Welt Artikel zur Bundeswehr
http://www.welt.de/data/2004/11/30/367648.html?s=1
"Schikaniert und gedemütigt"
Berlin - Die jetzt bekannt gewordenen Fälle von Gewalt und Folterungen bei der Bundeswehr sind offensichtlich nur die Spitze eines Eisberges. Das zeigt eine aktuelle Pilotstudie zur "Gewalt gegen Männer" im Auftrag des Bundesfamilienministeriums, die der WELT vorliegt. Knapp 60 Prozent der befragten Männer über 18 Jahren gaben demnach an, während ihres Militärdienstes "schikaniert, unterdrückt, schwer beleidigt oder gedemütigt" worden zu sein.
29 Prozent wurden "gezwungen, etwas zu sagen, oder zu tun, was sie absolut nicht wollten". 15, 9 Prozent der Befragten behaupteten, "richtig eingesperrt, gefesselt oder anderweitig in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt" worden zu sein. 10,3 Prozent wurden "erpreßt oder bedroht". 5,6 Prozent hatten "Verletzungen wie Schnittwunden, Knochenbrüche, Quetschungen oder Verbrennungen durch andere" erlitten. 2,8 Prozent wurden "geschlagen, geohrfeigt, getreten oder verhauen".
"Das sind sehr erschreckende Zahlen", sagt Willi Walter, Männer- und Geschlechterforscher in Berlin und Mitautor der Studie. In der Mehrzahl der Fälle ging die Gewalt vermutlich von Vorgesetzten aus, aber auch unter den Soldaten komme es zu Gewalttätigkeiten, so Walter. Der Wehrdienst von Soldaten ziele letztlich drauf ab, Menschen zu formen, die bereit sind, im Ernstfall auf befehl zu töten und zugleich den eigenen Tod in Kauf zu nehmen, heißt es in der Studie. Zu den eingesetzten "Erziehungsmitteln" gehörten auch Freiheitsentzug und Isolierung, Willensbrechung und Entindividualisierung, Demütigung, Drill und Schlafentzug. Das System von Befehl und Gehorsam mache es im Einzelfall sehr schwer, sich gegen Gewalthandlungen zu schützen.
"Gewalt bei der Bundeswehr ist legal und durch Gesetze abgedeckt", erklärt Walter. Aber gerade das sei das Problem. Die Rekruten wüßten meist nicht, wo diese legalisierte Gewalt endet und illegale Folterungen und Menschenrechtsverletzungen beginnen. Die Gewalt bei der Bundeswehr werde von vielen Soldaten als "Normalität" wahrgenommen, erklärt Walter. In der Studie war jedoch vor allem erfragt worden, welche Gewalterfahrungen über das Normalmaß hinausgingen. "Da gibt es ein sehr großes Dunkelfeld", schätzt Walter. "Die Normalität des Wehrdienstes verbirgt die gewalttätigen Geschehnisse."
So berichtet ein 21-jähriger Wehrpflichtiger, ein Ausbilder "hat seine Machtposition genossen und willkürliche Anordnungen gegeben". Ein 31-jähriger Soldat hat "Schlägereien, aber keine Schikanen" erlebt. Ein 46-jähriger Zeitsoldat beklagte sich über "ungerechtfertigte Disziplinarstrafen". "Schikane war normal", erinnert sich ein heute 65-jähriger Zeitsoldat, der bei einer Eliteeinheit diente. "Da wollte man die Leute psychisch brechen".
Insgesamt berichteten jüngere Soldaten über mehr Gewalterfahrungen als die älteren. "Der Wehrdienst ist das schlimmste, was einem jungen Mann, der gerade anfängt, seine Persönlichkeit zu entwickeln, widerfahren kann. Die Bundeswehr ist aufgrund ihrer mangelnden inneren Führung die ausgeprägteste Form staatlicher Gewalt", erklärte ein 36-jähriger Wehrpflichtiger. Lediglich ein Drittel der mehr als 100 befragten Männer äußerte sich positiv zu ihren Erlebnissen im Wehrdienst.
"Eine Abschaffung der Wehrpflicht könnte helfen, das Erleben von Gewalt bei der Bundeswehr zu reduzieren", meint Walter. Wer gegen seinen Willen Soldat werden muß, werde mit sehr viel mehr Zwängen konfrontiert. Mit dem Eintritt in eine Freiwilligenarmee dagegen würden sich die Soldaten bewußt dafür entscheiden, bestimmte Grundrechte einzuschränken oder ganz abzutreten.
Um Gewalt bei der Bundeswehr zu verhindern müßten die Rekruten außerdem besser darüber aufgeklärt werden, welche Formen von Gewalt legal sind, fordert Walter. Für Frauen bei der Bundeswehr gelten bereits strengere Standards als für Männer. So dürfe die sexuelle Würde der Soldatinnen nicht verletzt werden. Wenn Männer davon betroffen seien, interessiere es niemanden, kritisiert Walter. Gleichberechtigte Standards für Männer und Frauen wären ein wichtiger Schritt zur Gewaltprävention bei der Bundeswehr.