Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

67114 Postings in 8047 Threads

[Homepage] - [Archiv 1] - [Archiv 2] - [Forum]

Studie über Mädchengewalt

Odin, Friday, 10.12.2004, 13:39 (vor 7727 Tagen)

Stark sein heißt zuschlagen
Studie über Mädchengewalt

Für einen anderen Umgang mit der Gewalt von Mädchen haben
Wissenschaftlerinnen des Deutschen Jugendinstituts plädiert. Die weiblichen
Jugendlichen in gewaltbereiten Cliquen stehen dort keineswegs am Rand,
sondern fördern ein gewaltbereites Gruppenklima, ergab eine Untersuchung des
Instituts. Diese Tatsachen dürften in der Jugendarbeit nicht länger
vernachlässigt werden.

Die Mädchen sind keineswegs die passiven Mitglieder in den Cliquen, die die
Gewalt der Jungen mehr notgedrungen tolerieren, fanden die
Wissenschaftlerinnen Svendy Wittmann und Kirsten Bruhns in einem Projekt
heraus. Sie untersuchten in ihrer qualitativen, nicht repräsentativen Studie
dazu zwei Mädchen- und zwei gemischtgeschlechtliche Gruppen, die in der
Öffentlichkeit bereits durch Gewalttätigkeiten aufgefallen waren. Ihr
Ergebnis: Die weiblichen Cliquenmitglieder befürworten Gewalt, ziehen sie
der verbalen Konfliktlösung vor und fördern ein Klima der
Gewaltbereitschaft. Prügeleien hielten die befragten Mädchen für notwendig,
um sich gegen Angriffe oder vermeintliche Verleumdungen zur Wehr zu setzen.
"Die anderen" verstünden das am besten, "wenn sie mal eine reinkriegen",
gaben Schlägerinnen bei den Befragungen an. Wie die Jungen waren sie der
Meinung, dass der Verzicht auf Gewalt bei Angriffen nicht wirklich
angebracht ist, berichten die Forscherinnen.
Wittmann und Bruhns warnen davor, in den Gewalttätigkeiten von Mädchen nur
"ohnmächtige Reaktionen auf erfahrene Diskriminierungen" zu sehen. Das
aggressive Verhalten sei eine selbst gewählte Handlungsstrategie und Teil
des
Weiblichkeitsbildes, das die traditionelle Rolle der Frau in Frage stelle.
Indem die Mädchen sich als durchsetzungsfähig, wehrhaft und stark
präsentierten, wollten sie das hergebrachte Frauenbild in Frage stellen.
Dieses "Autonomiebedürfnis" dürfe allerdings nicht mit Selbstbewusstsein
verwechselt werden. Schließlich reagierten die weiblichen Jugendlichen
besonders empfindlich auf Verleumdungen und "schräge" Blicke, schreiben die
Autorinnen.
Die Soziologinnen fordern, dass in der Pädagogik und Sozialarbeit der
direkte gewaltverstärkende Einfluss von Mädchen auf Cliquen nicht länger
vernachlässigt werden dürfe. Bislang blieben in den Konzepten die jungen
Frauen weitgehend unberücksichtigt, beklagen sie. Meist würden nur die
gewalttätigen Jungen angesprochen, berichtet Bruhns. Erforderlich sei eine
mädchenspezifische Pädagogik. Doch gebe es derzeit nur wenig Projekte, die
so arbeiteten.
Die Autorinnen fordern etwa mehr erlebnisorientierte Angebote für Mädchen.
Bisher werde dies meist mit der Begründung abgelehnt, der Ansatz sei zu sehr
"aus männlichen Bildern abgeleitet". Doch auch den untersuchten jungen
Frauen, die Mut und Durchsetzungsfähigkeit zu ihrem Weiblichkeitsbild
zählten, könne so geholfen werden, gewaltorientierte Verhaltensweisen
abzubauen.
Ausdrücklich warnen Wittmann und Bruhns davor, die Gruppen, denen die
Mädchen angehören, zerschlagen zu wollen. Für die jungen Frauen sei die
Clique oftmals das einzige Netzwerk, das sie emotional und sozial
unterstütze. Stattdessen sollten den gewaltbereiten Jugendlichen Zugänge zu
anderen sozialen Gruppen eröffnet werden. Den Mädchen müssten vor allem
gewaltfreie Wege aufgezeigt werden, Anerkennung und Bestätigung zu finden.
Doch oft scheitern innovative Projekte der Sozialarbeit am Geld: "Die
Ressourcen sind sehr knapp", meint Bruhns.

Frankfurter Rundschau

FR-Archiv
VDatum: 09/01/2002
Publikation: FR
Ressort: AAW
Seite: 36
Ausgabennr.: 7
Zeilen: 99
Autor: Wolfgang Wagner (Frankfurt a. M.)
Kolumne: IM BLICKPUNKT


gesamter Thread:

 

powered by my little forum