Männlichkeit im Wandel
Mit der Männlichkeit ist es wie mit dem Sex: sobald man beginnt, darüber nachzudenken, beginnen die Probleme.
Es ist wie mit der Höflichkeit: Höflichkeit ist eine Konvention. D.h. an sich sinnlose Gesten und Worte transportieren eine emotionale Botschaft. Jede Gesellschaft hat ihr spezielles Bild von Mann und Frau. Wer hier zweideutige Botschaften sendet, erregt zumindest Verwunderung. Also empfiehlt es sich die geforderte Rolle zu beherrschen. Man(n) muss diese Rolle aber nicht zum Kern der eigenen Identität erheben. Denn wer ich bin, als Mann oder Frau, das ist zuallererst meine Sache. Und wie ich meine Rolle im Leben definiere, was ich zu meiner Sache mache oder was mir völlig wurst ist, das ist auch meine persönliche Sache.
Es kann ja sein, dass die Umwelt vom Mann erwartet, der Hauptverdiener zu sein. Ob es aber männlich ist der Hauptverdiener zu sein, das bezweifle ich erheblich. Denn alles, was mit Geld zu tun hat ist "anstatt". Wenn ich keine Frau finde, die aus Liebe mit mir poppt, muss ich eine finden, die für Geld mit mir poppt. Das Geld ist das "anstatt". Wenn ich nichts als Gegenleistung zu bieten habe, muss ich für handwerkliche Leistungen jemanden suchen, der mir diese für Geld, also anstatt der Gegenleistung, die Arbeit erledigt. Ich arbeite ja auch nicht für den Spaß sondern anstatt für Geld.
Wenn eine Frau von mir erwartet, der Hauptverdiener zu sein, zeigt das, dass sie für mich eigentlich nichts übrig hat, meine Nähe aber akzeptiert, weil ich statt Emotion Kohle ranschaffe. Damit wird der Mann zum Freier und die Frau zur Hure. In sofern ist es extrem unmännlich der Hauptverdiener zu sein.
Auch ist Männlichkeit völlig unabhängig vom Beifall der Frauen. Frauen sind nicht das Maß für Männlichkeit. Männlichkeit definiert sich aus sich selbst heraus. Männlich ist, was Männer tun. Der Median der Handlungen und Haltungen von Männern wird als Männlichkeit wahrgenommen. Der einzelne Mann kann aber seine Männlichkeit ganz anders definieren.
Wir schulden niemandem irgendwas, denn wenn alle anderen sterben, so leben wir, zumindest eine Weile lang, weiter. Wir sind aus uns selbst heraus gewachsen. Zwar ist unsere erste Zelle das Produkt der Verschmelzung von Eizelle und Samenzelle der Eltern, aber das weitere Wachstum erfolgte aus eigener Kraft. Die Umwelt musste nur die notwendigen Bedingungen bereitstellen, aber die Lebenskraft entsprang aus uns selbst. Wir sind geworden, was wir sind, aus innerer Kraft, die zwar durch die Umwelt geformt und geprägt wurde. Aber ohne diese innere Kraft wäre nichts dagewesen, das überhaupt hätte geformt und geprägt werden können.
Und darum sollten wir uns vom Urteil und dem Geschwätz der Umwelt frei machen.
Kein Mann muss einen Baum gepflanzt, einen Sohn gezeugt, einen Zwölfzylinder besessen haben, um ein richtiger Mann zu sein.
Kein Mann muss mit einer Frau zusammenleben, um ein richtige Mann zu sein.
Kein Mann muss den Schutz von (Jung-)frauen und Kindern auf seine Fahnen geschrieben haben, um ein richtiger Mann zu sein.
Du erntest den Beifall der Umwelt, wenn Du für die Umwelt als nützlich erscheinst, also ihr den Diener machst. Und das soll männlich sein?
Du bekommst von der Umwelt keinen Beifall, wenn Du Dein Ding durchziehst, aber für die Umwelt kein Bonus abfällt. Das empfinde ich als männlich.
Eine Frau wird sich für Dich interessieren, wenn sie sich von Dir einen Vorteil erhofft, und sei dieser rein emotionaler Natur. Du bist die Schnitte, nach der sie hungert. Das hat mir Dir eigentlich gar nichts zu tun. Denn es ist der reine Zufall, dass gerade Du die Merkmale und Verhaltensweisen zeigst, auf welche die Tusse gerade hungrig ist. Wenn ihr Appetit und der Deine zusammenfallen, dann ist das ja prima. Aber der Vorgang zeigt, dass es völlig idiotisch ist, die Liebe von irgendwem "erringen" zu wollen. Das Einzige, was sinnvoll ist, ist präsent zu sein und ggf. Interesse zu zeigen. Invitatio ad offerendum - die Einladung, ein Angebot abzugeben. Das ist es was im Supermarkt geschieht. Die Ware wird zum verkauf angeboten. Das eigentliche Angebot an den Verkäufer entsteht aber erst an der Kasse, wo dann durch Entgegennahme des Geldes die Annahme des Vertrags erfolgt.
Zeigen wer man ist, aber nicht Rumschleimen, das ist männlich. Und dann findet sich ein "Käufer" oder nicht. Manche Männer (die lila Pudel) schleimen rum, also ist auch Rumschleimen männlich.
Männlich kann auch sein, sich mit Kumpels zusammenzurotten um die Regierung zu stürzen. Das hat die nicht gern, es ist aber extrem männlich. Unmännlich ist, sich zum Arbeitssklaven zu machen, das Leben fremdbestimmt zu führen, nur um Frau und Kinder durchzufüttern und die Sozialkassen zu füllen. Männlich ist, sich den eigenen Ängsten und Unzulänglichkeiten zu stellen und nicht zu meinen, für andere immer die Kohlen aus dem Feuer holen zu müssen, um die eigene Männlichkeit zu beweisen. Männlich ist, sich dem soldatischen Zwangsdienst zu verweigern, sich nicht zum Kriegssklaven machen zu lassen. Männlich ist aber auch, Soldat zu werden, wenn man Spass daran hat, Krieg zu spielen, oder die Beute lohnend erscheint. Andere pflegen Extrembergsteigen.
Es ist aber auch extrem männlich, feige zu sein, und zu fliehen, wenn dem Risiko kein ausreichender Nutzen gegenüber steht. Extrem männlich finde ich, bei Titanic-Untergängen, Frauen und Kinder aus den Booten zu hauen, sofern es nicht die eigenen sind, oder man der eigenen nicht überdrüssig ist. Denn das eigene Leben aus Höflichkeit zu opfern erscheint mir extrem dumm und einfältig, machomäßig eben. Denn als Mann ist man(n) schließlich die Offenbarung an die Welt und die Vergeudung einer so hochwertigen Vermehrungskapazität ist unvertretbare Verschwendung (LOL). Wie wir wissen, sind Frauen sowieso Durchschnitt und Kinder sind rasch neu gemacht. Gute Männer aber sind rar.
Wenn ich Söhne hätte, würde ich meine Hauptaufgabe darin sehen, sie zu freien Menschen zu bilden, welche in sich selbst ruhen und nicht auf den Beifall der Mitmenschen angewiesen sind. Höflich aber bestimmt, freundlich aber mit fester Überzeugung, männlich ohne Allüren, liebevoll aber nicht liebedienerisch, engagiert aber nicht gebunden.
Denn am Ende sind wir tot, und was haben wir dann aus unserem Leben gemacht?
DschinDschin
