Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Generationenkonflikt - Dannenberg toll!

Max, Friday, 19.11.2004, 10:45 (vor 7748 Tagen) @ Der Frankfurter

Als Antwort auf: GENERATIONENKONFLIKT von Der Frankfurter am 19. November 2004 07:11:25:

Hi Frankfurter,

wie wahr, wie wahr! Und das Schönste (Jubeltag heute): Es gibt Frauen mit Hirn...

Meine Lieblingsstellen aus dem Interview:

(...) dass die Selbstdarstellung vieler 68er seltsam starr und klischeehaft ist, perückenhaft wild. Wenn wir nach '68 fragen, müssen wir also zuerst nach den Klischees fragen, die diese Zeit hervorgebracht hat - und warum. Es hat mich beim Schreiben meines Romans erstaunt, dass manchmal nur zwei bis drei Eigenschaften genügten, um einen 68er zu skizzieren. Das sagt schon einiges aus über den Konformismus dieser Gruppe. Was die Satire anbelangt - sie ist von jeher ein Mittel der Aufklärung gewesen.

und das hier:

(...) Die 68er waren groß im Zerstören von Institutionen und Werten: die deutsche Universität haben sie auf dem Gewissen, die Familie, das Leistungsprinzip, Etikette und Anstand, Verlässlichkeit und Geborgenheit. Um ein Beispiel zu nennen: In den Stücken des Berliner Grips-Theaters findet man immer wieder Plädoyers für die Zerstörung von familiären Hierarchien und Strukturen, von Respekt, jenem Respekt, den Richard Sennett in seinem neuesten Buch so dringend einklagt. Und im "Kursbuch 17" wird geschildert, wie die Bindung zwischen Eltern und Kindern systematisch zerbrochen werden muss - weil die Kinder sonst angeblich autoritäre Persönlichkeiten werden. Was die 68er damals ideologisch legitimierten, hat sich gesellschaftlich vollzogen, aber nicht als Utopie, sondern als Verwahrlosung.

auch gut:

Ich habe Zweifel, ob '68 tatsächlich eine reflektierte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus war oder sie überhaupt angestrebt wurde. Oder ob es nicht vielmehr ein Generationenkonflikt war, wie er sich auch in Frankreich, China und USA abspielte. Eine verkürzte Auseinandersetzung, die auf Vorwurf und Anklage und letztlich auch Machtstreben basierte. Die 68er haben ihre Eltern ja schon früh entmachtet und sind jene Herrschenden geworden, vor denen sie uns, als wir Kinder waren, immer gewarnt haben. Ich habe übrigens nie geglaubt, dass die 68er wirklich Antifaschisten waren.

z.z. (ziemlich zutreffend):

Die 68er waren eine Generation von traumatisierten Kriegskindern, eine vaterlose Generation, wie Mitscherlich es ja auch deutlich gemacht hat. Es waren Kinder, die erlebten, dass ihre Väter weggingen, um gebrochen zurückzukehren, und die bei oftmals überforderten Müttern aufwuchsen. Die Erfahrung von Geborgenheit haben viele nie gemacht. Das war die Ausgangsituation.

wunderbar auch das hier:

Dannenberg: Politische Strukturen aufzubrechen, ist kein Wert an sich - wie die 68er offenbar glaubten. Das ist Baby-Anarchismus. Relevanter ist doch heute die Frage, welche politischen und mentalen Strukturen unreflektiert übernommen wurden. Es fällt ja auf, dass 68er oftmals nach Leitfiguren gesucht haben - Stalin, Mao oder Che Guevara zum Beispiel. Die Bereitschaft, totalitären Vaterfiguren hinterher zu rennen und diese flammend zu verteidigen, war groß. Insofern verkörperten die 68er die totalitären Werte des Faschismus. Vielleicht war ein Hauptanliegen vieler 68er, mächtige Ersatzeltern zu finden. Deshalb war auch der unausgesprochene Vorwurf an die eigenen Eltern nicht unbedingt der, dass sie Nazis waren, sondern dass sie Geschlagene waren.

SPIEGEL ONLINE: Das ist ein sehr pauschales Urteil.

Dannenberg: Nein, das ist eine Beobachtung. Mag ja sein, dass sich einige bemüht haben, die Naziverbrechen aufzuklären, aber viele waren gleichzeitig blind - insbesondere was Führergestalten anging. Das ist ein Widerspruch. Einerseits Mörder wie Mao, Che, Ho-Chi-Min oder Stalin anzuhimmeln und andererseits die eigenen Eltern in Bausch und Bogen schuldig zu sprechen.

Die ganze Wahrheit:

(...) Trotzdem ist es interessant zu fragen, welche Machtstrategien der Nazis die 68er übernommen haben. Zum Beispiel Autoritätskult, Terror oder Denunziation. Bekanntlich hat der - zumindest damals marxistische - Philosoph Jürgen Habermas die 68er Bewegung schon frühzeitig als linksfaschistisch entlarvt. Das sagt doch einiges.

und da könnte was dran sein (auch wenn mir persönlich dieser Gedanke nicht gefällt):

Inzwischen verstehen wir wieder besser, dass die Einhegung der Sexualität einen zivilisatorischen Gewinn darstellt. Dass die 68er das einfach alles mal irgendwie entfesseln wollten, um einen neuen Menschen zu schaffen, ist nicht nur naiv, sondern auch fahrlässig.

und Folgendes zur Weibsemanzipation:

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit der Emanzipation der Frau?

Dannenberg: Auch sie ist in dieser Hinsicht die Verliererin. Was etwa die Kommune I vorlebte, ist doch ein Machotraum: Sex ohne Bindung und ohne Verantwortung. Frauen, die sich weigerten, gerieten sofort unter Spießerverdacht. Diese angeblich sexuelle Befreiung ist in Wahrheit eine Befreiung von Vertrauen und Geborgenheit, letztendlich von Zukunft. Natürlich freue ich mich über die Gleichberechtigung, die wir heute genießen. Gleichwohl kann Emanzipation auch - und das versucht mein Roman zu zeigen - als Unterdrückungsinstrument eingesetzt werden. Aufklärung ist ja wie man weiß dialektisch.

garantiert keine Einzelerfahrung:

(...) Offenbar habe ich einige Zeitgenossen ins rote Herz getroffen - sie reagieren zum Teil extrem emotional, fast hysterisch. Das kann ich verstehen, schließlich tut es weh, 30 Jahre lang am Mythos '68 zu kleben und dann erkennen zu müssen, dass vieles daran repressiv, böse und verlogen ist. Manche Rezensenten scheinen zu glauben, sie könnten das Thema vom Tisch zu fegen, indem sie die Autorin diffamieren. Dieses Strategie ist weniger kränkend als lästig, weil sie einen vernünftigen Diskurs behindert.

und noch ein Merksatz zum Hinter-die-Ohren-schreiben:

Im Klischee findet der 68er zu seinem wahren Ich.

Hocherfreut über diese Frau - Max


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