Vorsicht
Hi Sophie X
Es ist Vorsicht geboten. In (fast) allen Medien, besonders in den
öffentlich-rechtlichen, ist jede zu einem Thema befragte Person pauschal
"Experte".
Jow, als Experten gelten diejenigen, die sich in den Adressbüchlein der Redaktion notiert stehen, sich als unkompliziert erreichbar zeigen und sich fix ins Studio verfügen oder in die Redaktionstube zum Gespräch.
Meine Generation (50+) ist mit dem "Frontalunterricht" sehr gut klar
gekommen; Männlein und Weiblein. Und sogar einige 68er
Ja und nein. Dumpfes Pauken ohne Praxisbezug muss der Kritik unterliegen dürfen. Mich haben damals immer (vorwiegend) Mädchen genervt, die gute Noten für unschöpferische Auswendiglernerei kassierten, ohne das Gelernte dem Wesen nach verstanden zu haben. In Mathe zB: Formel ins Gedächtnis gespeichert, Zahlen eingesetzt - eins; interessante Lösungswege, Formeln selbst entwickeln und ein Flüchtigkeitsfehler - 4 oder 5, setzen. Das war damals schon graulich. Von der Lehrmethodik mal ganz abgesehen, es gab LehrerInnen, die praxisnah Wissen vermittelten, Menschen mit einer Berufung also,und etliche, die ihren Stoff runterrasselten, Leute, die halt einen Job machten.
Selbstverständlich begreifen Kinder Mathe besser, wenn Lehrer sie ihrem Wesen nach vermitteln, sagen wir, Geometrie als Weg vermitteln, mit dessen Hilfe Land nach Überflutungen neu vermessen und an Besitzer zurück gegeben werden kann. Der Fakt, A mal B berechnet eine Fläche C, schläfert hingegen die potentiell Kreative ein und lässt die Braven, die widerspruchslos geistigen Käse in sich stopfen, punkten. Und wie in den Naturwissenschaften, so auch in den "Geisteswissenschaften". Wer den Publisten Joachim Fernau gelesen hat, weiß, wie spannend Geschichte erzählt und gelernt werden kann - auch ohne seitenlange Listen von Jahreszahlen ins Kurzzeitgedächtnis zu quälen. Trotzdem ganz ohne geht es freilich auch nicht, Eckdaten müssen ins Langzeitgedächtnis, also ist pauken angesagt. Wie sooft erweisen sich von diversen Methoden diejenigen als zielführend, die sich für goldene Mittelwege entscheiden, in lehrenden Berufen der Weg zwischen kreativem Denken und Zwang zum Fakten memorieren.
Herumschrauberei am Bildungssystem hat es schon im Übermaß gegeben.
Vielleicht sollte man mal über ein "back to the roots" nachdenken.
Ja, unbedingt. Ich sah kürzlich eine Reportage über Schulen irgendwo in einem aufstrebenden asiatischen Land: ca 60 SchülerInnen, mit Schulinform bekleidet (!!! pfui!!!), hockten dort zu Paaren auf Schulbänken und leierten im Chor unter Leitung eines frontal aufgebauten Dirigenten Sätze herunter, die sie auswendig lernten. Man mag das kritisieren, oder auch nicht; Fakt ist -Asiaten machen uns derzeit in Bildung etwas vor.
Fakt ist auch, mein Vater, stramm auf die 90 zugehend, schafft es in seinem hohen Alter noch immer, Schillers "Glocke" mit wundervoller Betonung aufzusagen und lernte erst kürzlich nochmals den "Birnbaum vom Ribbeck im Havelland" - dies sei bestes Gedächtnistraining, so sagt der alte Dozent für Statik und Stahlbeton.
Allerdings - so scheint es mir - dergleichen gilt beim Gros heutiger Pädagogen nicht viel: ein langes Gedächtnis, welches über Wahlperioden reicht und Erziehung zu "klassischer" Bildung, die immer auch unangenehme Fragen bei den lernenden provozieren kann.
Pädagogen sind heut mehr - so scheint es mir weiter - mit Firlefanz "Gleichstellung" befasst, als mit ihrer Berufung zur Vermittlung umfassenden Wissens. Dass nicht Wenige dies als Überzeugungstäter praktizieren, macht die Sache nicht besser. Aber gerade deshalb spielt die Frage Frontalunterricht eine so bedeutende Rolle: scheindemokratische Mätzchen, statt fixer Rituale, beliebige Projektwerkelei, statt Fakten lernen, Überlegungen zu gendergerechten Schulbüchern, statt über das "WIE" spannender Wissensvermittlung, Erziehung zu Gleichstellung, statt zu jungen Menschen, die aus den Tatsachen (des Lebens) eigene Schlüsse ziehen können. Wir haben es mit einer sich wandelnden Gesellschaft zu tun und Wandel ist per se fortschrittlich, nicht wahr?
Aber gelegentlich kommt mir in den Sinn: Als Deutschland so ungleich mehr Nobelpreisträger hervor brachte,profitierte es von gymnasialer und universitärer Bildung aus dem Kaiserreich...
Nun bin ich der Letze, der sich für obrigkeitsstaatliches Denken stark machte, aber sehr für Überlegungen zu dem, was Menschen seinerzeit zu kreativen Leistungen befähigte und also zum Konservieren von uns allen als wert befunden werden könnte. "Könnte" - Konjunktiv. Denn die Schwerpunkte der Bildungsdebatte liegen anderswo. Bei Finanzierungen zu Beispiel. So, als gäbe bislang der Staat nicht genug Geld für Bildung. Nach dieser Rechnung müssten die Einsteins und Habers seinerzeit bildungsmäßig verwahrlost gewesen sein.
Mag sein, dass es ein paar Milliarden Euros zur Sanierung maroder Gebäude bedarf, das Wesentliche von Bildung ist allein mit Geld nicht zu schaffen. Seltsamerweise höre ich von "Experten" immer viel von Formen und selten von Inhalten, man lasse sich das Dahergestammel unserer zuständigen Ministerin mal auf der Zunge zergehen...
So, liebe Sophie X, nun habe ich mich geoutet: rechts und konservativ, Gertstendingens könnte schreiben: Antifeminist für Wiedereinführung rückwärts gewendetes, kaiserliches Bildungssystem.
Das womöglich Fortschrittliche am Gedanken, vermögen oder mögen die, die sich selbst zukunftsfähig bezeichnen, nicht überlegen; "Bildung" - bleibt da eine sehr sehr leere , trotzdem milliardenschwere Phrase.
Gruß
Narrowitsch
--
Extemplo simul pares esse coeperint, superiores erunt-
Den Augenblick, sowie sie anfangen, euch gleich zu sein, werden sie eure Herren sein.
gesamter Thread:
- Bildungssituation in Österreich -
Kurti,
11.06.2010, 12:45
- Vorsicht -
Sophie X,
11.06.2010, 13:45
- Industrie selber fordert: Weniger Frontalunterricht -
pappa_in_austria,
11.06.2010, 13:58
- Industrie selber fordert: Weniger Frontalunterricht -
Max Aram,
11.06.2010, 14:48
- Industrie selber fordert: Weniger Frontalunterricht -
Kurti,
11.06.2010, 14:53
- Industrie selber fordert: Weniger Frontalunterricht - Max Aram, 11.06.2010, 14:59
- Industrie selber fordert: Weniger Frontalunterricht -
Borat Sagdijev,
11.06.2010, 15:39
- Industrie selber fordert: Weniger Frontalunterricht - Max Aram, 11.06.2010, 16:29
- Industrie selber fordert: Weniger Frontalunterricht -
Kurti,
11.06.2010, 14:53
- Industrie selber fordert: Weniger Frontalunterricht -
Robert,
11.06.2010, 17:18
- Industrie selber fordert: Weniger Frontalunterricht -
Gelegenheitsleser,
11.06.2010, 22:16
- Industrie selber fordert: Weniger Frontalunterricht - Rainer, 12.06.2010, 01:10
- Industrie selber fordert: Weniger Frontalunterricht -
Gelegenheitsleser,
11.06.2010, 22:16
- Industrie selber fordert: Weniger Frontalunterricht -
Max Aram,
11.06.2010, 14:48
- Vorsicht - Kurti, 11.06.2010, 14:55
- Vorsicht - Narrowitsch, 11.06.2010, 18:03
- Industrie selber fordert: Weniger Frontalunterricht -
pappa_in_austria,
11.06.2010, 13:58
- A ist eines der Länder mit dem niedrigsten Bildungsniveau! - Michi, 11.06.2010, 13:53
- HTLs waren aber sehr gut -
pappa_in_austria,
11.06.2010, 14:09
- Wem nutzt es, wenn 95% in A "verblöden"...? - Michi, 11.06.2010, 14:15
- Ach ja, ... - Kurti, 11.06.2010, 14:32
- beides im Extrem nicht gut - Sam, 12.06.2010, 01:44
- Vorsicht -
Sophie X,
11.06.2010, 13:45
