ARD-PLusminus ]Müllmann oder Banker Wie lässt sich der gesellschaftliche Wert von Arbeit messen
Müllmann oder Banker
Wie lässt sich der gesellschaftliche Wert von Arbeit messen?
Von Armgard Müller-Adams
http://www.daserste.de/plusminus/beitrag_dyn~uid,xlpib6ukr3okjq3m~cm.asp
Welche Arbeit nutzt wirklich der Gesellschaft?
(© SR) Die New Economics Foundation – nef - versteht sich selbst als “think – and do tank“ – also als Ideen- und Tatenfabrik. Das Ziel: Man möchte alternative Lösungen für die Probleme der modernen Welt entwickeln, jenseits des Mainstreams. Dabei - so sagen die rund 60 Mitarbeiter über sich selbst – stehe für sie der Mensch und die Umwelt an erster Stelle.
Alternative Forschung
Um diese Lösungen entwickeln zu können, gehen die Forscher bei ihren Recherchen oft ungewöhnliche Wege. Eines ihrer Forschungsgebiete ist Social Return on Investment (SROI) – übersetzen könnte man dies in etwa mit “der soziale Faktor von Investitionen“. Das ist eine Theorie, die versucht zu berechnen, welche Effekte Ausgaben des Staates für soziale Einrichtungen oder Projekte auf das Wohlergehen der gesamten Gesellschaft haben – und zwar nicht auf einer moralischen oder ethischen Ebene, sondern in harter Währung.
In Deutschland hat beispielsweise IQ Consult in einem Projekt, das der Berliner Senat gefördert hat, untersucht wie die Förderung von selbständigem Unternehmertum bei Behinderten die Volkswirtschaft entlastet, weil sie durch ihre Tätigkeit nicht so stark auf staatliche Hilfen angewiesen sind. Die Fachhochschule Münster und die Uni Graz haben ähnliche Untersuchungen unternommen und kommen zu dem Schluss, dass die Gesellschaft sehr stark von sozialen Investitionen profitiert; tatsächlich ist der Gewinn um einiges höher als die Ausgaben.
“a bit rich“: Studie zum sozialen Wert von sechs Berufen
Was ist Arbeit wert? Bild vergrößern Bildunterschrift: Was ist Arbeit wert? ]
Die Studie “a bit rich“, die wir in plusminus vorgestellt haben, befasst sich mit dem Wert, den Arbeit für die Gesellschaft hat. Die beiden Wissenschaftlerinnen Eilis Lawlor und Helen Kerseley haben sich sechs Berufe angeschaut und untersucht in wie weit sie etwas zum Wohlergehen der Gesellschaft insgesamt beitragen. Verglichen wurden ein Investmentbanker, eine Steuerberaterin, ein Marketingchef sowie ein Müllmann, eine Kindergärtnerin und eine Reinigungskraft in einem Krankenhaus.
Die Autorinnen kommen zu dem Ergebnis, dass die Topverdiener mit hohem Ansehen keine Werte durch ihre Arbeit schaffen, die für den Staat von Bedeutung wären. Vielmehr zerstören sie soziale Werte: Der Investmentbanker etwa, weil er zwar viel verdient, aber in der aktuellen Krise Werte zerstört hat. „Wir haben uns die positive Seite angeschaut: Er zahlt Steuern, schafft Jobs, belebt Umsätze. Aber auf der anderen Seite haben wir untersucht, welche Auswirkungen die Finanzkrise auf die Wirtschaft und die Gesellschaft hat.“ Und wenn man dies gegeneinander verrechne, komme man zu dem Schluss, dass der Banker für jeden Euro, den er bekommt, sieben Euro an gesellschaftlichen Werten zerstört“ so die Autorinnen.
Noch schlechter weg kommen die Steuerberaterin und der Marketingchef – sie, weil sie Topverdienern helfe, mit Hilfe von Steuerschlupflöchern weniger Steuern zu zahlen – das sei zwar legal, aber vom Staat eigentlich nicht so intendiert. Wäre das Geld in den Staatssäckel gewandert, hätten eine Menge sozialer Projekte – wie etwa kostenloses Schulessen für alle Kinder und Jugendliche – finanziert werden können, die nun nicht zu Stande kommen. Der Marketingchef bekommt Minuspunkte, weil er mit der von ihm gestalteten Werbung zu unkontrolliertem Konsum verführe und mit falschen Vorbildern in der Werbung die Unzufriedenheit der Bürger ankurbele. Beides sei schlecht für deren Gesundheit und finanzielle Situation – und belaste daher das Gesundheits- und Finanzsystem.
Auf der anderen Seite stehen die Menschen, die Tätigkeiten ausüben, für die weit niedrigere Löhne, oft sogar nur der Mindestlohn, gezahlt werden. Genau diese Tätigkeiten, so die Wissenschaftlerinnen, seien für die Gesellschaft sehr wertvoll. Der Müllmann ermögliche Recycling und trage so dazu bei, die Umwelt zu schützen und Ressourcen nachhaltiger zu nutzen. Die Reinigungskraft im Krankenhaus hilft der Gesellschaft, weil durch ihre Tätigkeit das Ansteckungsrisiko für Patienten sinkt. Und auch die Kindergärtnerin wirkt in verschiedener Hinsicht nachhaltig. Denn durch die Erziehung von Kindern mildere sie die bildungsbedingte Kluft zwischen sozialen Schichten und erhält die Ressource Bildung an sich.
Zusammenfassen könnte man die Ergebnisse der Studie in etwa so: „Wir haben festgestellt, dass die Löhne der Menschen nicht widerspiegeln, ob ihre Arbeit der Gesellschaft gut tut. Einige der am schlechtesten bezahlten Jobs tragen am meisten zum gesellschaftlichen Wohlergehen bei – und einige der am besten bezahlten Berufe zerstören Werte – sozial wie ökologisch“, erklärt Eilis Lawlor.
Apelle an die Politik
Dabei sei auch und vor allem die Politik gefragt. Denn der Markt allein schafft es offensichtlich nicht, den gesellschaftlichen Nutzen einer Arbeit mit ihrer Bezahlung in Übereinstimmung zu bringen. Dabei gehe es aber nicht um Umverteilung. Es gebe eine Menge an Instrumenten, um zu einer gerechteren Entlohnung von sozialer Leistung zu gelangen. Eines davon sei, festzulegen wie groß die Spanne zwischen dem niedrigsten und dem höchsten Einkommen in einem Unternehmen oder in der Gesellschaft sein darf. Ein anderer Weg sei, in die Preise von Waren und Dienstleistungen die Kosten, die bei der Produktion oder Durchführung zu Umweltschäden oder sozialen Benachteiligungen führen, hineinzurechnen. Dann wären Produkte, die gut für die Gesellschaft insgesamt sind, günstiger als solche, die der Gesellschaft schaden. Und so könnte man über die Nachfrage den sozialen Wandel beschleunigen.
Ob man der Argumentation der Autorinnen bei der Bewertung der Arbeitsleistung von unterschiedlichen Einkommensschichten folgen kann, sei dahin gestellt. Aber spätestens bei der positiven Bewertung der Jobs aus dem Niedriglohnsektor wird der Grundgedanke der Studie klar: Sie soll dabei helfen eine alternative Haltung und neue Wertschätzung von Tätigkeiten zu entwickeln. Und so ist ihr Fazit und ihre Forderung in etwa dies: Wenn man kurzfristig schon nicht zu einer gerechteren Bezahlung und Entlohnung von gesellschaftlich wertvollen Tätigkeiten kommen kann, dann zumindest zu einem Bewusstseinswandel in der Gesellschaft, was das Image dieser Berufe angeht.
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 26.01.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.
Kann jemand auf Englisch die Autoren der Studie fragen,
welche Werte Gleichstellungsbeauftragte und Genderprofessuren erwirtschaften?
(Siehe auch der Link oben)
Gruß
Flohgast