Wege aus der Opferrolle
"Männliche Opfer von Gewalt, Ausbeutung und Mißhandlung verschwinden hinter einer Schweigemauer" beklagte der Gewaltforscher Hans-Joachim Lenz kürzlich in der Ärzte-Zeitung (http://www.aerztezeitung.de/docs/2004/07/05/123a0301.asp?cat=/medizin/maennerprobleme). Männer als Opfer erscheinen sogar als Paradox (http://www.europrofem.org/02.info/22contri/2.02.de/4de.viol/04de_vio.htm), ihre Gewalterfahrungen würden tabuisiert.
Es stellt sich für mich die Frage, welchen Ausweg unter den gegebenen Bedingungen Männer ergreifen können, die zu Opfern von beispielsweise häuslicher Gewalt werden. Denn auch Maßnahmen zur Beseitigung des Opferseins werden angegriffen. Die Thematisierung weiblicher Täterschaft wird ebenso als "Angriff auf die Frau" gewertet wie Selbstverteidigungsstrategien: Nimmt man als Beispiel einen Stammposter unserer Genderforen, so wird er, seit er sich ein einziges Mal körperlich gegen seine prügelnde Frau zur Wehr setzte, von einigen Leuten selbst immer wieder als Schläger diffamiert. Ähnlich geht es Vätern, die sich auf sehr massive Weise gegen die von den Müttern ihrer Kinder ausgeübte Umgangsverweigerung wehren. Das sind Männer, die nicht mehr Opfer sein wollen und stattdessen die Täterrolle offensiv angenommen haben, genauso wie die Frauen auch. Sie werden aber nicht "wie die Frauen auch" betrachtet, stattdessen wird ihr vorhergehendes Opfer-Werden als Mann ausgeblendet. Ihr Sich-Wehren hingegen wird aufgebauscht und dramatisiert.
Welche Auswege aus dem Opfer-Werden haben Männer eigentlich, ohne gleichzeitig öffentlich gedisst zu werden? Ein Mann, der sich auch physisch wehrt, der aggressiv sein kann und seine Interessen durchsetzt, wird ebenso angefeindet wie einer, der sich nicht wehrt/wehren kann, und die Opferrolle verinnerlicht hat. Wir alle kennen die entsprechenden Begriffe aus diesen Foren: Jammermännchen, Opfermaskus usw.
Die Frage ist für mich, welche Rolle dem Mann eigentlich zugedacht wird, dass er bestehen kann in der öffentlichen Meinung. Eigentlich liegt der Schluss nahe, dass weiterhin erwartet wird, dass Männer schweigend zu leiden haben: weder offensichtlich die Opferrolle einzunehmen noch sich gegen die Opferwerdung selbst zu verteidigen. Damit sämtliche Hilfsangebote weiterhin für die Frauen reserviert bleiben.
Arne
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