Feminismus ist Opferritual
"Der angebliche Feminismus ist in der Bundesrepublik zu einem Opferritual verkommen", konstatierte Signe Zerrahn bereits 1995. Die "Mütter der Bewegung" sähen jede Frau als "armes Häschen, das von der Gemeinschaft der Schwestern gehätschelt und getätschelt werden muss", schrieb Zerrahn in ihrem Buch Entmannt - Wider den Trivialfeminismus; als ob Konkurrenz und Ränkeschmiederei - so unangenehm sie auch sein mögen - vor feministischen Kreisen je halt gemacht hätten. Vier Jahre später bliesen Susanne Weingarten und Marianne Wellershoff - Autorinnen des Bandes Die widerspenstigen Töchter. Für eine neue Frauenbewegung - in das gleiche Horn. Angesichts einer bloß verhaltenen Begeisterung von Mädchen und jungen Frauen für die feministische Sache mutmaßten sie, dass jenen wohl "die pauschalisierende Opfer-Rolle zuwider ist, in die sie sich von der traditionellen Frauenbewegung gedrängt fühlen". Dieser sei ein entscheidender Fehler anzulasten: anstatt den notwendigen Kampf gegen Ungerechtigkeit und Diskriminierung zu führen, habe sie sich gemütlich in der Identität des Opfers eingerichtet.