Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Totalitarismus und Politische Religionen

Sam, Friday, 29.10.2004, 16:28 (vor 7769 Tagen)

Als Antwort auf: Totalitarianism: Between Religion and Science von Sam am 16. Oktober 2004 19:55:49:

Hab in das oben genannte Buch inzwischen mal reingeblättert und kann es - obwohl nicht ganz billig - jedem nur ausdrücklich empfehlen. Trotz zahlreicher Fußnoten und Verweise ist es ohne Mühe gut lesbar und hochinteressant. Einige Sätze aus der Einführung von Hans Maier:

"Ihren Gipfel erreicht die Auflösung rechtlich geordneter Herrschaft mit dem Zerbrechen des für alle geltenden Gesetzes: Wenn Menschen von vornherein außerhalb der Rechtsgemeinschaft gestellt werden (wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Rasse oder Klasse), wenn sie nicht mehr belangt werden für das, was sie tun, sondern für das, was sie sind, dann ist der Punkt erreicht, von dem es keine Rückkehr zu geordneten Verhältnissen mehr gibt. Mit Recht hat man daher in der Figur des "objektiven Feindes" ein Kriterium totalitärer Herrschaft schlechthin gesehen. [...]
Die ersten Schritte vom Weg geschehen halb unbewusst und werden kaum bemerkt. Das Abgleiten vollzieht sich unter aufmunternden Zurufen der Mehrheit. [...]
Es ist diese Ausrüstung mit einer untrüglichen - oder doch untrüglich scheinenden - Ideologie, welche den totalitären Bewegungen ihre Durchschlagskraft verleiht. Nicht nur Hände und Füße werden gefangengenommen, sondern auch das Denken. Partei und Ideologie stützen sich gegenseitig: aus der Einsicht in das (scheinbar) Notwendige erwächst die intellektuelle Sicherheit, die revolutionäre Leidenschaft, die Bereitschaft, alles, und sei es auch das Schrecklichste, im Dienst der "neuen Zeit" zu tun. Eine kohärente Welterklärung, ausgestattet mit dem Schein der Wissenschaftlichkeit, gibt den totalitären Bewegungen ihr erschreckend gutes Gewissen. [...]
Als periodisch wiederkehrende Phänomene treten auf: 1. die Loslösung des Denkens einer neuen "Intelligentsia" von der kontrollierten Welt der Schulen, Universitäten, Akademien, 2. das Hervortreten einer Schicht von Aktivisten, welche die Umwandlung der Gesellschaft mit Hilfe einer spezifischen Welt- und Geschichtserklärung in Angriff nimmt, 3. die Entstehung militanter, nicht an pluralistischer Konkurrenz, sondern an Alleinherrschaft orientierter Parteien, die zugleich als Hüter einer reinen Lehre auftreten, endlich 4. der Gebrauch der Sprache nicht zum Zwecke der Kommunikation, sondern der Herrschaft, was zu Verflachung und Formelhaftigkeit, Wirklichkeitsverlust und wahnhaften Vorstellungen führen muss."

(Hans Maier (Hg.): Totalitarismus und Politische Religionen, Bd. III, Paderborn: Schöningh 2003, S. 20 ff.)

Erinnert sei in diesem Zusammenhang beispielhaft an den Artikel "Das wahre Geschlecht" (SPIEGEL 30/2000), in dem Rafaela von Bredow vom "Exorzieren" männlichen Denkens spricht und davon, "den gesamten Wissensschatz der Menschheit" neu zu "ordnen" - bevor sie dann einige Zeit später gemeinsam mit Jörg Blech den Jungs dieses Landes erklärt, sie seien die Seuche der Welt (SPIEGEL 38/2003).

Re: Totalitarismus und Politische Religionen

Andreas (der andere), Friday, 29.10.2004, 21:41 (vor 7769 Tagen) @ Sam

Als Antwort auf: Re: Totalitarismus und Politische Religionen von Sam am 29. Oktober 2004 13:28:48:

Hans Maier (Hg.): Totalitarismus und Politische Religionen, Bd. III, Paderborn: Schöningh 2003, S. 20 ff.

Stimmt, der ist gut. - In diesem Zusammenhang auch unbedingt zu empfehlen:

Claus-Ekkehard Bärsch: Die politische Religion des Nationalsozialismus, München 2002, 2. vollst. überarb. Auflage

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