Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek
Mic, Thursday, 07.10.2004, 17:18 (vor 7792 Tagen)
Re: Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek
Peter, Thursday, 07.10.2004, 17:49 (vor 7792 Tagen) @ Mic
Als Antwort auf: Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek von Mic am 07. Oktober 2004 14:18:32:
Meldung
Gibts das?
Anscheinend schon. Ich selber habe Jelinek nicht gelesen und kann deshalb nicht beurteilen, ob sie des Nobelpreises wuerdig ist.
Im spiegel Online steht unter
http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,321957,00.html
Immer wieder prangerte Jelinek, die zu den meist beachteten und gespielten deutschsprachigen Gegenwartsautorinnen gehört, die "allgegenwärtigen männlichen Herrschafts- und Gewaltverhältnisse" in Ehe und Gesellschaft an. Erste Schreibversuche unternahm sie nach einem Nervenzusammenbruch und dem Versuch, der mütterlichen Bevormundung zu entkommen.
Im ersten Satz geht es ihr um die Maennermacht, im zweiten leidet sie unter der Muttermacht. Ob dem Autor das aufgefallen ist?
Gruss,
Peter
Re: Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek
Arne Hoffmann, Thursday, 07.10.2004, 18:22 (vor 7792 Tagen) @ Peter
Als Antwort auf: Re: Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek von Peter am 07. Oktober 2004 14:49:58:
Hi,
Anscheinend schon. Ich selber habe Jelinek nicht gelesen
Sie war einer meiner Schwerpunkte in meinem Germanistik-Examen.
und kann deshalb nicht beurteilen, ob sie des Nobelpreises wuerdig ist.
Kommt drauf an, wie man´s sieht. Was den intellektuellen Aufwand angeht, den sie in ihre Texte steckt, sicher. Allerdings werden in ihren Büchern (z. B. "Lust" und "Die Klavierspielerin") Männer schon extrem abwertend dargestellt. Letzeren Roman habe ich in meinem "Lexikon des Sadomasochismus" wie folgt vorgestelt:
--- DIE KLAVIERSPIELERIN
Roman (Reinbek 1983) der vermutlich bekanntesten österreichischen Schriftstellerin Elfriede Jelinek (geb. 1946), Büchner-Preis-Trägerin 1998. Er schildert den in einem sadomasochistischen Verhältnis zu ihrem Schüler Klemmer vonstatten gehenden Ausbruchversuch Erika Kohuts aus der Beziehung zu ihrer geradezu diktatorisch dominanten Mutter (charakterisiert als "Inquisition und Erschießungskommando in einer Person", S. 5): ein Ausbruchsversuch, der kläglich scheitert, als Erika Opfer der triebhaften Gewalt ihres Sexualpartners wird und schließlich zu ihrer Mutter zurückkehrt. Wie auch in anderen Romanen Jelineks ist keine partnerschaftliche Sexualität zwischen den Geschlechtern möglich, sie manifestiert sich statt dessen als ständiger Machtkampf und Terrorverhältnis. Autobiographische Parallelen zu Jelinek selbst sind nicht zu übersehen; auch die Autorin nahm auf Drängen ihrer großbürgerlichen, dominanten Mutter Klavierunterricht, auch Jelinek äußert sich in diversen Interviews geradezu verzweifelt darüber, daß für sie so minderwertige Wesen wie die Männer für den Sexualakt leider unentbehrlich seien, auch sie bekennt sich zu einer sadomasochistischen Neigung. Besonders bemerkenswert ist die stilistische Ausgestaltung auch der erotischen Stellen des Textes: Wie Jelinek sich im Zusammenhang mit ihrem wesentlich bekannteren Prosagedicht "Lust" äußerte, liegt ihr wenig an einer pornographischen Anleitung zum "mimetischen Mitkeuchen", sondern provoziert viel lieber eine Deautomatisation des Lektüreprozesses, ein Stolpern und Sich-Verfangen des Lesers im Text. Dies erzielt sie mit einer Bearbeitung der sprachlichen Mikrostruktur mittels der Techniken des Poststrukturalismus (etwa Dekontextualisierungen, semiotischen Isotopiebrüchen, Verknüpfung eigentlich disparater Diskurse und etlichen rhetorischen Stilfiguren). (
) ---
Man kann sich also durchaus längere Zeit mit ihren Texten auseinandersetzen, ohne sich zu langweilen. 
Arne
Re: Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek
Magnus, Thursday, 07.10.2004, 18:53 (vor 7792 Tagen) @ Peter
Als Antwort auf: Re: Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek von Peter am 07. Oktober 2004 14:49:58:
Immer wieder prangerte Jelinek, die zu den meist beachteten und gespielten deutschsprachigen Gegenwartsautorinnen gehört, die "allgegenwärtigen männlichen Herrschafts- und Gewaltverhältnisse" in Ehe und Gesellschaft an. Erste Schreibversuche unternahm sie nach einem Nervenzusammenbruch und dem Versuch, der mütterlichen Bevormundung zu entkommen.
Schon traurig, dass solch eine Frau solch einen Preis erhält. Gibt es denn keine Frau, die das NICHT thematisiert?
Magnus
Elfriede Jelinek hat die Hosen voll
Ekki, Thursday, 07.10.2004, 18:29 (vor 7792 Tagen) @ Mic
Als Antwort auf: Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek von Mic am 07. Oktober 2004 14:18:32:
PIEGEL ONLINE - 07. Oktober 2004, 15:10
URL: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,321965,00.html
Literaturnobelpreis
Literaturnobelpreis
Elfriede Jelinek hat Angst vor der Auszeichnung[/u]
Überraschend wird der diesjährige Literaturnobelpreis an die österreichische Schriftstellerin und Dramatikerin Elfriede Jelinek verliehen. Die öffentlichkeitsscheue 57-Jährige empfindet ob ihrer Auszeichnung allerdings "mehr Verzweiflung als Freude" und fühlt sich bedroht.
Jelinek fürchtet, dass der Literaturnobelpreis für sie "zu einer persönlichen Belastung" werden könnte. "Natürlich freue ich mich auch, da hat es keinen Sinn zu heucheln, aber ich verspüre eigentlich mehr Verzweiflung als Freude", sagte sie am Donnerstag nach Bekanntwerden der Auszeichnung in einem Gespräch mit der österreichischen Nachrichtenagentur APA in Wien. Sie eigne sich nicht dafür, "als Person an die Öffentlichkeit gezerrt zu werden. Da fühle ich mich bedroht". Jelinek bekräftigte, dass sie den Preis nicht persönlich entgegen nehmen wolle. "Ich möchte mich zurückziehen und habe auch die letzten Preise nicht persönlich entgegen genommen". Zuvor hatte Jelinek bereits angedeutet, dass sie aus gesundheitlichen Gründen nicht am 10. Dezember zur Verleihung der Nobelpreise nach Stockholm reisen würde. Sie sei "nicht körperlich krank, aber psychisch nicht in der Lage, mich dem persönlich auszusetzen", sagte Jelinek der Agentur.
Jelinek sagte weiter, es sei ihr bewusst, dass "wenn man den Preis als Frau bekommt, dann kriegt man ihn auch als Frau, und kann sich nicht uneingeschränkt freuen. Wenn Peter Handke, der den Preis viel mehr verdienen würde als ich, den Preis erhalten würde, dann bekommt er ihn eben nur als Peter Handke."
Jelinek: "Böse Ahnungen"
Die neue Nobelpreisträgerin meinte, sie habe "böse Ahnungen", dass der Nobelpreis eine Belastung für sie bedeuten werde, «denn man wird zur öffentlichen Person. Wenn mir das zu viel wird, muss ich weggehen. Was ich aber nicht möchte, denn ich lebe gerne hier", meinte Jelinek. Sie hoffe, dass sie "das damit verbundene Geld genießen (könne), denn damit kann man sorgenfrei leben". Der Nobelpreis für Literatur ist mit zehn Millionen Kronen (1,1 Millionen Euro) dotiert. Im schwedischen Rundfunk hatte Jelinek außerdem gesagt, dass sie ihre Auszeichnung nicht "als Blume im Knopfloch für Österreich" betrachte.
Die Würdigung Jelineks mit dem Nobelpreis ist eine Überraschung. Zwar wurde bereits gemutmaßt, dass in diesem Jahr eine Frau ausgezeichnet würde, als Favoritinnen galten jedoch die Kanadierin Margaret Atwood, die Amerikanerin Joyce Carol Oates und die Britin Doris Lessing.
Jelinek habe den Preis "für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen" erhalten, hieß es am Donnerstag in der Begründung der Schwedischen Akademie für Wissenschaften. Damit habe sie "die Absurdität gesellschaftlicher Klischees und ihrer unterjochenden Macht" offen gelegt. Gelobt wurde ihre "sprachliche Leidenschaft".
Reich-Ranicki: "Höchst nervöse, sehr empfindliche und sensible Frau"
Elfriede Jelinek gilt als eine der unbequemsten Schriftstellerinnen und Theaterautorinnen im deutschsprachigen Raum. Ihre Arbeit umfasst Lyrik, Prosa, Theaterstücke, Hörspiele und Drehbücher. Dafür erhielt die produktive und umstrittene Autorin schon zahlreiche Preise, darunter 1998 den Georg-Büchner-Preis, 2002 den Mülheimer Dramatikerpreis und 2003 für ihr Gesamtwerk den Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis. Zu ihren bekanntesten Werken zählen der Roman "Die Klavierspielerin" (1983) und das Theaterstück "Burgtheater" (1985).
Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sagte über die Auszeichnung Jelineks, dass es "hoch erfreulich" sei, "dass wieder einmal eine deutschsprachige Autorin den Literaturnobelpreis erhalte." Jelinek sei eine "ganz ungewöhnliche, völlig aus dem Rahmen fallende, radikale und extreme Schriftstellerin und in Folge dessen höchst umstritten", sagte Reich-Ranicki. Sie habe glühende Anhänger, aber auch Gegner. Die zentralen Motive des Werks der vielseitigen Autorin seien die Rolle der Frau, Gewalt und Macht in der Konsumgesellschaft und Sexualität. Die aus einer slawisch-jüdischen Familie stammende Dramatikerin, sei eine "höchst nervöse, sehr empfindliche und sensible Frau."
Schwedische Akademie: Keine Frauen-Quote
Mit Elfriede Jelinek zeichnet die Schwedische Akademie zum insgesamt zehnten Mal eine Frau aus. Die erste deutschsprachige Trägerin des Literatur-Nobelpreises war 1966 die Lyrikerin Nelly Sachs. Weitere Preisträgerinnen waren unter anderen Pearl S. Buck, Selma Lagerlöf und Toni Morrison. Seit der ersten Vergabe haben 89 Männer die wichtigste literarische Auszeichnung der Welt erhalten.
Der Sprecher der Schwedischen Akademie, der Stockholmer Publizist Per Wästberg, hat die Vergabe des Nobelpreises an Jelinek als "wunderbar" bezeichnet. Wästberg sagte unmittelbar nach der Bekanntgabe: "Sie ist eine Autorin, die mit ihrem Zorn und mit Leidenschaft ihre Leser in den Grundfesten erschüttert." Jelinek habe dabei vor allem "die Konsumgesellschaft Österreich kritisiert, die nicht ihre eigene Vergangenheit aufgearbeitet hat". Jelineks Prosa sei ebenso einzigartig wie ihre Dramen. Die Akademie habe bei der Entscheidung nicht darauf gesehen, dass Jelinek eine Frau ist.
Im vergangenen Jahr wurde der südafrikanische Schriftsteller J.M. Coetzee ausgezeichnet, zum bisher letzten deutschen Literaturnobelpreisträger wurde 1999 Günter Grass gekürt. Die Nobelpreise werden traditionsgemäß am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896) überreicht.
Re: Elfriede Jelinek hat die Hosen voll
Arne Hoffmann, Thursday, 07.10.2004, 20:12 (vor 7792 Tagen) @ Ekki
Als Antwort auf: Elfriede Jelinek hat die Hosen voll von Ekki am 07. Oktober 2004 15:29:56:
Die Würdigung Jelineks mit dem Nobelpreis ist eine Überraschung. Zwar wurde bereits gemutmaßt, dass in diesem Jahr eine Frau ausgezeichnet würde, als Favoritinnen galten jedoch die Kanadierin Margaret Atwood, die Amerikanerin Joyce Carol Oates und die Britin Doris Lessing.
Wären auch alles würdige Preisträgerinnen gewesen.
Re: Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek
Texaco, Thursday, 07.10.2004, 21:09 (vor 7792 Tagen) @ Mic
Als Antwort auf: Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek von Mic am 07. Oktober 2004 14:18:32:
Regen sich etwa einige über die Preisvergabe auf? Ich verstehe nicht weshalb.
Zugegeben: Ich habe nie etwas von ihr gelesen. Ich kenne J. nur als TV-Statement-Geberin zu Haider, und außerdem eine Kino-Kritik zur Pianistin, die auch die Handlung schildert. Ich habe daraus geschlossen, daß es sich um eines der wenigen filmischen Werke in den späten 90ern handelte, in denen die platte feministische Weltsicht nicht reproduziert wurde, sondern versucht wurde, den Abgründen der menschlichen Seele tatsächlich näher zu kommen. Mit anderen Worten: Keine Propaganda, keine triviale Unterhaltung, sondern Kunst.
Soweit ich weiß, vergreift sich im Film eine Klavierlehrerin an einem pubertierenden Schüler, aber irgendwann kehrt sich das Machtverhältnis um. Das paßt weder in das Frau=Opfer-Schema, noch zu einem enthemmten "Frauen sind einfach stärker".
Unterm Strich: Ich kenne J. nicht, aber soweit ich sie kenne ist sie:
- eine Künstlerin, die um die richtige ästhetische Form ringt. Allein das unterscheidet sie schon von einem "von Frau geschrieben, also toll".
- zutiefst ehrlich und dabei ohne Rücksicht auf sich selbst, und erstens hinsichtlich ihrer Reputation, und zweitens hinsichtlich der Weichteile ihrer Seele, die sie damit preisgibt
- alles andere als feige
Also jemand, der den Preis verdient hat.