Die Männer sind schuld
Die Männer sind schuld
[Von ftd.de, 16:08, 03.12.04]
Immer wieder heißt es, kinderlose Akademikerinnen seien die Ursache der demografischen Entwicklung. Tatsächlich sind es die zeugungsunwilligen Männer.
Es passiert täglich, in irgendeiner Zeitung, einem Magazin oder in einer Diskussion. 40 Prozent der Akademikerinnen, heißt es da in leicht bedauerndem Ton, bekommen keine Kinder. Darauf müsse unbedingt und rasch reagiert werden. Betreuungsangebote und Betriebskindergärten sind deswegen Dauerthemen. Ganz abgesehen davon, dass Wissenschaftler die Zahl 40 Prozent für völlig falsch halten: Das Problem sind nicht die kinderlosen Frauen. Das Problem sind die kinderlosen Männer. Und wenn man unglücklich über die demografische Entwicklung ist, dann sollte man das Problem da anpacken, wo es liegt, und nicht auf andere abschieben.
Zunächst einmal: Als kinderlos gilt für Wissenschaftler eine Frau auch dann, wenn ihr Kind zum Zeitpunkt der Umfrage über einen längeren Zeitraum nicht im Haus ist. Also auch, wenn es in den USA ist, bei der Oma oder im Krankenhaus. Als kinderlos gilt auch die 36-jährige Akademikerin, die vier Jahre später zwei Kinder hat. Die Diagnose, Akademikerinnen haben seltener Kinder, stimmt zwar, die hohe Zahl indes nicht. Aber Frauen sind, wie gesagt, eh nicht das Problem.
Männer sind häufiger kinderlos
Wer nun aufheult, das seien überkommene urfeministische Theorien, dem seien ein paar Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) genannt, das der Sache in zwei Studien auf den Grund gegangen ist. Demnach sind 36,4 Prozent der Männer zwischen 35 und 40 Jahren, wenn also Ausbildung und promiskes Verhalten in der Regel beendet sind, kinderlos; bei den Frauen sind es in dieser Altersgruppe nur 19,1 Prozent. Selbst dann, wenn spät zeugende Männer, also die 50- bis 55-Jährigen, mit einbezogen werden, sind immer noch 18,1 Prozent der Männer kinderlos und 15,5 Prozent der Frauen. Fazit: Männer sind öfter kinderlos.
Manche Frau wird nun sagen: Wusste ich es doch, die wollen nicht. So einfach ist es nicht. Es handelt sich hier nicht um einen Zeugungsstreik einer bestimmten Gruppe, die einfach nicht aus der Pubertät kommt, und einer anderen Gruppe, die dafür ihr Gen möglichst weit streut.
Die Ursachen sind andere. Einfach skizziert sieht der kinderlose Mann nach Erkenntnissen des DIW so aus: unverheiratet, ohne Berufsabschluss, ohne Job oder mit geringem Einkommen, Westdeutscher und Städter. Demnach entscheiden sich Männer gegen ein Kind, weil sie zu wenig verdienen, also immer noch der Ernährerrolle anhängen. Zweitens trauen sich Männer nicht, ein Kind in die Welt zu setzen, wenn sie in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen stecken, also ebenfalls der Meinung sind, sie könnten eine Familie auf Dauer nicht ernähren.
Männer schieben gerne auf
Und drittens: Männer schieben es gerne auf. Welche Frau hat den Satz "Jetzt nicht" noch nicht gehört? Für Frauen, die die biologische Uhr ticken hören, ist diese Verhaltensweise der Männer mindestens so fatal wie fehlende Betreuungsangebote. Wobei auch Männer selten nach dem 40. Lebensjahr noch Kinder in die Welt setzen. Denn im Gegensatz zu dem Klischee, dass alte Männer gerne junge Frauen haben, sind in der Realität die meisten Freundinnen und Ehefrauen doch nur zwei bis drei Jahre jünger als ihre Männer.
Am Rande ein Detail aus der DIW-Untersuchung: Besonders zeugungsunwillig sind FDP-Anhänger im besten Alter. In der Altersgruppe bis 45 sind 67,7 Prozent von ihnen kinderlos. Vom 46. Lebensjahr an überlassen die freiheitsliebenden Machos allerdings die Spitzenposition den Grünen-Anhängern. Von denen haben in diesem Alter 26,6 Prozent keine Kinder.
Da bei Akademikerinnen so ausführlich darüber nachgedacht wird, wie man sie zum Kinderkriegen animieren kann, sollte man das bei Männern auch tun. Aus den Zahlen ergibt sich: Wer an Löhnen und Kündigungsschutz rüttelt und nicht für einen Berufsabschluss bei Jungs sorgt, der bastelt mit an der demografischen Krise.
Auch Frauen können Ernährer sein
Vielleicht kann man Nicht- und Spätzeuger viel einfacher zur Zeugung animieren als karriereorientierte Akademikerinnen. Zum Beispiel so: Männer, die meinen, zu wenig zu verdienen, um eine Familie zu ernähren, sollten entweder mehr Geld bekommen oder lernen, dass Frauen auch Ernährer sein können - der Fantasie, über finanzielle Anreize oder Sanktionen nachzudenken, sind da keine Grenzen gesetzt. Klar ist, dass die bisherigen Steuererleichterungen und Kündigungsschutzmaßnahmen nicht ausreichen, um das Verhalten der Männer zu ändern.
Theoretisch laufen viele der heutigen Überlegungen zu Kindergeld, Elternzeit und Betreuung darauf hinaus, für beide Geschlechter Lösungen anzubieten. Aber de facto werden sie eingerichtet mit dem Argument, so könnten Frauen wieder Lust aufs Kinderkriegen bekommen. Inwieweit diese Instrumente das Verhalten der Männer beeinflussen, ist hingegen kein Thema. Mit den Ergebnissen des DIW sollte klar sein: Das Verhalten der Männer gehört genauso unter die Lupe. Nur bei einem Teil anzusetzen, sagen Forscher, hilft nicht weiter. Denn das tollste Betreuungsangebot bringt nichts, wenn der Mann Angst vorm Zeugen hat.
Quelle: http://www.capital.de/ftd/artikel.html?artikel_id=662593
Re: Die Männer sind schuld
Als Antwort auf: Die Männer sind schuld von Sven am 04. Dezember 2004 10:18:24:
Ich halte diesen Artikel für einen guten Witz und zwar aus zwei Gründen:
1) Unter den sogenannten "Sozialschwachen" gibt es viel mehr Kinderreiche als in der Mittel- und Oberschicht. Grund: Wer bereits alleine von staatlicher Fürsorge leben muß, dem kann es egal sein wieviele Kinder er bekommt. Von daher spielt die Überlegung "kann ich mir Kinder leisten" nur ab der unteren Mittelschicht eine Rolle.
2) Wenn mehr Männer als Frauen kinderlos bleiben, dann bedeutet dies, dass relativ wenige Männer relativ viele Frauen schwängern. Daraus folgt keineswegs dass die anderen Männer nicht wollen, sondern vor allem nicht dürfen. Es gibt dreimal so viele beziehungssuchende Single-Männer wie Single-Frauen im fruchtbaren Altersfenster. Wenn ein nennenswerter Teil der männlichen Bevölkerung bei der Paarbildung gar nicht erst zum Zug kommt, können sie auch keine Kinder in die Welt setzen. Hingegen ist es mir gut verständlich, wenn ein Mann der schon aus zwei Beziehungen Kinder zu versorgen hat bei der dritten in den Zeugungsstreik tritt.
Grüße
Marki
Re: Die Männer sind schuld
Als Antwort auf: Re: Die Männer sind schuld von Marki am 04. Dezember 2004 15:25:35:
2) Wenn mehr Männer als Frauen kinderlos bleiben, dann bedeutet dies, dass relativ wenige Männer relativ viele Frauen schwängern. Daraus folgt keineswegs dass die anderen Männer nicht wollen, sondern vor allem nicht dürfen. Es gibt dreimal so viele beziehungssuchende Single-Männer wie Single-Frauen im fruchtbaren Altersfenster. Wenn ein nennenswerter Teil der männlichen Bevölkerung bei der Paarbildung gar nicht erst zum Zug kommt, können sie auch keine Kinder in die Welt setzen ...
Das liegt daran, daß die Frauen mehr dazu neigen sich ein Alpha-Männchen mit anderen zu teilen, als in einer 2er-Beziehung zu einem weniger attraktiven Mann zu leben. Wenn sie schon nicht einen Märchenprinzen für sich allein ergattern können, dann teilen sie sich einen solchen lieber mit ihren Geschlechtskonkurrentinnen, als einen Frosch - oder was ihnen als solcher erscheint - zu küssen.
In Gesellschaften, in denen gesellschaftliche Normen keine hinreichende ausgleichende Wirkung auf diese Tendenz haben, bilden sich zwangsläufig haremsähnliche Erscheinungen.
Michel Houellebecq hat die Auflösung der gesellschaftlichen Normen zur Partnerwahl infolge der Liberalisierung der 60er und 70er Jahre als "Ausweitung der Kampfzone" in einem Roman verarbeitet.
Leidtragende sind dabei nicht die Frauen, denn von diesen geht die Tendenz ja sogar aus, sondern vielmehr die überschüssigen Männer. Diese bilden ein Frustrationspontential, das in mancherlei Hinsicht gefährlich ist und durch gesellschaftliche Repression wieder in Schach gehalten werden muß.
Gruß
Andreas
Re: Die Männer sind schuld
Als Antwort auf: Die Männer sind schuld von Sven am 04. Dezember 2004 10:18:24:
Hallo,
Männer, die meinen, zu wenig zu verdienen, um eine Familie zu ernähren, sollten (...) lernen, dass Frauen auch Ernährer sein können
Ich denke hier liegt der größte Fehler des Artikels. Nicht die Männer sondern die Frauen müssen
das lernen. Der Wunsch nach Kindern ist bei Männern da, und die Berufsbegeisterung der Männer
ist nicht so stark, daß nur wenige bereit wären den Beruf zugunsten der Familie zurückzustecken.
Wo findet mann aber Frauen, die das ermöglichen?
Trotzdem kommt der Artikel zu richtigen Überlegeungen.
Wer an Löhnen und Kündigungsschutz rüttelt und nicht für einen Berufsabschluss bei Jungs sorgt, der bastelt mit an der demografischen Krise.
Die einzige Alternative wäre, daß die Frauen ihre Auswahlkriterien bei Männern ändern, aber
das ist angesichts der Tatsache, daß das trotz feministischem Zeitgeist nicht merkbar geschehen
ist, auch in Zukunft nicht zu erwarten.
Denn das tollste Betreuungsangebot bringt nichts, wenn der Mann Angst vorm Zeugen hat.
Dieser Ansatz unterstütz ich, wenn es um die Männer der Mittelschicht geht. Denn diesen droht
der soziale Absturz, wenn sie mit Kindern und einer aus dem Beruf ausgeschiedenen Ehefrau
arbeitslos werden, oder geschieden werden. Männer der unteren Schichten berührt das weniger.
Wer nichts hat kann auch nichts verlieren.
Gruß
Joseph
Re: Die Männer sind schuld
Als Antwort auf: Re: Die Männer sind schuld von Marki am 04. Dezember 2004 15:25:35:
Hallo Marki,
beim Grund 1) habe ich einzuwenden, daß die Männer die zu "ab der unteren Mittelschicht"
gehören so viele sind, daß sie einen entscheidenden Geburtenrückgang erzeugen können.
Vielleicht ist ein Grund für den großen Anteil der Armen unter den Kindern, daß gerade in der
Mittelschicht die Geburten überdurchschnittlich zurrückgingen.
Gruß
Joseph
Re: Die Männer sind schuld
Als Antwort auf: Re: Die Männer sind schuld von Joseph S am 04. Dezember 2004 23:50:20:
Hallo Marki,
beim Grund 1) habe ich einzuwenden, daß die Männer die zu "ab der unteren Mittelschicht"
gehören so viele sind, daß sie einen entscheidenden Geburtenrückgang erzeugen können.
Vielleicht ist ein Grund für den großen Anteil der Armen unter den Kindern, daß gerade in der
Mittelschicht die Geburten überdurchschnittlich zurrückgingen.
Gruß
Joseph
Nee, in der Diskussion waren wir gesamtgesellschaftlich schon mal weiter.
Auch wenn es sich für manche herablassend anhört:
Es ist halt so, daß Menschen ab einem bestimmten Bildungsniveau mehr dazu neigen, sich Gedanken über die Folgen des Zeugungsaktes zu machen und ggf. auch ganz auf diesen zu verzichten.
In den weniger gebildeten Schichten wird halt weitgehend sorglos gerammelt. Da ist Mann/Frau eben schlichteren Gemüts.
Das hat Auswirkungen im Guten wie im Bösen:
Im Guten insofern, als solche Familien durchaus häufig stabil sind: Man nimmt nicht alles so tragisch, wurschtelt sich irgendwie durch und ist ganz allgemein guter Dinge.
Im Bösen insofern, als dann, wenn in diesen Familien mal mindestens ein richtiger Primitivling und Brutalo sitzt - also einer, bei dem die "Schlichtheit des Gemüts" sich nicht in Gutmütigkeit, sondern in deren extremstem Gegenteil äußert - es wirklich haarsträubend zur Sache geht.
Gruß
Ekki