Re: Verzicht auf Kinder
Als Antwort auf: Verzicht auf Kinder von Sven75 am 13. Januar 2005 06:50:53:
Hallo Sven!
Ergänzend dazu:
Es ist heute sehr modern, uns in Bezug auf Kinder mit den Menschen in den ärmeren Ländern zu vergleichen. Die wären ja viel kinderfreundlicher, würden deshalb viel mehr Nachwuchs bekommen und wären damit viel glücklicher als wir, heißt es oft. Wenn man darauf verweist, was Kinder die Eltern und die Gesellschaft hierzulande kosten, wird argumentiert, daß die Menschen in den armen Ländern ja viel weniger hätten und trotzdem mehr Kinder großziehen würden, und daß unsere Vorfahren auch viel weniger gehabt hätten und auch mehr Kinder großgezogen hätten als wir heute. Und daß hierzulande heute viele Menschen egoistisch wären und nur noch Luxus im Sinn hätten. (Unter Luxus wird dann beispielsweise ein Auto verstanden.) Überhaupt wären kinderlose Menschen ja total egoistisch und verantwortungslos...
Dabei wird wie so oft nur eine Seite der Medaille gesehen. Sehen wir uns also mal die andere, hierzulande heute oft unbeachtete Seite an:
Wie lief das denn noch bis vor wenigen Jahrzehnten ab? Ein Kind wurde geboren; sobald es alt genug war, besuchte es für ein paar Jahre die Schule und nebenbei stieg es schon teilweise ins Erwerbsleben ein. Auf dem Land halfen die Kinder beispielsweise schon früh auf dem Feld mit. In der Erntezeit wurden sie dafür häufig von der Schule frei gestellt. Auch in Städten war es durchaus üblich, daß Kinder schon früh kleinere Jobs wie z.B. Austragen von Zeitungen annahmen, und zwar nicht, um sich damit Luxusgüter leisten zu können, sondern das so verdiente Geld floß häufig in die Familienkasse ein. Darüber hinaus halfen die älteren Kinder den Eltern bei der Betreuung der kleineren Kinder und auch bei der Hausarbeit. Spätestens im Alter von 14 Jahren begann dann der Ernst des Lebens in Form einer Berufsausbildung oder eines Vollzeit-Jobs.
In vielen armen Ländern läuft das heute noch so. Unter solchen Umständen kosten Kinder nicht viel, sondern tragen ganz im Gegenteil noch zum Familieneinkommen bei. So ist es auch kein Wunder, daß viele Eltern in ärmeren Ländern Kinder tatsächlich als Altersvorsorge betrachten. Zumal es dort meist kein Sozial- und Rentensystem gibt, das mit unserem vergleichbar wäre.
Wieso funktioniert das hierzulande nicht?
1. dauern Schule und Ausbildung hierzulande heute mindestens bis zum 18., teilweise bis etwa zum 25. Lebensjahr. Die Kosten dafür sind nicht nur aufgrund der längeren zeitlichen Ausdehnung, sondern auch durch die teureren Hilfsmittel weitaus höher als in armen Ländern. Ermöglicht man den Kindern aber keine gute und damit auch lange Ausbildung, hat man heutzutage in zunehmendem Maße das Risiko, daß man nicht nur niemals irgendwelche Unterstützung von ihnen bekommen wird, sondern daß man sie ganz im Gegenteil bis an sein Lebensende noch mit durchfüttern muß. Nun könnte man zwar sagen, daß die Eltern hierzulande doch viel mehr Geld haben als in ärmeren Ländern. Das stimmt zwar, aber dafür sind ja auch die Lebenshaltungskosten hierzulande deutlich höher als in armen Ländern. Und für viele Menschen ist beispielweise ein Auto kein Luxusgegenstand, sondern unabdingbare Voraussetzung, um Arbeitsstätte und Einkaufsmöglichkeiten erreichen zu können und Großeinkäufe aus weit entfernten Supermärkten zu transportieren.
2. haben manche Kinder heute zwar auch Nebenjobs. Das damit verdiente Geld fließt aber üblicherweise nicht in die Haushaltskasse, sondern wird von den Kindern für Luxusgüter ausgegeben. Obendrein sind die Eltern auch noch verpflichtet, ihren Kindern monatlich Taschengeld zu zahlen. Obendrein setzt die Werbung sehr gern bei Kindern an, was die Eltern dann noch zusätzlich finanziell unter Druck setzt.
3. macht die allgemeine Neigung, sich lästige Arbeit möglichst vom Hals zu halten, selbstverständlich auch um Kinder keinen Bogen. So ist es heute in vielen Familien längst nicht mehr selbstverständlich, daß die Kinder den Eltern im Haushalt oder bei der Betreuung jüngerer Geschwister helfen. Viele richten es sich im "Hotel Pappa und Mamma" sehr bequem ein. So bequem, daß sie teilweise gar nicht mehr weg möchten.
4. sind viele Eltern nicht in der Lage, die heute hierzulande übliche antiautoritäre Erziehung sinnvoll in die Praxis umzusetzen. Wer sich nicht vorstellen kann, wie fatal sich das auswirkt, der braucht sich nur mal eine Folge von "Die Super Nanny" anzusehen. Ewige Querelen mit den Kindern sind heute für viele Paare eine große Belastung und oft auch ein Trennungsgrund, und das erhöht die Neigung, noch mehr Kinder zu bekommen, natürlich nicht gerade.
Würde man in den ärmeren Ländern diese Bedingungen so einführen, würden dort auch die Geburtenzahlen schlagartig sinken.
Dazu kommen natürlich noch weitere Punkte:
So gehen vor allem Männer durch Vaterschaft heute ein unkalkulierbares Risiko ein. Da es noch keine Verhütungsmittel für Männer gibt, die in Anwendung und Nebenwirkungen mit den hormonellen Verhütungsmitteln für Frauen vergleichbar sind, sind es aber in der Praxis vor allem die Frauen, die darüber entscheiden, ob ein Mann Vater wird oder nicht. Sie können dafür zwar das Einverständnis des künftigen Vaters einholen, und viele Frauen tun das auch, aber sie müssen es nicht. Wenn es erst einmal bessere Verhütungsmittel für Männer gibt, wird sich das noch einmal deutlich negativ auf die Geburtenzahlen auswirken.
Außderdem sind Verhütungsmittel hierzulande für die meisten Menschen leicht erschwinglich. Aber Verhütung setzt voraus, sich bewußt gegen Kinder entschieden zu haben, wobei dann die oben erwähnten Gründe primär sind.
Ähnlich sieht das mit Abtreibungen aus.
Man kann jedenfalls nicht einerseits von den Menschen hierzulande verlangen, daß sie zu Kindern dieselbe Einstellung haben wie die Menschen in den ärmeren Ländern, andererseits aber ignorieren, daß wir hier komplett andere Bedingungen haben und daß Kinder hierzulande aufgrund dieser anderen Bedingungen eben mehr ein Kostenfaktor sind, während sie für Eltern in vielen armen Ländern tatsächlich einen materiellen Nutzen bringen.
Nun kann man natürlich sagen, daß man sich für den materiellen Aspekt nicht interessiert und einfach ein Kind nach dem anderen in die Welt setzen. Dann wird man aber sehr schnell an den Punkt kommen, an dem diese Kinderflut nicht mehr finanzierbar ist. Da springt dann der Staat ein. Woher nimmt der das Geld dafür? Aus Steuermitteln natürlich. Das funktioniert also nur so lange, wie es genügend Menschen gibt, die keine Sozialleistungen für Kinder kassieren, andererseits aber die volle Steuerlast tragen. Die müssen das dann nämlich finanzieren und übernehmen so indirekt also sehr wohl finanzielle Verantwortung für Kinder. Und zwar ohne jemals irgendwelche Vorteile davon zu haben. (Auch die Höhe ihrer späteren Rente beinflusst das nicht - die wird nur durch die von ihnen selbst gezahlten Beiträge beeinflußt.)
Würden nun plötzlich alle Deutschen anfangen, ungehemmt Kinder zu zeugen, wären all diese zusätzlichen Sozialleistungen für Kinder sehr bald nicht mehr finanzierbar und müßten somit gestrichen werden.
Das alles muß man dabei auch sehen, denn wenn man ein Problem nicht in seiner Gesamtheit begreift, hat man auch keine Chance, es zu lösen.
Freundliche Grüße
von Garfield
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- Verzicht auf Kinder -
Sven75,
13.01.2005, 08:50
- Re: Verzicht auf Kinder - Ekki, 13.01.2005, 11:36
- Re: Verzicht auf Kinder - Garfield, 13.01.2005, 15:12