Fernsehkommissarinnen und die Wirklichkeit
Schön, daß es solche Frauen auch noch gibt. Doch es handelt sich schließlich um eine aussterbende Generation, die Dame ist immerhin 80 Jahre alt:
Berliner Zeitung
Montag, 01. November 2004
--------------------------------------------------------------------------------
Mit Lippenstift und Pistole
Deutschlands erste Chefin eines Morddezernats hält nicht viel von heutigen Fernseh-Kommissarinnen
Joachim Göres
CELLE, 31. Oktober. Anfang 1978 trauten viele Fernsehzuschauer ihren Augen nicht: die Schauspielerin Nicole Heesters suchte als erste weibliche Kommissarin in einem westdeutschen Krimi einen Mörder. In dem Tatort "Der Mann auf dem Hochsitz" verließ sich die Tochter von Altstar Johannes Heesters auf ihr psychologisches Geschick und steckte sich statt einer Pistole lieber den Lippenstift ein, um wie alle ihre Vorgänger und Nachfolger nach 90 Minuten den Täter zu präsentieren.
"Nach diesem Krimi wurde ich von einer Flut von Anrufen von Journalisten überrollt und wusste erst gar nicht, was die von mir wollen", erinnert sich Ellen Schmandt. Die heute 80-Jährige war damals die erste und einzige Chefin eines Morddezernats in der Bundesrepublik und stand nach dem "Tatort" plötzlich im Rampenlicht. "Das hat mir gar nicht gefallen, denn es ist in diesem Beruf gut, wenn man nicht bekannt ist", sagt die 1,60 Meter große Frau, die 15 Jahre lang das Fachkommissariat für Tötungsdelikte, Brände und Vermisstensachen im niedersächsischen Celle leitete.
Nie in Stöckelschuhen
Ellen Schmandt ist bis heute kein Freund von Fernsehkrimis, die einzige Ausnahme ist "Derrick", "weil der der Wirklichkeit noch am nächsten kam". Ermittlerinnen auf Stöckelschuhen wie Hannelore Elsner sind ihr ein Gräuel. "Als ich bei der Polizei eingestellt wurde, gab es drei Bedingungen, die jede Frau erfüllen musste: eine abgeschlossene Berufsausbildung, kurze Haare und flache Schuhe. Die männlichen Kollegen würden sich bedanken, wenn man wegen hoher Absätze nicht die Verfolgung aufnehmen kann."
1946 begann die gebürtige Berlinerin mit einem Lehrgang bei der Polizei in Hamburg, eine von vier Frauen unter 700 Männern. Boxen, Langstreckenlauf - während die Männer schon unter der Dusche standen, drehten die langsameren Frauen noch ihre Runden. "Wir absolvierten dasselbe Programm wie die Männer und bekamen nichts geschenkt, wurden dafür aber von den Kollegen voll akzeptiert."
1947 fängt Ellen Schmandt als Streifenpolizistin in Celle an. Vom nahe gelegenen Faßberg aus versorgen Amerikaner und Briten per Flugzeug Westberlin mit Lebensmitteln, und Zuhälter und Prostituierte aus ganz Deutschland strömen nach Celle, um von der Luftbrücke auf ihre Weise zu profitieren und den alliierten Soldaten etwas Abwechslung zu bieten. "Viele Celler Vermieter haben dafür bereitwillig ein Zimmer zur Verfügung gestellt und viel Geld kassiert. Doch Kontakte zwischen den Soldaten und deutschen Frauen waren verboten. Um das zu kontrollieren, ging ich in Uniform zusammen mit amerikanischen Militärpolizisten auf Streife und wurde auf der Straße oft als Amihure angepöbelt. Das war nicht schön."
Freundlich, aber distanziert - nach diesem Motto reagiert Ellen Schmandt auf alle Widerstände und erwirbt sich Anerkennung in dem von Männern dominierten Beruf. "Mein Vorteil war, dass ich bis auf das Betrugsdezernat alle Abteilungen kannte. Mir konnte niemand etwas vormachen." Und auch bei den meist männlichen Tätern hatte die einstige Hauptkommissarin nach eigener Sicht oft leichteres Spiel: "Ich musste ja auch im Gefängnis Vernehmungen durchführen, und da randalierten die Männer oft. Scheiß Kripo, die kotz ich an!, hörte ich einen schon von weitem brüllen. Als er mich sah, wurde er plötzlich ganz zuvorkommend: Ach, das ist 'ne Frau, hätten sie mir ja auch schon mal vorher sagen können."
Von besonderer weiblicher Intuition oder größerer Sensibilität, mit der Kommissarinnen im Fernsehen oft Fälle lösen, hält sie nichts. "Ich kenne männliche Kollegen, die Kinder mit großer Einfühlsamkeit befragen können, während manche Kollegin mit Mädchen oder Jungen nichts anzufangen weiß." Das Geschlecht spiele keine Rolle, entscheidend sei der Intellekt. Und die Berufserfahrung. "Vier Wochen vor meiner Pensionierung meldete ein Mann seine Frau als vermisst. Er jammerte in einer Tour, dass meine Mitarbeiter Mitleid mit ihm hatten und nicht verstehen konnten, dass ich den Mann vorläufig festnehmen ließ. Eine halbe Stunde später legte er ein Geständnis ab. Ich hatte schon oft erlebt, dass Ehemänner klagend ihre vermeintlich verschwundenen Frauen bei der Polizei meldeten und später als Mörder überführt wurden."
Ellen Schmandt hat nicht einmal bei einem Einsatz geschossen - nicht zuletzt, weil sie niemals auf eigene Faust ermittelte. "Krimis sind oft auf eine Kommissarin zugeschnitten, die sich leichtsinnig in Gefahr bringt. In der Realität zählt dagegen Teamarbeit. Als Leiter einer Kommission muss man die Fäden in der Hand haben und dafür sorgen, dass alle Mitarbeiter jederzeit über alle wichtigen Informationen verfügen."
Lieber klug als schön
Und was hält die zierliche Frau von meist sehr attraktiv wirkenden Krimi-Kommissarinnen? "Man sollte sportlich und unauffällig gekleidet sein. Besondere Attraktivität ist ungünstig. Schönheit und Intelligenz zusammen gibt es ja auch nicht so häufig. Wenn ich mich entscheiden müsste, wäre mir Intelligenz wichtiger."
Auch in anderer Hinsicht unterscheidet sich Ellen Schmandt von Bildschirm-Powerfrauen wie Ulrike Folkerts, Hannelore Elsner, Iris Berben oder einst Nicole Heesters: sie ist seit mehr als 50 Jahren verheiratet und hat vier Kinder. "Das ging nur mit einer Haushälterin, denn ich war schon mal drei Tage rund um die Uhr im Dienst. Manchmal hatte ich deswegen ein schlechtes Gewissen. Doch das Familienleben hat mir viel Kraft gegeben. Manche Kollegin, die kinderlos blieb, ist früh gestorben."
--------------------------------------------------------------------------------
http://www.BerlinOnline.de/berliner-zeitung/vermischtes/391163.html
www.BerlinOnline.de © 2004 BerlinOnline Stadtportal GmbH & Co. KG, 01.11.2004