Leserbrief zum Lörrach-Amok an die Lokalpresse
Dieser Artikel stand gestern in den Badischen Neuesten Nachrichten:
Die Frau als Täterin verwirrt und schockiert
Wenn eine Mutter wie Sabine R. ihr Kind ermordet, widerspricht sie Klischees und Statistiken
Psychologin: Frauen richten Aggressionen oft gegen sich selbst
Von unserem Redaktionsmitglied Elvira Weisenburger
Dass eine Frau, noch dazu eine Mutter, die Täterin ist – das lässt für viele Menschen den Amoklauf der Sabine R. besonders schockierend und verwirrend erscheinen. „Frauen richten ihre Aggressionen in stärkerem Maße gegen sich selbst“, erklärt Annette Kämmerer, Psychologie-Professorin an der Universität Heidelberg – dies äußere sich zum Beispiel häufig durch Magersucht-Erkrankungen und Selbstverletzungen wie das Ritzen der Haut. Doch Gewaltexzesse gegenüber anderen?
Das komme bei Frauen „extrem selten“ vor. „Frauen zeigen starke Aggressionen vor allem, wenn es darum geht, Kinder oder andere Schwächere zu schützen“, sagt Wissenschaftlerin Kämmerer. „Wenn Frauen im Gefängnis landen, dann eher wegen Betrugsdelikten als wegen Gewalttaten.“ In den Verbrechensstatistiken taucht die weibliche Hälfte der Menschheit tatsächlich als kleine Minderheit auf: 82 Männer wurden im vergangenen Jahr in Baden-Württemberg wegen Mord und Totschlags verurteilt – aber nur neun Frauen.
Betrachtet man sämtliche 115 700 abgeurteilten Sträftäter im Südwesten, dann betrug die Frauenquote insgesamt 19,1 – was einen neuen Höchststand markierte. In der Sparte Gewaltdelikte waren nur rund neun Prozent der Täter weiblich, bei Betrügereien rund 30 Prozent.
Wenn Frauen jedoch ihr eigenes Kind töten – dann weichen sie nicht nur krass von statistischen Normen ab: Sie widersprechen auch gesellschaftlichen Klischees. „In Deutschland haben wir es mit einem wahren Muttermythos zu tun“, betont Psychologin Kämmerer. „Aber auch Beschützerinstinkte und Mutterliebe sind keine konstanten Größen – sie hängen stark von der allgemeinen Bindungsfähigkeit eines Menschen ab.“ Psychische Störungen, aber auch Alkohol- oder Tablettensucht spielten häufig eine Rolle, wenn Frauen ausrasteten.
Woher die statistisch erwiesene höhere körperliche Aggressivität von Männern rührt? Das reiche durchaus in die Evolutionsbiologie, in die Frühzeit der Menschen hinein, so Kämmerer: Die Männer seien als Jäger ja „expansiv“ unterwegs gewesen. Auch Hormone, Kraft, Muskelapparat spielten eine Rolle – allerdings warnt Kämmerer eindringlich vor plumpen Theorien von den Steinzeitmenschen, die heute noch alle Geschlechterunterschiede erklären sollen. Es handle sich um ein komplexes Zusammenspiel vieler, auch sozialer Faktoren: „Mädchen werden zum Beispiel früh zu sozialem Lächeln erzogen. Wutausbrüche werden bei ihnen weniger akzeptiert.“
Eines aber zeigt die Kriminalstatistik: Auch bei Mädchen steigt neuerdings die Gewaltbereitschaft – wenn auch in Trippelschritten.
Dazu habe ich mir erlaubt, folgenden Leserbrief zu verfassen:
Verwirren kann der Amoklauf von Lörrach nur in einer Gesellschaft, die es hinnimmt dass weibliche Gewalt in der öffentlichen Wahrnehmung durch mangelhafte Thematisierung in Medien, Werbung bis hin zur Auslegung geltender Gesetze weitgehend ausgeblendet bleibt. In einer Gesellschaft, die zusieht wie eine Frau gleich zwei Mal den deutschen Verdienstorden erhält, deren Buch „Der kleine Unterschied“ auf einem menschenverachtenden Experiment mit Todesfolge in zwei Fällen aufbaut (Quelle 1), die deklamiert „Der Damm ist gebrochen, Gewalt ist für Frauen kein Tabu mehr.“ (Quelle 2), wie Frauen in Gerichtsprozessen ein Bonus beim Strafmaß zugemessen wird (Quelle 3), wie allein in den letzten 20 Jahren mindestens 35 Bücher im deutschen Sprachraum veröffentlicht wurden, in denen Männer diffamiert werden (s. Liste); in einer solchen Gesellschaft ist es nur wachen Geistern vorbehalten, vom Geschehen in Lörrach nicht überrascht zu sein. Daher verwundert es auch nicht, dass nun krampfhaft nach einem Motiv gesucht wird, das bei einem männlichen Täter augenblicklich und gebetsmühlenartig herunter gespult würde, der im Mainstream ohnehin als die tumbe, gewaltbereite Spezies schlechthin serviert wird. Längst ist wissenschaftlich untersucht, dass die Trennung von den Kindern traumatisierend auf Männer wirkt (Quelle 4), eine solche Wirkung – egal auf wen – wird jedoch erst thematisiert, wenn eine Frau um sich schießt; und das trotz mehrerer Tausend an neuen Fällen jährlich (Quelle 5), in denen Väter für das Umgangs- oder Sorgerecht kämpfen, oft genug erfolglos (und ungeachtet derer, die sich gleichwohl einen Dreck um ihre Sprösslinge scheren). Wer sich nun über diesen weiblichen Gewaltausbruch wundert oder von seltenen Einzelfällen redet, sollte sich von seinem bisherigen Bild verabschieden: Hat doch eine junge Frau vor nicht allzu langer Zeit hier in Karlsruhe eine Mitschülerin erstochen, wollte eine Schülerin eine Schule in die Luft jagen (Quelle 6), töten Frauen ihre Kinder häufiger als Männer (Quelle 7), ist nach einer wissenschaftlichen Untersuchung aus dem Jahre 2006 die häusliche Gewalt unter Geschlechtern annähernd gleichverteilt (Quelle 8). Lörrach war ein Einzelfall? Warten wir weitere „Trippelschritte“ ab.
Quelle 1: „Der Sündenfall der Alice Schwarzer“, Cicero Online, April 2005, http://bettinaroehl.blogs.com/mainstream/2005/04/cicero_online_d.html
Quelle 2: Emma Nr. 2/1994, S. 34f
Quelle 3: ZRP – Zeitschrift für Rechtspolitik 3/2008, Seite 101, rechte Spalte Mitte
Quelle 4: www.gerhard-amendt.at
Quelle 5: www.vafk.de
Quelle 6:„Der Spiegel“ http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,624246,00.html
Quelle 7: Berliner Zeitung, 08.05.2007
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2007/0508/tagesthema/0022/index.html )
Quelle 8: Julia Bennwitz, „Physische und psychische Gewalt gegen Männer in heterosexuellen Partnerschaften“, AIM-Verlagshaus, 2008
Liste der Buchveröffentlichungen seit 1990
Da habe ich die Liste aus dem Männerhassbuch angehängt - spare ich mir hier. Ich bin gespannt, ob sie ihn drucken. Viel Hoffnung habe ich nicht - enthält zu viel Wahres...
gesamter Thread:
- Leserbrief zum Lörrach-Amok an die Lokalpresse -
Max Aram,
23.09.2010, 19:16
- Leserbrief zum Lörrach-Amok an die Lokalpresse - phaidros52, 23.09.2010, 21:08
- Leserbrief zum Lörrach-Amok an die Lokalpresse - satyr, 23.09.2010, 21:59
- Sehr guter Leserbrief - ich drücke die Daumen für eine Veröffentlichung: - Leser_nicht_eingeloggt, 24.09.2010, 00:13
- @ all: Danke für die Rückmeldungen - Ergebnis werde ich hier posten (kT)
-
Max Aram,
24.09.2010, 11:15