Arte
Als Antwort auf: Arte 20:40 Trennungsdramen von Olsen-Twins-Fan am 22. März 2005 17:43:08:
Hab gestern Abend eine Video-Aufzeichnung gesehen und mir die Mühe gemacht, einige Zitate zusammenzustellen. Die Aussagen in Anführungszeichen sind wörtlich zitiert.
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22. März 2005
Arte-Themenabend: Wenn Väter sich rächen
Redaktion: Ulrike Dotzer, NDR und Pascale Cornuel, Arte G.E.I.E.
In der einleitenden Moderation verkündet Simone von Stosch: "Jede 5. Frau in Deutschland hat von ihrem Partner Gewalt erfahren."
1. Film: Trennungsdramen - Wenn der Mann zum Feind wird
(Buch & Regie: Claudia Dejá)
Im Film berichten mehrere Frauen von Gewalterlebnissen in ihren jeweiligen Partnerschaften. Interviewaufnahmen, in denen sie die Situation schildern, wechseln sich mit Szenen der Mütter mit ihren Kindern ab.
Off-Sprecher: "Gerade in der Phase der Trennung werden die schwersten Gewalttaten verübt. Das heißt, dass die Frauen und ihre Kinder gerade in dieser Zeit den Schutz vor Übergriffen des Mannes am dringendsten brauchen."
Off-Sprecher: "Es ist seit Jahrzehnten erwiesen, wie wichtig die sorgende Beziehung der Mutter zu den Kindern gerade in den ersten Jahren ist. Wie wichtig die Vermittlung von Geborgenheit und Stabilität ist, um wachsen zu können, sich zu interessieren, sich zu entwickeln. In Frankreich wird die Bedeutung mütterlicher Kompetenz verleugnet. Mit der Etablierung der garde alternée wird so getan, als ob Vater und Mutter für die Kinder das Gleiche sind."
Off-Sprecher: "Das gemeinsame Sorgerecht in Deutschland und seine französische Variante, die Halbe-Halbe-Regel, die garde alternée, sind Ursache all dieser Dramen."
Am Schluss erzählt die Rechtsanwältin Adelaide Stronk von einem Fall, in dem ein Mann sein Kind umgebracht hat.
Gespräch
Simone von Stosch stellt abwechselnd Fragen an Susanne Heynen (Psychologin, Leiterin des Kinderbüros in Karlsruhe, "hat sich lange mit dem Thema häusliche Gewalt beschäftigt") und Ives Lambert (Leiter von "SOS Femmes Accueil" für misshandelte Frauen).
Simone von Stosch an Ives Lambert: "Von wem geht Ihrer Erfahrung nach die Gewalt aus?"
Ives Lambert sagt, natürlich könne es auch Täterinnen geben, aber in der großen Mehrheit sei Gewalt männlich. "Sexuelle Gewalt ist zu 100% männlich."
Ives Lambert: "Das Kind braucht vor allem einen symbolischen Vater."
Simone von Stosch fragt, ob "männliche Gewalt ein blinder Fleck" in der öffentlichen Wahrnehmung sei.
2. Film: In Nomine Patris - Die Interessen der Väterbewegung
(Regie: Myriam Tonelotto und Marc Hansmann, Schnitt/Ton/Tonregie: Marc Hansmann, Produzent: Lino Tonelotto (La bascule))
Im Film wechseln Interview-Ausschnitte sowie Aufnahmen von Väterdemonstrationen mit einer etwas billig wirkenden Rotkäppchengeschichte: Eine junge Frau mit roter Jacke und kurzem Rock wird auf dem Weg zu ihrer Großmutter an einer Bushaltestelle von einem jungen BMW-Fahrer mitgenommen, steigt jedoch kurze Zeit später wieder aus. Der Mann frisst im folgenden analog zum Märchen zunächst die Großmutter, dann das eintreffende Rotkäppchen (Kannibalismus). Letzteres wird von einem Jäger durch eine Art Kaiserschnitt befreit, und beide legen dem Mann stattdessen einen großen Stein in den Bauch.
In den Interviewsequenzen ist meist zunächst ein Fürsprecher der Väter zu hören, dagegen geschnitten dann ein Feminist. Etwa: Matussek weist auf das hohe Selbstmordrisiko von Scheidungsvätern hin, unmittelbar danach sagt Dufresne, es werde "auf die Tränendrüse gedrückt" usw.
Martin Dufresne (Soziologe, Vereinigung "Männer gegen Sexismus", Montreal; in einigen Ausschnitten sitzt auf seinem Schoß eine Siamkatze): "Der Maskulismus ist eine Bewegung des Widerstands gegen die Gleichberechtigung, einer Verteidigung der traditionellen männlichen Privilegien und ihrer Ausweitung auf neue männliche Privilegien. Es ist eine rechtsgerichtete Bewegung - wie es ja auch in den Rassenkonflikten rechtsgerichtete Bewegungen gegeben hat. Der Ku Klux Klan zum Beispiel sollte die Rechte der Weißen gegen die neu erworbenen Rechte der Schwarzen verteidigen. Heutzutage werden die Rechte der Frauen und Kinder in der Gesellschaft anerkannt, und die Privilegierten von gestern, und leider auch von morgen, schließen sich dagegen zusammen."
Jean-Yvves Hayez (Kinderpsychiater, Brüssel): "Unter anderem wollen Maskulisten die Macht über ihre Kinder zurück. Aber ich glaube, im Grunde sind Maskulisten Männer, die ihre Kinder gar nicht so sehr lieben, sondern denen es vor allem darum geht, dass ihre Frau, oder vielmehr ihre Ex-Frau, nicht mehr Rechte hat als sie selbst."
Martin Dufresne: "[Männer] zischen in ihrem BMW an einer Bushaltestelle vorbei, an der eine mit Tüten und Taschen beladene Frau mit ihren Kindern wartet."
Yannick Demers ("Männer gegen das Patriarchat", Quebec): "Diese Männer tun so, als wären sie die Retter der Witwen und Waisen, als wären die Frauen der böse Wolf und sie selbst das Rotkäppchen."
Off-Sprecherin: "In Europa ist die Gewalt innerhalb einer Beziehung die Haupttodesursache für Frauen zwischen 16 und 44 Jahren. Jeden Tag sterben mindestens 2 Frauen unter den Schlägen ihrer Partner. In Deutschland werden alle 4 Tage 3 Frauen von ihrem Mann oder Partner getötet, in Frankreich stirbt alle 5 Tage eine Frau durch die Hand ihres Partners."
Bilder einer Väterdemonstration in Großbritannien. Off-Sprecherin: "Die Aggression der maskulistischen Gruppen verlässt inzwischen die Privatsphäre. Viele Mitglieder der Väterlobbys üben nicht nur direkte körperliche Gewalt gegen ihre Ex-Partnerinnen aus, sondern auch eine symbolische gegen die gesamte Gesellschaft."
Martin Dufresne: "Natürlich spiegelt diese sichtbare Gewalt die heimliche Gewalt wider, der die Partnerinnen dieser Männer, und oft auch die gemeinsamen Kinder, ausgesetzt sind."
Martin Dufresne: "Der Vater ist das moralische Alibi des Mannes. Des Mannes, der seine Privilegien in der Paarbeziehung erhalten will. (...) Und ich glaube, das Kind wird in dieser Schlacht, die hauptsächlich gegen die Rechte der Frau geführt wird, nur instrumentalisiert."
Off-Sprecherin: "Ihr Verständnis von Gleichberechtigung treiben die Maskulisten auf die Spitze, wenn sie behaupten, im gleichen Maße an der Geburt beteiligt zu sein. Im Namen des Vaters wird das Recht der Frau in Frage gestellt, über ihren Körper zu verfügen."
Maurice Berger (Kinderpsychiater, St Etienne): "Es gibt einen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Ich habe aber das Gefühl, dass ein gewisser Teil der Väterbewegung zu behaupten versucht, dass es kaum einen bemerkenswerten Unterschied gibt. (...) Weil [der Mann] das Problem der unbestreitbaren Differenz nicht in den Griff bekommt, behauptet er, dass er zu 50% an der Schwangerschaft beteiligt sei."
Gespräch
Yves Lambert: "Diese Väterbewegten, denen geht es eigentlich immer nur um eines, nämlich um die Macht."
Susanne Heynen: "Es geht um Rechte, es ist sehr aggressiv zum Teil auch vorgetragen, und es ist wenig spürbar von so was wie wirklich Bedürfnis und Interesse am Kind."
Simone von Stosch an Yves Lambert: "Die selbst ernannten Väteraktivisten sagen, sie kämpfen für das Wohl des Kindes. Wie ist Ihre Erfahrung? Kämpfen die wirklich für das Wohl des Kindes?"
Yves Lambert: "Nein, die instrumentalisieren ihre Kinder, um die Ziele zu erreichen, nämlich weiterhin eine Beziehung mit der Mutter zu haben und Macht über die Mutter zu bewahren, eine Kontrolle."
Yves Lambert: "Die sind reaktionär. Die würden, glaube ich, gerne in ich weiß nicht welches Jahr zurückkehren."
Susanne Heynen: "Vor allen Dingen wenden sie sich auch dagegen, dass tatsächlich das, was wir auch haben, eine Kinderrechtsbewegung, dass die Bedürfnisse des Kindes wirklich wahrgenommen werden."
Simone von Stosch kündigt am Ende einen Arte-Beitrag an, der sich mit den "wesentlich erfreulicheren" "neuen Vätern" befassen soll.
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An einer fairen Diskussion mit Rede und Gegenrede ist man bei Arte offenbar nicht interessiert. Man wird wohl seine Gründe dafür haben.

