Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Beziehungen könnten so schön sein, ...

Sven, Sunday, 23.01.2005, 20:36 (vor 7682 Tagen)

Frauen und Männer

Die netten Jahre sind vorbei

Nach dreißig Jahren Emanzipation stellen moderne Paare fest: Der kleine Unterschied ist größer, als sie dachten. Und überhaupt wäre in Sachen Beziehung alles viel einfacher, wenn man eine Wühlmaus wäre.

Sonja Zekri

Feminismus war gestern, Patriarchat vorgestern. Heute begegnen sich Männer und Frauen auf Augenhöhe. Oder etwa nicht? In der Politik, im Job und in den Medien kehrt der Geschlechterkampf unter neuen Vorzeichen zurück.

Eine Artikelreihe erkundet das aktuelle Krisengebiet: Wie segensreich ist die Quote in der Politik? Wie viele Männerbilder kennt die Wissenschaft? Warum werden junge Paare plötzlich konservativer als ihre Eltern? Der erste Beitrag untersucht moderne Beziehungen zwischen therapeutischer Dauerberieselung, Selbsterfindung und Evolution.

Wühlmaus-Monogamie

Man müsste eine Präriewühlmaus sein, dann wäre alles leichter. Folgendes geschieht, wenn in den waldmeistergrünen Hügeln Nordamerikas der Präriewühlmaus-Boy das Präriewühlmaus-Girl trifft: Nachdem beide ein Eis essen oder im Kino waren und er ihr seine Gefühle gestanden hat, kommen sie zügig zur Sache.

Einen Tag und eine Nacht lang paart sich das Mäusepaar, schätzungsweise zwei Dutzend Mal. Danach ist beiden klar: Sie bleiben ein Leben lang zusammen. Im Liebesrausch haben die Maus-Gehirne zwei jeweils unterschiedliche Stoffe ausgeschüttet, die das Paar auf ewig gegen alle Versuchungen immunisieren.

Die Natur hat dem Kleinsäuger geschenkt, was der Mensch seit der Erfindung des Faustkeils bis zum Streit um die Vaterschaftstests fordert: die Monogamie. Keine Untreue, keine Eifersucht, kein Zweifel, ob der Richtige wirklich der Richtige ist – nur Glück.

Keine Chance gegen die Gene

In jüngster Zeit werden Partnerschaften wieder verstärkt unter präriewühlmaushaften Maßstäben betrachtet. Wie Mann und Frau zueinander finden, nach welchen Regeln sie zusammen leben und woran sie scheitern – diese Fragen werden nach Jahrzehnten fein ziselierter soziologischer Debatten, nach Frauenliteratur und Männerstudien, nach Carrie Bradshaw und Gleichstellungsauflagen zusehends als evolutionäre Unausweichlichkeiten diskutiert: Alles Natur, alles schon festgelegt in irgendeinem Gen-Krümel, wer jagt, wer sammelt, wer Geld ranschafft, wer wen abschleppt.

In den Siebzigern noch galt das Geschlecht als allenfalls anatomisch festgelegt, soziologisch aber als reines Konstrukt. Für Judith Butler war der Unterschied zwischen Mann und Frau eine Frage des Milieus und der Erziehung, nicht aber der Gene. So konnten Frauen sich neu erfinden und die Männer dazu zwingen, dasselbe zu tun: sanfter, fürsorglicher, „weiblicher“ zu werden.

Lieber doch keinen Sitzpinkler...

Republikweit lernten die Männer, ihr Wasser im Sitzen abzuschlagen. Der Kampf der Geschlechter schien sich durch Umerziehung zumindest bis zum Waffenstillstand bringen zu lassen.

Was für ein Irrtum! Inzwischen haben Dutzende Studien den Beweis geliefert, dass die meisten Frauen – War es Selbstbetrug? War es der Zeitgeist? – doch nicht den Sitzpinklern den Vorzug geben, sondern Männern, die reicher, älter, größer und wichtiger sind; dass Männer umgekehrt Frauen wählen, die kleiner und jünger sind, während Chefgehälter und IQ bei Frauen deutliche Wettbewerbsnachteile darstellen.

Natürlich, es gibt Ausnahmen: Madonna zum Beispiel, Tina Turner. Die Regel aber sieht anders aus. Sie trägt die Züge Joschka Fischers. Die neuerdings wieder eifrig betriebenen Forschungen über das Wesen der Schönheit mögen durch den Makellosigkeitswahn motiviert sein. Und doch sind hohe Wangenknochen nur die Art des weiblichen Körpers, Fruchtbarkeit zu signalisieren.

Und Liebe? Dient evolutionär betrachtet als Stimulus, damit man den ganze Reproduktionszirkus überhaupt mitmacht. Ein Flackern auf dem Computertomographen, mehr nicht. Ein starkes Flackern, manchmal.

Voneinander lernen...

Anders als früher aber soll diese biologische Disposition nicht als Steilvorlage für patriarchalische Falken verstanden werden, sondern als eine Art Angebot der Natur, als Aufforderung zu mehr Offenheit, mehr Sensibilität, mehr Förderung. Ich bin o.k., du bist o.k., auch wenn du nicht einparken kannst.

So vieles könnte man voneinander lernen. Sogar die Ökonomie sei durch weibliche Strategien schon unterwandert, schreibt die Literaturwissenschaftlerin und Politikberaterin Gertrud Höhler: Nicht männliche Marktdominanz, sondern Kundensensibilität bedingt heute erfolgreiches Management. Das klingt richtig gut. Aber macht es das Zusammenleben leichter?

Regalmeter von Ratgebern erklären Männern und Frauen, warum es mit ihnen eigentlich nicht klappen kann, der Versuch sich aber auf jeden Fall lohnt. Männer und Frauen wissen so viel übereinander wie nie zuvor.

Seminare für die richtige Streitkultur oder tollen Sex ernähren eine florierende Branche, aber die Trennungsraten hat das nicht gesenkt. Es gebe viele Gründe für die Scheidung, sagte Jerry Lewis, „aber der Hauptgrund ist und bleibt die Hochzeit.“

Glücksversprechen nicht eingelöst

Die Frauenbewegung hat berauschende Freiheiten gebracht, aber umso größer ist die Frustration, dass sie viele Glücksversprechen nicht eingelöst hat; weil es leichter ist, alte Rollenbilder zu zertrümmern als neue zu finden; weil die Evolution so verdammt zäh ist; weil der Weg doch länger ist als gedacht, weil Frauen meist immer noch weniger verdienen als Männer.

Das Patriarchat, höhnte die konservative Weltwoche, „lässt sich nicht kleinkriegen. Es bewegt sich einfach seitwärts“. Eines allerdings ist anders geworden: Im Zeitalter einer ausgeklügelten Beziehungsbewirtschaftung ist es schwerer geworden, Ausreden zu finden.

Wer in seiner Partnerschaft unglücklich ist, sollte es mal mit Online-Therapie versuchen. Wer einsam ist, muss sich beim Speed Dating eben mehr anstrengen. Früher konnten Frauen auf stete Unterdrückung verweisen. Heute wirkt dieser Opfergestus so zeitgemäß wie Stricken im Bundestag.

Dürre statt blühender Lustgärten

Überall liest man von fantastischen Methoden des Lustgewinns, aber das Durchschnittspaar muss aufrunden, um auf zweimal pro Woche zu kommen. Theoretisch liegt die moderne Beziehungswelt wie ein blühender Garten vor uns. Praktisch herrscht oft Dürre.

Wenige Debatten haben dieses Krisengebiet aus ideologischen Relikten und evolutionären Atavismen, aus Selbsttäuschung und ökonomischen Zwängen so exakt vermessen wie der Streit um die Vaterschaftstest. Er ist mehr als eine Familienangelegenheit, er fördert das Spannungsfeld moderner Beziehungen so klar zu Tage wie Schwarzlicht Spuren von Zahnpasta.

Natürlich schmerzt nicht nur der Verrat, wenn Männer sich weigern, fremden Nachwuchs zu versorgen, sondern auch die Erkenntnis, den genetischen Verbreitungsauftrag nicht erfüllt zu haben.

Auch hierzulande haben Männer ganze Arsenale von Kontrollmechanismen erfunden, um die Unsicherheit darüber auszuräumen, ob ihre Versorger-Bemühungen auch dem eigenen Erbgut nützen, manchmal grausame, oft sinnlose. Ganz gelungen ist es ihnen nie.

Deshalb ist es einigermaßen erstaunlich, dass die privaten Labors ihre heimlichen Gentests als psychohygienischen Befreiungsschlag anpreisen: Wenn der Vater erst schwarz auf weiß sehe, dass das Kind von ihm ist, werde der Familienfrieden schon wieder einkehren. Als würde der Test einen Mann mit einer Frau versöhnen, die er vor kurzem noch in einem fremden Bett vermutete.

Die Rettung einer zerrütteten Beziehung im Reagenzglas – auf solche Ideen kann nur kommen, wer die emotionale Belastbarkeit von Männern und Frauen grotesk überschätzt. Urängsten dürfte im partnerschaftlichen Gespräch schwer beizukommen sein.

Auf Gen-Shopping-Tour

Aber was heißt schon Partnerschaft? Was Gleichberechtigung? Wenn Justizministerin Brigitte Zypries Männern geheime Tests verbieten will und dabei die Frau quasi als Hüterin des informationellen Selbstbestimmungsrechtes des Kindes betrachtet, obwohl der Mann ja möglicherweise den halben Chromosomensatz beigesteuert hat, dann hat das wenig mit Gleichberechtigung zu tun, aber viel mit Dogmatismus.

Die weibliche Untreue, die die Republik so erschüttert wie einen Wahlsieg der NPD zur Kenntnis nimmt, kann man als Gen-Shopping beschreiben. Verteidigen lässt sie sich nur ideologisch: als postfeministische Vergeltung für den männlichen Seitensprung, als Reaktion auf die Fuck-and-Run-Strategie, die ethisch nicht feiner ist, sich aber im Zweifelsfall besser verbergen lässt. Eine Aufrechnungsmentalität scheint da auf, die überholt anmutet, aber offenbar doch noch wirkt.

Sollbruchstellen moderner Beziehungen

Dass der Streit um die Vaterschaftstests ganz nebenbei die Frage aufgeworfen hat, warum eine Frau es heute noch immer als unmöglich empfindet, ein Kind alleine aufzuziehen und offenbar nicht auf den Versorger verzichten möchte, sei nur am Rande erwähnt.

So zeigt der Streit nicht nur, dass sich die Sollbruchstellen moderner Beziehungen vervielfacht haben, sondern auch, dass der Verursacher des Scheiterns nicht mehr so eindeutig auszumachen ist wie noch vor zwanzig Jahren.

Schierer Wille führt uns jedenfalls nicht ins waldmeistergrüne Wühlmausparadies. Einseitige Schuldzuweisungen auch nicht. Das Experiment wird fortgesetzt.

(SZ vom 22.01.2005)

http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/492/46446/

Re: Beziehungen könnten so schön sein, ...

Eugen Prinz, Sunday, 23.01.2005, 20:46 (vor 7682 Tagen) @ Sven

Als Antwort auf: Beziehungen könnten so schön sein, ... von Sven am 23. Januar 2005 18:36:22:

Plapperprosa! Was die Mädels halt so schreiben, damit die weißen Stellen zwischen den Anzeigen gefüllt werden. Aber immerhin - es erscheint ja gedruckt, und da kann man wenigstens einen Fisch drin einpacken ;-)

Eugen

Re: Beziehungen könnten so schön sein, ...

susu, Sunday, 23.01.2005, 21:30 (vor 7682 Tagen) @ Sven

Als Antwort auf: Beziehungen könnten so schön sein, ... von Sven am 23. Januar 2005 18:36:22:

In den Siebzigern noch galt das Geschlecht als allenfalls anatomisch festgelegt, soziologisch aber als reines Konstrukt. Für Judith Butler war der Unterschied zwischen Mann und Frau eine Frage des Milieus und der Erziehung, nicht aber der Gene. So konnten Frauen sich neu erfinden und die Männer dazu zwingen, dasselbe zu tun: sanfter, fürsorglicher, „weiblicher“ zu werden.

Wahnsinn. Gibt es noch eine andere mir unbekannte Judith Butler, die nicht 1980 noch studiert hätte und erst in den späten 80ern überhaupt eigene Texte veröffentlichte, um dann mit Gender Trouble als relevant wahrgenommen zu werden? Also eine Judith Butler, die tatsächlich in irgendeiner Weise für die Geschlechtskonstruktion der 70er als repräsentativ gesehen werden könnte?

Was für ein Irrtum! Inzwischen haben Dutzende Studien den Beweis geliefert, dass die meisten Frauen – War es Selbstbetrug? War es der Zeitgeist? – doch nicht den Sitzpinklern den Vorzug geben, sondern Männern, die reicher, älter, größer und wichtiger sind; dass Männer umgekehrt Frauen wählen, die kleiner und jünger sind, während Chefgehälter und IQ bei Frauen deutliche Wettbewerbsnachteile darstellen.

Ich würde gern ein dutzend Studien sehen, in denen belegt wird, daß Männer strunzdoofe Frauen bevorzugen. Vieleicht erklärt das auch den Text: "Wenn ich Unsinn schreibe, finden mich die Männer sexy." Andererseits ist diese Überlegung dann schon wieder so behämmert, daß sie unnötig wäre...

Und Liebe? Dient evolutionär betrachtet als Stimulus, damit man den ganze Reproduktionszirkus überhaupt mitmacht. Ein Flackern auf dem Computertomographen, mehr nicht. Ein starkes Flackern, manchmal.

Unsinn. Orgasmen gibt es, damit Leute den ganzen Reproduktionszirkus mitmachen. Liebe gibt es, damit eventueller Nachwuchs größeres parental Investment erfahren. Menschen sind evolutionsökologisch als "Unkrautartige Spezies" zu betrachten, eine Position, die außer uns unter den terrestrischen mehrzelligen Tieren nur noch Ratten und Schaben einnehmen (kein Scherz, dazu gibt es interessante Papers u.a. von Jablonsky). Nun könnte eingeworfen werden, daß das ja nun eine sehr eingeschränkte Sicht auf den Menschen sei. Dem würde ich zustimmen, denn meines Wissens haben weder Ratten noch Schaben jemals eine Erfindung wie z.B. den Hexegger gemacht. Genauso ist auch die evolutionsbiologische Erklärung der Liebe, eben nur eine Sicht, die zwar stimmt, aber eben andere nicht ausschließt. So wie Willhelm Buschs Definition "Liebe ist mit jemandem alt werden zu wollen", nicht ganz vereinbar mit z.B. Romeo und Julia ist.

Anders als früher aber soll diese biologische Disposition nicht als Steilvorlage für patriarchalische Falken verstanden werden, sondern als eine Art Angebot der Natur, als Aufforderung zu mehr Offenheit, mehr Sensibilität, mehr Förderung. Ich bin o.k., du bist o.k., auch wenn du nicht einparken kannst.

Das Ergebnis davon ist, daß die Diplom-Informatikerin, die nach 15 Jahren Pizza-Service gern Sushi machen lernen würde an der VHS den Kurs "Interneteinstieg für Frauen" angeboten bekommt und der 3-Sterne Koch, der gerne wüste was eine Maus ist den Kurs "Kochen für Männer". Natürlich hat jeder Mensch Fehler. Nur sind die eben individuell. Ach ja: Und zum Teil behebbar. Wenn ich bin OK, du bist OK eine Entschuldigung dafür ist, jede schlechte Eigenschaft an sich selbst belassen zu wollen, weil sie ja eh nicht zu ändern ist, dann ist das vermutlich der entgültige Abschied von der Kultur.

Die Frauenbewegung hat berauschende Freiheiten gebracht, aber umso größer ist die Frustration, dass sie viele Glücksversprechen nicht eingelöst hat; weil es leichter ist, alte Rollenbilder zu zertrümmern als neue zu finden; weil die Evolution so verdammt zäh ist; weil der Weg doch länger ist als gedacht, weil Frauen meist immer noch weniger verdienen als Männer.

Nichts ist leicher als "neue Rollenbilder" zu finden. Was daran so frustrierend ist, ist doch, daß sie wieder zum gleichen Unbehagen führen, wie die alten.

susu

Re: Beziehungen könnten so schön sein, ...

Nikos, Monday, 24.01.2005, 17:48 (vor 7681 Tagen) @ susu

Als Antwort auf: Re: Beziehungen könnten so schön sein, ... von susu am 23. Januar 2005 19:30:08:

Wieso Beziehungen? Fuck-and-run genuegt doch meistens. Kinder sollen Biggi Bender zusammen mit Frau Z. machen (soll doch angeblich gehen) und damit die perfekte Gesellschaft von morgen formen.

Nikos
(geil)

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