Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

67114 Postings in 8047 Threads

[Homepage] - [Archiv 1] - [Archiv 2] - [Forum]

Frauen in der NS-Zeit: Ausstellung über KZ-Aufseherinnen

Andreas, Sunday, 17.10.2004, 21:03 (vor 7781 Tagen)

Geschichte/Gedenkstätten
Neue Ausstellung im ehemaligen KZ Ravensbrück zu sehen

Eine Ausstellung über die Aufseherinnen im einstigen KZ Ravensbrück ist am Sonntag in der dortigen Gedenkstätte eröffnet worden. An historischem Ort stehen erstmals die Frauen im Mittelpunkt einer Exposition, die als weibliches Gefolge der Waffen-SS in Ravensbrück eingesperrte Frauen aus ganz Europa drangsalierten und quälten.

Zu sehen sind rund 300 Exponate, darunter Fotos, Dokumente, Zeichnungen sowie Film- und Tonaufnahmen. Ein Bestandteil der Ausstellung sind Biografien von 18 ehemaligen Aufseherinnen. Zwei frühere Aufseherinnen hatten sich im Vorfeld der Schau zu Interviews bereit erklärt.

Nach Angaben der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten haben mehr als 3500 Aufseherinnen, die zwischen 1939 und 1945 im Frauen-KZ Ravensbrück ihren Dienst verrichteten, in ihren zumeist niederen Rängen das Lagersystem am Laufen gehalten, Verbrechen billigend in Kauf genommen oder waren selbst daran beteiligt.

Zwischen 1939 und 1945 wurden im KZ Ravensbrück 132 000 Frauen und Kinder, 20 000 Männer und 1000 weibliche Jugendliche des "Jugendschutzlagers Uckermark" gefangen gehalten. Zehntausende von ihnen wurden ermordet, starben an Hunger, Krankheiten und durch medizinische Experimente.

http://www.rbb-online.de/_/nachrichten/politik/beitrag_jsp/key=news1223817.html

Re: Frauen in der NS-Zeit: Ausstellung über KZ-Aufseherinnen

Andreas (der andere), Sunday, 17.10.2004, 21:28 (vor 7781 Tagen) @ Andreas

Als Antwort auf: Frauen in der NS-Zeit: Ausstellung über KZ-Aufseherinnen von Andreas am 17. Oktober 2004 18:03:57:

Und als Literaturempfehlung dazu: Angelika Ebbinghaus (Hg.) "Opfer und Täterinnen". Wird meines Wissens nicht mehr gedruckt, aber ist bisweilen noch in Antiquariaten zu haben.

Re: Frauen in der NS-Zeit: Ausstellung über KZ-Aufseherinnen

Simon, Tuesday, 19.10.2004, 18:17 (vor 7779 Tagen) @ Andreas (der andere)

Als Antwort auf: Re: Frauen in der NS-Zeit: Ausstellung über KZ-Aufseherinnen von Andreas (der andere) am 17. Oktober 2004 18:28:00:

Dazu gab es in der Berliner Zeitung von heute einen Artikel:

Berliner Zeitung
Dienstag, 19. Oktober 2004

--------------------------------------------------------------------------------

Öffentlich bedienstete Foltermägde
Aufseherinnen im KZ - eine Ausstellung in Ravensbrück zeigt Lebenswege der Täterinnen
Martin Klesmann
RAVENSBRÜCK. Stolz blickt die kleine, kräftige Frau mit den derben Händen in die Kamera. Ihre Bewerbung war erfolgreich. Soeben hat Anna Enserer im KZ Ravensbrück ihre Uniform erhalten. Sie ist nun Aufseherin im größten Frauen-Konzentrationslager des Deutschen Reiches. Es ist das Jahr 1940, Anna Enserer ist 21 Jahre alt.

Fortan bewachte sie in Ravensbrück die Häftlinge - einen scharf abgerichteten Schäferhund an der Leine. Die KZ-Aufseherinnen ließen die Häftlinge stundenlang in der Kälte strammstehen, sie nahmen auch an Mord-Selektionen teil. Ruth Neudeck, die Oberaufseherin des Sterbelagers Uckermark, zog die zur Ermordung bestimmten Frauen mit einem Stock mit Silberknauf aus den Reihen der Häftlinge heraus. Die Aufseherinnen "tobten mit den Häftlingen herum", wie eine KZ-Aufseherin in jugendlich-leichtfertiger Sprache aus Ravensbrück berichtete. Gemeint war: Sie schlugen und schikanierten die weiblichen Häftlinge, sie trieben die Häftlinge zur Zwangsarbeit an. Allein in Ravensbrück starben Zehntausende - Jüdinnen, Kommunistinnen, Andersdenkende aus ganz Europa. Anne Enserer, die zuvor unter anderem als Kellnerin in einem österreichischen Kurbad gearbeitet hatte, wurde 1942 in das Vernichtungslager Auschwitz versetzt und arbeitete dort als Blockführerin.

Erstmals in Deutschland beschäftigt sich die KZ-Gedenkstätte Ravensbrück in einer eigenen Ausstellung mit dem weiblichen Bewachungspersonal in den Konzentrationslagern. Die Ausstellungsmacher folgen damit dem allgemeinen Trend der NS-Forschung, nämlich hin zur "Täterforschung". Selbst in der Literatur war dem Autor Bernhard Schlink mit dem Roman "Der Vorleser", der ebenfalls eine KZ-Täterin in den Mittelpunkt stellt, ein Welterfolg beschieden. Alle diese Aufseherinnen wurden in Ravensbrück für ihren gnadenlosen Dienst angelernt. Besoldet wurden sie nach dem öffentlichen Dienstrecht.

Gezeigt wird die Ausstellung in einem der acht spitzgiebeligen Häuser, in denen die Aufseherinnen untergebracht waren - in kleinen Wohnungen mit Schrankwand und Tischlein in der Stube.

"Die Aufseherinnen waren meist Frauen zwischen 20 und 30 Jahre alt. Viele waren zum ersten Mal ohne die soziale Kontrolle durch ihre Eltern", sagte die Ausstellungskuratorin Simone Erpel. Die KZ-Aufseherinnen gingen in ihrer Freizeit gerne in Fürstenberg ins Kino. Dort bekamen sie einen Preisnachlass. Wie fanatisch die Frauen waren, zeigt das Fotoalbum einer 22-jährigen Aufseherin, das von handgemalten SS-Runen durchsetzt ist. Viele der jungen Frauen kamen aus einfachen Verhältnissen, hatten als Haushaltshilfen, in der Landwirtschaft oder eben als Kellnerinnen gearbeitet wie Anna Enserer.

Mit Anna Enserer hat sich die Kuratorin Simone Erpel in diesem Jahr in Österreich getroffen. Dort lebt die einstige KZ-Aufseherin heute. Eine offenbar verärgerte Verwandte hatte zuvor die Adresse von Anna Enserer mitgeteilt. Die einstige Aufseherin ließ sich schließlich für die Ausstellung interviewen, stellte auch die Fotos zur Verfügung.

Kuratorin Simone Erpel fand in der einstigen KZ-Aufseherin Enserer eine Frau vor, die sich selbst heute als Opfer stilisiert. Sie beklagte sich darüber, dass sie nie habe einen Rentenantrag stellen können. "Weil in meinem Rentenausweis drin steht, dass ich Aufseherin in Ravensbrück und Auschwitz war", sagte sie. Und sie behauptet, dass sie nach Auschwitz strafversetzt worden sei, was Kuratorin Erpel als reine Schutzbehauptung zurückweist.

Ohne Schuld sieht sich auch die zweite noch lebende KZ-Aufseherin, die sich der Ausstellung zur Verfügung gestellt hat: Margarete Barthel, die heute im Ruhrgebiet lebt, hatte sich vor Jahren bei einem Besuch in Ravensbrück selbst gegenüber der Gedenkstätten-Leiterin Sigrid Jacobeit als einstige KZ-Aufseherin offenbart. Die Frau war von ihrer Firma, der Ruhrchemie, 1944 als Freiwillige nach Ravensbrück geschickt worden. Sie hoffte auf Anerkennung in der Firma. In ihrem Aufseherinnenhaus schlief sie bald in seidener Bettwäsche. "Von französischen Juden", so Barthel im Interview.

Als Gedenkstättenleiterin Jakobeit die ältere Dame zu Hause besuchte, war sie verwundert. "Frau Barthel hatte bestimmt zwei Meter KZ-Literatur im Wohnzimmer, die Vergangenheit ließ sie nicht los", sagte Jacobeit. Aber sie habe kein Unrechtsbewusstsein entwickelt, wollte stattdessen ihre Firma verklagen, bei der sie auch nach dem Krieg wieder arbeitete. Sie sei unschuldig schuldig geworden, sagte Margarete Barthel, obwohl sie dabei war, als 1945 dann auch in Ravensbrück das Krematorium auf Hochtouren lief. Sie saß bei offenem Fenster in der Aufseherinnen-Wohnung und rief zu ihrer Mitbewohnerin: "Riech mal, Leni, die verbrennen da Menschen, na ja, Leichen."

Ein geringer Teil der etwa 3 500 KZ-Aufseherinnen wurde nach dem Krieg vor Gericht gestellt, manche hingerichtet wie Ruth Neudeck.

Die Ausstellung in Ravensbrück lässt sinvollerweise nicht allein die Täterinnen zu Wort kommen, sondern kontrastiert diese mit den Aussagen der Opfer. So verdichtet sich die Darstellung. Und doch bleibt der Besucher ratlos zurück: Die KZ-Aufseherinnen waren keine entmenschten "SS-Bestien", sondern Frauen, die plötzlich zu öffentlich bediensteten Foltermägden wurden und die das später ihr Leben lang zu verdrängen versuchten.

Im Gefolge der SS: Aufseherinnen des Frauen-KZ Ravensbrück. Dienstags bis sonntags, 9 bis 17 Uhr, in der Gedenkstätte Ravensbrück (Fürstenberg, Straße der Nationen).

--------------------------------------------------------------------------------
http://www.BerlinOnline.de/berliner-zeitung/brandenburg/387491.html
www.BerlinOnline.de © 2004 BerlinOnline Stadtportal GmbH & Co. KG, 19.10.2004

powered by my little forum