Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Die Hölle danach

Odin, Wednesday, 15.12.2004, 16:08 (vor 7722 Tagen)

Die Hölle danach
Mathieu Carrière und der Psychoterror um die Scheidungskinder

12. Dezember, 12.12 Uhr: Mathieu Carrière geht für zehn Tage in den
Knast. Hintergrund ist ein Foto des Schauspielers mit seiner unehelichen
Tochter, das eine Zeitung veröffentlichte. Die Mutter klagte und gewann.
Eine neue Runde in dem seit Jahren andauernden Sorgerechtsstreit mit der
ehemaligen Lebensgefährtin um seine Tochter. Rückendeckung bekommt
Carrière vom Verein "Väteraufbruch für Kinder", Männern, die seit Jahren
für ein gemeinsames Sorgerecht kämpfen, auch dann, wenn die Kinder bei
der Mutter leben. Und für eine Rechtspraxis, die das auch sicherstellt.

"Wir werden weiter für Gleichberechtigung kämpfen und wir werden weiter
für unsere Kinder kämpfen, mit friedlichen Mitteln", sagt Carrière auf
dem Weg zum Gefängnis. Ein Vater bestätigt: "Kinder brauchen beide
Eltern und jeder, der das alleinige Sorgerecht beantragt, missbraucht
das Kind. Daraus kommt immer eine Schädigung des Kindes."

Prominenz für Trennungsväter eingesetzt

Am Abend vor dem Haftantritt hat Carrière Sympathisanten und
Pressevertreter in seine Privatwohnung in Hamburg eingeladen. Er nutzt
seine Prominenz, um auf die Situation von Trennungsvätern aufmerksam zu
machen. Paradox: Die Pressefotografen haben ihm durch das Bild mit
seiner Tochter die Gefängnisstrafe eingebrockt - nun braucht er sie, um
für die Ziele des Vereins Väteraufbruch zu werben.

Doch was auf den ersten Blick wie die Personalityshow eines
geltungshungrigen Schauspielers aussieht, hat einen ernsten Hintergrund.
Vielen Vätern wird nach einer Trennung der Umgang mit ihrem Kind
schlichtweg verwehrt. Und das, obwohl sie ein verbrieftes Besuchsrecht
haben. Ein Vater berichtet, dass er zweieinhalb Jahre lang nach seiner
verschwundenen Tochter gesucht habe: "Durch glückliche Umstände habe ich
meine Tochter wiedergefunden. Sie war von heute auf morgen spurlos
verschwunden. Ich bin zur Polizei gegangen, zur Staatsanwaltschaft, ich
war beim Familienrichter, beim Jugendamt. Überall ist man abgeblitzt.
Man ist von einer Wand zur anderen gelaufen. Ich wusste zweieinhalb
Jahre lang nicht, ob meine Tochter noch am Leben ist."

Väter häufig benachteiligt

Etwa vier Millionen Trennungskinder gibt es in Deutschland. Die Hälfte
von ihnen verliert nach kurzer Zeit den Kontakt zu einem Elternteil,
meist ist es der Vater. Bei unverheirateten Paaren hat die Mutter einen
natürlichen Anspruch auf das Sorgerecht für das Kind. Doch, auch wenn
die Eltern verheiratet waren, bleibt der Vater meist auf der Strecke.
Lebt das Kind bei der Mutter, kann sie seinen Aufenthaltsort bestimmen.
Auch wenn es eine klare Besuchsregelung gibt - für Mütter ist es nach
wie vor nicht schwer, dem Vater das Kind zu entziehen. Ihre Verstöße
werden kaum geahndet.

Eine Lösung verspricht das so genannte Cochemer Modell. Gezielt wird
danach zwischen den Streitparteien vermittelt. Denn schlicht wie wahr:
ein Kind braucht beide Eltern. Bei allem Kampfeswillen der Väter, ist
dies kein Krieg gegen Mütter. Betroffene Väter - und auch Großeltern -
wollen nur ihr Recht. "Den meisten Familienrichtern werfe ich vor, dass
sie die Väter und Großeltern entwürdigen, diskriminieren, indem sie die
Kinder einfach nicht gehen lassen", sagt eine Großmutter, die zum
Protest der Väter gekommen ist. "Es gibt Beschlüsse genug, aber die
Familienrichter sorgen nicht für die Umsetzung."

Ob sein öffentlicher Einsatz für die Rechte der Väter Mathieu Carrière
persönlich weiterhilft, ist zweifelhaft. Wie so oft sind die Fronten
zwischen ihm und der Mutter seines Kindes hoffnungslos verhärtet.
Immerhin ist sein Auftritt ein Denkanstoß und Appell an die
Familienrichter, die Praxis des Sorgerechts von getrennt lebenden Eltern
endlich zu ändern.

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http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/74043/index.html

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