botschaft in geballter Form zurückzugeben
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(Anm. Kurti: Oooooh, da trieft sie, die Schadenfreude, dass wieder mal ein Männer-Schwein vom Angesicht der Erde getilgt worden ist! Man ist fast schon geneigt, da ein 'Weiter so!' herauszuhören.),
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als ihren Mann für sein Schweigen mit dem Tode zu bestrafen.
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(Anm. Kurti: Oh fein, schaffen wir doch gleich die Gerichtsbarkeit ab. Wozu brauchen wir Rechtssicherheit, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Unschuldsvermutung und den ganzen Scheiß? Von nun an darf jeder jeden nach eigenem Gutdünken zum Tode verurteilen!)
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(Quelle: Reinhard Haller: "Das ganz normale Böse". Ecowin Verlag, Salzburg, 2009.)
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Kurti,
09.10.2010, 05:34
- "Das ganz normale Böse" - Chato, 09.10.2010, 11:08
- Li La Lu... und ich mach mir diese Welt, wie sie mir gefällt ... LOL (nT)
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Swen,
09.10.2010, 11:25
- Buch "Das ganz normale Böse" (Achtung: lang!) - der_quixote, 09.10.2010, 13:00