Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Deutschland bei PISA wieder nur Mittelmaß

Garfield, Wednesday, 24.11.2004, 18:50 (vor 7743 Tagen) @ Christian

Als Antwort auf: Deutschland bei PISA wieder nur Mittelmaß von Christian am 21. November 2004 18:42:27:

Hallo Christian!

Das wundert mich auch nicht. Ich denke, schuld daran ist ein ganzes Bündel von Ursachen:

1. Nehmen sich immer weniger Eltern die Zeit, mit ihren Kindern Hausaufgaben zu machen oder sie sonstwie beim Lernen zu unterstützen. Voll berufstätige Eltern haben diese Zeit häufig auch gar nicht, da der Trend bei den Unternehmen allgemein dahin geht, auch bei guter Auftragslage keine neuen Mitarbeiter mehr einzustellen, sondern das vorhandene Personal einfach endlos Überstunden schieben zu lassen. Die für die Beschäftigten miese Lage auf dem Arbeitsmarkt macht das problemlos möglich. Aber auch die Eltern, die eigentlich Zeit für ihre Kinder hätten, sind heute oft der Meinung, daß es doch Aufgabe der Lehrer wäre, den Kindern etwas beizubringen. Verantwortung auf andere abzuwälzen, liegt eben auch voll im Trend der Zeit.

2. Lernen die Kinder in der Schule heute tatsächlich auch weniger. Das hat wiederum auch mehrere Ursachen:

a) Wie Martin van Creveld in seinem Buch "Das bevorzugte Geschlecht" schön dargestellt hat, sinken die Anforderungen in Bildungseinrichtungen, sobald diese von Mädchen und Frauen besucht werden. Schuld daran ist die Neigung vieler Menschen (sowohl Männer als auch Frauen) dazu, es Mädchen und Frauen immer möglichst einfach und bequem einzurichten. Als es noch getrennten Unterricht gab, hatte das auf die Ausbildung der Jungen keinen Einfluß. Nachdem sich aber der gemeinsame Unterricht durchgesetzt hatte, konnte man schlecht getrennte Lehrpläne für Mädchen und Jungen beibehalten. Also verschob man die Schwerpunkte im Unterricht zunehmend so, wie sie den Interessen der Mädchen besser entsprechen. Leider entspricht das nun nicht immer den Anforderungen im realen Berufsleben.

b) Hat sich das Prinzip der antiautoritären Erziehung fatal ausgewirkt. Eigentlich ist das ja eine gute Sache. Das Problem besteht nur darin, daß viele Eltern und selbst manche ausgebildeten Pädagogen leider nicht in der Lage sind, das auch richtig umzusetzen. Und daß es auch Kinder gibt, die man nur schwer oder gar nicht antiautoritär erziehen kann. So kommt es, daß es heute in nahezu jeder Schulklasse einige verzogene Gören gibt, die den Unterricht sabotieren, sich von antiautoritären Ermahnungen in keiner Weise beeindrucken lassen und die übrigen Schüler beim Lernen behindern. Viele Lehrer resignieren dann und lassen die Kinder über Tische und Bänke laufen, weil ihnen keine andere Wahl bleibt. Und wenn sie mal ausrasten und nach massiven Beschimpfungen oder sogar Schlägen mal zurück schlagen, riskieren sie ihren Job. Selbst Eltern riskieren mittlerweile eine Anzeige, wenn sie ihren Kindern mal eine Ohrfeige geben.

c) In Gegenden mit hohem Ausländeranteil wirken sich die miserablen Deutsch-Kenntnisse der ausländischen Kinder häufig extrem hinderlich aus. Der Unterricht geht so nicht voran, und es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder diese ausländischen Kinder zu ignorieren oder aber ihnen so nebenbei die deutsche Sprache beizubringen und die deutschen und gut deutsch sprechenden ausländischen Kinder derweil zu langweilen.

d) Wird heute gern mit neuen Lernmethoden herum experimentiert. Da muß dann unbedingt alles mal ausprobiert werden, egal ob es sinnvoll ist oder nicht. Anstatt es den Schülern wie früher selbst zu überlassen, wie sie sich den Unterrichtsstoff am besten einprägen, zwingt man ihnen per Lehrplan irgendwelchen Mumpitz auf, ohne Rücksicht darauf, ob ihnen das überhaupt liegt. Da wird dann stundenlang in Gruppenübungen wild gemindmappt und gebrainstormt, was das Zeug hält. Nur lernen tut man dabei leider nichts. Ein Dozent in meiner Studien-Zeit drückte es mal so aus: "Der Herr Wirth meint, daß man vor allem das Lernen lernen müsse. Wenn ein Student zu mir käme und sagen würde, daß er bei Herrn Wirth das Lernen gelernt hat, dann würde ich ihm sagen, daß das schön ist und ihn dann fragen, was er denn sonst noch gelernt hat." Fatal ist dann noch: Je schlechter die deutschen Schüler bei Tests abschneiden, umso mehr wird herum experimentiert, und umso weniger lernen sie dann...

Und so kommt es dann eben, daß Azubis heute oft nicht einmal die Grundrechenarten beherrschen. Eine Fleischerin erzählte mir vor einiger Zeit, daß ihre Azubis nicht mehr in der Lage sind, einfachste Dreisatzaufgaben, z.B. zur Berechnung der Mehrwertsteuer, auszuführen. Sie muß sich da tatsächlich immer wieder mit ihnen hinsetzen und ihnen das erst einmal beibringen. Sowas hab ich in meiner Schulzeit spätestens in der 2. oder 3. Klasse gelernt. Heute können die Jugendlichen das nach der 9. Klasse noch nicht.

Freundliche Grüße
von Garfield



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