Prostituierte für Behinderte
<color=white>Hallo allerseits!
Wieder einmal ein Artikel aus SPIEGEL ONLINE mit anschließender Kommentarsauce von mir.</color>
SPIEGEL ONLINE - 17. Dezember 2004, 11:07
URL: http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,332867,00.html
Jenseits der Norm
<size=18>Wahre Liebesdienerinnen</size>
Von Bruno Schrep
Sie brechen ein Tabu: Prostituierte, die erotische Wünsche von Behinderten erfüllen. Für die Kunden - Unfallopfer, Muskelschwundpatienten, Querschnittgelähmte - sind die Liebesdienste oft die einzigen sexuellen Kontakte überhaupt.
In seinem ersten Leben war Mike F. ein richtig plietscher Berliner Junge: Tüchtig als Kaminbauer-Lehrling, beliebt bei seinen Kumpels im Wedding, stets im Stadion, wenn sein Verein Hertha BSC spielte. Und, damals mit 18, immer erfolgreich hinter den Mädchen her.
Seit Mai 1993 ist das vorbei. Nach einer Rangelei in der Weddinger Kneipe "Pflaumenbaum" jagten drei Männer, darunter ein Kick-Boxer, hinter Mike F. her, schlugen und traten ihn so brutal, dass er mit zertrümmertem Schädel auf der Straße liegen blieb.
Neun Jahre sitzt Mike F. jetzt schon im Rollstuhl, halbseitig gelähmt. Er kann nicht mehr laufen, sein linker Arm ist verdreht, das Sprechen fällt ihm schwer. Über seinem Bett in einem Berliner Heim hängt sein alter Schal von Hertha BSC, an der Zimmertür pappt ein Aufkleber: "Jeder Mensch ist mehr oder weniger behindert." "Ich traue mich nicht mehr, ein Mädchen anzusprechen", gesteht Mike F., inzwischen 27. "Wer will schon einen Krüppel?"
"Mike hat wunderhübsche Augen", sagt die 34-jährige Irma. "Wenn ich mir die angucke, fällt es mir ganz leicht, mit ihm zusammen zu sein." Irma war die erste Frau, die Mike F. in seinem zweiten Leben berührte, die ihn küsste und streichelte. Die erste Frau nach Jahren ohne Umarmung, ohne Hautkontakt, ohne eine einzige zärtliche Geste.
Irma ist eine Hure. Blonde Perücke, grelle Schminke, hochhackige Pumps. Fast jeden Abend wartet sie in ihrem 20 Jahre alten Wohnwagen, der an einer Berliner Ausfallstraße parkt, auf Freier. Wenn ein Autofahrer stoppt, zündet sie Kerzen an und schaltet die Propangasheizung ein. Durchschnittspreis pro Liebesdienst: 40 Euro.
Von Mike F. hat Irma bei "Hydra" gehört, der Selbsthilfeorganisation Berliner Prostituierten. Ein Betreuer des Behinderten hatte dort das Schicksal des Überfallopfers geschildert, hatte sich nach einer Frau für Mike erkundigt.
"Kannst du dir das vorstellen?", fragte eine Kollegin. "Ich habe Angst", antwortete Irma, entschloss sich trotzdem, das Experiment zu wagen. "Ich war so aufgeregt, dass ich mich dreimal verfahren habe", erinnert sie sich. "Ich dachte, was ist, wenn du ihm wehtust, ihn versehentlich verletzt oder vielleicht kränkst, weil er deine Abwehr spürt? Aber dann hab' ich ihn gesehen, ihn sprechen gehört, und es war alles gut." Etwa 50 der rund 10.000 Berliner Prostituierten treffen sich mit Behinderten. Sie brechen ein Tabu: Sie fassen Menschen an, bei deren bloßen Anblick sich viele andere wegdrehen.
Maria wird erstmals damit konfrontiert, als in dem Privatclub, in dem sie ihre Dienste anbietet, plötzlich ein Rollstuhlfahrer steht. Die Mädchen gucken sich an. Einige lachen, einige laufen aus dem Raum. Maria bleibt.
Sie schiebt den Mann zu sich aufs Zimmer, hilft ihm aus dem Rollstuhl. Sie nimmt ihn in den Arm, streichelt ihn, hört ihm zu. "Das war für ihn genauso wichtig wie der Sex."
Prostitution ist für die 31-jährige nur ein Nebenjob, von dem selbst die engsten Freunde und Angehörigen nichts wissen. "Mein Geheimnis", sagt sie: "Ich führe ein Doppelleben."
Tagsüber verkauft die allein erziehende Mutter noch Klamotten in einer Boutique. Weil das Gehalt klein ist, ihr Ex-Ehemann keinen Unterhalt für die zwei Kinder zahlt, braucht sie das Freiergeld.
Mit ihrem hübschen, aparten Gesicht, der schlanken Figur und den langen braunen Haaren ist sie bei den Männern sehr gefragt, kann sich Kunden aussuchen. Dass sie sich immer wieder auch für Behinderte entscheidet, können viele Kolleginnen nicht begreifen. "Findest du das nicht unästhetisch?" fragte kürzlich eine.
"Ich kennen einen Freier", antwortete Maria, "der hat nur krumme Knochen, von Geburt an. Aber er hat einen geradezu unanständig guten Charakter, ist total nett, immer freundlich. Wenn ich daran denke, vergesse ich die krummen Knochen, verstehst du?"
Seit sich Marias Bereitschaft herumgesprochen hat, kommen immer häufiger ungewöhnliche Besucher in den Privatclub: etwa die Witwe aus dem kleinen Dorf im Osten mit ihrem körperbehinderten und seelisch kranken Sohn. "Er hat noch nie mit einer Frau geschlafen", sagt sie. "Jetzt soll er endlich erfahren, wie das ist."
Oder der Betreuer eines Patienten, der an Multipler Sklerose im Endstadium erkrankt ist. "Besuchen Sie ihn bitte bald", bedrängte er Maria, "er möchte vor seinem Tod noch einmal ein schönes Erlebnis haben."
Dass sie solches Elend überhaupt ertragen kann, erklärt die Prostituierte mit einem besonders geschärften Einfühlungsvermögen. "Ich bin Mutter, ich spüre Bedürfnisse." Den meisten Behinderten fehle, was auch viele gesunde Freier suchten: menschliche Wärme, Nähe, Gesprächsbereitschaft.
"Das ist etwas, was ich geben kann", glaubt Maria, "das ist ein Stück von mir." Die Dankbarkeit behinderter Kunden lasse sie fühlen, Gutes bewirkt und mehr geleistet zu haben als einfach nur auf den Strich zu gehen. "Vielleicht beruhige ich damit auch nur mein Gewissen." "Bei Prostituierten geht es immer ums Geld", sagt Matthias Vernaldi, 42, "auch dann, wenn die Kunden behindert sind." Der Mann weiß, wovon er spricht: Er ist selbst behindert - und er ist Freier.
Für eine halbe Stunde mit Maria muss er 75 Euro zahlen, für eine ganze das Doppelte - ein hoher Preis für einen, der wie er von Sozialhilfe lebt. "Doch feilschen ist sinnlos", hat Vernaldi festgestellt. "Wenn ich weniger bezahlen will, muss ich mir eine Frau suchen, die es günstiger macht."
Anders als viele Behinderte, die im Heim leben oder einen Betreuer haben, kann der ehemalige Theologe immerhin selbst entscheiden, wofür er sein Geld ausgibt. Er hat eine eigene Wohnung, wird von Assistenten, die er selbst einstellt, rund um die Uhr betreut.
Er weiß, dass er sich seine Träume ohne die Dienste von Frauen wie Maria nicht erfüllen könnte: Von Kindheit an leidet er an Muskelschwund, inzwischen kann er nur noch den Kopf und, eingeschränkt, die Finger der rechten Hand bewegen - schlechte Voraussetzungen für erotische Partnerschaft, auch wenn er trotz seiner Lähmungen noch potent ist. Vernaldi spürt vielmehr, dass seine sexuellen Wünsche häufig Befremden auslösen. "Als Behinderter stehst du für Schmerz, für Krankheit, für Tod", muss er oft erfahren. "Die Vorstellung, dass du auch ein sexuelles Wesen bist, wird als unappetitlich verdrängt."
Tatsächlich wird in einzelnen Heimen auch heute noch jedes Ausleben von Erotik unterbunden, auch manche Betreuer zeigen sich mit sexuellen Wünschen von Klienten heillos überfordert.
Bis Ende der siebziger Jahre galten gerade in konfessionellen Einrichtungen viel frische Luft und eiskaltes Duschen als geeignete Mittel gegen sexuelle Regungen. Pfleger bekamen die Weisung, "aufkommende Triebschübe" ihrer Patienten mit "inbrünstigem Gebet" zu lindern.
Inzwischen hat sich viel geändert. Zusammen mit zwei weiteren Betroffenen, einem Mann und einer Frau, gründete Vernaldi "Sexybilities", eine Sexualberatung für Behinderte. Der Bedarf ist enorm.
Menschen rufen an, die längst jede Hoffnung aufgegeben hatten, jemals Sex zu haben, darunter auch viele behinderte Frauen. Sie schildern ihre gescheiterten Versuche, Beziehungen aufzunehmen, berichten über ihre Enttäuschungen, ihre Verzweiflung, ihre Einsamkeit. Und sie fragen, wer ihnen helfen kann.
Martina ist eine der Frauen, die von "Sexybilities" empfohlen wird. Die gelernte Kindergärtnerin aus Polen, seit 16 Jahren in Deutschland, hat eine bizarre Karriere hinter sich.
Weil ihr Abschluss nicht anerkannt wurde, ging sie jahrelang putzen. Danach avancierte sie zum Star einer Striptease-Bar in einem Berliner Vergnügungsviertel.
Trotz vieler attraktiver Konkurrentinnen, die dort wie Hühner auf der Stange zur Auswahl saßen, wählten die Männer meistens sie. Ein Fünf-Minuten-Strip in einer kleinen Kabine kostete zehn Mark, wer mehr wollte und länger bleiben mochte, und das waren die meisten, musste drauflegen. Acht Jahre lang zog sich Martina täglich viele Male aus und an - dann konnte sie nicht mehr. Jetzt ist sie 38 und hoch angesehen.
Der soziale Aufstieg begann, als eine befreundete Prostituierte sie darum bat, sie bei einem behinderten Freier zu vertreten. Martina, die selbst eine gelähmte Schwester hat, zeigte so viel Verständnis, bewies so viel Feinfühligkeit, dass der Mann immer wieder mit ihr zusammen sein wollte - viele andere folgten.
Von heute auf morgen kündigte die Stripperin ihren Job in der Bar, spezialisierte sich auf Liebesdienste für Behinderte. Inzwischen hat sie rund 50 feste Freier.
Die Männer, die sie aufsucht, sind oft bewegungsunfähig, sie müssen vor ihrem Besuch ausgezogen, gewaschen und ins Bett gelegt werden. In manchen Heimen zünden die Pfleger auch Kerzen an und legen eine CD auf. Spastisch Gelähmte sind darunter, Muskelschwundpatienten, die sich kaum noch rühren können, Querschnittgelähmte, deren erogene Zonen erst behutsam herausgefunden werden müssen.
Martinas Erscheinen bedeutet für sie ein Glanzlicht in einem Leben voller Entbehrungen. "Sie himmeln mich an", sagt Martina, die früher oft herablassend behandelt wurde. "Als Barmädchen war ich der letzte Dreck", erinnert sie sich, "jeder konnte seinen Frust an mir auslassen." Heute werde sie geradezu hofiert.
Kürzlich erst sei sie von einem Heimleiter mit einer stürmischen Umarmung empfangen worden. "Wie gut, dass Sie endlich kommen", habe er sie begrüßt, "wir haben so auf Sie gewartet." Der Patient sei schon seit Wochen unruhig, aggressiv, kaum ansprechbar. Jetzt werde sicher alles besser.
Martina wehrt sich jedoch dagegen, als barmherzige Samariterin verehrt zu werden. "Ich bin keine Heilige", sagt sie, "ich mache es zwar gern, aber ich mache es nicht umsonst." Für einen Besuch verlangt sie 100 Euro. "Das langt mir, um etwas zurück zu legen."
Die ehemalige Stripperin nennt sich jetzt "Sexualbegleiterin", referiert bei Podiumsdiskussionen, erzählt in Fortbildungskursen Frauen, die sich ebenfalls auf Behinderte spezialisieren wollen, von ihren Erfahrungen. Ihr Wort hat Gewicht.
Vor ein paar Wochen ist ihr jedoch etwas widerfahren, womit sie nicht rechnete: Sie hat sich in einen ihrer Kunden verliebt - absolutes Tabu für jemanden, der mit Sex sein Geld verdient. Seitdem fühlt sie sich unsicher, unkonzentriert, verletzbar. Der Mann, der seit Jahren in einer Behinderteneinrichtung lebt, ahnt davon nichts. "Ich werde es ihm auch nicht sagen", hat sich Martina vorgenommen.
Der Beitrag aus dem Buch "Bruno Schrep: Jenseits der Norm - Reportagen über Grenzgänger und Außenseiter" wurde mit freundlicher Genehmigung des Hirzel Verlags Stuttgart übernommen.
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Mein Kommentar:
An dem letzten, von mir fett formatierten Absatz, sieht man, daß auch in diesem Fall nicht in erster Linie Caritas, sondern die pure Geschäftsmacherei herrscht.
Generell zum Thema Behinderung:
Es müßte sich mal einer finden, der sich einer speziell weiblichen Behinderung annimmt, die darin besteht, daß viele Frauen beim Sex nur dann orgamusfähig sind, wenn sie damit etwas erreichen wollen - oder noch nicht mal dann!
Frauen, die zu purer Geilheit fähig sind, ohne jeden Hintergedanken - der Traum jedes Mannes.
Gruß
Ekki