Missbrauch mit dem Missbrauch
SOLINGER NEWS
Scheidungskrieg: Wenn Kinder zur Waffe werden
Zerbricht eine Ehe, geraten Kinder oft zwischen die Fronten. Die Schlacht der Gefühle gipfelt manchmal in einem ungeheuren Vorwurf: dem des sexuellen Missbrauchs.
Zerrissen zwischen Mutter und Vater - ein Albtraum für Kinder. Foto: Christian Beier
Jürgen Lautenbach fühlte sich, als würde seine Welt plötzlich Risse bekommen. Sechs Monate waren vergangen, seit er seine Frau nach zehn Jahren Ehe verlassen hatte und ausgezogen war. Die fünfjährige Tochter Maria (Namen der Familie geändert) blieb bei der Mutter. Man teilte sich das Sorgerecht, stritt aber um die Frage, wie oft er sein Kind sehen dürfe. Im März 2003, während einer Beratung beim Stadtdienst Jugend, platzte die Bombe: Weil Maria Verhaltensauffälligkeiten zeigte, äußerte die Mutter den Verdacht, das Mädchen sei vom eigenen Vater missbraucht worden.
"Obwohl ich mir nichts vorzuwerfen hatte, schleuderte mich der Vorwurf seelisch aus der Bahn", erzählt Lautenbach. Es dauerte Monate, bis ihn ein Gutachten von zwei Caritas-Expertinnen entlastete. Später kam auch der Familientherapeut Jürgen Brand aus Erkrath in einem zweiten Gutachten zu dem Schluss, dass der Verdacht gegen den Vater unbegründet sei. "Die Sache bedrohte meine berufliche Existenz", sagt Lautenbach, der als Selbständiger auf das Vertrauen seiner Kunden angewiesen ist. Er habe deshalb die Offensive gewählt und mit vielen Menschen gesprochen, um die Hintergründe zu erklären. Das Motiv seiner Noch-Ehefrau, ihn zu beschuldigen? "Sie hatte genau zu dieser Zeit von meiner neuen Lebensgefährtin erfahren. Wahrscheinlich spielte das eine Rolle."
Im Stadtdienst Jugend, der Betroffene berät und bei Sorge- und Umgangsrechtsverfahren Stellungnahmen für das Familiengericht abgibt, landen im Jahr rund 90 Fälle, in denen die Eltern sich unversöhnlich gegenüberstehen. "Missbrauchsvorwürfe sind dabei eher selten", sagt Stadtdienstleiter Rainer Pauli. Entstehe ein solcher Verdacht, würden Besuchskontakte bis zur Klärung unterbunden. Die Stadt benachrichtige die Polizei. Eine Chance, auch im Konfliktfall Kontakt zum Kind zu ermöglichen, sind "begleitete" Besuche, bei denen eine Sozialarbeiterin des Kinderschutzbundes anwesend ist. Das passiert etwa, wenn dem Kind Gewalt angetan wurde oder eine Entführung befürchtet wird. Jährlich gibt es rund 45 solcher Besuchs-Regelungen.
Allerdings: Seit der Kindschaftsrechtsreform von 1998 haben Kämpfe bei Scheidungen offenbar abgenommen. Seitdem verständigen sich mehr Eltern auf ein gemeinsames Sorgerecht, sagt Pauli. Ein Trend, den man in den Beratungsstellen der Arbeiterwohlfahrt und der Diakonie bestätigt. "Wenn die Eltern aber streiten, geht es oft gar nicht wirklich um das Kind", hat Awo-Berater Günter Weber beobachtet, "sondern um das Ziehen einer Waffe". Die seelischen Folgen für die Jungen und Mädchen sind meist fatal: Wird ein Elternteil schlecht gemacht, fühlt sich auch das Kind gedemütigt - schließlich werden 50 Prozent seiner Wurzeln beschmutzt. Kinder reagieren mit Aggression oder innerem Rückzug, mit Verzweiflung, mit schlechteren Schulleistungen, mit gemindertem Selbstwertgefühl. "Eine solche Auseinandersetzung hat für sie etwas existenziell Bedrohliches", sagt Therapeutin Angelika Spilker-Jakobs. Auch sie hat in der Diakonie-Familienberatung erlebt, dass Mütter die schärfste aller Waffen zückten. Anders als der Stadtdienst Jugend urteilt sie: "Missbrauchs-Vorwürfe sind keine Einzelfälle." Im Gespräch müsse geklärt werden, ob hinter der Verdächtigung echte Besorgnis stehe - oder nur ein "Kampfthema" gefunden worden sei. Wenn nötig, wird die Familie zur Anlaufstelle zur Unterstützung sexuell misshandelter Kinder geschickt. Die Polizei schaltet die Diakonie nicht ein, weil sie sich an ihre Schweigepflicht gebunden fühlt.
Für Jürgen Lautenbach fing der Kampf ums Kind erst richtig an, als der Missbrauchsvorwurf vom Tisch war. Seine Frau versuchte vergeblich, ihm das gemeinsame Sorgerecht zu entziehen. Vielmehr traf das Familiengericht im Sommer 2004 eine Besuchsregelung zugunsten Lautenbachs, gestützt auf ein Gutachten, das bei dem Mädchen eine innige Beziehung zum Vater festgestellt hatte. "Doch die Mutter lässt Maria nicht zu mir", berichtet der Solinger. "Und sie hat ihr offenbar so viel Böses über mich erzählt, dass das Kind fast Angst vor mir zu haben scheint." Die Mutter wollte sich auf ST-Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern. Lautenbach will nun Anzeige wegen Kindesentzugs erstatten und das alleinige Sorgerecht anstreben.
Wie der Streit ausgeht, ist ungewiss. Sicher ist dagegen eins: Maria wird leiden. "Ich kenne Fälle, in denen der Kampf bis ins Erwachsenenalter weitergeht", warnt Awo-Berater Günter Weber. "Mit 18 ziehen die Kinder aus und wollen nur noch eines: endlich in Ruhe gelassen werden."
Von Andreas Baumann
13.11.04