Verpaßte Höhenflüge
Verpaßte Höhenflüge
Frauen verdienen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen quer durch alle Branchen rund 30 Prozent weniger. Falsche Ausbildung, Diskriminierung und Kinder gehören zu den Ursachen
Von Margarete Hucht
Beim Broterwerb lassen sich die Frauen die Wurst von der Stulle ziehen. Von der Akademikerin bis zur Arbeiterin, überall das gleiche Loch im Damenportemonnaie: Trotz besserer Ausbildungen und höherer Abschlüsse hecheln sie den Männern beim Einkommen deutlich hinterher. So meldete es jüngst das Statistische Bundesamt. Ein Schock, nicht zuletzt für viele Hochschulabsolventinnen. Denn die Sache mit dem Unterschied bei der Bezahlung wird in den höheren Gehaltsniveaus nicht besser.
So erreichen Akademikerinnen Spitzenverdienste, wenn sie als Unternehmensberaterin (4050 Euro brutto), als Elektroingenieurin (4000 Euro) oder als Geschäftsführerin (3939 Euro) arbeiten. Doch auch in diesen Jobs fallen sie 18 bis 32 Prozent hinter die Männer zurück. Als Chemikerin oder Leitende Verwaltungsangestellte erleben sie im Vergleich zum anderen Geschlecht ebenfalls Einbußen zwischen 20 und 30 Prozent.
Am größten fällt die Geschlechterdifferenz bei den Angestellten aus. So bekommt eine weibliche Angestellte durchschnittlich 2517 Euro brutto pro Monat, während ein männlicher Angestellter im Mittel mit 3589 Euro rechnen kann. Haben Durchschnittsfrau und Durchschnittsmann einen Angestelltenjob auf gleichem Leistungslevel, verdient die Frau trotzdem bis zu einem Viertel weniger.
"Man könnte das Diskriminierung nennen", meint Hannelore Buls, Referentin für Frauen- und Gleichstellungspolitik bei der Gewerkschaft Verdi. Die Unterschiede entstünden durch die unterschiedliche Bewertung typischer Frauen- und typischer Männerberufe. So würden technische Berufe meist höher bewertet als kaufmännische, obwohl die Ausbildung gleich lang sei. Auch sei schwere körperliche - traditionell männliche - Arbeit immer besser bezahlt worden. Bei einer Krankenschwester werde dieser Aspekt hingegen weniger berücksichtigt.
Für Susanne Wilpers vom Kölner IT-Dienstleister "denkwerk" kommen Frauen oft die Kinder in die Quere. "Sie bewerben sich zwar auf höher gestellte und besser bezahlte Jobs und erreichen sie auch, doch dann gehen sie in Teilzeit und halten die Statistik niedrig." Tatsächlich verbringen Frauen pro Woche nur rund zwölf Stunden mit bezahlter Arbeit. Bei Männern sind es 22,5 Stunden.
Das erklärt die Lage der Akademikerinnen jedoch nur unzureichend. Denn 40 Prozent von ihnen haben beispielsweise gar keine Kinder. Doch auch für sie gilt: Dort, wo gut verdient wird, auf Führungsposten, sind sie kaum zu finden. Nur weniger als zehn Prozent aller Führungskräfte in Deutschland sind weiblich. Geht es ums Topmanagement, sind es sogar weniger als vier Prozent, auf Vorstandsposten nicht einmal ein Prozent.
Barbara Bierach sieht genau hier das Problem. Die wollen ja gar nicht, meint die Buchautorin ("Das dämliche Geschlecht", Piper TB, 9,90 Euro). Wo sind die Frauen nach zehn Jahren Trainee- und Frauenförderungsprogrammen geblieben? fragt Bierach und resümiert, die Frauen seien einfach zu dumm oder zu feige für die Karriere. Statt karriereorientierter, technischer oder betriebswirtschaftlicher Studiengänge studieren sie Geisteswissenschaften, sie lesen Belletristik statt Fachliteratur, und sie verwenden zu viel Aufmerksamkeit für ihr Aussehen und zu wenig für ihre Karriere.
Mit Kritik überschüttet die ehemalige Magazin-Redakteurin aber auch Frauen, die das richtige studieren, das richtige lesen und sich angeblich richtig verhalten. Denn diese femininen High Potentials verschwänden mit spätestens Mitte dreißig als Mütter und Ehefrauen gut situierter Männer in den teuren Stadtrandlagen. Das Gerangel um Karriere und Macht sei ihnen zu zermürbend und anstrengend, hat Bierach beobachtet.
Wo die Autorin simple Blödheit attestiert, sehen andere Psychoprobleme. "Es mangelt immer noch am Selbstvertrauen", sagt Anke Diez, Leiterin der Wissenschaftlichen Weiterbildung der Universität Karlsruhe. Den größten Fehler machten Frauen, weil sie "aus Harmoniesucht" nicht klar formulieren. Sie müßten lernen, offen zu kommunizieren und Konflikte anzugehen statt zu verschweigen. Hinzu komme die Übervorsicht der Frauen, die Diez beobachtet hat: "Während Männer Herausforderungen annehmen, auch wenn das Arbeitsfeld neu ist, und dann daran wachsen, trauen sich Frauen Neues erst dann zu, wenn sie wirklich überzeugt sind, daß sie es bereits können." Ihr Fazit: Aufspringen und nach Schulungen oder Unterstützung verlangen, statt die eigenen Lernschritte zu verhindern!
Tatsächlich wird weibliche Führung in der Wirtschaft gewünscht, schon aus Gründen der Effizienz. Gemischte Teams werden nach einer Untersuchung der Management- und Personalberatung Dr. Heimeier & Partner als erfolgreicher eingeschätzt. In vielen Branchen sowie in den Abteilungen Vertrieb, Einkauf und Produktion gibt es jedoch zu wenige Kandidatinnen. Nur wenn Führungskräfte für das Personalwesen, das Finanz- oder Rechnungswesen oder im Marketing gesucht werden, liegen die Quoten weiblicher Bewerbungen bei bis zu 40 Prozent. Noch ein weiteres Ergebnis der Studie ist ermutigend: "Bei berufstätigen Paaren sind die Männer zunehmend bereit, Karriereziele zurückzustecken" - allerdings nur, wenn die Frau oder Lebensgefährtin als erfolgreiche Managerin ein attraktiveres Einkommen erzielen kann.