Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung

Max, Monday, 07.02.2005, 12:48 (vor 7667 Tagen)

Hallo Leute,

mehr noch als Zeitungsartikel und Gesetze scheint mir die allgegenwärtige Werbung das Vehikel zu sein, mit dem gesellschaftsveränderndes Bewußtsein transportiert und auch „implantiert“ wird. Die Nebenbotschaften der Werbung, die kaum einem bewußt werden, wirken unauffällig und trotzdem sehr effizient.

Soheil Dastyari hat sich in dem Buch "Antimaterie Mann – Männlichkeit in der Werbung"
sehr genau mit dem Thema auseinandergesetzt. Das Buch dokumentiert die Forschungsergebnisse einer repräsentativen Untersuchung zum Komplex Geschlecht und Werbung. Auszüge aus dem Resümee:

Ziel dieser Arbeit war es, einen repräsentativen Beitrag zu "Männlichkeit" als kulturellem Leitbild zu leisten. Es wurde eine klassische Inhaltsanalyse der Darstellung von Männern und Männlichkeit in deutschen Fernsehwerbespots durchgeführt (....) Zu diesem Zwecke wurden im Jahre 1998 an 14 Tagen auf sieben verschiedenen Fernsehsendern insgesamt 2.409 Fernsehwerbespots gesichtet, wovon 1.536 Spots Doppelungen waren. Demnach wurden 873 verschiedene Fernsehwerbespots analysiert. In Nutzung der gesamten Forschungsliteratur konnten 31 Kriterienblöcke entwickelt werden, die insgesamt 246 Subkriterien enthalten. Dabei handelt es sich, international betrachtet, sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht um den elaboriertesten Kriterienkatalog, der bisher zum Zwecke der Untersuchung von Geschlechterdarstellungen im Werbefernsehen entwickelt wurde.(....)
Bisherige Studien hatten ein sogenanntes traditionelles Männerbild konstatiert, das sich zusammenfassend betrachtet durch die Verkörperung von Autorität, Handlungsdominanz, Unabhängigkeit und differenzierter Darstellung bezüglich Aussehen und Rolle äußerte. Die Ergebnisse dieser Untersuchung weisen einen eindeutigen Bruch dieses traditionellen Männerbildes auf. Der Mann stellt nicht länger die entscheidende Autorität dar, genausowenig wie er noch länger als unabhängig bzw. autonom dargestellt wird. Diese beiden Veränderungen wurden mit den Begriffen "Autoritätsverlust" und "Referentialität" gekennzeichnet. Der "Autoritätsverlust" des dargestellten Mannes äußert sich nicht nur durch den Wegfall physischer, argumentativer oder nomineller Dominanz, er hat auch seine handlungsbestimmende Rolle zum großen Teil eingebüßt. Letzteres äußert sich sowohl in der Zunahme passiven Verhaltens und Unterordnung in Bezug auf die gesamte Spot-Handlung als auch in zentralen Verhaltensmomenten, in denen dem dargestellten Mann öfter geholfen wird, als er jemandem hilft, in denen er öfter Aggression erleidet, als er sie ausübt, und in denen er öfter Zuneigung zeigt, als ihm Zuneigung zuteil wird.
Der zweite neue Aspekt von Männlichkeit in der Fernsehwerbung ("Referentialität") äußert sich vor allem in der Beziehung des Mannes zur dargestellten Frau. Der Mann handelt nicht mehr selbstbestimmt und unabhängig, sondern referiert mit deutlicher Mehrheit gegenüber anderen Personen auf die Frau. Unabhängig davon, ob es sich um verbale oder non-verbale Interaktion, um Aggression, Zuneigung oder Hilfestellung handelt – die Frau ist immer die dominierende Interaktionspartnerin. Dies ist jedoch nicht nur quantitativ zu verstehen. Der Mann bildet mit der Frau eine Gemeinschaft, in der beide gleichberechtigt agieren und die Frau häufiger als der Mann den maßgeblichen, bestimmenden Part einnimmt.(....)
Der dargestellte Mann agiert nur noch in den seltensten Fällen im beruflichen Kontext. Bei den dargestellten Rollen liegt ein deutlicher Schwerpunkt auf privaten Rollen, wie "Ehemann", "Partner", "Vater" oder "Sonstige Privat".
Der dritte neue maßgebliche Aspekt ist die "Entdifferenzierung" des dargestellten Mannes. Wurde der Mann in der Werbung bisher hinsichtlich Aussehen und Rolle differenziert dargestellt, ist er jetzt als konturlos zu bezeichnen. Unabhängig davon, ob man die erscheinung, das sprachliche oder nicht-sprachliche Verhalten, die dargestellte Rolle, den Personenhintergrund oder die räumliche Umgebung der dargestellten Männer betrachtet, es sind keine charakteristischen Merkmale von Männlichkeit in der deutschen Fernsehwerbung zu identifizieren. Dabei lassen sich noch nicht einmal zwei voneinander unterscheidbare Stereotype im Sinne einer modellhaften Zuspitzung herausarbeiten. Der Mann verkörpert weder Autorität noch Opfer, er zeichnet sich weder Ausdifferenzierung noch durch Stereotypisierung aus und er ist weder aggressiv noch devot, weder Held noch Depp. Die Männer in der deutschen Fernsehwerbung werden als entdifferenzierte, homogene, voneinander nicht deutlich unterscheidbare Masse dargestellt. Demzufolge kann weder von einer Stereotypisierung noch von einer Ausdifferenzierung von Männern und Männlichkeit in der deutschen Fernsehwerbung die Rede sein – es hat eine "Entdifferenzierung" stattgefunden.
Die drei neuen Aspekte von Männern und damit von Männlichkeit – "Autoritätsverlust", "Referentialität" und "Entdifferenzierung" – erzeugen ein völlig neues Bild, welches mit traditionellen Männerbildern radikal bricht. Der Mann in der Werbung ist zwar vorhanden, aber nicht mehr greifbar. Er hat lediglich viele kleine, unmaßgebliche Merkmale, die sich jedoch nicht zu einer charakteristischen Rolle formen – er ist im übertragenden Sinne wie Antimaterie, er ist ein entdifferenzierter Privatier.

Damit ist das belegt, was ich schon lange "gewußt" habe, so hieb- und stichfest aber nicht hätte "rüberbringen" können.

Gruß - Max

Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung

Eugen Prinz, Monday, 07.02.2005, 13:39 (vor 7667 Tagen) @ Max

Als Antwort auf: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung von Max am 07. Februar 2005 10:48:20:

Das ist eine sehr interessante Untersuchung. Auch mir geht die "Entöffentlichung" des Mannes schon lange auf den Keks und der Autor hat im Grunde einen Eindruck, den ich schon lange gewonnen habe, endlich mal wissenschaftlich quantifiziert.

Die Frage ist, wie konnte es dahin kommen? Es haben sich ja nicht vor zehn Jahre zehn Leute an einen Tisch gesetzt und gesagt: So, jetzt "entdifferenzieren" wir mal den Mann.

Eine Ursache ist sicher darin zu sehen, dass Werbung mitlerweile überwiegend von Frauen gemacht wird. Das müssen keine Feministinnen sein. Aber natürlich werben sie leichter mit doofen Männern als mit doofen Frauen.

Ein anderes Problem ist, dass Männer sich das gefallen lassen. Gerade wirbt die Stadtsparkasse Frankenthal wieder mit einem sexistischen, männerverachtenden, die Würde des Menschen mit Füßen tretenden Plakat.

Davon, dass hier im Forum jemand über den Holocaust oder die Zerbombung von Dresden schwallt (ja, ich meine Magnus), verschwindet dieses Plakat bestimmt nicht.

Also schaut euch um, wo diese Schweinerei noch auftaucht, und unternehmt was. Anregungen und weiteres bei mir.

Gruß von Eugen

Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung

MisterG, Monday, 07.02.2005, 14:46 (vor 7667 Tagen) @ Eugen Prinz

Als Antwort auf: Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung von Eugen Prinz am 07. Februar 2005 11:39:31:

Wenn du das Bild mit der auf einem Mann sitzenden Frau meinst, das kursiert glaube ich schon seit einem Jahr in Deutschland herum. Bin neulich umgezogen und auch in meiner jetzigen Stadt ist es mir mal wieder begegnet.

Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung

ein weiterer Andreas, Monday, 07.02.2005, 15:04 (vor 7667 Tagen) @ Eugen Prinz

Als Antwort auf: Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung von Eugen Prinz am 07. Februar 2005 11:39:31:

Die Frage ist, wie konnte es dahin kommen? Es haben sich ja nicht vor zehn Jahre zehn Leute an einen Tisch gesetzt und gesagt: So, jetzt "entdifferenzieren" wir mal den Mann.

Sie haben über die letzten 10 bis 20 Jahre allmählich die Meinungsführerschaft errungen. Folge davon ist ein gesamtgesellschaftliches Klima, aus dem heraus die Werbung fast zwangsläufig männerfeindlich werden muß, da sie sich ja als solche immer den neuesten Trends gerne anpaßt.

Eine andere Folge ist das Meinungsklima an den Schulen, das Jungens immer mehr benachteiligt. Frau Lehrerin (an den Grundschulen gibt es ja fast nur Frauen als Lehrer) ist mehr oder weniger bewußt gegen das andere Geschlecht voreingenommen und läßt es an den Jungens aus. Ich, als Vater zweier Töchter habe das lange nicht direkt mitbekommen. Erst als ich mich trennte und meine neue Lebensgefährtin als Mutter zweier Söhne aus dem Schulalltag berichtete, wurde es mir evident.

Eine Ursache ist sicher darin zu sehen, dass Werbung mitlerweile überwiegend von Frauen gemacht wird. Das müssen keine Feministinnen sein. Aber natürlich werben sie leichter mit doofen Männern als mit doofen Frauen.

Es gibt genug Feministin männlichen Geschlechts und gedankenlose Trottel, die gerne auf dieser Welle reiten.

Gruß

Andreas

Re: Antimaterie Mann ... - Zustimmung in jedem Punkt (n/t)

Eugen Prinz, Monday, 07.02.2005, 15:18 (vor 7667 Tagen) @ ein weiterer Andreas

Als Antwort auf: Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung von ein weiterer Andreas am 07. Februar 2005 13:04:48:

Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung

Eugen Prinz, Monday, 07.02.2005, 15:27 (vor 7667 Tagen) @ MisterG

Als Antwort auf: Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung von MisterG am 07. Februar 2005 12:46:20:

Wenn du das Bild mit der auf einem Mann sitzenden Frau meinst, das kursiert glaube ich schon seit einem Jahr in Deutschland herum. Bin neulich umgezogen und auch in meiner jetzigen Stadt ist es mir mal wieder begegnet.

Ja, das meine ich. Wir haben vor ca. einem halben Jahr protestiert. Aber jetzt ist es wieder aufgetaucht. Da müssen wir etwas stärker auf die Tube drücken. Wenn du es wieder siehst, dann schreib einen Protestbrief, oder sag direkt in der Bank lautstark Bescheid, was du davon hältst. Sie können nicht hören, was wir nicht sagen! Nimm wenn möglich zwei, drei Freunde mit. Dokumentiere (Foto) das Ganze und schicke es an info@manndat.de. Dann haben wir eine bessere Grundlage für weitergehende Aktionen und Beschwerden. Je mehr mitmachen, um so weniger können sie das Ganze als die Spinnerei von Einzelgängern abtun.

Good luck, Eugen

Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung

Garp, Monday, 07.02.2005, 17:41 (vor 7667 Tagen) @ Max

Als Antwort auf: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung von Max am 07. Februar 2005 10:48:20:

Hi Max,

also bei Werbung bin ich mir immer etwas unschlüssig.
Zunächst durchschauen die meisten Menschen Werbung durchaus. Es geht darum, ihnen die Kohle aus den Taschen zu ziehen. Ich glaube, keiner akzeptiert die Werbung als Abbild der Realität. Nur weil in der Werbung Trottel gezeigt werden, muss ich mich noch lange nicht mit ihnen identifizieren.

Scherze und Späße über angebliche typische Verhaltensmuster von Frauen und Männern gab es schon immer und wird es auch immer geben. Ein Großteil dessen was sie Comedy schimpft beruht genau hierauf.

Diese Scherze können sowohl liebevoll als auch abwertend sein. Aber wie es bei dem Einzelnen ankommt ist eben immer unterschiedlich.
Ich persönlich fand z.B. die IKEA-Werbung mit dem Kuckuckskind durchaus amüsant. Andere dagegen, wie z.B. die von der Sparkasse widerlich. Aber das ist nur mein Geschmack.

Ich glaube, die männerfeindliche Werbung ist eher ein Ausfluss der Umstände, die wir bekämpfen. (so wie dies Andreas schon angedeutet hat)

Wer Männer als Gewalttäter, ohne Empathie, mit verkrüppelten Chromosomen und als Bildungsversager tituliert, schafft damit den Boden für diese Werbung.

Durch die unreflektierte Übernahme feministischer Ideologien in den kulturellen Mainstream entstand das Bild des Mannes, der es einfach verdient hat verbal eins in die Fresse zu bekommen.
Schließlich sind es angeblich ja nur Männer, die massenhaft arme Frauen verprügeln, die unsere letzte Hoffnung ins Paradies symbolisieren.

Fällt der Feminismus und seine unmündigen Mitläufer in der Meinungsmaschinerie, dann erst werden die Geschlechter sich wieder liebevoll gegenseitig necken können, auf der Basis der Zuneigung und nicht des Hasses.

Gruß
Garp

Reitbild

Rüdiger, Monday, 07.02.2005, 18:08 (vor 7667 Tagen) @ Eugen Prinz

Als Antwort auf: Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung von Eugen Prinz am 07. Februar 2005 13:27:51:

>Wenn du das Bild mit der auf einem Mann sitzenden Frau meinst, das kursiert glaube ich schon seit einem Jahr in Deutschland herum. Bin neulich umgezogen und auch in meiner jetzigen Stadt ist es mir mal wieder begegnet.
Ja, das meine ich. Wir haben vor ca. einem halben Jahr protestiert. Aber jetzt ist es wieder aufgetaucht.

Das Bild verwendete die Kreissparkasse Tübingen schon 2001, und schon damals wurde, glaube ich, im Forum hier berichtet, vielleicht sogar von mir *vergeßlich geworden* ;-). Ich weiß noch, daß ich in meiner Dorfsparkasse nachgefragt habe, wer für das Bild verantwortlich ist, allerdings *zerknirscht* nicht um meine Empörung auszudrücken, sondern um das Bild eventuell später mal für einen Femdom-Buchtitel anzukaufen ... ;-) Die haben da sogar noch meinetwegen mit der Zentrale in Tübingen telefoniert - es scheint da so eine Art Zentralinstanz zu geben *nach der Adresse vergeblich kram*, die alle Sparkassen mit Werbematerial versorgt, und das kursiert dann jahrelang immer so rundherum ....

Klar ist das Bild kraß, aber ich hätte nichts gegen solche Bilder mit SM-Bezügen, wenn's zum Ausgleich auch mal eine Frau als "Opfer" "erwischte" - aber da wäre die öffentliche Empörung wohl groß .... Ich hätte auch nichts dagegen, daß mancher Werbespot Männer durch den Kakao zieht, wenn's auch mal umgekehrt der Fall wäre, ohne daß sich gleich ein Gekreisch "frauenfeindlich!" erhöbe.

Gruß, Rüdiger

Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung

Ralf, Monday, 07.02.2005, 18:43 (vor 7667 Tagen) @ Max

Als Antwort auf: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung von Max am 07. Februar 2005 10:48:20:

mehr noch als Zeitungsartikel und Gesetze scheint mir die allgegenwärtige Werbung das Vehikel zu sein, mit dem gesellschaftsveränderndes Bewußtsein transportiert und auch „implantiert“ wird. Die Nebenbotschaften der Werbung, die kaum einem bewußt werden, wirken unauffällig und trotzdem sehr effizient.

Naja, umgekehrt regen sich im EMMA-Forum in schöner Regelmäßigkeit irgendwelche Emanzen über gar erschröckliche Fälle "frauenfeindlicher" oder "sexistischer" Werbung auf.

An dem Artikel mag ja was dran sein, aber darüberhinaus ist es einfach ein Thema, worüber sich jeder jederzeit ereifern kann, und auch jederzeit zu seiner Meinung passende Beispiele findet - egal, ob er nun eher maskulistisch eingestellt oder aber zur Emanze degeneriert ist.

Gruß Ralf

Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung

Max, Monday, 07.02.2005, 19:16 (vor 7667 Tagen) @ Ralf

Als Antwort auf: Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung von Ralf am 07. Februar 2005 16:43:10:

Hallo Ralf,

Naja, umgekehrt regen sich im EMMA-Forum in schöner Regelmäßigkeit irgendwelche Emanzen über gar erschröckliche Fälle "frauenfeindlicher" oder "sexistischer" Werbung auf.

...es hat sich hier niemand aufgeregt. Deswegen verfehlt der Hinweis, daß sich "umgekehrt" jemand "auch aufregt", sein Ziel. Ich nehme an, Du wolltest suggerieren, daß es hier so etwas wie eine "ausgleichende Gerechtigkeit" gibt. Die gibt es allerdings nicht. Sich über "frauenfeindliche" oder "sexistische" Werbung aufzuregen, ist etwas ganz anderes, als auf die generelle Entdifferenzierung des Mannes aufmerksam zu machen. Zwei völlig verschiedene Sachverhalte...

An dem Artikel mag ja was dran sein, aber darüberhinaus ist es einfach ein Thema, worüber sich jeder jederzeit ereifern kann, und auch jederzeit zu seiner Meinung passende Beispiele findet - egal, ob er nun eher maskulistisch eingestellt oder aber zur Emanze degeneriert ist.

...es ging hier nicht um einen Artikel, der die Meinung eines bestimmten Autors wiedergab, sondern um das Resümee einer wissenschaftlich angelegten Studie. Es ging auch nicht um Beispiele, sondern um eine abschließende Bewertung aus der Auswertung von über 800 untersuchten Fernsehwerbespots. Es ging um das Bild des Mannes in der Werbung generell.
Wollte man dem etwas "ausgleichendes" gegenüber stellen, dann müßte man wohl eine Studie präsentieren, die zu dem Schluß käme, daß Werbung generell "frauenfeindlich" oder "sexistisch" sei. Und das ist schlechterdings nicht denkbar.

Gruß - Max

Re: Reitbild

Joker, Tuesday, 08.02.2005, 01:42 (vor 7667 Tagen) @ Rüdiger

Als Antwort auf: Reitbild von Rüdiger am 07. Februar 2005 16:08:09:

Na die Reiterstellung selbst durften sie halt aus Jugendschutzgründen nicht zeigen...

Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung

Garfield, Tuesday, 08.02.2005, 18:03 (vor 7666 Tagen) @ Max

Als Antwort auf: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung von Max am 07. Februar 2005 10:48:20:

Hallo Max!

Das wundert mich überhaupt nicht, betrachten doch viele Unternehmen mittlerweile Frauen als ihre hauptsächliche Zielgruppe. Es gibt zwar vereinzelt auch Werbespots, die Männer positiv darstellen, dann aber nur für die wenigen Produkte, die hauptsächlich von Männern gekauft werden (vor allem Mobiltelefone oder manche Autotypen).

Auch sonst fällt mir in den Medien zunehmend auf, daß es immer weniger Männer gibt. Vor allem im Musikbereich. Wenn man sich mal Videos auf diversen Musiksendern ansieht, dann sieht man da fast nur noch Frauen. Einzige Ausnahme: Männer, die schon länger im Geschäft sind, Männer die Teil einer gemischten Band sind (wobei dann aber auch meist die weiblichen Bandmitglieder in den Vordergrund gestellt werden) oder die immer noch ab und zu auftauchenden Boygroups oder auch einzelne männliche Sänger, deren Aufgabe es ist, Schnulzen für junge Mädels in der Pubertät zu Gehör zu bringen.

Nun könnte man ja meinen, daß der Markt das halt so will. Aber auch dann stellt sich die Frage, wieso so viele Menschen heute weibliche Musiker bevorzugen.

Außerdem glaube ich nicht, daß der Markt das wirklich festlegt. Ich denke, das läuft so ab:

Die Leute, die im Musikgeschäft das Sagen haben, lassen regelmäßig Marktanalysen durchführen. Da schickt dann also ein Markforschungsunternehmen z.B. Leute auf die Straße, die dann die Passanten befragen. U.a. wird dann auch gefragt, ob den Leuten männliche oder weibliche Musiker lieber sind. Vielleicht antworten 80% darauf, daß ihnen das egal ist, 5% geben an, daß sie Männer bevorzugen, und 15% sagen eventuell, daß ihnen weibliche Musiker lieber sind.

Das heißt nun zwar nicht, daß die Masse wirklich weibliche Musiker bevorzugt, aber die Musikbosse verstehen das so: Mit männlichen Musikern liegt der Anteil der potenziellen Plattenkäufer bei 85%, mit weiblichen Musikern jedoch bei 95%. Also wird eben beschlossen, daß bevorzugt weibliche Musiker vermarktet werden.

Das läuft so in sämtlichen großen Plattenfirmen, die es sich leisten können, gut dafür zu zahlen, daß die Radiosender ihre Platten spielen und somit große Teile des Marktes beherrschen. Und so kommt es dann eben, daß männliche Nachwuchs-Musiker kaum noch Chancen haben, ganz egal, wie gut sie sind. Sie kriegen allenfalls noch bei kleineren Plattenfirmen einen Vertrag, die aber kaum Mittel für großangelegte Werbung haben und so nur geringe Verkaufszahlen erreichen.

Wieviele männliche Musiker sind denn seit den 1990er Jahren mit Pop-Musik zu Superstars geworden? Außer Robbie Williams fällt mir da keiner ein, und der hat es auch nur über eine Boygroup geschafft.

In den 1980er Jahren sah das noch ganz anders aus. Da hielt sich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen unter den Musik-Superstars noch in etwa die Waage. Es gab Tina Turner, Madonna, Cyndi Lauper usw., aber auch Phil Collins, Michael Jackson, Bruce Springsteen...

Manche dieser männlichen Superstars sind noch heute im Geschäft, aber sie zehren von ihren früheren Erfolgen. Müßten sie heute noch einmal bei 0 anfangen, hätte kaum einer von ihnen eine Chance, wie talentiert er auch immer sein mag.

Im Rap-Bereich sieht man natürlich noch viele Männer, weil die dort besser in das bei den Fans dieser Musikrichtung gefragte "Gangster"-Image passen. Aber ich denkte, auch dort ist es nur eine Frage der Zeit, bis die großen Plattenfirmen auch da keinen männlichen Nachwuchs mehr zulassen.

Früher war ja der Hardrock- und Heavy-Metal-Bereich auch von Männern dominiert. Es hat zwar auch dort immer auch weibliche Musiker gegeben, aber meist waren es Männer, die solche Musik machten. Zumindest im Hardrock-Sektor tauchen mittlerweile aber immer mehr Frauen auf. Offensichtlich werden Männer da auch schon zunehmend abgeblockt.

In Fernsehserien und Filmen läuft das ähnlich, nur ist es dort schwer möglich, Männer so stark auszublenden, wie das im Musikgeschäft geschieht. Aber bei neueren Krimiserien fällt beispielsweise auf, daß da grundsätzlich Frauen die Hauptrollen spielen, und man gibt diesen Serien Titel wie "Knallhart weiblich".

Ich frage mich nun, ob das wirklich daran liegt, daß die Mehrheit der Bevölkerung so etwas tatsächlich sehen will. Bei Frauen stelle ich sogar oft fest, daß sie solche Serien mit weiblichen Superheldinnen eher albern finden. Es scheinen mehrheitlich Männer zu sein, die sowas konsumieren, und auch die Computerspielfigur Lara Croft wurde ja nur durch Männer zur Kultfigur.

Und die Fernsehsender lassen so etwas vielleicht auch produzieren, weil sie das für das passende Rahmenprogramm für die meist frauenzentrierte Werbung halten.

Und dann frage ich mich auch, wie das eigentlich auf Kinder wirkt. Die Wirkung muß nicht unbedingt negativ sein. Wird man den heutigen Kindern, die ganz selbstverständlich mit dieser Frauen-Dominanz in den Medien und teilweise auch im realen Leben aufwachsen, noch einfach so einreden können, daß Männer die Welt beherrschen und Frauen unterdrücken?

Freundliche Grüße
von Garfield

Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung

Andreas, Tuesday, 08.02.2005, 18:28 (vor 7666 Tagen) @ Garfield

Als Antwort auf: Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung von Garfield am 08. Februar 2005 16:03:04:

Hallo Garfield,

Im Rap-Bereich sieht man natürlich noch viele Männer, weil die dort besser in das bei den Fans dieser Musikrichtung gefragte "Gangster"-Image passen. Aber ich denkte, auch dort ist es nur eine Frage der Zeit, bis die großen Plattenfirmen auch da keinen männlichen Nachwuchs mehr zulassen.

Obwohl ich gegen eine knackige Lil´Kim nichts einzuwenden habe - jedenfalls von der Optik her.... ;-)

Musik dient ja heute sowieso nur noch als Pausenfüller zwischen nervigen Klingeltonwerbungen. Jedenfalls auf MTV oder VIVA. :-)

Gruß
Andreas

Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung

Odin, Wednesday, 09.02.2005, 13:17 (vor 7665 Tagen) @ ein weiterer Andreas

Als Antwort auf: Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung von ein weiterer Andreas am 07. Februar 2005 13:04:48:

Sie haben über die letzten 10 bis 20 Jahre allmählich die Meinungsführerschaft errungen. Folge davon ist ein gesamtgesellschaftliches Klima, aus dem heraus die Werbung fast zwangsläufig männerfeindlich werden muß, da sie sich ja als solche immer den neuesten Trends gerne anpaßt.
Eine andere Folge ist das Meinungsklima an den Schulen, das Jungens immer mehr benachteiligt. Frau Lehrerin (an den Grundschulen gibt es ja fast nur Frauen als Lehrer) ist mehr oder weniger bewußt gegen das andere Geschlecht voreingenommen und läßt es an den Jungens aus. Ich, als Vater zweier Töchter habe das lange nicht direkt mitbekommen. Erst als ich mich trennte und meine neue Lebensgefährtin als Mutter zweier Söhne aus dem Schulalltag berichtete, wurde es mir evident.

Das würde mich mal interessieren, wenn Du da mal drüber berichten könntest. Einen interessanten Text von der Mutter eines Jungen habe ich gleich mal rangehängt:

Von Marie Kollwitz
"Du Ärmste!" Diese Ansprache hört meine Freundin Ella häufig. Ella hat vier Söhne.
Wären Simon, 19, Jakob, 16, Jonas, 11, David 5, vor 30 Jahren geboren worden, hätte alle Welt Ella beneidet. Jungen symoblisierten einst den Fortbestand des Familiennamens und des Familiengeschlechts. Tempi passati. Wird heute ein Junge geboren, fragen sich seine Eltern bang:" Was wird wohl aus ihm werden?"
Jungen gelten als die "Sorgenkinder unserer Gesellschaft", beziehungs- und sprachgestört, gewaltbereit, alkohol- und drogengefährdet.
Bei der Geburt sind sie zwar grösser und schwerer, aber viel empfindlicher und krankheitsanfälliger als Mädchen.
In den ersten sieben Jahren ist ihr Risiko zu sterben mehr als 22 Prozent höher als bei Mädchen, das einer geistigen Störung 43 Prozent und die Anfälligkeit für Asthma sogar um 64 Prozent höher.
Von Autismus und anderen Entwicklungsstörungen, die eine späte Einschulung oder Förderunterricht nötig machen, sind Jungen viermal so oft betroffen wie Mädchen.
Doppelt so viele Jungen wie Mädchen sind Bettnässer.
Auf Stress, ob durch Schulbeginn, Scheidung, Geburt eines Geschwisters oder schlechte Noten, reagieren Jungen weitaus empfindlicher als Mädchen.
ADHS wird bei Jungen drei- bis fünfmal häufiger diagnostiziert als bei Mädchen. Mehr Jungen erkranken bereits in der Grundschule an Depressionen, und mit 15 ist ihr Risiko, durch Krankheit, Unfall, Gewalt oder Selbstmord zu sterben, dreimal so hoch wie bei gleichaltrigen Mädchen.
Das starke Geschlecht sind die Mädchen.
Sie sind sozial kompetenter, sie sind kommunikativer und kooperativer, belastbarer und gesünder. Sie sind die begabteren Lerner, egal ob es ums Laufen geht oder ums Sprechen, Schreiben, Lesen.
Schon im Kindergarten sind sie um Nasenlängen voraus - ein Vorsprung, der bis zum Ende der Schulzeit nicht eingeholt wird. 55 Prozent eines Abiturjahrganges sind weiblich. Die Jungen stellen hingegen den Großteil der Förderschüler und Schulabbrecher.
Als Hauptursache all dieser Risiken, die Jungen das Leben schwer machen, gelten neuerdings Gene, Hormone und die spätere Gehirnreife.
Doch Experten betonen, dass vor allem der Umgang der erwachsenen Bezugspersonen mit Jungen entscheidend ist. Problematische Entwicklungen werden durch die Erwartung, Jungen müssten hart und stark sein, wenn nicht ausgelöst, so doch zumindest befördert.
Ein Mangel an Zuwendung, darin sind sich alle Experten einig, wirkt sich bei Jungen weitaus ungünstiger aus als bei Mädchen. Und zwar sowohl auf ihre intellektuelle als auch auf ihre soziale und persönliche Entwicklung, auf ihre Gesundheit und sogar auf ihre Lebenserwartung.
Schlagen, Drohen, harsche Befehle, ein ruppiger Umgangston bekommen ihnen gar nicht. Sie werden aggressiv und ängstlich.
Auf gewalttätige Filme und Computerspiele reagieren Jungen besonders empfindlich. Sogar ihr Immunsystem leidet.
Trennungen, Alleinsein und Fremdbetreuung verkraften sie schlecht.
Wenn sie Stress, Kummer, Schmerzen haben und sich aufregen, sind sie nur schwer zu beruhigen und zu trösten.
Mein Sohn Leo, 12, wird unweigerlich krank, wenn ich länger als zwei Tage auf Dienstreise bin. Bekommt er Verstimmungen zwischen seinem Vater und mir mit, wird ihm übel. Jungen sind sensibler als Mädchen.
Dennoch gehen viele Erwachsene mit ihnen ziemlich burschikos, oft sogar ruppig, um. Im Zeitalter der Pränatalmedizin sogar schon, bevor sie das Licht der Welt erblicken.
Mütter, Väter und andere Familienmitglieder, sprechen öfter zu ihren weiblichen Ungeborenen, verwenden mehr Kosenamen und Ammensprache. Bei männlichen Ungeborenen ist die Kommunikation dagegen oft minimalistisch: "He, Grosser, wie gehts?"
In diesem Ton gehts weiter: "Alter, komm wieder auf die Beine!", raunzte Leos Fussballtrainer ihn einmal an. Da war er sechs und hatte sich eine Sehne angerissen.
Ein gleichaltriges Mädchen hätte der Trainer sicher in den
Arm genommen und getröstet.
Viele Erwachsene reden sich ein, dass Jungen nicht so viel Zuwendung brauchen. Ob im Bus, im Supermarkt, beim Arzt oder in der Schulde, Mädchen begegnet man deutlich rücksichtsvoller, nachsichtiger und freundlicher.
Mädchen dürfen sicher sein, dass ihnen die Sympathien zufliegen. Besonders, wenn sie mit einem Jungen im Clinch liegen. Geht der Knabe weinend zu Boden, gilt dem Mädchen, nicht ihm, die besorgte Anteilnahme der Pausenaufsicht.
Übertrieben? Vielleicht.
Doch ganz falsch kann dieser Eindruck nicht sein. In mehreren Untersuchungen an amerikanischen und deutschen Grundschulen wurde festgestellt, dass Mädchen häufiger gelobt werden und mehr positive Aufmerksamkeit bekommen. Man geht auch ehr auf ihre Fragen und Gesprächs- und Spielvorschläge ein.
In einer anderen Studie wurden Erzieher und Therapeuten nach typisch männlichen Eigenschaften befragt. Es fielen ihnen fast nur negative Attribute ein.
"Jungen", sagt meine Freundin Ella, "sind nur dann akzeptiert, wenn sie sich wie Mädchen benhemen."
Das kann ich nur bestätigen. So hatte ich einmal einen Termin in der Krabbelgruppe. Man wollte mit mir reden - über Leo. Ich wunderte mich. Denn meine zwei grossen Töchter, wahrlich keine Engel, hatten die gleiche Krabbelgruppe besucht - ohne Probleme. Was war also passiert? Leo hatte einem kleinen Mädchen beim Pipimachen zugeschaut. Wenig später wollte er nicht in der Puppenecke, sondern lieber mit Stöcken spielen. In den Augen der Erzieherin ein höchst problematisches Verhalten. Meinem kanpp 24 Monate alten Windelpaket wurden Macho-Gebaren und Sexismus unterstellt.
Je älter Leo wurde, desto häufiger sah ich mich mit höchst kritischem und überwiegend weiblichen Betreuungspersonal konfrontiert.
Mit Erzieherinnen, die es sich offenbar zur Aufgabe gemacht hatten, die kleinen Verteterinnen ihres Geschlechts für 5000 Jahre Unterdrückung zu entschädigen.
Flankiert wurden sie von Mädchen-Müttern, die mit Argusaugen darüber wachten, ob unsereiner, die Jungen-Mütter, auch wirklich alle als typisch männlich geltenden Verhaltensweisen im Keim ersticken. Selbst Harmlosigkeiten, wie Leos Begeisterung für Spielzeugautos, waren suspekt. Mehr noch seine Vorliebe für Kämpfe und Raufereien, für temperamentvolle Spiele und Wasserpistolen.
Ständig sehe ich mich gezwungen, Leo zu verteidigen.
Nein, er ist nicht auf dem besten Wege, ein gemeingefährlicher Krimineller zu werden, weil er vor der Schule einen "Schweizer Kracher" explodieren lässt. Nein, er und sein Freund Andreas sind nicht sexuell desorientiert. Sie hatten in einer Jugendherberge aus dem Mädchenzimmer einen BH geklaut und aus dem Fenster baumeln lassen.
Hilflos sage ich bei solchen Gelegenheiten: "Leo ist ein Junge!"
"Eben", erwidert man mit düsterer Stimme.
Protestiert Leo, der von Natur aus viel gutmütiger ist als seine Schwestern, ausnahmsweise, wenn er den Abwasch machen soll, heisst es von zufällig anwesenden Freunden: "Das ist ja ein richtiger kleiner Macho."
Ich kann mich nicht erinnern, solche Bemerkungen über Leos Schwestern gehört zu haben. Im Gegentel. Ihr Talent für jedweden Unfug, ihr überschäumendes Temperament, ihre Dominanz, mit der sie ihre Interessen durchsetzen, werden allenthalben gelobt: "Tolle Mädchen! Die lassen sich aber nichts gefallen!"
Mich wundert nicht, wenn Jungen manchmal den Eindruck haben, sie gehörten zu schlechteren Hälfte der Menschheit und sich dementsprechend aufführen.
Ja, Jungen sind schwierig. Ich fürchte Leos Männlichkeitsattacken, das grossspurige Renommiergehabe, das er sich zugelegt hat, die verstockte Einsilbigkeit, seine Tolpatschigkeit.
Erzieherisch sind Jungen eine grössere Herausforderung als Mädchen. Leo gegenüber verhalten sich sein Vater und ich oft ambivalent. Wir sind hin- und hergerissen zwischen der Befürchtung, er könnte sich zu viel oder zu wenig mit seinem eigenen Geschlecht identifizieren.
Natürlich wollen die meisten Eltern ihre Söhne nicht zu coolen Typen oder dominanten Rambos heranziehen. Andererseits haben nicht nur Väter damit Probleme, wenn ihr Sohn allzu weiche Verhaltensweisen zeigt, scheu und unsicher ist, leicht weint und lieber Aquarelle malt und Gedichte schreibt, als auf dem Bolzplatz zu toben.
Bei meinen Töchtern hat es mir nichts ausgemacht, männliche Seiten zu fördern. Ich habe ihnen Latzhosen und Rüschenkleider angezogen, Turnschuhe und Sandalen mit rosa Schleifen. Sie durften Hockey und mit Barbies spielen, sie mögen Fussball und Flöte, PC-Spiele und ihren Strickrahmen. Leos Schwestern durften viele Seiten ausleben, eine vielseitige Persönlichkeit entwickeln.
Das sollen wir unseren Söhnen auch ermöglichen. Hormone und Gene führen nicht in ein unentrinnbares Schicksal. Falls wir uns später nicht fragen wollen: "Was ist bloss mit diesen Kerlen los?" müssen wir versuchen, unseren Söhnen nah zu sein. Wie unseren Töchtern.
Wir dürfen uns nicht einreden lassen, dass wir uns aus ihrem Leben heraushalten, sie von uns trennen müssen, damit sie hart und unabhängig werden.
Jungen bekommt es ausgezeichnet, wenn sie Qualitäten entwickeln, die als weiblich gelten: Fürsorge, Nachsicht, Zärtlichkeit, Sensibilität, die Fähigkeit, emotional und mental präsent zu sein, das Talent zu Freundschaft, den Mut, Verletzlichkeit zu zeigen und Hilfe zu suchen.
Auf dieser Basis werden sie Konflikte mit Humor lösen, entspannt mit Frauen umgehen und Gefühle wie Sympathie, Dankbarkeit und Traurigkeit ausdrücken können. Sie werden in dieser Welt ihren Platz finden und Kraft und Entschlossenheit an den Tag legen, wenn es angebracht ist. Sie werden es nicht nötig haben, ihre Männlichkeit in Form von Dominanz und finanziellem Erfolg zu beweisen.
Jeder, der mit Erziehung zu tun hat, kann erdrückend, dominant, aufdringlich und übermässig kontrollierend sein. Aber niemals kann man seinen Sohn zu sehr lieben.

Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung

Sven74, Wednesday, 09.02.2005, 13:32 (vor 7665 Tagen) @ Odin

Als Antwort auf: Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung von Odin am 09. Februar 2005 11:17:34:

Sie haben über die letzten 10 bis 20 Jahre allmählich die Meinungsführerschaft errungen. Folge davon ist ein gesamtgesellschaftliches Klima, aus dem heraus die Werbung fast zwangsläufig männerfeindlich werden muß, da sie sich ja als solche immer den neuesten Trends gerne anpaßt.
Eine andere Folge ist das Meinungsklima an den Schulen, das Jungens immer mehr benachteiligt. Frau Lehrerin (an den Grundschulen gibt es ja fast nur Frauen als Lehrer) ist mehr oder weniger bewußt gegen das andere Geschlecht voreingenommen und läßt es an den Jungens aus. Ich, als Vater zweier Töchter habe das lange nicht direkt mitbekommen. Erst als ich mich trennte und meine neue Lebensgefährtin als Mutter zweier Söhne aus dem Schulalltag berichtete, wurde es mir evident.

Das würde mich mal interessieren, wenn Du da mal drüber berichten könntest. Einen interessanten Text von der Mutter eines Jungen habe ich gleich mal rangehängt:
Von Marie Kollwitz
"Du Ärmste!" Diese Ansprache hört meine Freundin Ella häufig. Ella hat vier Söhne.
Wären Simon, 19, Jakob, 16, Jonas, 11, David 5, vor 30 Jahren geboren worden, hätte alle Welt Ella beneidet. Jungen symoblisierten einst den Fortbestand des Familiennamens und des Familiengeschlechts. Tempi passati. Wird heute ein Junge geboren, fragen sich seine Eltern bang:" Was wird wohl aus ihm werden?"
Jungen gelten als die "Sorgenkinder unserer Gesellschaft", beziehungs- und sprachgestört, gewaltbereit, alkohol- und drogengefährdet.
Bei der Geburt sind sie zwar grösser und schwerer, aber viel empfindlicher und krankheitsanfälliger als Mädchen.
In den ersten sieben Jahren ist ihr Risiko zu sterben mehr als 22 Prozent höher als bei Mädchen, das einer geistigen Störung 43 Prozent und die Anfälligkeit für Asthma sogar um 64 Prozent höher.
Von Autismus und anderen Entwicklungsstörungen, die eine späte Einschulung oder Förderunterricht nötig machen, sind Jungen viermal so oft betroffen wie Mädchen.
Doppelt so viele Jungen wie Mädchen sind Bettnässer.
Auf Stress, ob durch Schulbeginn, Scheidung, Geburt eines Geschwisters oder schlechte Noten, reagieren Jungen weitaus empfindlicher als Mädchen.
ADHS wird bei Jungen drei- bis fünfmal häufiger diagnostiziert als bei Mädchen. Mehr Jungen erkranken bereits in der Grundschule an Depressionen, und mit 15 ist ihr Risiko, durch Krankheit, Unfall, Gewalt oder Selbstmord zu sterben, dreimal so hoch wie bei gleichaltrigen Mädchen.
Das starke Geschlecht sind die Mädchen.
Sie sind sozial kompetenter, sie sind kommunikativer und kooperativer, belastbarer und gesünder. Sie sind die begabteren Lerner, egal ob es ums Laufen geht oder ums Sprechen, Schreiben, Lesen.
Schon im Kindergarten sind sie um Nasenlängen voraus - ein Vorsprung, der bis zum Ende der Schulzeit nicht eingeholt wird. 55 Prozent eines Abiturjahrganges sind weiblich. Die Jungen stellen hingegen den Großteil der Förderschüler und Schulabbrecher.
Als Hauptursache all dieser Risiken, die Jungen das Leben schwer machen, gelten neuerdings Gene, Hormone und die spätere Gehirnreife.
Doch Experten betonen, dass vor allem der Umgang der erwachsenen Bezugspersonen mit Jungen entscheidend ist. Problematische Entwicklungen werden durch die Erwartung, Jungen müssten hart und stark sein, wenn nicht ausgelöst, so doch zumindest befördert.
Ein Mangel an Zuwendung, darin sind sich alle Experten einig, wirkt sich bei Jungen weitaus ungünstiger aus als bei Mädchen. Und zwar sowohl auf ihre intellektuelle als auch auf ihre soziale und persönliche Entwicklung, auf ihre Gesundheit und sogar auf ihre Lebenserwartung.
Schlagen, Drohen, harsche Befehle, ein ruppiger Umgangston bekommen ihnen gar nicht. Sie werden aggressiv und ängstlich.
Auf gewalttätige Filme und Computerspiele reagieren Jungen besonders empfindlich. Sogar ihr Immunsystem leidet.
Trennungen, Alleinsein und Fremdbetreuung verkraften sie schlecht.
Wenn sie Stress, Kummer, Schmerzen haben und sich aufregen, sind sie nur schwer zu beruhigen und zu trösten.
Mein Sohn Leo, 12, wird unweigerlich krank, wenn ich länger als zwei Tage auf Dienstreise bin. Bekommt er Verstimmungen zwischen seinem Vater und mir mit, wird ihm übel. Jungen sind sensibler als Mädchen.
Dennoch gehen viele Erwachsene mit ihnen ziemlich burschikos, oft sogar ruppig, um. Im Zeitalter der Pränatalmedizin sogar schon, bevor sie das Licht der Welt erblicken.
Mütter, Väter und andere Familienmitglieder, sprechen öfter zu ihren weiblichen Ungeborenen, verwenden mehr Kosenamen und Ammensprache. Bei männlichen Ungeborenen ist die Kommunikation dagegen oft minimalistisch: "He, Grosser, wie gehts?"
In diesem Ton gehts weiter: "Alter, komm wieder auf die Beine!", raunzte Leos Fussballtrainer ihn einmal an. Da war er sechs und hatte sich eine Sehne angerissen.
Ein gleichaltriges Mädchen hätte der Trainer sicher in den
Arm genommen und getröstet.
Viele Erwachsene reden sich ein, dass Jungen nicht so viel Zuwendung brauchen. Ob im Bus, im Supermarkt, beim Arzt oder in der Schulde, Mädchen begegnet man deutlich rücksichtsvoller, nachsichtiger und freundlicher.
Mädchen dürfen sicher sein, dass ihnen die Sympathien zufliegen. Besonders, wenn sie mit einem Jungen im Clinch liegen. Geht der Knabe weinend zu Boden, gilt dem Mädchen, nicht ihm, die besorgte Anteilnahme der Pausenaufsicht.
Übertrieben? Vielleicht.
Doch ganz falsch kann dieser Eindruck nicht sein. In mehreren Untersuchungen an amerikanischen und deutschen Grundschulen wurde festgestellt, dass Mädchen häufiger gelobt werden und mehr positive Aufmerksamkeit bekommen. Man geht auch ehr auf ihre Fragen und Gesprächs- und Spielvorschläge ein.
In einer anderen Studie wurden Erzieher und Therapeuten nach typisch männlichen Eigenschaften befragt. Es fielen ihnen fast nur negative Attribute ein.
"Jungen", sagt meine Freundin Ella, "sind nur dann akzeptiert, wenn sie sich wie Mädchen benhemen."
Das kann ich nur bestätigen. So hatte ich einmal einen Termin in der Krabbelgruppe. Man wollte mit mir reden - über Leo. Ich wunderte mich. Denn meine zwei grossen Töchter, wahrlich keine Engel, hatten die gleiche Krabbelgruppe besucht - ohne Probleme. Was war also passiert? Leo hatte einem kleinen Mädchen beim Pipimachen zugeschaut. Wenig später wollte er nicht in der Puppenecke, sondern lieber mit Stöcken spielen. In den Augen der Erzieherin ein höchst problematisches Verhalten. Meinem kanpp 24 Monate alten Windelpaket wurden Macho-Gebaren und Sexismus unterstellt.
Je älter Leo wurde, desto häufiger sah ich mich mit höchst kritischem und überwiegend weiblichen Betreuungspersonal konfrontiert.
Mit Erzieherinnen, die es sich offenbar zur Aufgabe gemacht hatten, die kleinen Verteterinnen ihres Geschlechts für 5000 Jahre Unterdrückung zu entschädigen.
Flankiert wurden sie von Mädchen-Müttern, die mit Argusaugen darüber wachten, ob unsereiner, die Jungen-Mütter, auch wirklich alle als typisch männlich geltenden Verhaltensweisen im Keim ersticken. Selbst Harmlosigkeiten, wie Leos Begeisterung für Spielzeugautos, waren suspekt. Mehr noch seine Vorliebe für Kämpfe und Raufereien, für temperamentvolle Spiele und Wasserpistolen.
Ständig sehe ich mich gezwungen, Leo zu verteidigen.
Nein, er ist nicht auf dem besten Wege, ein gemeingefährlicher Krimineller zu werden, weil er vor der Schule einen "Schweizer Kracher" explodieren lässt. Nein, er und sein Freund Andreas sind nicht sexuell desorientiert. Sie hatten in einer Jugendherberge aus dem Mädchenzimmer einen BH geklaut und aus dem Fenster baumeln lassen.
Hilflos sage ich bei solchen Gelegenheiten: "Leo ist ein Junge!"
"Eben", erwidert man mit düsterer Stimme.
Protestiert Leo, der von Natur aus viel gutmütiger ist als seine Schwestern, ausnahmsweise, wenn er den Abwasch machen soll, heisst es von zufällig anwesenden Freunden: "Das ist ja ein richtiger kleiner Macho."
Ich kann mich nicht erinnern, solche Bemerkungen über Leos Schwestern gehört zu haben. Im Gegentel. Ihr Talent für jedweden Unfug, ihr überschäumendes Temperament, ihre Dominanz, mit der sie ihre Interessen durchsetzen, werden allenthalben gelobt: "Tolle Mädchen! Die lassen sich aber nichts gefallen!"
Mich wundert nicht, wenn Jungen manchmal den Eindruck haben, sie gehörten zu schlechteren Hälfte der Menschheit und sich dementsprechend aufführen.
Ja, Jungen sind schwierig. Ich fürchte Leos Männlichkeitsattacken, das grossspurige Renommiergehabe, das er sich zugelegt hat, die verstockte Einsilbigkeit, seine Tolpatschigkeit.
Erzieherisch sind Jungen eine grössere Herausforderung als Mädchen. Leo gegenüber verhalten sich sein Vater und ich oft ambivalent. Wir sind hin- und hergerissen zwischen der Befürchtung, er könnte sich zu viel oder zu wenig mit seinem eigenen Geschlecht identifizieren.
Natürlich wollen die meisten Eltern ihre Söhne nicht zu coolen Typen oder dominanten Rambos heranziehen. Andererseits haben nicht nur Väter damit Probleme, wenn ihr Sohn allzu weiche Verhaltensweisen zeigt, scheu und unsicher ist, leicht weint und lieber Aquarelle malt und Gedichte schreibt, als auf dem Bolzplatz zu toben.
Bei meinen Töchtern hat es mir nichts ausgemacht, männliche Seiten zu fördern. Ich habe ihnen Latzhosen und Rüschenkleider angezogen, Turnschuhe und Sandalen mit rosa Schleifen. Sie durften Hockey und mit Barbies spielen, sie mögen Fussball und Flöte, PC-Spiele und ihren Strickrahmen. Leos Schwestern durften viele Seiten ausleben, eine vielseitige Persönlichkeit entwickeln.
Das sollen wir unseren Söhnen auch ermöglichen. Hormone und Gene führen nicht in ein unentrinnbares Schicksal. Falls wir uns später nicht fragen wollen: "Was ist bloss mit diesen Kerlen los?" müssen wir versuchen, unseren Söhnen nah zu sein. Wie unseren Töchtern.
Wir dürfen uns nicht einreden lassen, dass wir uns aus ihrem Leben heraushalten, sie von uns trennen müssen, damit sie hart und unabhängig werden.
Jungen bekommt es ausgezeichnet, wenn sie Qualitäten entwickeln, die als weiblich gelten: Fürsorge, Nachsicht, Zärtlichkeit, Sensibilität, die Fähigkeit, emotional und mental präsent zu sein, das Talent zu Freundschaft, den Mut, Verletzlichkeit zu zeigen und Hilfe zu suchen.
Auf dieser Basis werden sie Konflikte mit Humor lösen, entspannt mit Frauen umgehen und Gefühle wie Sympathie, Dankbarkeit und Traurigkeit ausdrücken können. Sie werden in dieser Welt ihren Platz finden und Kraft und Entschlossenheit an den Tag legen, wenn es angebracht ist. Sie werden es nicht nötig haben, ihre Männlichkeit in Form von Dominanz und finanziellem Erfolg zu beweisen.
Jeder, der mit Erziehung zu tun hat, kann erdrückend, dominant, aufdringlich und übermässig kontrollierend sein. Aber niemals kann man seinen Sohn zu sehr lieben.

Welch ein Seegen, es scheint wirklich noch vernünftige Frauen und Mütter zu geben!

Sven74

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