Iran: Frau mit Säure geblendet. Gericht: Sie darf sich am Täter rächen.
Der Spiegel berichtete heute:
Ein verschmähter Verehrer wurde Amene Bahrami zum Verhängnis: Der Mann spritzte ihr Säure ins Gesicht - seitdem ist sie blind und entstellt. Vor Gericht erwirkte die junge Iranerin, dass sie sich rächen und ihren Peiniger blenden darf. Wird Bahrami das grausige Urteil vollstrecken?
Skandalös - nach unserer Auffassung - ist zunächst natürlich die teilweise archaische Rechtssprechung des Islam, insofern sie die Vergeltung institutionalisiert. Doch das ist ja nichts Neues.
Was mir viel mehr zu denken gibt, ist die völlig unterschiedliche Bewertung des unbändigen Rachedurstes des Opfers. Im Spiegelforum wird dem Mann die Alleinschuld gegeben. Die Kommentatoren bezeugen allein für die Frau Verständnis, wenn sie auch oft Zweifel anmelden, ob sie dadurch glücklicher wird. Im Übrigen wird nur über die Unvereinbarkeit der Kulturen diskutiert.
Ganz anders die Iraner, gerade auch die Frauen.
So zeigten selbst wohlwollende Freundinnen und Bekannte nach dem Säureanschlag wenig Verständnis für die Ausnahmesituation der Gequälten. Warum sie den Mann denn nicht geheiratet habe, fragten einige, andere rieten selbst nach dem Attentat noch dazu, um des lieben Friedens willen die Ehe mit dem Täter einzugehen. Selbst die ältere Schwester...
Ja, warum wird diese Frage nicht auch im Spiegel-Forum gestellt? Ich sage nicht, daß der Täter keine Strafe verdient hätte. Unstreitig dürfte allerdings sein, daß er unter der fortgesetzten Abweisung selbst schwer gelitten hat. Das rechtfertigt zwar keinen Angriff. Aber auch auf das Wie der Abweisung seitens der Frau kommt es an! Es gibt ja für die Frau sehr verschiedene Arten, einen zudringlichen Nachsteller loszuwerden. Im ungünstigsten Falle gibt sie ihm zweideutige Signale, um seine Abhängigkeit von ihr narzißtisch auszukosten. Das ist eine weibliche Verhaltensweise, die zum Topos der Literaturen aller Vöker geworden ist.
Die Reaktionen gerade der weiblichen Beurteiler ihrer Umgebung lassen vermuten, daß es sich um einen derartigen Fall hier handelt. Wie es scheint, hätten die meisten Frauen ihrer Umgebung dem Heiratsbegehren des Mannes entweder nachgegeben, oder sie hätten irgendwelche Wege gefunden, den Aufdringlichen von der Zwecklosigkeit seiner Bemühungen zu überzeugen, eventuell mit Hilfe von Verwandten oder sonstigen Vermittlern. Das Opfer, um das es hier geht, fällt aus diesem Rahmen offenbar heraus.
Nun hat diese Frau also ein Buch geschrieben, in dem sie ihre sadistischen Vergeltungsfantasien genüsslich beschreibt. Etwas widert mich dabei an, das ist die moralische Bemäntelung. Diese Frau glaubt, in einem irgendwie höheren, vielleicht kulturpädagogischen Auftrag zu handeln. Nicht vergelten wolle sie, sondern "abschrecken". Zugleich hat sie Angst, zu "versagen" - und zwar in der Ausführung ihres vom Rachedurst geleiteten Vorhabens, nicht in der Wahrung ihrer Menschlichkeit! Die sieht sie gerade nicht in der ethischen, sondern vielmehr in der tierischen, eigentlich verbrecherischen Dimension: "Bin ich denn kein Mensch?" Im Prinzip genauso - "bin ich denn kein Mensch" - rechtfertigt der Verurteilte sich aber auch.
Ganz anders, und insofern bemerkenswert, äußerte sich Mina Ahadi, die Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime und Menschenrechtsaktivistin:
"Emotional bin ich ganz auf der Seite von Frau Bahrami" [sagte sie]. "Aber ich bin absolut gegen die Vollstreckung des Urteils." Das "Auge um Auge"-Prinzip sei unmenschlich, eine Vergeltungsaktion würde die Spirale der Gewalt nur weiter drehen. [...]
"Der einzige Unterschied ist, dass die Kinder auf der Straße jetzt Hinrichtung spielen", so Ahadi. "Es ist unvorstellbar, dass man jemanden eigenhändig blendet. Frau Bahrami sollte das lassen."
Bleibt noch zu bedenken, daß dieser Artikel aus der Sicht einer westlichen Journalistin geschrieben ist, welche die Erwartungen eines feministisch ideologisierten Publikums zu bedienen hat. In einem Land, wo Frauen immer noch nicht die erste Geige spielen, wird es sozusagen Zeit, daß auch dort unsere überlegene Kultur sich geltend macht.
Kein Wunder: Unter dieser Prämisse wird aus dem Opfer, das es dem Täter gleichtun möchte, eine Heldin.