Wieviel »Gleichberechtigung« verträgt das Land?

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Zwei Arten, die Welt zu ändern

verfasst von bberlin, 05.03.2012, 04:03

Hier ein ungekürzter (sorry) Beitrag über 2 Liedermacher. Die frühen Lieder von Wader waren manchmal auch ein bisschen lang.

Das Gendertainment fängt erst im zweiten Teil an, ab dem Stichwort "Frauenquote"

also:

Deutsche Liedermacher – nimm2!

„Vitamine und Naschen“, auch als Lachgummi – „nimm2“. Wer kennt diese Werbung nicht? Da kann man getrost zwei Bonbons nehmen, egal in welcher Reihenfolge, sie sind identisch. Die beiden Liedermacher Konstantin Wecker und Hannes Wader, die Rudi Gaul in dem Dokumentarfilm ‚Wader Wecker Vaterland’ zusammen eingetütet hat, sind nicht gleich: Da gibt es ein dürres Nordlicht und einen lebensfrohen Südländer.

Nicht nur das. Sie schöpfen auch aus verschiedenen Quellen: Konstantin Wecker hat schon als Junge mit seinem Vater Opernarien gesungen und ist mit Verdi aufgewachsen. Hannes Wader hat das Crosspicking der Folkmusik importiert und einen deutschsprachigen Talking-Blues geschaffen. Die beiden sind kein Duo.

Es ist auch kein Film von einer Tournee, bei der so getan wird, als wären sie doch eins. Jedes Mal wenn da etwas Gemeinsames geprobt wird, spürt man, dass sich Hannes Wader unwohl fühlt und sich schließlich zu der Bemerkung hinreißen lässt, dass er so etwas nie wieder machen möchte, „auch nicht mit Bob Dylan“. Er ist eben ein Einzelgänger, ein Spätzünder, der erst „mit 50 in die Pubertät“ kam.

Der Film zeigt mehr als das Geschehen neben, hinter, vor und auf der Bühne. Er ist zugleich ein kleiner Rückblick auf die deutsche Geschichte mit Benno Ohnesorg, mit Demonstrationen in Schwarzweiß und schließlich mit dem Fall der Mauer; insgesamt sieht man mehr Polizisten als Gitarren. Die beiden ungleichen Liedermacher haben sich auch zu Deutschland als ihrem „Vaterland“ geäußert – daher der Titel des Films – , allerdings haben sie das eher nebenbei gemacht. Sie sind nicht die ersten beiden Adressen in dieser Sache.

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht“, schrieb einst Heinrich Heine, denken wir heute rückblickend an das „Vaterland“ und an Liedermacher, dann denken wir an Wolf Biermann, der das deutsche Drama nicht nur in seinen Texten, sondern auch durch seine Person und seinen Fall verkörperte. Er kam, als er 1976 „in die Heimat vertrieben“ wurde, vom „Regen in die Jauche“. So hat er es einst selber gesagt, das sind harte Worte, aber er ist nun mal „kein Gerechter“. Im Westen hat er uns vorgesungen, in welche Richtung es hier seiner Meinung nach gehen sollte: „Die BRD braucht eine KP, wie ich sie blühen und wachsen seh’ unter Italiens Sonnenschein, so soll es sein, so wird es sein ...“ So kam es nicht, wie wir inzwischen wissen.

Nehmen wir noch das Thema Tschernobyl hinzu - im Sozialismus dient ein Kernkraftwerk dem Menschen, im Kapitalismus dem Profit -, dann erscheint uns die Geschichte des politischen Liedes in Deutschland als Glasperlen-Kette voller Irrtümern. Das gilt sowohl für Biermann, als auch für Degenhardt – und ebenso für Wecker und Wader. Oder etwas freundlicher ausgedrückt: Es zeigt sich, wie sehr sich alles verändert hat und wie wenig man all die Entwicklungen voraussehen konnte. Wie heißt es doch so schön? „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.“ Konstantin Wecker kann es mit vielen Wehs singen: „Nur das Wechseln von Gewändern kann kein wahrer Wandel sein.“

Wenn nun - wie in der Versuchsanordnung des Films – zwei so unterschiedliche Sänger nebeneinander gestellt werden, dann enthält es die unausgesprochene Frage, wer von beiden einem besser gefällt. Zwei Liedermacher – nimm einen! Da muss ich nicht lange überlegen. Hannes Wader. Den mochte ich immer mehr oder weniger, Konstantin Wecker dagegen ging mir von Anfang an auf eben den. Ich habe mich stets gewundert, dass kaum jemand bemerkt hat, dass sein berühmtes Lied vom ‚Willy’, den sie „daschlogn“ haben, ein ziemlicher Schmarren ist: Da geht jemand in eine Szenekneipe, singt die ‚Internationale’, wird zu Tode geprügelt - und das Publikum ist überwältigt von diesem Vulkanausbruch an Emotionen. Dabei ist es eher eine peinliche Post-68er-Posse über eine falsche Geste zur falschen Zeit an der falschen Stelle. Der Linke wird zum Opfer, die Rechten werden zu Bösewichten, die sich zu einer Schlägerei nach dem Motto ‚5 gegen Willi’ provozieren lassen. Dabei dachte ich immer, die neuen Rechten wären deshalb so widerwärtig, weil sie sich an wehrlosen Migrantinnen und Migranten, die man damals noch „Ausländer“ oder „Asylanten“ nannte, vergreifen.

Inzwischen benutzt Wecker sein Erfolgslied als Schablone und liest eine aktualisierte Textvariante mit gespielter Leidenschaft vom Blatt und demonstriert damit vor einigen wenigen Gewerkschaftlern wie halbherzig sein Engagement inzwischen ist – und wie wenig ernst er es selber nimmt. Begleiten lässt er sich von einer sparsamen Gitarre, wie man sie nicht von ihm gewohnt ist; man kennt ihn schließlich als potenten Platzhirschen am großen Flügel, wo er sein „Genug ist nicht genug“ so theatralisch in Szene setzt, dass ich jedes Mal dachte: Und was zuviel ist, ist zu viel! Zuviel Pomp. Zu viele Umstände. Nicht nur zu große, auch zu laute Worte. Die Überdosis, die man schon seinen Liedern anmerkte, fand wenig später in einer Überdosis Kokain seine Entsprechung.

Ganz anders dagegen der um fünf Jahre ältere Wader. Ein paar Jahre machen viel aus. Er ist ein Prä-68er-Fall, er wandte sich nicht an die Politik - umgekehrt -, sie kam auf ihn zu. Die unruhigen Linken bedrängten ihn und wollten, dass er Lieder singt, in denen es heißt, dass der „Kapitalismus zum Faschismus“ führt. Das wollte er nicht. Das war nicht seine Sprache. Er hat eine eigene. Ich schätze ihn sehr als Sprachkünstler. Seine Adaptionen von u.a. Robert Burns, Alex Campbell und Eric Bogle sind so gut gelungen, dass man meint, sie stammten sowieso von einem erstklassigen deutschen Dichter.

Den Linken war er damit noch lange nicht gut genug, er war nicht links genug, der spießigen Gesellschaft der BRD dagegen war er viel zu weit links. Es war schlimm. Er wurde verhaftet und jahrelang boykottiert, weil Gudrun Ensslin sich unter falschem Namen in seiner Wohnung eingenistet hatte, als er wieder mal unterwegs war. So wurde er Opfer einer Hysterie, an die er am liebsten nicht mehr erinnert werden will, und er sagt (aus dem Gedächtnis zitiert), dass er sich heute den Vorwurf macht, eine gewisse klammheimliche Sympathie für „diese Mörderbande“ gehabt zu haben. Die DKP hat ihn schließlich aus seiner Haltlosigkeit, die ihm „nicht gut getan hat“, gerettet und hat ihm eine Art Heimat geboten – und wenig später umso tiefer ins Nichts fallen lassen und bei ihm ein Misstrauen hinterlassen gegenüber allem, was „grandios“ auftritt.

Wenn Menschen singen, rührt es einen. Die ergreifenden Szenen sind die, wenn die Kamera im Publikum herumfährt und eine bunte Mischung von Menschen zeigt, die textsicher die Lieder von Wader mitsingen. Dabei war die Mitsingerei in Kreisen der Liedermacher eine heikle Sache; sie passte nicht so recht zum Gestus des Barden, der sich einiges auf seine Individualität zugute hält und am liebsten alles alleine und vor allem alles selber machte, sich im Idealfall sogar wie Franz Hohler ein Cello selbst zusammenbaute, um damit ein Lied mit der Zeile „Er hat es selber gemacht“ zum Besten zu geben. So waren sie, die selbsternannten Nachfahren von Walther von der Vogelweide, Francois Villon und Heinrich Heine. Einzelgänger. Einzelsänger.

Das machte sich nicht gut im realen Sozialismus. Da wurde das „überzogen Individuelle“ nicht so geschätzt, insbesondere wurde Wolf Biermann nicht so geschätzt. Eine kleine Szene aus dem Film sticht nicht nur musikalisch heraus; sie tut einem fast schon weh: Wir sehen, wie Hannes Wader – vermutlich im Palast der Republik – mit großem Chor auftritt. Früher sagte man gerne, dass ein Liedermacher „hinter“ seinen Liedern steht. Hier sieht man Wader, wie er „vor“ der singenden Arbeiterklasse steht, aber irgendwie den Eindruck macht, er stünde unter Drogen und stünde „neben sich“. Er selber hatte womöglich damals noch das Gefühl, dass ihm der Massengesang so viel Halt gibt, dass er sogar seine Gitarre, an die er sich sonst klammert, weil er nicht weiß, wohin mit seinen Händen, in die Ecke stellen konnte.

Ich hätte mir mehr Rückblenden gewünscht - Rückblenden, die noch weiter zurückblicken und noch mehr von den Anfängen erzählen, von den Festivals auf der Burg Waldeck etwa, wo die Liedermacher gestört wurden mit der Parole „Stellt die Gitarren in die Ecke und diskutiert“. Aber ein Dokumentarfilm ist nun mal kein Wunschkonzert. Und das Leben ist kein Ponyhof.

Gleich zu Anfang spricht Hannes Wader treffsicher die Frage an, die ihn stets begleitet hat: ob er denn glaube, mit seinen Liedern die Welt „verändern“ zu können. Er weiß es inzwischen: Nein. Man kann nur Teil einer Bewegung sein. Die Welt ändert sich sowieso. Konstantin Wecker dagegen meint, dass sich die Welt ohne ihre Lieder sogar zum Schlechteren entwickelt hätte. Man merkt, dass er sich gerne Schuhe anzieht, die zwar ein paar Nummern zu groß sind, aber gut aussehen. Wecker drückt sich geschickt aus. Über Bande, über den Umweg des Negativen. Man könnte es als halbes „Ja“ werten – so wirkt seine Antwort auf die Frage, ob Lieder die Welt verändern können.

Gute Frage. Und die Antwort? The answer my friend is blowing in the wind. Und was sieht man im Wind? Da sieht man die Gewänder von all denen, die ihr Mäntelchen in den Wind gehängt haben. Die Frage, ob ein Liedermacher vorangeht, mitten drin ist oder womöglich nur hinterherläuft, hat mich auch bei dem Buch ‚Dorn im Ohr’ begleitet, das einen Überblick über die Szene gibt. Ich erinnere mich: Da gab es solche und solche. Walter Mossmann zum Beispiel nahm gerne eine radikale Position ein - „radikal“ galt damals als besonders gut, es hieß ja, dass man an die Wurzel ging („extrem“ sagte man nicht). Es war die Zeit, in der man von den Bedürfnissen zu den Ansprüchen übergegangen war; die Zauberworte waren „relevant“ und „anspruchsvoll“.

Demgegenüber standen einerseits die anspruchslosen Blödelbarden wie Ingo Insterburg und Otto und andererseits die kommerziellen Liedermacher, wie sie Lerryn alias Dr. Diether Dehm in seinem Schlager „Bravo, Bravo, Hurrah, der Sänger mit den besseren Liedern ist da“ parodierte und sich dabei gleichzeitig ein Hintertürchen offen hielt, im Zweifelsfall selber als einer von denen zu gelten, die mit besseren Liedern berühmt werden. Ein Balanceakt. Allein der Erfolg diskreditierte die Liedermacher, denen man dann keine glaubwürdigen Aussagen mehr zutraute. Das galt sowohl für Udo Lindenberg als auch für Reinhard Mey, der immerhin zu den Pionieren der Liedermacher zählt. Ehrenwerte Anfänge mochte auch Lindenberg gehabt haben, doch nun besangen diese Verräter „unverbindliches“ und „gefälliges“ Zeug und stimmten schnulzige Liebeslieder an. Nun waren sie nicht mehr „alternativ“.

Die Trennlinie verlief nicht nur zwischen „radikal“ und „kommerziell“, sondern auch zwischen „politisch“ und „privat“. Es war eine Trennlinie mit Stacheldraht – so wie auch zwischen den Teilen Deutschlands und unseren Weltbildern eine brutale Trennlinie verlief. Man kann sich das Lagerdenken und die Unvereinbarkeiten der Hitzköpfe von damals heute nicht mehr vorstellen – und glaubt es kaum. Franz Joseph Degenhardt warnte ausdrücklich vor „privaten Liedern“ und verstieg sich zu der Parole: „Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf“. Davon nahm er zwar später wieder Abstand, doch der Graben blieb. Er glaubte selber, dass es keine „unpolitischen Lieder“ gibt. Und in der Politik gab es nun mal klare Fronten: Which side are you on? Sänger mit leisen Tönen und mit Zwischentönen wie Hanns Dieter Hüsch hatten es schwer. Christof Stählin auch, er nannte seine LP sogar ‚Privatlieder’. Das ging gar nicht. Er hat es irgendwie geschafft, weder politisch relevant, noch kommerziell erfolgreich zu sein. Dafür lebt seine poetische Methode weiter in seiner Akademie SAGO, aus der die Liedermacher der jungen Generation wie Bodo Wartke oder Sebastian Krämer hervorgegangen sind.

Wecker und Wader dagegen werden aus sich selbst heraus ewig weiterleben und immer so weitermachen, sie sagen selber, dass ihnen ihre Konzerte im Alter zunehmend Spaß machen; ihre Tournee hieß auch: KEIN ENDE IN SICHT. Wobei das Gruppenbild auf dem Plakat so fotografiert ist, dass man die beiden schräg von oben sieht und deutlich erkennt, dass zumindest bei ihrem Haarwuchs doch ein baldiges Ende abzusehen ist.

Eine Frauenquote brauchte man damals weder für Terroristen (heute würde man sie vermutlich „Terroristinnen und Terroristen“ nennen) noch für Liedermacher. Frauen hatten kein Problem mit dem Erfolg. Sie waren anfällig für die Verlockungen des Geldes, auch eine widerborstige Gestalt wie Nina Hagen wurde in Kreisen der politisch engagierten Liedermacher als „perfektes kommerzielles Produkt“ gesehen. Ganz zu schweigen von Nena.

Und noch in einer anderen Hinsicht markierte die Frauenbewegung das Ende der Liedermacher mit ihren speziellen Grabenkämpfen. Die Frauen beendeten das Dilemma, sich zwischen „politisch“ oder „privat“ entscheiden zu müssen. Nun galt die Formel: Das Private ist politisch. Ina Deter wurde zum Bremslicht der Liedermacher-Welle. Ihr Hit ‚Neue Männer braucht das Land’ war nicht etwa ein Kommentar zum Ende der Regierungszeit von Helmut Schmidt, sondern war ganz allgemein ein Ruf nach dem Neuen Mann für alle und für sie persönlich. So besang sie das Ende des politischen Liedes auf ihre Art. Zu lachen gab es nun auch nichts mehr. Gerüchten zufolge plant sie ein Comeback zusammen mit Guttenberg, der ihr Lied ‚Ich habe abgetrieben’ in der neuen Version singen soll: „Ich habe abgeschrieben“.

Nun sind die Frauen in der Politik angekommen. Und nun zitiere ich wieder aus dem Gedächtnis. Als vor einigen Jahren „Gender Mainstreaming“ als „Querschnittsaufgabe“ eingeführt wurde, musste noch auf der Internetseite des Ministeriums eine Erklärung angeboten werden für alle, die sich nichts darunter vorstellen konnten. Da hieß es, dass mit „gender“ - im Unterschied zum biologischen Geschlecht - das „soziale Geschlecht“ bezeichnet würde und damit all die „sozialen“ Faktoren, die unsere geschlechtliche Identität ausmachen. So ähnlich. Und da war es auch schon: ein kleines Wörtchen, an das ich mich genau erinnere, weil es mir sofort unangenehm aufgefallen war; es kam gleich nach dem Stichwort „sozial“, da sprachen sie: „von den sozialen (Achtung, es kommt!) und damit veränderbaren“ Faktoren. Da war es, das Reizwort: veränderbar.

Ich dachte sofort: Halt! Stopp! Haben diese Herrschaften - besser gesagt: die Frauen - überhaupt das Mandat, etwas am Geschlecht - und sei es nur am sozialen - zu ändern? Und auf welches Ziel soll das hinauslaufen? Das sagen sie einem nicht, aber man merkt ihnen den Rausch an, an einem Machthebel zu sitzen und sich in eine Hybris zu steigern und kokett zu verkünden: Ich verändere die Welt, ob ihr wollt oder nicht, ich darf das, ich kann das.

Können sie es wirklich? Hoffentlich nicht. Ich kann mir erfolgreiche Veränderungen nur vorstellen, wenn man sie im großen Stil und unter Anwendung von Gewalt durchzieht – wie etwa bei der Kulturrevolution in China oder dem Großen Sprung nach vorn, der jedoch nach hinten losging. Vielleicht kommt es ja noch. Bisher beschränkte sich die Frauenpolitik in erster Linie auf Geldverschwendung und auf die Vergiftung des Klimas durch misandrische Propaganda. All ihre Aktionen - wie beispielsweise der Girls’ Day oder Equal Pay Day - kamen mir immer vor wie Beispiele einer Politik des homöopathischen Maoismus: Eigentlich müsste man mit großen Geschossen kommen, aber es werden nur Kügelchen verabreicht, an die man ganz fest glauben muss. Es erinnert mich an den Selbstmordkandidaten, der versucht hat, sich mit Placebos umzubringen. Er hätte es beinah geschafft hätte, aber nur beinah, weil er nicht stark genug daran geglaubt hat.

Warum reden sie auch in so einem geheimnisvollen Englisch? Die Flucht in die fremde Sprache erinnert mich an besonders naive, gleichwohl besonders angeberische Nachwuchs-Künstler - an „newcomer“, besser gesagt -, die von Anfang an nur englische Texte singen wollten, weil sie meinten, damit könnten sie ein viel größeres Publikum erreichen – in Wirklichkeit traten sie ins Niemandsland. Sie hatten sich getäuscht, wenn sie dachten, dank ihrer (teilweise auch ihnen selbst) unverständlichen Texte würde niemand so schnell merken, dass sie nichts zu sagen haben. Beim Übersetzen und Erklären offenbaren sich dann doch Fehler und Tücken.

Hier haben wir so einen Fall: Ein kleiner Unterschied und seine großen Folgen. Stellen wir uns vor, in der Erläuterung stünde nicht das Wörtchen „veränderbar“, sondern „veränderlich“. Das wäre gut so. Richtig so. Dann könnten sie allerdings ihre ganze hochgestochene „Querschnittsaufgabe“, bei der ich sowieso immer an Querschnittslähmung denken muss, knicken. Es würde jedoch dieses wundersame „soziale Geschlecht“ - genannt „gender“ - angemessen beschrieben: als etwas Undeutliches und Unfassbares; als etwas, das sich sowieso ständig ändert und sich nicht vom biologischen Geschlecht trennen lässt; als etwas, das aus vielfältigen, widersprüchlichen Impulsen besteht, zu denen man sich individuell verhalten kann. Ein Phantom. Es existiert nur in der Denkweise einer falschen Abstraktion. Man kann dem „sozialen Geschlecht“ nicht mit Vorschriften beikommen. Daran mit bürokratischem Besteck herumzuoperieren, dürfte so aussichtslos sein wie der Versuch, einen Wackelpudding, der das Haltbarkeitsdatum überschritten hat, per E-mail als Anhang zu verschicken.

Sie hätten Hannes Wader fragen sollen, der kennt sich aus mit Veränderungen, und offenbart uns, dass er auch seine Meinung zu der Frage der Veränderbarkeit geändert hat. In einem der Rückblicke, der ihn zeigt, als er noch in seiner Mühle in Struckum wohnte und gerade frisch in die DKP eingetreten war, betont er ausdrücklich, dass er im Namen aller Versammelten spricht - er spricht also als ein kollektives „wir“ -, und verkündet, dass dieses „wir“ die Welt für „veränderbar“ hält, als müsste das endlich mal gesagt werden. Da war es wieder: veränderbar.

Er durfte so denken – die Aktivistinnen der Frauenpolitik dürfen es nicht. Ein junger Mensch möchte teilnehmen an den Bewegungen der Welt, er möchte seinen kleinen Beitrag zu einer besseren Zukunft leisten; ein Künstler ist von dem Glauben beseelt, dass seine Werke das irgendwie schaffen. Er möchte Teil von etwas sein, das größer ist als er selber, und er möchte gegen das Gefühl der Vergeblichkeit ankämpfen, gegen das Gefühl, er hätte doch nur eine Flasche Wodka in die Nordsee gekippt. Ein Künstler ist ein Trotzkopf, er hängt an so einem seltsamen Glauben, vielleicht sogar an dem von der „Erlösung durch die Kunst“. Das ist richtig so. Gut so.

Denn die Veränderungswünsche eines Liedermachers bleiben immer auf der Basis von Freiwilligkeit. Niemand muss sich ein Lied bis zum Ende anhören. Wenn er es dennoch tut, muss er nachher nicht applaudieren. Er kann auch pfeifen. Er kann gehen. Alle Veränderungswünsche, die in Kunstwerke gekleidet sind und im freien Verkauf an Menschen herangetragen werden, die sich das aus freien Stücken anhören, sind immer nur „Vorschläge“, wie es Berthold Brecht in seiner berüchtigten Bescheidenheit nannte, als er davon sprach, er wünsche sich als Grabsteininschrift, die Bemerkung, er hätte Vorschläge gemacht. Eben: Vorschläge. Nicht Vorschriften.

Und nun blicken wir zurück und singen leise vor uns hin (ich denke dabei an die aktuelle politische Lage und an die Gespensterparty der aufgeblähten Modeworte von heute, die die Peinlichkeiten von morgen sein werden): „Doch was neu ist, wird alt und was gestern noch galt, gilt schon heut’ oder morgen nicht mehr.“ Und weiter: „Manchmal träume ich schwer und dann denk’ ich, es wär’, Zeit zu bleiben und nun was ganz andres zu tun. So vergeht Jahr um Jahr und es ist mir längst klar, dass nichts bleibt, dass nichts bleibt wie es war.“

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