Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Good old Rutschky

Simon, Monday, 01.11.2004, 16:15 (vor 7766 Tagen)

Merkur, Nr. 667, November 2004 (www.online-merkur.de)

Humaniorakolumne
Feministische Inspektionen
Von Katharina Rutschky
Gleichstellungspolitik. Man wußte es schon vorher, daß die so ingeniös vom Bundeskanzler hervorgezauberte Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten keine reale Chance hatte, gewählt zu werden. Die Machtverhältnisse in der Bundesversammlung sprachen dagegen, und selbst die vage Hoffnung, daß es wegen weiblicher und parteiübergreifender Solidarität zu einem zweiten Wahlgang kommen würde, ist enttäuscht wor- den. Um so bewunderungswürdiger die Verve, mit der sich Gesine Schwan der Aufgabe angenommen und als unübersehbar weiblicher Bürger den Anspruch auf dieses hohe Amt so überzeugend verkörpert hat, wie es anderen Versuchsfrauen früher nie gelungen ist. Was ist aber auch zu erwarten, wenn selbst Feministinnen, die die Kandidatin im Rahmen einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung auf ihre Tauglichkeit geprüft haben (taz vom 30. April 2004), die politische Symbolik ignorieren, die in der Position der Bundespräsidentin zum Tragen käme.

Statt dessen wurde Gesine Schwan an den Latten gemessen, die uns die Frauenbewegung der siebziger Jahre hinterlassen hat. Nach wie vor haben Frauen, für die Frauen sich zu engagieren erwägen, offenbar kein Recht auf eine eigene und eigenwillige Biographie, die sich nicht in die Kampf- und Leidensgemeinschaft der frühen Jahre einordnen läßt. Frau Schwan mußte sich dafür rechtfertigen, daß sie sich nie in ihrem Berufsleben diskriminiert gefühlt hat, es aber auch an altruistischem Einsatz für ihre unglücklichen Schwestern hat fehlen lassen. Das eine erklärte sie mit dem Vorbild ihrer tüchtigen Mutter; das zweite Manko hat sie später ausgleichen können, weil eine für sie offenbar vertrauenswürdige Gastprofessorin aus Österreich ihr neue Perspektiven auf einen Feminismus eröffnen konnte, der ihr bis dahin fremd geblieben war.

Hatte sie die Initiative der Frauen an ihrem Universitätsinstitut für eine Gleichstellungsbeauftragte nicht unterstützt (was ihr nach Jahrzehnten immer noch verübelt wird), so setzte sie danach immerhin »Geschlechterstudien« als einen Bestandteil der Ausbildung zum Diplompolitologen durch. Es nützte ihr offenbar wenig in der feministi- schen Runde, die dann auf ihre Naivität gegenüber männlichen Machtverhältnissen und außerdem auf die paradigmatische Bescheidenheit der Kandidatin abhob, die sich aus familiären Gründen mit einer C-2-Professur in Berlin beschieden hatte, statt richtig durchzustarten.

Geschadet hat Gesine Schwan, gegenwärtig Präsidentin der Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder, dort aber auch etwas anderes, das nicht angesprochen wurde. Es gilt in Frauenkreisen ja auch als besonders unfein, solche scheinbaren Äußerlichkeiten anzusprechen. Frau Schwan wurde nicht nur von einem dezidiert männlichen Leithirsch wie Gerhard Schröder nominiert, sie scheint auch weder im Umgang noch im Prinzip Männern zu mißtrauen. Schlimmer noch: Ihr dezidiert weibliches Outfit und Auftreten machen sie als Marionette und Alibifrau im schlauen Spiel der Männer verdächtig. Den Hosenanzug, den aus vordergründig praktischen, aber vor allem doch wohl aus symbolischen Gründen fast alle Politikerinnen inzwischen favorisieren, habe ich an ihr so wenig gesehen wie die betont nüchtern-neutrale Attitüde, deren sie sich ebenfalls befleißigen.

Oft hört man davon, daß Frauen anders führen und ihre Arbeit im politischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Leben unverzichtbar ist und noch stärker zum Zuge kommen müßte – aber zur Sichtbarkeit hat es diese schöne Hoffnung noch nicht gebracht. Irgendwie treten alle so auf, als müßten sie beweisen, daß Frauen sich von Männern nicht unterscheiden und alle alten Vorurteile gegen ein zur Unsachlichkeit, ja zur Hysterie neigendes Geschlecht jederzeit zu widerlegen hätten. Entgegen jeder Alltagserfahrung soll das Geschlecht eines Menschen im Gleichstellungs- und Gleichberechtigungsfeminismus keine Rolle spielen. Spielt es eine Rolle wie immer wieder in sozialpolitischen Debatten, finden wir Frauen immer noch in der Rolle der Opfer. Die Männer mit ihrem lange antrainierten Sinn für Fair play haben nichts dagegen und zeigen sich bis in die höchsten Gerichte kooperativ. Dieser Feminismus ist inzwischen also Common sense, weshalb das Desinteresse einer jüngeren Frauengeneration an ihm auch nicht verwundert.

Daß jenseits des Gleichberechtigungs- oder Opferdiskurses Probleme bleiben und sogar neue erzeugt werden, weil der Mensch nun eben in zwei Varianten vorkommt, das bleibt dem alten Feminismus verschlossen. Wenn wegen dramatischer Vorfälle oder auch nur wegen des schlechten Abschneidens männlicher Schüler einmal die Feminisierung der pädagogischen Berufe beklagt und als eine unter vielen Ursachen benannt wird, dann kontert man mit Statistiken über den immer noch niedrigen Anteil weiblicher Leitungskräfte an Schulen.

Gender Studies im Vatikan. Auch das war vorauszusehen, daß das römische »Schreiben an die Bischöfe der Katholischen Kirche über die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt« nicht gut aufgenommen werden würde. Die Komik des von Joseph Kardinal Ratzinger und Titularerzbischof Angelo Amato verantworteten Dokuments der Kongregation für die Glaubenslehre ist den meisten aber entgangen. Wie vielen Gläubigen oder selbst Priestern ist das rein akademische Konzept von »gender«, von »genderizing« oder gar »gender mainstreaming« überhaupt bekannt, das das Schreiben zum drängenden Anlaß genommen hat, sich über die Geschlechterverhältnisse in heutigen Zeiten amtsmäßig zu verlautbaren? Es setzt die historisch begreifliche Unentschlossenheit der frühen Frauenbewegung gegenüber dem Geschlecht oder, wenn man so will, der Biologie auf fatale Weise und völlig im Einklang mit einem männlichen Universalismus und seiner Großzügigkeit fort.

Die Gender Studies beweisen an oft exotischen Beispielen und Problemen wie Babys mit unsicherem Geschlecht oder Transsexuellen das Übergewicht sozialer Geschlechterkonstruktionen, die zugleich mit ihrem hervorgehobenen Zwang dann aber auch eine ungeheure Freiheit vom Diktat der natürlichen, männlich-weiblichen Dichotomie der Geschlechter versprechen. Vertreten wird das radikale Gender-Konzept meist von sexuellen Minoritäten, die als theoretische Avantgarde auftreten, damit aber an ihrer Normalisierung laborieren. In diesem Sinn korrigierte mich eine Anruferin kürzlich: »Ich bin keine Frau, ich bin eine Lesbe« – so, als ob Schwule oder Lesben keine Männer und Frauen wären, sondern, wie in den Anfängen ihrer Emanzipationsbewegung einmal angedacht, ein drittes oder viertes Geschlecht bildeten.

Mit dieser Vergleichgültigung einer biologisch fundierten, individuell gelebten und historisch und sozial nicht nur belasteten Differenz optieren die Gender Studies nicht nur jenseits einer um Individualisierung und Identität zentrierten Gesellschaft von Individuen, sie entwerten auch die Leistung der Frauen in der Geschichte der Menschheit und sprechen ihrem eigentlichen Eintritt in sie nach dem Ende des Patriarchats jedes innovative Potential ab. Wenn jetzt Wohlmeinende im Vatikan echte Feministen ausmachen – man sei auch dort gegen Diskriminierung ganz im Sinne des Common sense für Frauen und hebe auf die Gleichwertigkeit beider Geschlechter ab, trotz ihrer verschiedenen Seinsweise und Aufgaben –, wundern sich aber nicht nur Katholikinnen, auch Theologinnen, die um weibliche Ministranten lange bangen mußten und auf kirchliche Mitspracherechte gemäß ihrer Anteilnahme noch genauso hoffen wie auf die endliche Zulassung zum Priesteramt.

Aber auch wenn das Schreiben aus dem Vatikan unterm Strich so konservativ bleibt, wie es bei diesem Papst zu erwarten ist, der den Genius der Frau ganz im Geist des Patriarchats beschwört, ihrer angstvollen Kontrolle jedoch nicht entsagen kann, stimmt einen die bekanntgewordene Kritik doch mißtrauisch. Hat keine Feministin die Passagen des Schreibens gelesen, in denen den Frauen Reverenz erzeigt wird, weil sie mit ihrem zwangsläufig niederen und selbstverständlichen Tun zur Aufrechterhaltung und Förderung der Zivilisation ihre Hälfte beigetragen haben? Und was ist mit der Behauptung, daß ihr im Prinzip unfreiwillig gelebter Altruismus Werte produziert hat, die wir heute als allgemeinmenschliche auch von Männern gewürdigt und gelebt sehen wollen? Ist aus der alltäglich gelebten Fürsorge für Kinder, Kranke und Arme nicht eine Moral erwachsen, die als ein Verdienst der Frauen – nicht der Theologen und Philosophen – nur deshalb nicht erkannt ist, weil sie an der Macht des Patriarchats nicht teilhatten und aus der Tradition ausgeschlossen waren?

Gebunden waren diese Errungenschaften zwar an die Diktatur des Geschlechts, das weiblich war, aber die Tatsache bleibt, und es berührt sympathisch, daß das Schreiben in dieser Weise die Frauen endlich anerkennt. Die innerkatholische Kritik hat einmal mehr in dieser Anerkennung nur die Festschreibung der mägdlichen Rolle der Frau in der Kirche sehen können. Aber auch Feministinnen konnten diesen Fortschritt der Amtskirche nicht würdigen, weil ihnen nämlich ihr Geschlecht von vornherein dubios ist und Verdienstzuschreibungen verdächtig sind, die in seinem Namen erfolgen. Mag das Schreiben aus dem Vatikan so konservativ sein, wie es die Amtskirche unter diesem Papst ist – seine Kritik wurzelt verdächtig in den Vagheiten, die uns der Gleichberechtigungs- und Gleichstellungsfeminismus hinsichtlich der Bedeutung beider Geschlechter und ihrer Beziehungen vorläufig hinterlassen hat.

Bei aller Skepsis gegenüber dem weiblich-akademischen Gender-Konzept und seinen ungeklärten Motiven wäre das Schreiben aus dem Vatikan für alle interessanter ausgefallen, wenn die Kritik an diesem Konzept nicht nur auf den Feminismus, sondern auch auf die Männer und das kirchliche Patriarchat gezielt hätte, das die »Verirrungen der Anthropologie« schließlich auch verursacht hat. Gerade wer die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen biologisch und theologisch zum Ausgangspunkt nimmt, müßte bereit sein, auch von Männern und ihrer Geschichte zu reden und nicht bloß den Feminismus als Troublemaker anzuklagen. Auch Männer, die sich zum Zölibat als Priester entschlossen haben, sind Männer. Es sind eben nicht nur die Frauen Geschlechtswesen, wie das römische Schreiben suggeriert – begabt, Leben hervorzubringen und zu hüten. Das Schreiben hätte, um mehr zu sagen, als der Common sense des säkularen Feminismus uns schon lange predigt, sich entschließen müssen, auch etwas über die Amtskirche und ihre Theologie verlauten zu lassen. Mit anderen Worten über ihr Geschlecht – von Gott gestiftet, aber auch in diesem Schreiben einmal mehr nur den Frauen aufgegeben. Ihre Anerkennung hinterläßt die Frage, was die Männer zur Zusammenarbeit mit den Frauen, so ja die Überschrift des Schreibens, eigentlich Neues beitragen sollen. Die katholische Kirche ist hier nicht weniger hilflos als der Gleichstellungsfeminismus, der von den Lücken der Ungerechtigkeit zehrt.

Kultureller Revisionismus. Die Frauenbewegung hat sich immer bemüht, die Geschichte umzuschreiben, nicht anders als die Arbeiterbewegung mit ihrem Interesse an der Vor- und Heldengeschichte der Klassenkämpfe. Weil die Frauenemanzipation ein dezidiert bürgerliches Projekt des späten 18. und dann des 19. Jahrhunderts war, folgte sie zwei Mustern. Das eine bestand in der animierenden und ermunternden Feier von Ausnahmeerscheinungen weiblicher Exzellenz: das Wunder einer jugendlichen Doktorin, die erste Berliner Ärztin, Dirigentin oder Professorin, die erste Abgeordnete. Das zweite, jüngere Muster erläuterte die Leidensgeschichte von Mädchen und Frauen, die Menschen waren wie du und ich, aber mehr oder weniger rechtlos, ausgeliefert der Kontrolle, den Phantasien und insgesamt der Macht des Patriarchats.

Beide Muster haben Gründe in der Realität, auch wenn sie in Deutschland inzwischen historisch geworden sind, anders als in der Türkei, wo die Reform des Strafrechts sich noch mit dem Problem befassen muß, ob Morde an jungen Frauen, die durch ihr Verhalten die Familienehre beschädigt haben, läßlicher zu beurteilen sind als andere Morde. Zu den hervorragenden Merkmalen des Patriarchats gehörte es auch im westlichen Europa, daß Frauen, wiewohl rechtlos und als Individuum mißachtet, als Protagonistinnen der gesellschaftlichen Moral herhalten mußten. Sitte und Anstand, ja alle feinere Humanität im Alltag wurde auf Frauen projiziert. Entsprachen sie diesen Erwartungen nicht, denen Männer nicht genügen konnten, wurden sie um so strenger bestraft.

Der Feminismus, wie wir ihn kennen, hat sich diese moralische Superiorität zu eigen gemacht und damit die Männer aus der Verantwortung nicht nur entlassen, sondern sie erniedrigt und nicht wirklich zur Kasse gebeten. Heute muß man sich vielleicht doch fragen, ob die Strategien des Feminismus nicht deshalb so erfolglos sind, weil er selbst nur reagiert, also reaktionär und damit abhängig von der Sache bleibt, die er bekämpfen will.

Am 3. März 2003 sollen in 59 Ländern 1029 Lesungen weiblicher Schauspieler der Lysistrata von Aristophanes stattgefunden haben, darunter sogar eine im Irak. Die Daten dieses amerikanischen Projekts gegen den Irakkrieg habe ich dem Internet entnommen. Es sieht also so aus, als ob dieses 411 vor Christus während des langen Peloponnesischen Kriegs aufgeführte Stück immer noch taugt, Pazifismus, Hedonismus und Feminismus, vergoldet und beglaubigt durch die heilige Antike, unter die Leute zu bringen. Der Inhalt ist bekannt: Unter der Führung von Lysistrata raffen sich die jüngeren Frauen der Kriegführenden zu einem Sexstreik auf, die älteren besetzen die Akropolis und beschlagnahmen die Kriegskasse. Friedliche Frauen setzen ihre Macht ein, um die Männer zum Frieden zu bekehren. Aber die Frauen streiken nicht nur aus pazifistischen Gründen, sie werden von Aristophanes auch als dezidierte Sexwesen dargestellt, die den Frieden wollen, weil sie die Männer im Bett entbehren. Die Komödie des Aristophanes scheint der Moderne mit ihrem Verlangen nach Frieden, weiblicher Emanzipation und Tatkraft ohne Prüderie auf den Leib geschrieben.

Viel zuwenig hat man sich bisher darüber gewundert, weshalb nicht Männer, sondern echte oder phantastische Frauen wie die Jungfrau von Orléans oder Germania und Justitia vom Patriarchat erwählt wurden, die nationalen und sonstigen Werte zu verkörpern, ganz im Widerspruch zur Stellung der Frauen in der Gesellschaft. Soll oder muß man sich die Verhältnisse im Patriarchat so vorstellen, daß die Männer die Schmutzarbeit erledigten und um so begieriger waren, auf die gefangenen Frauen das Gute, Wahre und Schöne zu projizieren? Und die Männer selbst aus jeder Verantwortung zu entlassen? Das will der Feminismus heute zwar nicht, aber er knüpft an diese Tradition der weiblichen Superiorität an, ohne den Männern Angebote machen zu können, die ohne Schuldzuweisungen auskommen.

Nach allem, was man längst wissen kann, taugt die Lysistrata weder zu einer pazifistischen, hedonistischen oder feministischen Deklaration. Das Stück hat ein Mann für Männer geschrieben, die in einem langen Krieg massenhaft starben oder den Tod fürchteten. Lysistrata war, modern gesprochen, ein Stück für den athenischen Boulevard, nicht für die Ewigkeit der Antike. Bekannt ist, daß im griechischen Theater alle Darsteller männlich waren – bis heute reden berühmte Gräzisten aber um die Tatsache herum, daß selbst bei Lysistrata das Publikum nur aus Männern bestand. Zum ersten Mal stand zwar bei Aristophanes eine Frau (verkörpert von einem Mann) im Mittelpunkt einer Komödie, aber es war eine Frau nach dem Geschmack eines Konservativen und erfunden zum Trost der traurigen Männer in einem ewig scheinenden Krieg der griechischen Staaten, aber auch der Geschlechter. Vom Frieden und von der Befriedigung konnten die griechischen Männer nur träumen – im Theater. Die gutbürgerliche griechische Frau unterlag einem Verhaltenscode, den wir heute bei islamistischen Fundamentalisten wiederfinden. Sie lebte im Haus in getrennten Räumen, konnte unverschleiert und unbegleitet nicht aus dem Haus gehen.

Mit anderen Worten: Die Tatkraft von Lysistrata, ihr Pazifismus und ihr Glauben an den rettenden Sex sind nichts anderes als Träume des Patriarchats, das seine Hoffnungen an die Frauen delegiert, damals genauso wie heute das Schreiben aus dem Vatikan. Die Frauenbewegung hätte andererseits viel erreicht, wenn sie den Common sense, den sie so erfolgreich etabliert hat, sprengen und die Männer auch mal zum Reden bringen könnte.


© Merkur (www.online-merkur.de)


Re: Good old Rutschky

Andreas (der andere), Monday, 01.11.2004, 18:07 (vor 7766 Tagen) @ Simon

Als Antwort auf: Good old Rutschky von Simon am 01. November 2004 14:15:31:

Toller Text eigentlich, der einzig dadurch in seiner Gesamtheit etwas leidet, dass es Frau Rutschky in all den Jahren, in denen sie ihre Beiträge verfaßt, nicht geschafft hat, den Begriff des "Patriarchats", der nur "funktioniert", solange man ihn nicht strukturell zu erfassen versucht (dann zerfällt er nämlich in die verschiedensten Substrukturen und Diskurslinien, die nicht mal mehr was miteinander zu tun haben müssen) kritisch zu hinterfragen oder sich gar von ihm zu lösen. - Abgesehen davon finde ich ihre Artikel natürlich hinreißend. Vielen Dank fürs Posten!

Re: Good old Rutschky

Simon, Wednesday, 03.11.2004, 20:54 (vor 7764 Tagen) @ Andreas (der andere)

Als Antwort auf: Re: Good old Rutschky von Andreas (der andere) am 01. November 2004 16:07:18:

Toller Text eigentlich, der einzig dadurch in seiner Gesamtheit etwas leidet, dass es Frau Rutschky in all den Jahren, in denen sie ihre Beiträge verfaßt, nicht geschafft hat, den Begriff des "Patriarchats", der nur "funktioniert", solange man ihn nicht strukturell zu erfassen versucht (dann zerfällt er nämlich in die verschiedensten Substrukturen und Diskurslinien, die nicht mal mehr was miteinander zu tun haben müssen) kritisch zu hinterfragen oder sich gar von ihm zu lösen.

Wobei man ja schon anerkennen muß, daß sie immerhin vom "Ende des Patriarchats" spricht. Als eine Kategorie, die die soziale Realität der heutigen westlichen Gesellschaften irgend adäquat beschreibt, sieht sie den Begriff des Patriarchats schließlich nicht. Historisch gesehen hält sie das Patriarchat allerdings durchaus für eine Realität vormoderner Gesellschaften. Daher auch ihr Dissens mit Martin van Creveld.

Re: Good old Rutschky

Andreas (der andere), Wednesday, 03.11.2004, 21:13 (vor 7764 Tagen) @ Simon

Als Antwort auf: Re: Good old Rutschky von Simon am 03. November 2004 18:54:28:

Wobei man ja schon anerkennen muß, daß sie immerhin vom "Ende des Patriarchats" spricht. Als eine Kategorie, die die soziale Realität der heutigen westlichen Gesellschaften irgend adäquat beschreibt, sieht sie den Begriff des Patriarchats schließlich nicht. Historisch gesehen hält sie das Patriarchat allerdings durchaus für eine Realität vormoderner Gesellschaften. Daher auch ihr Dissens mit Martin van Creveld.

Das ist aber genau das Problem: Das "Patriarchat" ist eine Konstruktion, deren Wesen es ist und sein muss, nur in der Vergangenheit in seiner absoluten Form existiert zu haben. Die ganze gegenwärtige Diskussion um Fragen der Emanzipation kann sich notwendigerweise nur in einem Klima "gelockerter Zuständen" entwickeln. Damit verkennt man aber ein wesentliches Problem: Der "Geschlechterkrieg" ist nicht Folge realitätsverzerrender Ideologien; er ist Folge realitätsverzerrender Ideologien auf der Basis einer verzerrten Wahrnehmung der Gesellschaften der Vergangenheit, die unbedingten Handlungsbedarf suggeriert. Geschlechterpolitik würde es im "Patriarchat" nicht geben. Insofern wettert Frau Rutschky zwar (zurecht) gegen die Methoden; aber die Methoden sind auswechselbar. Worauf es ankommt, ist dem Gerüst, auf dem sie gebaut werden, den Boden zu entziehen. - Ohne eine Revision unseres allgemeinen Geschichtsbilds (und insbesondere dem im Bereich der Geschlechterfrage) wird es für die Anliegen der Männerbewegung keine dauerhafte Verbesserung geben.

Grüße

Re: Ausgezeichnet! (n/t)

Eugen Prinz, Wednesday, 03.11.2004, 21:25 (vor 7764 Tagen) @ Andreas (der andere)

Als Antwort auf: Re: Good old Rutschky von Andreas (der andere) am 03. November 2004 19:13:55:

Re: Good old Rutschky

Ekki, Monday, 01.11.2004, 20:38 (vor 7766 Tagen) @ Simon

Als Antwort auf: Good old Rutschky von Simon am 01. November 2004 14:15:31:

Nach allem, was man längst wissen kann, taugt die Lysistrata weder zu einer pazifistischen, hedonistischen oder feministischen Deklaration. Das Stück hat ein Mann für Männer geschrieben, die in einem langen Krieg massenhaft starben oder den Tod fürchteten.

...

Mit anderen Worten: Die Tatkraft von Lysistrata, ihr Pazifismus und ihr Glauben an den rettenden Sex sind nichts anderes als Träume des Patriarchats, das seine Hoffnungen an die Frauen delegiert, damals genauso wie heute das Schreiben aus dem Vatikan.[/i]

Auf den Mythos Lysistrate wurde bereits eine hervorragende Antwort gegeben, und zwar von der leider viel zu früh verstorbenen Christine Brückner in ihrem Buch "Wenn du geredet hättest, Desdemona - Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen".[/i] Die Quintessenz ihrer Argumentation lautet sinngemäß: "Entzieht man den Männern den Sex, dann stürzen sie sich um so blindwütiger auf andere Sachen - u.a. auch den Krieg."[/i][/u]

Die Frauenbewegung hätte andererseits viel erreicht, wenn sie den Common sense, den sie so erfolgreich etabliert hat, sprengen und die Männer auch mal zum Reden bringen könnte.

In der Tat! Nur fürchtet die Frauenbewegung nichts mehr als Männer, die sich plötzlich über ihre Gefühle klar werden und zu reden beginnen - davon, was ist, und nicht davon, was die bewegten FrauInnen gerne hätten.

"Die revolutionärste Tat aber ist und bleibt, das zu sagen, was ist." (Rosa Luxemburg).[/i]

Gruß

Ekki

Re: Good old Rutschky

Andreas (der andere), Tuesday, 02.11.2004, 01:28 (vor 7766 Tagen) @ Ekki

Als Antwort auf: Re: Good old Rutschky von Ekki am 01. November 2004 18:38:51:

"Entzieht man den Männern den Sex, dann stürzen sie sich um so blindwütiger auf andere Sachen - u.a. auch den Krieg."

Aha, deshalb gelten mittelalterliche Mönche wohl als Inbegriff der besinnungslosen Raserei und des Wankelmuts ...

Re: Good old Rutschky

Ekki, Tuesday, 02.11.2004, 12:34 (vor 7765 Tagen) @ Andreas (der andere)

Als Antwort auf: Re: Good old Rutschky von Andreas (der andere) am 01. November 2004 23:28:30:

"Entzieht man den Männern den Sex, dann stürzen sie sich um so blindwütiger auf andere Sachen - u.a. auch den Krieg."
Aha, deshalb gelten mittelalterliche Mönche wohl als Inbegriff der besinnungslosen Raserei und des Wankelmuts ...

Ob nun ironisch gemeint oder nicht - Tatsache ist, daß noch heute "sexuelle Quarantäne" ein Mittel ist, um Soldaten richtig "scharf zu machen". (Und trotzdem haben Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz schon verschiedene Verteidigungsminister in aller Offenheit auf sexuelle Probleme angesprochen. Bezeichnenderweise will sich die Bundeswehr kein Beispiel an den französischen Streitkräften nehmen, die für eine geregelte Triebabfuhr ihrer Soldaten sorgen. Von der AIDS-Gefahr einmal abgesehen, eine durchaus vernünftige Maßnahme).

Und was die mittelalterlichen Mönche betrifft:

Es gab unter ihnen nicht nur große Chronisten, sondern auch Prediger und Täter des Hasses (Inquisition und Kolonisation), und es gab heimliche "Unzucht" zwischen Mönchen und Nonnen. Und einige sind vielleicht auch per lebenslanger Selbstbedienung zurechtgekommen.

Der Mensch ist halt überall der Mensch, mit allen Stärken und Schwächen.

Ich bin jedoch in jedem Fall der Ansicht, daß geregelter Geschlechtsverkehr mit realen Partnern der Onanie vorzuziehen ist, und jegliche "Versündhaftigung" sexueller Aktivitäten selbst eine Sünde ist - und zwar eine der größten.

Re: Good old Rutschky

Andreas (der andere), Tuesday, 02.11.2004, 18:23 (vor 7765 Tagen) @ Ekki

Als Antwort auf: Re: Good old Rutschky von Ekki am 02. November 2004 10:34:43:

Ob nun ironisch gemeint oder nicht -

Ja. Ich fand es lustig, dass Du den Sexismus dieser Äusserung nicht bemerkst, und Dich statt dessen noch damit identifizierst ...

(Abgesehen davon finde ich einige Geschichten von Chr. Brückner wirklich sehr gut - "Wenn Du geredet hättest ..." ist trotz allem empfehlenswert.)

Re: Good old Rutschky

Guildo, Tuesday, 02.11.2004, 15:01 (vor 7765 Tagen) @ Andreas (der andere)

Als Antwort auf: Re: Good old Rutschky von Andreas (der andere) am 01. November 2004 23:28:30:

"Entzieht man den Männern den Sex, dann stürzen sie sich um so blindwütiger auf andere Sachen - u.a. auch den Krieg."
Aha, deshalb gelten mittelalterliche Mönche wohl als Inbegriff der besinnungslosen Raserei und des Wankelmuts ...

Es heißt ja: "Entzieht man den Männern den Sex", womit eben keine freiwillige Enthaltsamkeit gemeint ist. Ein Mönch jedoch ist jemand, der in der Regel freiwillig ein Leben ohne Sex erträgt.

Gruß vom Guildo

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