Re: Zur Gedankenkontrolle in demokratischen Gesellschaften
Als Antwort auf: Re: Zur Gedankenkontrolle in demokratischen Gesellschaften von Paul am 25. November 2004 10:48:26:
Hi Sam,
"Es geht nicht etwa darum, für alle Fälle des Unbehagens an der Politik oder der Kultur einfache Erklärungen oder leicht identifizierbare Gegner in einem 'neuartigen Verschwörungszusammenhang' zu suchen und scheinbar zu finden, sondern darum, ein intolerables politisch-struktuelles Phänomen genau einzukreisen und, wenn möglich, zu beseitigen."
...mein Reden, die ganze Zeit!
For the birds - Max
Zum Thema Chomsky: Er ist schon genial. Der einzige Wermutstropfen ist, dass er politisch extrem links steht. Ich finde aber, daß tut der Grossartigkeit seiner Analysen keinen Abbruch. "Manufacturing Consent" (deutscher Titel ist mir leider nicht bekannt, habe es auf englisch gelesen) sollte Pflichtlektüre sein. Vielleicht würden dann endlich mehr Menschen verstehen, daß die "Medienrealität" und die "wirkliche" Realität zwei vollkommen unterschiedliche Dinge sind.
Gruss,
Paul
Hallo Paul und alle!
Die Frage, die ich mir bezüglich des fett formatierten Satzes stelle, lautet:
Ist es logisch gesehen überhaupt denkbar, dies zu ändern?
Zunächst einmal wage ich zu bezweifeln, daß es Individuen oder Gruppen von Individuen geben könnten, die der Versuchung zu widerstehen vermöchten, ihren Einfluß auf Medien, einmal erlangt, zur Herstellung einer mehr oder weniger subtil daherkommenden Meinungsführerschaft zu gestalten.
Aber abgesehen einmal von meinem Zweifel an der Überwindbarkeit elementarer menschlicher Schwächen - geht das überhaupt?[/u]
Irgendwo muß man sich ja doch letzten Endes in jedem Diskurs positionieren, will man die Fragen, die Gegenstand des Diskurses sind, einer Lösung zuführen. Daß man dabei die Probleme von möglichst vielen Seiten beleuchten sollte, steht dem nicht entgegen.
Und selbst wenn wir einmal von der Frage der Problemlösung absehen und uns einen Diskurs vorstellen, der ganz und gar Selbstzweck ist - würde ein solcher Diskurs bei den Beteiligten auf Dauer Interesse finden, wenn man (sofern dies möglich ist) jedem Beteiligten wirksam verböte, irgendwie Stellung zu nehmen, sondern alle Diskursteilnehmer zwänge, sich auf die Referierung unterschiedlicher Aspekte zu beschränken, ohne jede Wertung?
Und schließlich ist da noch das klitzekleine Problem, daß auch die klügsten Köpfe der Menschheit zusammengenommen letztendlich immer nur Teilwahrheiten ergründen könnten.
Genau genommen steht hier im Hintergrund ein unauflösliches Paradox, das schon die alten Griechen so formulierten:
[/i]"Wer behauptet, es gäbe keine letzten Wahrheiten, hat sich eben damit schon angemaßt, eine letzte Wahrheit erkannt zu haben."[/i]
Und hier scheint mir etwas von enormer Bedeutung zu sein, was Chomsky ganz am Anfang seines Aufsatzes schreibt:
Es geht demgegenüber um ein Handeln aus einer freiheitsbewußten Abneigung gegen angemaßte öffentliche Meinungsherrschaft. Dieses Motiv fußt genaugenommen auf zwei Grundpositionen - und keine von beiden sollte übersehen werden - nämlich:
1. der Anerkennung, daß trotz der angesprochenen Defekte 'demokratische Systeme' keine 'Militärstaaten', 'Feudelstaaten' oder 'totalitäre' Systeme sind, d. h. daß sie insoweit Zustimmung und Loyalität verdienen, als sie die entsprechenden freiheitlichen und gewaltenteiligen Verfassungszustände mit ihren Prinzipien und in der Praxis zu sichern vermögen, und
2. der kritischen Aussage, daß innerhalb gegenwärtiger 'demokratischer Systeme' faktische Formen der öffentlichen Meinungsherrschaft und Sprachregelung zu existieren, ja zu dominieren pflegen, welche sich mit wichtigen demokratischen Verfassungsprinzipien nicht vertragen, insbesondere nicht mit dem der institutionellen allgemeinen Meinungsfreiheit und mit dem der Einbindung aller effektiven politischen Macht in das öffentliche Gewaltenteilungs- und -kontrollsystem.
Ich will hier schon eine ganz klare Gewichtung vornehmen und feststellen, daß für mich der erste Punkt bei weitem schwerer ins Gewicht fällt als der zweite. Mag auch die subkutan existierende Meinungsführerschaft in einer Demokratie schwer zu entlarven sein - ich ziehe doch in jedem Fall eine Demokratie jeder Staatsform vor, die mir ans Leben geht, wenn ich aufmucke.
Um es vollends zuzuspitzen:
Auch ein funktionierendes demokratisches System ist ein Nebeneinander von vielen Untersystemen, die intern durchaus undemokratisch sind, in dem sie z.B. Vertreter bestimmter Positionen aus ihren Reihen ausschließen. Der Unterschied zu einer Diktatur besteht "lediglich" darin, daß in einer Demokratie ein Individuum, das von einem Untersystem ausgeschlossen wurde, sich einem anderen Untersystem anschließen bzw. ein solches selbst ins Leben rufen kann. In einer Diktatur hat sich eine Gruppe als alleiniges System etabliert, das keinerlei Untersysteme zuläßt ("Gleichschaltung" hieß das bei den Nazis, "Kollektivierung" bei den Kommunisten).
Die Existenz dieses Forums ist der Beleg dafür, daß wir trotz allen Unheils, das durch männerfeindlich unterwanderte Massenmedien zweifelsohne angerichtet wird, immer noch in einer Demokratie leben.[/i]
Im faschistischen China (so beliebe ich die "VR" China zu titulieren) werden mißliebige Internet-Seiten gesperrt.
Daß wir trotzdem den Eindruck haben, mit unseren Auffassungen häufig nicht durchzudringen, ist ein Problem, das auch in Demokratien irgendwelche Gruppen immer haben werden.
Wenn wir (Anti-Feministen) eines Tages die Meinungsführerschaft erlangt hätten, würden sich die Feministinnen an den Rand gedrängt fühlen - und außerdem gäbe es viele andere gesellschaftliche Gruppen, die auch den Eindruck haben, sich nicht genügend Gehör verschaffen zu können (die gibt es, wie gesagt, auch heute und wird es immer geben).
Wie Churchill schon sagte;
"Democracy is the worst system we know - except for all the others."[/i]
Gruß
Ekki
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- Oh Gott, eine Frau wurde getötet... -
gibsmir,
18.11.2004, 12:56
- Re: Oh Gott, eine Frau wurde getötet... -
Andreas d.a.,
18.11.2004, 13:16
- Würdige und unwürdige Opfer -
Sam,
20.11.2004, 18:42
- Re: Würdige und unwürdige Opfer -
Sam,
22.11.2004, 16:19
- Re: Würdige und unwürdige Opfer - Eugen Prinz, 22.11.2004, 20:32
- Zur Gedankenkontrolle in demokratischen Gesellschaften -
Sam,
25.11.2004, 01:13
- Re: Zur Gedankenkontrolle in demokratischen Gesellschaften -
Max,
25.11.2004, 11:26
- Re: Zur Gedankenkontrolle in demokratischen Gesellschaften -
Paul,
25.11.2004, 12:48
- Re: Zur Gedankenkontrolle in demokratischen Gesellschaften -
Ekki,
25.11.2004, 19:48
- Re: Zur Gedankenkontrolle in demokratischen Gesellschaften -
Sam,
25.11.2004, 23:55
- Re: Zur Gedankenkontrolle in demokratischen Gesellschaften - Max, 26.11.2004, 00:59
- Re: Zur Gedankenkontrolle in demokratischen Gesellschaften -
Sam,
25.11.2004, 23:55
- Re: Zur Gedankenkontrolle in demokratischen Gesellschaften -
Ekki,
25.11.2004, 19:48
- Re: Zur Gedankenkontrolle in demokratischen Gesellschaften - Sam, 25.11.2004, 16:38
- Re: Zur Gedankenkontrolle in demokratischen Gesellschaften -
Paul,
25.11.2004, 12:48
- Re: Zur Gedankenkontrolle in demokratischen Gesellschaften -
Max,
25.11.2004, 11:26
- Re: Würdige und unwürdige Opfer -
Sam,
22.11.2004, 16:19
- Würdige und unwürdige Opfer -
Sam,
20.11.2004, 18:42
- ... faschistoid?! - Robert, 18.11.2004, 19:22
- Re: Oh Gott, eine Frau wurde getötet... -
Andreas d.a.,
18.11.2004, 13:16