Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Also doch Lohndiskriminierung?

Frank, Saturday, 11.12.2004, 20:33 (vor 7726 Tagen)

Quelle: Rheinische Post vom Donnerstag, 9.12.2004

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Frauen verdienen nicht, was sie wert sind

Das Problem ist alt, die Zahlen sind neu: Frauen verdienen deutlich schlechter als Männer. Auf der gleichen Sprosse der Karriereleiter, bei gleichen Fähigkeiten haben sie auf dem Gehaltsscheck ganz andere Summen.

VON CAROLA SIEDENTOP

DÜSSELDORF In den Gesetzen ist die Gleichstellung von Mann und Frau seit langem festgeschrieben - Wirklichkeit ist sie nicht: Frauen verdienen in Deutschland im Schnitt 30 Prozent weniger als Männer - bei gleicher Qualifikation im gleichen Beruf. Mehr als 250 000 Gehälter hat die Hamburger „Vergütungsberatung Personalmarkt“ verglichen. Die Zahlen sind ernüchternd: So verdient eine 40-jährige Ingenieurin 39 959 Euro, ihr Kollege in der gleichen Firma 53 882 Euro, ein Viertel mehr. Ganze 31 Prozent fehlen der Controllerin (42 480 Euro) zum Verdienst des gleichaltrigen Kollegen (61 744 Euro). Warum zahlen Unternehmen Frauen weniger, obwohl es laut Gesetz nicht vorkommen darf? „Weil in den Köpfen vieler Arbeitgeber die alten Vorurteile weiter herrschen - auch wenn sie nun nicht mehr laut ausgesprochen werden“, meint Alexa Wolfstädter, Referentin für Frauen- und Gleichstellungspolitik bei Verdi. Heute frage niemand mehr eine Frau beim Einstellungsgespräch, ob sie schwanger sei. Dafür habe jeder Personalleiter im Kopf: Sie wird bestimmt irgendwann schwanger. Dabei sieht die Realität anders aus: 40 Prozent aller Akademikerinnen bleiben kinderlos.
Die ungleiche Bezahlung sei nach wie vor ein gesellschaftliches Problem, sagt die Gewerkschaftssekretärin. Untersuchungen hätten gezeigt, dass Berufe, die zunehmend von Frauen ausgeführt werden, in der Wertschätzung der Menschen sinken. Das gilt umso mehr für typische Frauenberufe. „Bewertungskriterien, die eigentlich geschlechtsneutral wirken, werden diskriminierend ausgelegt“, sagt Alexa Wolfstädter. Und zwar nicht nur in der freien Wirtschaft, sondern auch bei Tarifverträgen. So gelte Altenpflege nicht als schwere körperliche Arbeit. Die Verantwortung für Menschen, etwa bei Kindergärtnerinnen, würde nicht so hoch gewertet wie die Verantwortung für Maschinen. „Mit unterschiedlicher Qualifikation haben die abweichenden Gehälter also nichts zu tun“, erklärt sie.
Wohl aber mit den Frauen selbst. Sie stellen ihr Licht unter den Scheffel und pokern bei Gehaltsverhandlungen nicht so hoch wie Männer. Für Frauen sei ein guter Verdienst schon bei der Berufswahl kein wichtiges Kriterium, meint Susanne Fey-Hoffmann vom Frauenbüro der Stadt Leverkusen. Im Vorstellungsgespräch spiele die Vergütung dann ebenfalls eine untergeordnete Rolle. „Und welcher Chef ist nicht froh, wenn er weniger zahlen kann“, sagt Fey-Hoffmann.
Betroffene Frauen sollten zunächst das Gespräch mit dem Chef und dem Betriebsrat suchen. Denn wer vor Gericht zieht, muss genau beweisen können, dass der Kollege nicht doch einen Mitarbeiter mehr führt und keine schwierigeren Aufgaben übertragen bekommt.

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Halten wir fest: Frauen selber bedeutet ein hohes Gehalt offenbar nicht so viel wie Männern. Außerdem bevorzugen sie von sich aus die schlechter bezahlten Jobs. Wenn also immer über die Diskriminierung der Frauen in punkto Gehaltshöhe geklagt wird, so entbehrt dies weitgehend jeglicher Grundlage, weil ganz offensichtlich keine aktive Benachteiligung der Frauen durch männliche Arbeitgeber stattfindet, sondern die Frauen ihre "Diskriminierung" zum Teil selber durch ihre Berufswahl und ihre Vorlieben begünstigen.

Auffallend: Wenn "Verantwortung für Menschen, etwa bei Kindergärtnerinnen, nicht so hoch gewertet (wird) wie die Verantwortung für Maschinen", so lässt diese lapidare Formulierung völlig außer Acht, dass die "Verantwortung für Maschinen" oft genug einen gefährlichen, gesundheitsschädlichen, anstrengenden und aus diesen Gründen besonders gut bezahlten Job mit sich bringt. Hier findet wieder mal eine subtile Abwertung des Mannes (und seiner Arbeit) statt.

Eines verstehe ich aber nicht: wenn ich als Arbeitgeber befürchte, dass die Bewerberin irgendwann schwanger wird, warum sollte ich ihr deswegen von Anfang an weniger Gehalt zahlen als dem männlichen Bewerber? Viel nahe liegender wäre es dann doch, ich würde sie gar nicht erst einstellen.

Vielleicht kann mir das mal jemand erklären...?

noch schöner...

stiller Mitleser ;-), Saturday, 11.12.2004, 22:46 (vor 7726 Tagen) @ Frank

Als Antwort auf: Also doch Lohndiskriminierung? von Frank am 11. Dezember 2004 18:33:04:

Das realexistierende Mittelalter

Eine tarifpolitische Tagung brachte Düsteres ans Tageslicht: Immer noch sind berufstätige Männer finanziell klar im Vorteil

Frankfurt/Main | Wie im tarifpolitischen Mittelalter kommt man sich vor, wenn man in die realexistierenden Betriebe und Büros schaut. Männer und Frauen sind gleich; Männer ein bisschen gleicher. Und „das Bisschen“ bedeutet – über den Daumen gepeilt – bis zu einem Drittel mehr in der Geldtasche. Monat für Monat, Jahr für Jahr, querbeet durch alle Berufe und Qualifikationen. Von der Arbeiterin über die Angestellte bis zur Akademikerin oder Führungsfrau. Schon vor Jahrzehnten forderten die Gewerkschaftsfrauen: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“. Außerdem gleiche Aufstiegs-chancen. Hat sich seither etwas getan?

Das kritische Frauenauge

Hessische Gewerkschafterinnen wollten es genauer wissen und trafen sich Mitte Oktober zu einem tarifpolitischen Forum im Frankfurter Gewerkschaftshaus. Und siehe da, die Tarifverträge haben es in sich, wenn man einmal ein kritisches Frauenauge darauf wirft: mittelbare und unmittelbare Diskriminierung. Unmittelbar heißt, dass man es den Frauen direkt ins Gesicht sagt – durch Lohnabschlagsklauseln. Die sind zum Glück Vergangenheit. Mittelbar ist etwas versteckter, weil „dem Anschein nach neutrale Vorschriften einen wesentlich höheren Anteil eines Geschlechts benachteiligen“.

Dabei gibt es reihenweise rechtliche Vorschriften – vom Grundgesetz bis zu europäischen Richtlinien. Schlussfolgerung der Konferenz: Die meisten Entgelttarifverträge sind nicht gesetzeskonform. Sie müssten gemeinsame Kriterien verwenden, egal, wer die Arbeit ausübt. Die angewandten Kriterien müssten zudem transparent sein, das „Wesen“ der Tätigkeit widerspiegeln und diskriminierungsfrei ausgelegt und umgesetzt werden. Wer eine Ungleichbehandlung erkennen will, darf also nicht nur gleichartige Tätigkeiten von Männern und Frauen untersuchen, sondern auch verschiedenartige, jedoch gleichwertige.

Besonders spannend fanden die Konferenzkolleginnen, sich einzelne Branchen im Vergleich vorzuknöpfen. Zum Beispiel den Handel. 1. Kriterium: „Durchschaubarkeit und Transparenz“. Warum ist die Tätigkeit einer Verkäuferin „einfach“. Sie steht den ganzen Tag auf den Beinen, sie denkt sich in Kundenwünsche hinein, berät und sorgt für den Warenbestand. 2.: „Gleiche Kriterien“. Im Lohntarif ist nicht von Fachkenntnis, Verantwortung und Selbständigkeit die Rede. Im Angestelltentarif findet man nichts über Geschicklichkeit, Erfahrung oder körperliche Belastungen – all das braucht aber eine Kassiererin. 3.: „Auslegung und Anwendung“. Körperliche Belastung bezieht sich nicht nur auf Muskeln. Die körperliche Anstrengung einer Kassiererin wird geringer bewertet als bei gewerblicher Arbeit. 4. Kriterium: „Wesen der Arbeit“.

Dieser Tarifvertrag stammt aus den 50ern! Mehr als angestaubt. Frau fragt sich, wie sich alles so halten konnte. Aber Gleichstellung ist eben nicht umsonst zu haben, sie kostet Zeit und Geld. Die Betriebe und auch die Gewerkschaft. Allerdings hält es Beatrix Müller, stellvertretende Landesleiterin von ver.di Hessen, für nicht von der Hand zu weisen, dass das Thema auch in den Gewerkschaften für Konflikte sorgt: „Um es mal vorsichtig auszudrücken.“

Quelle: http://verdi-publik.de/verdi_publik_wcms/fmpro?-db=verdi_publik_wcms.fp5&-lay=einga...

Der Link für Leserbriefe ist gleich darunter.... ;-)

Hey, besagt der letzte Satz, daß auch schon den Kampfemanzen in der Gewerkschaft starker Gegenwind ins Gesicht bläst? :-D

Die Argumentation ist aber schon spitze: wenn nun schon gleicher Lohn für gleiche Arbeit erreicht ist, muß frau eben an der Definition für "gleich" drehen, wenn sie noch mehr rausholen will.

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