Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Tiroler Sozialkompetenzlerinnen

Kurti, Wien, Thursday, 26.08.2010, 21:49 (vor 5618 Tagen)

"Die Wahrheit ist die Wahrheit"
Heimerziehung. Die zahlreichen Opfer von Gewalt und Missbrauch in Tiroler Kinder- und Jugendheimen werden heute ernst genommen, ihre Geschichten angehört und niedergeschrieben. Vor gut dreißig Jahren hat das Schicksal von Heimkindern in Tirol aber weder Politik noch Öffentlichkeit besonders interessiert.
Eine Faschingsdienstagsnacht im Jahr 1981 und ein 19-jähriger Bursche, der sich die schmerzhaften Erinnerungen an seine Kindheit im Heim von der Seele schreibt. Der in dieser Nacht entstandene Bericht findet sich wenig später in der Zeitschrift „erziehung heute" wieder und sein Verfasser Erwin Aschenwald schildert darin sein, wie er es nennt, „zweifelhaftes Vergnügen eines sechsjährigen Aufenthaltes in dieser Anstalt". Mit „dieser Anstalt" ist die Bubenburg im Zillertaler Fügen gemeint, eine Einrichtung des Seraphischen Liebeswerkes (SLW) der Kapuziner. Im Jahre 1926 vom SLW als baufälliges Schloss angekauft, diente es fortan als „Heim zur Erziehung armer und hilfsbedürftiger Kinder". In seinem vor nahezu drei Jahrzehnten erschienenen Bericht mit dem Titel: „Erziehung gestern – Geschichten aus der Bubenburg" beschreibt Erwin Aschenwald das Kinderheim so:

Die Bubenburg ist weder Erziehungsheim noch Jugendstrafanstalt. Die Zöglinge haben nichts verbrochen, außer unehelich geboren bzw. einfach unerwünscht zu sein, zerrütteten Familienverhältnissen zu entstammen oder von der Kinder-Psychiaterin Prof. DDr. N.-Y. als schwererziehbar eingestuft worden zu sein.

Im Fadenkreuz. Erwin Aschenwald ist etwas über acht Jahre alt, als er vom Jugendamt in die Bubenburg eingewiesen wird. Seine Mutter hatte fatalerweise um Fürsorgeunterstützung gebeten und war so ins Fadenkreuz „behördlicher Ermittlungen" geraten. Ein uneheliches Kind, unklare Vaterschaft und wirtschaftliche Schwierigkeiten sind im Jahr 1970 für die Zillertalerin eine gefährliche Gemengelage. Schnell erkennt das Jugendamt Gefahr für den kleinen Erwin und ein eilig eingeholtes psychiatrisches Gutachten über den Geisteszustand der Mutter („Psychopathin, lebensunfähig, Therapieerfolg zweifelhaft") bringt sie für zwei Jahre in die geschlossene Abteilung der Nervenheilanstalt Hall. Für Erwin ist damit seine bis dahin unbeschwerte Kindheit vorbei. Statt im Freien herumzutollen, auf Bäume zu klettern oder im Bach zu schwimmen, findet sich der Achtjährige Händchen haltend am kalten Gang der Bubenburg mit einem anderen Kind wieder, um im Gänsemarsch gemeinsam auf die Toilette zu gehen. Nicht nur den streng reglementierten Tagesablauf im Kinderheim empfindet der kleine Erwin als quälend, auch die vorherrschende Gewalt durch einige der Erzieher machen dem Buben arg zu schaffen: „Ich war gerade einmal fünf Stunden in der Bubenburg, da habe ich schon meine erste Ohrfeige bekommen und bin mit dem Kopf gegen einen Kasten geschlagen worden. Übrigens absolut grundlos, das nur nebenbei." (siehe Interview Seite 52) Aussagen, die heute bestürzen und beschämen, die aber bereits vor 30 Jahren in der „erziehung heute" nachzulesen waren:

Jeden Tag, pünktlich um 6:30 Uhr betritt die Gruppenschwester den 20 bis 25 Betten fassenden Schlafsaal, ruft „Gelobt sei Jesus Christus", worauf die aus dem Schlaf Geschreckten mit „In Ewigkeit Amen" zu antworten haben. In der 2. Gruppe, in der die 8 bis10-Jährigen zusammengefasst sind, folgte zu meiner Zeit (1970 bis 1976) ein etwas seltsamer Vorgang: Schwester B., die inzwischen die „Bubenburg" verlassen hat, streifte mit der flachen Hand über die Leintücher, um festzustellen, ob jemand ins Bett genässt hat. War dies der Fall, so nahm sie den von ihr „Lukas" genannten Teppichklopfer zur Hand, zerrte den oder die Bettnässer an den Haaren herbei und versetzte ihnen etwa 15 bis 20 Schläge auf Hintern und Rücken. Ähnliches hatten Nägelbeißer zu erleiden, doch diese schlug sie „nur" auf die ausgestreckten Handflächen.

Gerade einmal fünf Jahre lagen diese Misshandlungen zurück, als sie Erwin Aschenwald veröffentlichte. Es wäre ein Leichtes gewesen, Schwester Benjamina das Prügeln und Demütigen von Kindern zu untersagen. Aber es passierte gar nichts. Und das, obwohl zur selben Zeit auch schwere Anschuldigungen gegen das Erziehungsheim in Kleinvolderberg und das Mädchen-Erziehungsheim in St. Martin/Schwaz erhoben wurden. Das hat den Tiroler SPÖ-Politiker Karl Reinhart veranlasst, an den damaligen Justizminister Christian Broda eine parlamentarische Anfrage zum Thema „Zwangsisolierungsmaßnahmen und menschenunwürdige Erziehung in den Heimen Kleinvolderberg und St. Martin/Schwaz" zu ­richten. Die Antwort Brodas war eindeutig: ­„Jugendwohlfahrtsstellen dürfen Kinder nicht einer quälenden und menschenunwürdigen Erziehung unterwerfen. Es ist ungesetzlich, wenn in Heimen den Eltern zustehende Erziehungsrechte überschritten werden." Das hätte auch für Schwester Benjamina gelten müssen, doch die „Erzieherin" konnte weiterhin in aller Früh die Unterhosen der Buben nach Spuren geschlechtlicher Handlungen, Urinflecken oder nach Anzeichen von „Materialfürzen" untersuchen. Wurde sie fündig – und wer suchet, der findet – stopfte sie dem Kind die beschmutze Unterhose in den Mund - vor aller Augen selbstverständlich. Trotzdem bezeichnet Erwin Aschenwald Schwester Benjamina nicht als die „schlimmste aller Erzieherinnen". Dieser Titel gehört dem Pater Direktor Magnus Kerner, über den Aschenwald 1981 schrieb: (...)
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Gruß, Kurti

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